Empfindlichkeiten

Es gab mal eine Zeit, da war ich wirklich glücklich. Freund, Schule und Gesundheit, alles war im Einklang. Dann passierte etwas in der Schule, und der Bereich Beruf war plötzlich anders. Ich begann zu schreiben und das war gut, ich fühlte mich wohl dabei. Es wurde wieder besser, ich war froh.
Momentan jedoch ist alles durcheinander gebracht, Freund, Schule und Gesundheit. Das ist nicht besonders einfach und zehrt an meinen Kräften. Ich versuche das zu bereinigen, Paartherapie, Psychologin und Arzt. Nimm dir Zeit für dich, pass auf dich auf, das alles. Leicht ist es nicht.

Momentan fühle ich mich verletzlich. Vielleicht bilde ich es mir ein, aber so empfinde ich. Als würde von allen Seiten nur Kritik kommen, und als sei alles, was ich mache, schon vom Prinzip her falsch.
Eine Phase der Neuorientierung nennt die Psychologin das, da wären Verlustängste normal. Die Säulen auf denen ich mein Leben aufgebaut habe, würden ja nicht auseinander brechen, sondern bloß ins Wanken geraten. Leichte Risse müssten ausgebessert werden, am Fundament gearbeitet und so weiter.

Als ich zur Schule fahre, meine Stimme ist seit gestern wieder da, fühle ich mich nicht gut, denn ich habe das Gefühl meine momentane Gefühlslage nur allzu deutlich zur Schau zu tragen. Ich versuche zu lächeln und nicht mit den anderen Kollegen mitzuziehen und schlechte Laune zu verbreiten.

Ich betrete also das Lehrerzimmer, was sich als mein Fehler herausstellen wird, denn kaum bin ich durch die Tür und habe mir einen Kaffee geholt, höre ich Frau Rondell. Nicht einmal umdrehen müsste ich mich, um zu wissen, dass sie mich meint, aber ich mache es dennoch.
Ihr Blick gleitet an mir herab und wieder herauf, als würde sie in mir lesen. Dann wendet sie sich an ihre Lieblingskollegin. „Unfassbar. Wie die wieder rumläuft.“

Erstaunt blicke ich sie an, nicht, weil es mich überrascht, sondern weil ich nicht glauben kann, dass sie dessen nie müde wird. „Wie bitte?“
Sie lacht auf und zuckt mit den Schultern, als wäre das keine große Sache. „Ihr Outfit scheint mir dieser Bildungseinrichtung nicht angemessen. Mehr habe ich nicht gesagt.“
Ich fixiere ihren Blick. „Was ist es diesmal, Frau Rondell? Sind die Stiefel zu hoch? Ist die Strumpfhose nicht blickdicht genug? Das Kleid zu kurz? Der Blazer zu figurbetont? Sagen Sie es mir doch, bitte, damit ich es ändern kann.“

Der Dame hat es die Sprache verschlagen. Ich schüttle den Kopf. „Wissen Sie was? Ja, Sie haben Recht, es stimmt. Meine Kleidung ist nicht angemessen, meine Art mich zu artikulieren ist unzureichend, mein Verhältnis zu Schülern geht mal so gar nicht und überhaupt bin ich eine Zumutung.“
Pikiert blickt sie die anderen am Tisch an.  „Das habe ich jetzt gerade überhaupt nicht gesagt.“
„Nicht jetzt, das stimmt, aber davor. Seit Sie mich kennen werfen Sie mir solche Sachen an den Kopf, und die ganze Zeit habe ich dazu geschwiegen. Aber es reicht mir. Ich kann nicht mehr. Und ich sage Ihnen, Sie liegen richtig, mit allem, was Sie sagen. Das wollten Sie doch hören? Ich weiß nur noch nicht, was ich dagegen tun kann. Am besten stürze ich mich irgendwo runter, haben wir Brücken in der Nähe, die hoch genug wären?“

Ich verlasse das Lehrerzimmer wieder und ziehe mich in die Lehrergarderobe zurück, um mich zu beruhigen. Schon da bereue ich meinen Ausbruch, kann es aber nicht mehr ändern. Schön, dass ich nachher gleich einen Termin habe, da kann ich das gleich thematisieren. Ich fahre mir durchs Haar, schließe die Augen.
Es klopft, dann steht Frau Rondell vor mir und mustert mich, doch das wahrscheinlich erste Mal nicht negativ. Sie blickt auf den Boden, zuckt dann mit der Schulter. Sieht mich an. Ich warte auf eine Erklärung, den Versuch einer Entschuldigung, dem sie nachschiebt, dass ich selbst Schuld bin, irgendwas. Aber sie sagt nichts dergleichen.

