Buchtipp…

…oder Grundsatzdiskussion mit Frau Jäger

„Ich habe dir ein Buch mitgebracht, als ich es las, musste ich sofort an dich denken.“ spricht mich Daina in der ersten großen Pause an und lässt sich neben mir auf einen Stuhl fallen.

Interessiert blicke ich von den Vokabeltests auf, die ich die 8c nach der ganzen Schrank-vor-der-Tür-Geschichte habe schreiben lassen, und nehme das Buch entgegen. „Tod einer Lehrerin- Wie Pädagogen am System Schule zerbrechen.“

Stefan kann sich das Grinsen nicht verkneifen und tauscht mit Emily einen vielsagenden Blick. „Ein bisschen weniger direkt hätte man diese Kritik schon äußern können.“

Daina sieht ihn fragend an, dann geht ihr augenscheinlich ein Licht auf. „Was? Oh, nein, das wollte ich nicht sagen, wirklich nicht.“
Sie schüttelt den Kopf.
„Ich wollte eigentlich lediglich sagen, dass ich an dich denken musste, weil in dem Buch der Film erwähnt wird, den du mir empfohlen hattest, „Die Klasse“.“

„Ist das nicht der Film, wo die Schülerin am Ende sagt, sie habe nichts gelernt?“ erkundigte sich Felizitas.

Ich nicke, da nimmt mir Herr Helfrich das Buch ab. Er blättert die ersten Seiten durch und schaut dann mit in Falten gelegter Stirn auf. „Oh, Daina. „Nach einer authentischen Geschichte“? Das klingt aber wieder einmal sehr deprimierend.“

Sarah betrachtet den schiefertafelgrünen Umschlag kritisch, als sie mich ansieht liegt etwas Sanftes in ihren Augen. Habe ich schon erwähnt, dass sie mich an Bambi erinnert?
„Musst du dir das ständig antun? Ich meine, kannst du nicht was Fröhliches lesen?“

„Sarah, ich bin kein kleines Kind mehr. Ich kann ruhig Geschichten lesen, in denen nicht alles heiter Sonnenschein ist.“

Herr Wallert schenkt die herumstehenden Tassen voll, ich bin erstaunt, dass das mit dem Spülen so gut klappt, wo doch die Spülmaschine so weit entfernt ist. „Aber die Frage bleibt doch, ob es nötig ist, sich so etwas zu Gemüte zu führen. Stress mit Schülern und Ärger im Kollegium können wir dir hier schließlich auch bieten.“

Daina behält seufzend ihre Tasse in ihren Händen, der Kaffee ist trotz der Milch, den sie herein gekippt hat, noch zu heiß um ihn zu trinken. „Es geht in dem Buch auch nicht um so was. Es geht um eine Lehrerin an einer Brennpunktschule,“

Herr Wallert lacht auf, wodurch sie Daina kurz irritieren lässt. Doch dann spricht sie mit Nachdruck weiter. „die dem Reformdruck nicht mehr standhalten kann.“

„Wer kann das schon von uns?“ fragt Frau Jäger dazwischen, was Daina ignoriert.
„Sie wird als Minderleisterin abgestempelt, verliert ihre Klasse und somit den kompletten Halt.“

„So läuft es nun mal, wenn man völlig alleingelassen wird vom Kollegium.“ konstatiert Frau Jäger, die seit der letzten Woche ihre Pausen nur noch in dem ehemaligen Lehrmittelraum verbringt. Wie alle anderen Referendare auch, wenn mich nicht alles täuscht.

„Haben Sie ein Problem, Frau Jäger? Irgendetwas, das Sie mit dem Kollegium jetzt klären wollen? Sonst würde ich gern weitersprechen, wenn’s genehm ist.“

„Sie wollte lediglich sagen, dass es bei dem sozialen Terror keine Überraschung ist, wenn,“ versucht Leslie zu erklären.

Daina stellt ihre Tasse ab und schüttelt den Kopf, sie ist mittlerweile sauer. „Um Himmels Willen, das ist ja nicht auszuhalten. Hört ihr euch eigentlich zu? So etwas Negatives, also echt. Und die Lehrerin hatte sogar ein total gutes Verhältnis zu ihren Kollegen, das Kollegium war offen, freundlich und eine richtige Gemeinschaft. Damit ihr es wisst.“

Sie wirft einen bösen Blick in die Runde, der an Berti hängen bleibt.
„Und wenn ihr sonst noch was zu meckern habt, könnt ihr euch das Buch gern ausleihen, wenn die Kollegin fertig gelesen hat.  Oder ihr kauft es euch selbst, die ISBN-Nummer gebe ich liebend gern heraus.“

„ISB-Nummer.“ verbessert Herr Helfrich sie kleinlaut.

„Was?“ Jetzt hat er Daina doch aus dem Trott gebracht.

„Es heißt ISB-Nummer. Bei ISBN steht das N für Nummer.“

Sie lässt ihren Kopf an ihrer aufgestützten Hand nach unten gleiten. „Ihr macht mich fertig, echt.“
Und lächelt.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Ein tolles Buch, das einem die Augen öffnen würde, wüssten wir Lehrer nicht schon längst um die traurige Realität. Und irgendwie doch zu viel. Zu dramatisch. Zu hilflos.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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18 Antworten zu Buchtipp…

  1. ullli23 schreibt:

    „ISB-Nummer.“ verbessert Herr Helfrich sie kleinlaut.

    So ein Klugscheißer. Ich wünsche ihm den HIV-Virus… Höhö… 😉

  2. Jürgen schreibt:

    Was ist an dieser Schule los?
    Ich fange gleich wieder an mit „wechseln“, Frau Falke.

