Sprachlos vor den Kollegen

 

Und dann bekomme ich gezeigt, dass es auch egal ist, auf positive und negative Weise. Schüler und Kollegen. So viel zum Thema Schule.

 

 

 Vor ein paar Tagen fingen sie an, die Halsschmerzen, aber da sie in Verbindung mit Kopfschmerzen auftraten, hielt ich sie bloß für die Vorboten einer Grippe.  Als ich heute aufwache, ist meine Stimme weg, ohne, dass ich es merke.

Ich mache mich nach dem Aufstehen auf den Weg zum Gymnasium, schaffe es hingegen jeglicher Normalität ins Gebäude, ohne, dass mich jemand anspricht, und stelle im Lehrerzimmer schon bei der Begrüßung fest, dass etwas anders ist. Die Stimme fehlt. Einfach so. Heiseres Krächzen, zumindest das.

„Morgen, hast du es auch geschafft? Ätzend, das Wetter, nicht wahr? Ich bin schon froh, wenn ich überhaupt ohne Jacke aus dem Haus gehen kann, bei dem wechselhaften Mist ist das ja auch keine Selbstverständlichkeit.“ Felizitas ist wohl noch bei ihrem ersten Kaffee.

Ich nicke nur unsicher und setze mich auf meinen Platz an unserem Tisch, der mittlerweile nicht mehr in U-Form mit den anderen Tischen steht. Wann sie die Sitzordnung geändert haben weiß ich nicht, aber wahrscheinlich hat es sich angeboten, wo die meisten ja eh kaum mehr hier sind.
Versuche meine Stimme wiederzuerlangen. Hole mir einen Tee. Nehme eine Halsschmerztablette. Hoffe auf eine Wunderheilung, die nicht eintrifft.

Sarah sieht mit schiefgelegtem Kopf meinem Treiben zu. „Was ist denn mit dir los, Süße?“
Ich deute auf meinen Hals und gebe ihr mit viel Mühe endlich zu verstehen, dass ich nicht reden kann. Sogar die Krächzer werden nun stumm.
Daraufhin beginnt Felizitas zu lachen. „Ach, wer hätte das gedacht? Dass wir nochmal erleben, dass dir die Sprache fehlt!“
Und obwohl es bei ihr irgendwie einen leicht bissigen Unterton hat (erster Kaffee?), nicke ich, denn es stimmt schon. Mir fehlt die Sprache tatsächlich, es macht mich schier wahnsinnig mich nicht ausdrücken zu können.
Stefan sieht zu Herrn Wallert, der sich hinter seiner Zeitung verbirgt und schlau genug ist sich nicht einzumischen. „Eine verstummte Frau, der Traum eines jeden Mannes.“

Dabei sind erst fünf Minuten um. So viele Giftpfeile. Und das von meinen Freunden.
Wie konnte ich nur ohne diesen Verlust zu bemerken das Haus verlassen? Es ist unglaublich, das Ganze. So was passiert auch nur mir.

Ich überlege nach Hause zu gehen und betrete das Sekretariat, von dem man zum Büro des Direktors Jochender gelangen kann. Die Tür zu seinen vier Wänden ist im Gegensatz zu sonst nicht angelehnt. Ich kann ihn dennoch schimpfen hören bis hier her. Die Sekretärin schüttelt nur warnend den Kopf.

Daina stürmt aus dem Zimmer, ihr folgt die aufgebrachte Frau Prosch. Chemieintern. Frau Jäger, die auf einem Stuhl darauf wartet, mit dem Mann sprechen zu können, zuckt zusammen. Arme Referendarin. Herr Hedwig tritt aus dem Konrektorenbüro um für Ruhe zu sorgen. „Was ist denn hier los?!“

Meinen Plan mich krank zu melden verschiebe ich auf später.

Auf dem Flur treffe ich Herr Reeden, der breit grinst, was mich irritiert. Er, welcher der festen Überzeugung ist das Kollegium habe sich gegen ihn verschworen, amüsiert sich allen Ernstes in der Schule?
Aber auch ohne ihn fragen zu können gibt er mir sogleich eine Antwort, indem er in Richtung Direktorenbüro zeigt. „Genau das sind die guten Tage.“

Ich entferne mich von ihm. Schüttele nur noch den Kopf. Denke an Jürgen. Schulwechsel.