Sie tritt auf mich zu und nimmt mich in den Arm.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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25 Antworten zu Empfindlichkeiten

  1. Nobelix schreibt:

    Manchmal muss man einfach explodieren…auch wenn man jemandem etwas vor den Kopf knallt, was man vielleicht gar nicht so meint. Auch unter Kollegen gibt es Grenzen, die manche ausloten.

    Würde es dich wundern, wenn ich sage, dass ich die Situation kenne? Eine Schieflage auf der Arbeit wirkt sich auf den Rest des Lebens aus…genau so wie sich der Rest des Lebens auf die Arbeit auswirkt…

    • Frau Falke schreibt:

      Vor allem stimmt es einfach. Normaler Weise gehe ich darüber hinweg, ich weiß ja, dass ich zu jung bin um überhaupt irgendwas zu können und erst verstehen werde, was es bedeutet eine „richtige Lehrerin“ zu sein, wenn ich in ihrem Alter bin. *Augenverdreh*
      Dass du die Situation kennst, kann ich mir gut vorstellen, so geht es sicher jedem Mal. Besonders dann, wenn irgendwie alles in Schieflage zu sein scheint…

  2. bikibike schreibt:

    Zum Glück ändert sich das Leben nicht nur ins Negative sondern schwingt immer wieder zurück ins Schöne. Ganz sicher. Dann wird es anders und man kann auf eine anstrengende aber bewältigte Phase zurück schauen

    Oh je, so spricht man wohl wenn man alt wird…

  3. theomix schreibt:

    O je, Das klingt alles nicht so aufbauend. Es müsste alles sehr gut erfunden sein, damit es nicht wirkliches Leben, sondern ein spannendes Episodendrama ist.
    Ich befürchte, dass das meiste stimmt. Daher gute Wünsche von hier aus. Ach was sag ich „gute“? Mumm, ganz dicke, und wenn ein virtuelles Drücken dazu hilft, bitte:
    *drück*
    Frau Rondell hat daher wohl einiges richtig gemacht. Denn ein echtes In-den-Arm-nehmen von einem Menschen, der einem (nolens volens?) nahe ist, ist durch nichts zu ersetzen.

    • Frau Falke schreibt:

      Wenn es erfunden wäre, würde ich anders sein. Und die Schule auch, aber grundliegend. Außerdem würde ich mal ans Ende blättern um zu gucken, wie es ausgeht. 😦
      Danke für das Drücken, das hilft manchmal wirklich. Auch wenn es bei ihr eher die Geste war, die ich schätze. Mal sehen, wie lange das anhält.

      • theomix schreibt:

        Vielleicht hätte ich besser „gutmachen“ statt „richtig machen“ geschrieben.
        Am Ende geht es gut aus. Auf Umwegen. So ist das in den Romanen, die das Leben schreibt. Und in denen die Akteure was für sich tun.
        (Hoff ich doch…)

  4. Jürgen schreibt:

    Frau Rondell muss wahrscheinlich auch in den Arm genommen werden.

    • Frau Falke schreibt:

      Das kann ich nicht sagen, dazu kenne ich sie zu wenig. Aber vielleicht, ja.

      • Sprachingenieur schreibt:

        Ich schätze dann mal, dass sie dich auch nicht besser kennt….

        • Frau Falke schreibt:

          Sie kennt mich gar nicht. Das einzige, was uns verbindet, ist die Tatsache, dass wir an der selben Schule unterrichten und ich genau in das Profil jener überengagierten Junglehrer falle, die ihr ein Dorn im Auge sind.
          Aber vielleicht stimmt es. Vielleicht stecken bei ihr ja wirklich Probleme hinter diesem Verhalten, die wir nicht kennen.

  5. antagonistin schreibt:

    Liebe Frau Falke – Deine Ansage an Frau Rondell finde ich einfach nur großartig. Du hast ihr einen Spiegel vorgehalten und hattest den Mut, Dich verletzlich zu zeigen und gleichzeitig das Stopp-Schild auszupacken. Deine Reaktion scheint mir perfekt und absolut angemessen. Und ganz offensichtlich ist sie bei Frau Rondell an der richtigen Stelle angekommen. Das freut mich sehr.

