Empfehlung: Der Hals der Giraffe

 

Eines dieser Bücher, die man nach dem Lesen in der Hand behält und an sein Herz presst: Nicht, weil die Geschichte so tragisch gewesen wäre, so schmerzerfüllt schön, sondern einfach, da es berührt hat. In seiner Kälte, in seiner Traurigkeit zum Nachdenken bewegt.


Judith Schalanskys „Der Hals der Giraffe“ ist ein Bildungsroman aus dem Suhrkamp-Verlag, der auf seiner Rückseite mit genau einem Satz beschrieben wird. Giraffen mit kurzen Hälsen und eine Schule ohne Kinder: drei Tage aus dem Leben einer Biologielehrerin – die letzte ihrer Art.
Ein Zitat folgt und gibt einen kleinen Einblick in das, was kommen wird. „Bei Inge Lohmark gab es kein Mitspracherecht. Niemand hatte eine Wahl. Es gab die Zuchtwahl und sonst nichts.“

Inge Lohmark unterrichtet seit dreißig Jahren am Darwin Biologie und Sport, als verkündet wird, dass die Schule geschlossen werden soll. Die letzten Klassen werden noch zum Abitur gebracht, dann ist es vorbei. Wobei- was sind das schon für Klassen, in denen zwölf Schüler ihr entgegenstarren? Früher hatte sie Klassen mit dreißig, fünfunddreißig Kindern, geburtenstarke Jahrgänge, und Lehrer wurden gebraucht. Heute sieht das alles schon ganz anders aus. Die Spezies Mensch vergisst sich zu reproduzieren, aber unsere Zeit auf der Welt ist ja eh sehr begrenzt.
Ihren Teil hat sie ja auch geleistet, mit ihrem Mann hat sie eine Tochter bekommen, Claudia. Doch während er sich auf die Straußenzucht verlegt hat, ist Claudia in die USA ausgewandert. Zurückkommen will sie nicht. Warum auch, kein anderes Tier besucht seine Eltern sonntags zum Kaffee.
In der Schule behält Frau Lohmark die Oberhand, sie weiß genau, was sie erwartet. Die Schüler bilden sich ein etwas Besonderes zu sein, aber eigentlich sind sie wie alle anderen auch. Jedes Jahr das gleiche Schauspiel, nur mit wechselnder Besetzung. Wie leicht sie zu durchschauen sind, nur Prozesse des Erwachsenwerdens. Drohgebärden aus dem Tierreich, Halbstarke mit Hormonüberschuss. Dass die Menschen nicht die Krone der Schöpfung sein können, sieht man ja schon daran, dass sie zur Schule gehen müssen. Die meisten Tiere haben ausgelernt, sobald sie auf die Welt kommen.

„Der Hals der Giraffe“ schildert drei Tage aus dem Alltag einer Lehrerin, und doch wirkt es, als würde in diesen drei Tagen ein gesamtes Leben liegen. An die Protagonistin muss man sich erst einmal gewöhnen, an ihre abfällige Art über Schüler zu denken, wie sie mit jedem Blick den Menschen vor sich auseinander nimmt.

Aber in diesem Verhalten steckt auch viel anderes, Schmerz, ein Lebensentwurf, der nicht aufgegangen ist. Angst vor dem Fremden, das Gefühl den Fortschritt nicht mitgegangen zu sein. Und die Frage, vielleicht unausgesprochen, was es bedeutet eine Mutter zu sein.

Beeindruckt hat mich bei diesem Buch vor allem, wie durch die vielen kurzen Sätze eine nicht greifbare Traurigkeit klingt. Wie die verwirrenden Gedanken Inge Lohmarks einfach genannt, jedoch nicht erklärt werden. Sprünge in ihrem Denken. Von dem einen zum anderen Thema und wieder zurück.
Die Naturbeschreibungen, die einem das Gefühl geben, aus ihren Augen die Umgebung zu sehen. Und all das Fachwissen, die eingestreuten Spitzen, auch Leckerbissen, nette Tatsachen, mit denen sie ihre Schüler beizeiten schockt.

Die Welt, die Zeit und das Leben aus der Sicht der Evolution zu sehen ist gewöhnungsbedürftig.
Aber auch der Grund, warum dieses Buch auf jeden Fall gelesen werden sollte.

 

Mit lieben Grüßen
Frau Falke

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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10 Antworten zu Empfehlung: Der Hals der Giraffe

  1. Inch schreibt:

    Danke für den Tipp! Klingt gut und werde ich lesen

  2. Jürgen schreibt:

    Danke für den Tipp.

  3. Der Referendar schreibt:

    Nachdem ich seit Uuuurzeiten mal wieder selbst gebloggt habe, bin ich auch mal wieder hier bei Ihnen gelandet und musste darüber schmunzeln, dass ich tatsächlich zur Zeit auch diesen Roman lese. Er wurde mir von meinem Bio-Mentor zum Geburtstag geschenkt und er meinte, er kenne die Autorin bzw. auch die „Vorlage“ für Frau Lohmark 🙂
    Beste Grüße!

  4. Der Referendar schreibt:

    So, ich habe es quasi vor wenigen Minuten aus der Hand gelegt.
    Die vielen Ausflüge in die Biologie fand ich natürlich unterhaltsam 🙂 Der Schreibstil gefällt mir, auch. Teils bissige Kommentare, teils tieftraurige Augenblicke. Ich finde es wirklich bewegend, wie nach und nach die Lebensgeschichte einer enttäuschten und alleingelassenen Frau gezeichnet wird, die sich selbst nur als „Lehrerin“ sieht (wie in der einen Szene als sie ihre eigene weinende Tochter ignoriert 😦 ). Hier wird einem eindrucksvoll vor Augen geführt, wie wichtig die Menschen um einen herum sind, egal ob Familie oder Kollegen. Nur ist sie eben an vielem selbst schuld… und ihr Unterrichtsstil… da schüttelt es mich, ehrlich gesagt.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich muss sagen, ich habe anfangs bei fast jeder Seite nach Luft geschnappt- ihre ganze Art schien mir so konträr zu meinem Familienbewusstsein, der Stellung meiner Freunde in meinem Leben, meinem Verhältnis zur Schule. Jedoch ist es auch so, dass man mit jeder neuen Seite ein bisschen besser versteht, wieso sie aus ihrer Perspektive heraus gar nicht anders handeln kann.

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