(Es folgt Unterricht.)
Ich verlasse nach der Stunde den Klassenraum und versuche erneut zu unserem Schulleiter vordringen zu können, doch die Tür ist wieder zu. Erneutes Kopfschütteln der Sekretärin. Vorsicht.

Im Lehrerzimmer keift Frau Rondell wegen irgendetwas. Beide Tarsmus beschließen in die Physiksammlung zu gehen. Leslie versucht sich Gehör zu verschaffen, was ihr nicht gelingt.

An ihrer Stelle wüsste ich nicht, was ich dazu noch sagen sollte.

Ich melde mich daraufhin bei unserem Konrektor ab, der sich in die Oberstufenbücherei zurückgezogen hat. Der Ruhe wegen. Gehe zum Arzt. Schon wieder. Genieße den Nachmittag.

Es grüßt ganz lieb
Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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22 Antworten zu Sprachlos vor den Kollegen

  1. frl_wunder schreibt:

    Oh je, das hört sich ja gar nicht gut an. Und Ihr Direktor wird mir von Post zu Post unsympathischer…

    Gute Besserung! Vielleicht lieber mal einen Tag mit Tee und Schal daheim im warmen Bettchen bleiben… 😉

    • Frau Falke schreibt:

      Danke für die Besserungswünsche, ich denke das ist sehr sinnvoll. Besser als in die Schule zu gehen auf jeden Fall.
      Vor allem, weil wohl nicht jede Klasse sich ohne Stimme so gut unterrichten lässt. 😉

  2. Jürgen schreibt:

    Freunde? No comment.
    Schulleiter?
    Frau Falke, ehrlich, wenn ich sehe, merke, höre, dass ein/e KollegIn krank ist und trotzdem meint, er/sie müsse da sein und unterrichten, da schicke ich sie (manchmal unter Drohungen) heim.

    • Frau Falke schreibt:

      Nicht alle, aber ein paar sind meine Freunde. Was bei Felizitas im Moment los ist, kann ich nicht sagen, aber ich denke, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das rauskommt.
      Was das Heimschicken geht, bin ich ja skeptisch. Ich habe das Gefühl, Sie würden mich immer nach Hause schicken. Geht es nicht eher darum, dass ich so aus der Schule rauskomme? Und ist es da nicht besser langfristig zu planen, als Tag für Tag zu gehen?
      Ich überlege es mir tatsächlich. Ob ich einen Schulwechsel anstreben sollte. Aber das braucht Zeit. Momentan sind da andere Sachen.
      Und nach Hause wollte ich heute ja mal tatsächlich aus eigenem Antrieb, man sieht ja, wie gut das klappt…

      • Jürgen schreibt:

        Nein.
        Ich würde Sie nicht immer nach Hause schicken. Nur wenn Sie krank sind. Und da sollen Sie sich auch trauen, zum Chef zu gehen und der soll nicht rumzicken.
        Bei uns wären Sie gesünder. Wir haben Lehrergesundheit als Dauerthema (in der Supervision).
        LG J.

      • Nele Abels schreibt:

        Ich finde, da gibt es auch noch ganz pragmatisch-nüchterne Aspekte bei der Sache – einerseits sind Erkrankungen der Atemwege ziemlich oft ansteckend und in Betrieben mit großer Menschendichte, wie es Schulen nun einmal sind, ist es im Interesse aller, wenn man nicht herumläuft und z.B. Grippeviren verteilt.

        Zweitens fordert sowohl die Fürsorgepflicht eines Chefs als auch die beamtenrechtlich vorgegebene Pflicht des Beamten zur Gesunderhaltung, dass man seine Krankheiten so schnell wie möglich in den Griff bekommt, indem man sich auskuriert. Das hat seinen guten Grund, denn verschleppte Krankheiten werden langwierig und mit länger als unbedingt notwendig ausfallenden Kollegen ist ja nun auch niemandem gedient.