    Zu den Erwartungen anderer: was für ein absurder Quatsch, eine Bildungseinrichtung erfordere einen bestimmten Dresscode. Bullshit, wenn ich das mal so sagen darf. Meine Schulzeit liegt inzwischen über 25 Jahre zurück, aber ich erinnere v.a. eine gewissen Vielfalt: da gab es den freakigen Geschichtslehrer, der grundsätzlich immer so aussah, als käme er grad von Woodstock, dann die Bio-Lehrerin mit Edel-Öko-Outfit und monströsem Silberschmuck, die spießige Deutsch-Lehrerin mit groteskem Oma-Kostüm und und und. Wer, wenn nicht Du entscheidet, was das richtige Outfit ist? Hm?

    Ganz grundsätzlich: hast Du schon mal darüber nachgedacht, Dich für die nächsten 6 Wochen aus dem Verkehr ziehen zu lassen? Das macht der Hausarzt mit der Diagnose Überlastungssyndrom. Die Psyche verdient unbedingt die gleiche Aufmerksamkeit, wie ein körperliches Symptom, und es wäre völlig legitim, wenn Du Deine Kräfte ein Weilchen ausschließlich für Dich selbst verwendest.

    Alles Liebe für Dich – ich finde es toll, dass Du Dich auseinandersetzt. Das machen leider nicht alle, dabei ist es so wichtig…

    • Frau Falke schreibt:

      Liebe Antagonistin,

      es war angenehm die Situation aus deiner Sicht zu lesen, denn ehrlich gesagt hatte ich nach meinem Ausbruch das Gefühl überreagiert zu haben und vielleicht auch mich lächerlich gemacht. Ich denke jedoch, dass du Recht hast. Es war gut einfach einmal klar Stellung zu beziehen und zu sagen, was Sache ist. Ich mache das jetzt schon ein paar mehr Monate mit, und ich habe darauf keine Lust mehr gehabt. Dass sie sich nicht einmal unbedingt ungerecht behandelt fühlte, sah man ja an der Reaktion, denn um Widerworte ist sie sonst nie.

      Was das Outfit angeht, sehe ich das ähnlich wie du, und auch im Kollegium wird da nicht gerade drauf geachtet, wie mir scheint. Sportlicher ist Sarah gekleidet, eleganter Daina, modischer Felizitas und altbackener Frau Seeger. Was soll das schon heißen, „angemessen“? Meine Mentorin sagte damals, dies bedeute nur, wir sollten nicht mit den Schülern verwechselt werden aufgrund unseres Aufzugs, und die Gefahr besteht nicht. Zudem- Katie, von der ich schon mal erzählt habe, trug nach Meinung der Schüler damals immer die tollsten Outfits. Irgendwann merkten wir, dass es nicht die verzierungslosen Blusen und die einfachen Jeans sein konnten. Es war ihr Lächeln, das sie kleidete.

      Ich habe mit dem Gedanken gespielt. Aber ich habe mich auch im Kollegium umgesehen und bin mir ebenso darüber bewusst, dass Zeugniskonferenzen etc. anstehen. Zudem glaube ich, könnte ich es im Moment nicht. Sechs Wochen- dann sind die Ferien sofort da. Und das hieße drei Monate frei. Ein Vierteljahr, weißt du, was ich meine?

      Zuletzt vielen Dank, für die lieben Worte und den Beitrag. Es ist schön, so etwas zu lesen, und aufbauend noch dazu.

  6. Inch schreibt:

    Was für eine überraschende Reaktion von Frau Rondell. Und so wunderbar!

    • Frau Falke schreibt:

      Sie wäre auch ehrlich gesagt die letzte gewesen, von der ich es erwartet hätte. Normaler Weise tritt sie in solchen Situationen nochmal nach. Aber diesmal scheint klar geworden zu sein, dass es nicht mehr geht.

