Klassenschrank

Ich möchte ja nicht sagen, dass die 8c im Moment einen der vorderen Plätzen meiner Top-Drei an Klassen belegt auf meiner Liste von Klassen, in die ich lieber nicht mehr gehen würde.
Das ist auch nicht böse gemeint, ich mag die Schüler schließlich gern leiden, aber die letzten Wochen sind sie so laut, nervig und unruhig, dass ich sie kaum mehr unter Kontrolle halten kann. Sie beteiligen sich nicht mehr richtig im Unterricht, sondern werfen sich genervte Blicke zu, finden meine Aufgaben, egal wie toll sie gestellt sind, doof und langweilig und haben auch sonst an allem und jedem zu meckern. Hausaufgaben werden sowieso nur noch sporadisch gemacht und wenn ich -einfach mal zum Spaß- hingehen würde und einen Vokabeltest über den aufgegebenen Lernwortschatz schreiben, ich gebe euch Brief und Siegel, dass sie gerade mal zwanzig Prozent beantworten könnten.

Die Klasse ist schon seit längerem nicht so einfach, bisher aber hatte ich mich gut mit ihnen arrangiert. Heute jedoch… Aber ich greife vor.

Es begann damit, dass ich den Klassenraum betreten wollte und dies unmöglich war, denn die Schüler hatten sich einen neuen Streich ausgedacht: Sie hatten ihren Klassenschrank von innen vor die Tür gestellt.
Da der Raum der Klasse jedoch ebenirdisch liegt (sie hatten im alten Raum mehrfach Gegenstände aus den Fenstern geschmissen und damit den Zorn unseres Direktors auf sich gezogen), machte ich mir nichts draus. Ich lief ins Freie, um das Gebäude herum und erspähte das offene Fenster der Achten, die eigentlich immer am Lüften sind, was zu einem guten Teil der Kollegin Springer zuzuschreiben ist, die morgens derart in ihrem Parfum badet, dass man zwei Stunden später noch riechen kann, wo sie lang gelaufen ist.

Ich gehe zum Fenster, stelle meine Tasche innen auf die Fensterbank und klettere so anmutig wie möglich nach innen. In der Klasse streiche ich mir über die Jeans, nehme meine Tasche und gehe ans Pult, als wäre nichts geschehen.
Staunende Gesichter bei den Schülern, sie hätten wohl vieles erwartet, nur nicht das.
„Die ist ja drauf.“ flüstert Julia, während sich die zwei Jungs vor ihr einen überraschten Blick zuwerfen. Nina nickt bloß. „Coole Sache.“

Mir ist es egal, was sie sagen, und das signalisiere ich ihnen auch ganz deutlich. Ich ignoriere alles, was mit dem Schrank vor der Tür zu tun hat und den Schrank vor allen Dingen. Ich wickele meinen Unterricht wie gewohnt ab, bin nicht unfreundlich, aber reserviert, lasse sie den Zettel bearbeiten, schreibe die Hausaufgabe an und empfehle ihnen die Vokabeln bis zur nächsten Stunde zu können.
Als es klingelt gehe ich, ohne mich wie sonst zu verabschieden, zum Fenster, stelle meine Tasche innen auf die Fensterbank und klettere erneut so anmutig wie möglich nach draußen. Vorsichtig lasse ich mich auf meine Füße fallen, die Schuhe sind nicht gerade geeignet um bis zu den Fesseln im Beet zu stehen, doch daran kann ich jetzt auch nichts ändern. Ich nehme meine Tasche, gehe um das Gebäude herum und wieder ins Lehrerzimmer.

Das wäre es gewesen, zumindest von meiner Seite aus war die Sache damit abgeschlossen. Die Schüler aber hatten ihr Spaßpotenzial für den Tag noch nicht ausgereizt und zogen die selbe Show auch bei meinen Kollegen ab.
Frau Crande ließ sich den Schrank erst von den Schülern aus dem Weg räumen, betrat dann die Klasse und warf mit eisiger Miene einen Blick in die Runde. Sie ließ die Schüler anschließend den Unterrichtsinhalt der letzten Stunden auf Französisch zusammenfassen und sammelte die schriftlichen Werke dann ein. „Und glaubt ja nicht, dass ich die nicht bewerte.“
Frau Ullrich konnte mit dem Ganzen nicht umgehen, aber sie hat mittlerweile dazu gelernt. Sie ist in die Nachbarklasse, wo sie dieses Mal nicht Herrn Krombalk, sondern Frau Peters um Hilfe bat und diese auch bekam.