        Aber wenn sich Mitarbeiter aus Angst vor schlechter Laune scheuen, den Chef anzusprechen, dann läuft da ja wohl ganz dramatisch was mit der Mitarbeiterführung falsch… (Warum hört man bloß so oft von Schulleitungen mit solchen Defiziten?)

        • Frau Falke schreibt:

          Was das auskurieren angeht, gebe ich dir in allen Punkten Recht. Sicherlich ist es nicht richtig seine Krankheit in die Schule zu scheppen und dann frohen Mutes an alle Kollegen und Kinder zu verteilen.
          Die Scheu ist auch meine Schuld. Seit dem Gespräch mit den Kollegen (asllen voran Nicolas) fühle ich mich sehr verletzlich. Ich bin Dreißig und weiß Gott nicht so gefestigt in meiner Persönlichkeit, wie eich es vielleicht sein sollte. Momentan kommmt mir viel Negatives entgegen, von allen Seiten werde ich kritisiert. Ich wollte mir in dem Augenblick einfach kein Gespräch mit Jochender antun.

  3. PMK74 schreibt:

    Hmmm… Lehrer ohne Stimme… geht gar nicht. Sofort zum Arzt und dann ab nach Hause! Und wenn der Direx nicht zu sprechen ist, dann bei der Sekretärin abmelden – wennn die Stimme versagt, dann halt per Zettel. Attest wird ohnehin nachgereicht…

    Die Kommentare der Kollegen… fand ich persönlich jetzt nicht so schlimm – wer mit solch einem Handicap in der Schule auftaucht, ohne es zu bemerken, hat sich ein wenig Spott verdient.

    Gute Besserung!

    • Frau Falke schreibt:

      Ich möchte betonen, dass ich das nicht mitbekommen habe. Das Haus zu verlassen war ohne Stimme kein Problem, es hat mich halt einfach niemand angesprochen. Und mit mir selbst rede ich morgens scheinbar auch nicht… 😉

  4. PMK74 schreibt:

    P.S. Gab es am Wahltag keine bloggenswerten Erlebnisse im Wahllokal? Oder soll der Blog ausschließlich schulischen Themen vorbehalten bleiben?
    Wobei… ist er ja nicht… es gab ja auch schon Familienthemen… also war wohl nix los?

    • Frau Falke schreibt:

      Erst einmal ist der Blog wirklich dafür da, dass ich niederschreibe, was sonst niemand sich anhören will, und das sind eben meine Erfahrungen in der Schule.
      Das Familienthema bot sich an, es war auch auf Wunsch einer Freundin. Am Wahltag gab es an sich keine nennenswerten Vorkommnisse, am Wochenende vor ein paar Wochen vielleicht, aber ob es sich lohnt das aufzuarbeiten?

  5. Nicole schreibt:

    Also ich kann Vanilletee empfehlen, der schmeckt auch im Frühling super 🙂 Ich wünsche gute Besserung!
    Und immer daran denken: bitte denken Sie an sich!

  6. michael schreibt:

    Dann gehen Sie mal zum Arzt. Nicht , dass Sie eine Kehlkopfentzündung haben. Und gute Besserung.

  7. Nadine schreibt:

    Mir geht es auch so, dass ich die Kommentare der Kollegen eher als „liebevolle Frotzeleien“ aufgefasst habe denn als Giftpfeile – aber man muss natürlich den Tonfall dazu hören, und das hab ich ja logischerweise nicht.
    Aber der Vorgesetzte, der geht GAR NICHT!!!

    • Frau Falke schreibt:

      Bei Felizitas ging es eigentlich als einzige ins Negative, bei der ist momentan irgendwas los. Was von Stefans Aussage zu halten ist, muss wohl jeder selbst wissen.
      Der Direktor wird wohl Dauerstreitthema bleiben. Er sorgt mit seinen Aktionen nicht gerade dazu, dass sich das Verhältnis zum Kollegium wieder bessert.

  8. TickleMeNot schreibt:

    Gute Besserung.

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