    • Frau Falke schreibt:

      Frau Jäger, okay, aber die anderen? So schlimm fand ich es heute gar nicht… :/

      • TickleMeNot schreibt:

        Ich finds schlimm. Nicht die Kollegen an sich, oder das Buch oder die Themen die Sie in der Pause besprechen.
        Alles für sich genommen ist nicht schlimm. Nein.

        Aber im Zusammenhang, und mit dem was da so mitschwingt… Frust, Ärger oder Verzweiflung, so genau kann ich das natürlich nicht festnageln, aber ich denke, das viele ihrer Kollegen unzufrieden mit der Situation im Kollegium (und in der Schule) sind.
        Da gibt es im Kollegium zwischen Lehrern und Referendaren Gruppen und Grüppchen, jeder ahnt oder sieht den Elefanten der da im Zimmer steht aber keiner traut sich, was zu sagen.

        Da liegt was in der Luft und es braucht jemanden, der die Befugnis hat, das Team zusammenzutrommeln zur grossen Aussprache. Aber leider ist Cheffchen eine Niete.

        Ich muss nicht die beste Freundin meiner Kollegen sein. Aber so eine Atmosphäre wie sie scheinbar an ihrer Schule herrscht, die würde mich frustrieren. Und irgendwann auch krank machen.

        Ich stütze diese Beobachtung nicht nur auf diesen Beitrag. Auch in ihren anderen Beiträgen sehe ich diese Unterschwelligkeit.

        • Frau Falke schreibt:

          Es stimmt. Im Kollegium herrscht im Moment eine Menge Ärger, und der Frust ist nicht gerade neu, denn den tragen wir schön länger mit uns herum. Dass niemand froh ist sich diesem Terror auszusetzen, ist verständlich. Und gerade diese Junglehrer/ Altlehrer/ Referendarsache ist nervig. Aber ich glaube, dass es bei uns viel tiefer geht.

          Die große Ansprache kam ja schon von Conny- und ein bisschen besser ist es theoretisch auch geworden. Eigentlich bräuchten wir eine richtige Supervision, aber… Alles nicht so einfach. Und ich muss mich erst einmal um mich selbst kümmern, so egoistisch dies klingen mag. Zu unserem Direx äußere ich mich nicht mehr.

          Krank macht das alles, das stimmt. Deshalb habe ich mich auch in psychologische Behandlung begeben. Einfach, um mich nicht kaputt machen zu lassen von all dem. Dass es aber nicht so weitergeht, ist klar. Doch eines nach dem anderen.

          • TickleMeNot schreibt:

            Um die Welt zu verändern muss man bei sich anfangen, von daher ist es absolut nicht egoistisch, wenn Sie sich erstmal darum kümmern wieder selbst auf den Damm zu kommen und dort zu bleiben.

            Es ist auch gut, wenn Sie sich dafür psychologische Unterstützung holen.

            Das Kollegium besteht ja nicht nur aus Ihnen. Jeder dort sollte ein gleiches Interesse haben, das die Stimmung im Kollegium wieder besser wird. Es dürfen ruhig auch andere mal aktiv werden. Und wenn das passiert, dann können Sie natürlich gern mitmachen.
            Aber Sie müssen das nicht alles auf Ihre Schultern laden, bzw. laden lassen.

            Conny hat angesprochen, ja. Aber folgte darauf hin eine Aussprache? Das ist es doch. Das alle aktiv werden und mitarbeiten. Nicht, weil sie gerüffelt werden, sondern weil sie selbst aktiv das Problem sehen und gelöst wissen wollen.

            Alles nicht so einfach, ich weiss 🙂 Und wie Sie selbst sagten, ihre oberste Priorität sollten Sie selbst sein.

            😀 Wenn Sie jemals darüber nachdenken sollten einen Ausgleichssport zu betreiben, dann empfehle ich Ihnen Boxen! Gut für Körper und Seele.

            • Frau Falke schreibt:

              Sich mit dem Kollegium aussprechen können und notfalls physisch wehren? 😉 Nein, ich habe das schon richtig verstanden. Aber ob Boxen als Ausgleich für mich geeignet ist, weiß ich nicht. Wobei es ja echt Spaß machen soll…

  3. Nadine schreibt:

    ISB-Nummer? Klugsche**er. Ansonsten: Anstrengende Kollegen.

  4. Nicole schreibt:

    Upps.. ich sage auch immer „ISBN Nummer“ 😀
    Wieder was fürs Leben gelernt 🙂

    Aber nun mal zum eigentlichen Inhalt, ihre Kollegen sind wirklich ein wenig komisch. Ich weiß nicht so ganz, wie ich darauf reagieren würde..

  5. michael schreibt:

    > Interessiert blicke ich von den Vokabeltests auf, die ich die 8c nach der ganzen Schrank-vor-der-Tür-Geschichte habe schreiben lassen,

    Also ein Straftest.

    > „So läuft es nun mal, wenn man völlig alleingelassen wird vom Kollegium.“ konstatiert Frau Jäger, die seit der letzten Woche ihre Pausen nur noch in dem ehemaligen Lehrmittelraum verbringt. Wie alle anderen Referendare auch,

    Hört sich gar nicht gut an.

    • Frau Falke schreibt:

      Tue mir kein Unrecht! Es kann auch ein temporales „nach“ sein und somit lediglich ein Test, der zeitlich nach der Schranksache geschrieben wurde. 😉
      Im Lehrmittelraum haben wir momentan einfach unsere Ruhe vor dem Gezicke im Lehrerzimmer. Das ist ganz gut. Und Frau Jäger hat wohl aus irgendeinem Grund ihren Status bei den älteren Kollegen verloren, warum das so ist, weiß ich aber nicht. Die Kraft da jetzt auch noch nachzuhaken fehlt mir, das Interesse ehrlich gesagt auch. Es wird sich sicher alsbald herausstellen.

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