  7. mathefee schreibt:

    Ihre Selbst-Eingruppierung „Übereifriger Junglehrer“ hat mich einerseits zum Schmunzeln, anderereseits zum Nachdenken gebracht. Bin ja nun schon ein paar Jährchen im Dienst und ertappe mich auch das ein oder andere Mal bei dem Gedanken „Der/die wird sich noch die Hörner abstoßen.“ Doch ehrlich gesagt ist da meist auch eine gewisse Wehmut dabei, weil ich eben nicht mehr so viel Zeit/Kraft in den Bereich Schule stecke(bzw. stecken kann), wie noch vor 15 Jahren. Wann immer Sie an sich zweifeln, dann seien Sie sich gewiss, jedes Kollegium braucht den Typus des übereifrigen Junglehrers, denn er belebt das Kollegium und reißt aus einer gewissen Lethargie und Abgestumpftheit der älteren Besatzung. Andererseits seien Sie auch nachsichtig mit den Verhaltensweisen älterer KollegInnen…..es ist nicht immer einfach sich einzugestehen, dass man eben nicht mehr den Elan eines Endzwanzigers hat. 🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Eine wirkliche Selbsteingruppierung war es nicht, das ist es nur, was Frau Rondell mir immer schon gesagt hat. „Nur weil Sie zu den überengagierten, verblendeten Junglehrern gehören (…) und auch Sie werden auf dem Boden der Tatsachen aufschlagen.“ etc.
      Wobei ich es schon selbst sehe, die Referendare machen meist doch noch mehr als Sarah, Stefan und ich, und wir ein wenig mehr als andere. Wobei- manchmal ist es nur eine Verlagerung der Interessen, wie bei Frau Prosch und Crande, denke ich.
      Natürlich sind dann auch andere dabei, jene, die weniger machen, die nur das Nötigste machen, die ihr Engagement an der Grenze zum Nichtstun halten. Und dann sind da die Kolleginnen, die das erste Mal Mutter werden, und deren Fokus sich dadurch natürlich auch komplett verlagert.
      „Hörner abstoßen“ ist so eine Sache, es ist nur einfach ein Unterschied, ob man das denkt oder den Kollegen das immer wieder erzählt. Solange die Jungen es nicht übertreiben, sollen sie doch ihre Ideen umzusetzen versuchen. Wenigstens solange, wie sie es noch wollen. 😉
      Der letzte Satz, aber auch der Beitrag an sich, ist schön. Es ist nett das auch mal aus dieser Sparte zu hören. Und vor allem mal nicht negativ behaftet, sondern ehrlich und wertfrei.

      • mathefee schreibt:

        Den (meist jungen) neuen KollegInnen ihr Engagement anzukreiden hat ja in weitem Maße etwas damit zu tun, dass man (mehr oder weniger unbewusst) Angst hat, von den Schülern nicht so geliebt zu werden, weil der eigene Unterricht eben nicht mit Methodenvielfalt, selbsterdachten Materialien… glänzt.. Doch es verzeiht aus meiner Sicht trotzdem nicht, aus solch niederen Beweggründen Kollegen auszubremsen bzw. sie verbal anzugreifen. Etwas völlig anderes ist besorgte Anteilnahme. Dann wenn man nämlich erkennt, dass da jemand über seine Kräfte hinaus wirtschaftet. Aber in solch einem Fall wird man ja wohl auch andere Wege finden, als Kollegen runterzuputzen.
        In dem Sinne war Ihr Ausbruch vollkommen angemessen und ich hoffe Frau Rondell ist dadurch wirklich auch mal zum Nachdenken angeregt worden.

  8. Nadine schreibt:

    Ich finde, Dein Ausbruch war durchaus angemessen. Und ich denke, Frau Rondell findet das auch, sonst hätte sie anders reagiert.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich denke, sie hat gemerkt, dass es zu viel war. Ich bin mir nur nicht sicher, ob sie weiß, dass es schon immer zu viel gewesen ist, oder ob es für sie nur in dieser Situation so war…

  9. Pingback: Zu welchen Typ Lehrer Frau Falke gehört und warum sie das nicht selbst bestimmen kann | sovielzumthemaschule

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  11. hijackinthebox schreibt:

    Bin jetzt durch „Tag-Cloud-Hopping“ auf diesen Artikel gestoßen.

    Seit diesem Artikel sind ja nun 3 Monate vergangen. Ist es in dieser Zeit bei diesem „Frieden“ geblieben oder ist wieder alles beim Alten?
    Ich hoffe doch auf Ersteres. 🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Ich habe eine etwas andere Sicht auf die Kollegin, seit das passiert ist, Frieden ist es leider nicht geblieben. Dennoch – sie bemüht sich, denke ich, wenn auch auf ihre sehr merkwürdige Weise.

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