Angezickt von den Sperenzien ist auch Herr Wallert, der sich im Neulehrerzimmer entnervt auf einen Stuhl fallen lässt.
„Noch so ein Ding, Leute, und ich kann für nichts mehr garantieren.“
„Lass mich mal raten: die 8c?“ erkundigt sich Frau Crande und nickt leidensgeprüft, aber mit diesem typischen Schalk in den Augen, der sie wirken lässt, als käme nichts von dem, was in der Schule passiert, vollständig an sie heran.
„ Diese Klasse verscherzt es sich mit uns allen, wenn sie so weitermacht. Und dann wundern die sich, wenn wir sie unseren Frust spüren lassen.“
Frau Crande sieht beiläufig von ihren Korrekturen auf. „Ich hab sie vorhin eine Stundenprüfung schreiben lassen.“
Megan fährt sich durchs Haar und betrachtet die Lehrerin mit schief gelegtem Kopf. „Ist das denn sinnvoll? Tests sollten keine Bestrafung sein.“
„Dann lassen Sie sich was Besseres einfallen, werte Kollegin.“ meint Frau Crande nur schulterzuckend und wendet sich wieder ihren Korrekturen zu.

„Allein, dass sie jedes Mal diesen Schrank wieder zurück stellen.“ ereifert sich Herr Wallert weiter, da ihm sonst niemand zuhört, weil die Kollegin Crande korrigiert und Frau Ullrich sich ihre Gedanken macht, sucht er nun meinen Zuspruch.

Mir fällt siedend heiß ein, dass ich nicht daran gedacht habe den Schülern zu sagen, dass sie den Schrank wegschieben sollen. So toll habe ich den Schrank also ignoriert.
Ich bin wohl noch genialer darin, als ich gedacht hätte.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Nächstes Mal schreibe ich auch einen Test, ganz in Crande-Manier.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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35 Antworten zu Klassenschrank

  1. theni schreibt:

    Und ich dachte, Lehrer die zum Fenster reinklettern gibt’s nur in der Sonderschule bei mir zu Hause… ;D wobei deine Reaktion wirklich cool war… xD
    Und die Klasse… Na ja…
    LG, Theni

  2. gotsassaufeinemast schreibt:

    Sowas hätten wir uns früher gar nicht getraut. Wir hatten damals noch Respekt vor den Lehrkräften. Bringt es eigentlich tatsächlich etwas, solch ein Verhalten mit Tests zu „bestrafen“? Gibt es da schon Ergebnisse?

    • Frau Falke schreibt:

      Während meiner Schulzeit hätten wir uns solche Aktionen auch ein paar Mal mehr überlegt. *kopfschüttel*
      Von Tests als Strafe halte ich wenig. Leistungsabfragen sind da, um den Lernstand zu kontrollieren oder den Schülern ihren Lernstand aufzuzeigen. Wenn wir sie nutzen, um Verhalten zu korrigieren, dass uns missfällt, schüren wir eine Angst, die wir eigentlich bekämpfen wollen.

  3. Jürgen schreibt:

    Nee, nicht wirklich, oder?
    Sie haben das Prima gemacht und gepunktet. Ich wär in meinem Alter auch noch über das Fenster in die Klasse.

  4. sunshinemuffin schreibt:

    Oh mann, was für eine geniale Idee :’D

  5. frl_wunder schreibt:

    Hut ab, dass Sie so cool reagiert haben – unsere Lehrer hätten sich aufgeführt wie Rumpelstilzchen…
    Aber Schrank vor die Tür schieben und Lehrer aussperren, das geht ja mal gar nicht. Und einfach durch´s Fenster gehen ist auch keine Dauerlösung. Auch wenn das wahrscheinlich die beste Spontanreaktion ist, die Sie machen konnten. Denn so ein Verhalten wie bei Ihrer Kollegin Crande, die sich jedes Mal aufregt und den Schrank zur Seite schieben lässt, heizt die Schüler erst richtig dazu an, das Spielchen weiter zu treiben.
    Gibt es da nicht Ärger von den hohen Tieren an der Schule? (Schulleiter… – ach stimmt, der Typ gehört auch zur unfähigen Sorte, oder?)

  6. Nele Abels schreibt:

    „Sie ließ die Schüler anschließend den Unterrichtsinhalt der letzten Stunden auf Französisch zusammenfassen und sammelte die schriftlichen Werke dann ein. „Und glaubt ja nicht, dass ich die nicht bewerte.““

    Pfft. 😀 Die Kollegin bestraft sich für einen Schülerstreich selbst mit Extrakorrekturen?! Also ich finde die Strategie ja nicht so wirklich zielführend… 🙂

    Nele

  7. ullli23 schreibt:

    Chapeau! Saucoole Reaktion, ich bin beeindruckt und begeistert.

    Und an all die, die hier so entrüstet über den Schrank sind: Seid Ihr wirklich sicher, dass Ihr zu Eurer Schulzeit so einen Schrank nicht auch für so einen naheliegenden und im Grunde auch relativ harmlosen Streich genutzt hättet?

    • Frau Falke schreibt:

      Vielen Dank, ich fühle mich sehr geehrt. 🙂 Wobei wir es, wie gesagt, nicht genutzt hätten. Unsere Streiche waren da eher… aber nein, ich schweife ab. 😉

  8. Nadine schreibt:

    Ich finde es gut, wie Du reagiert hast. Die hysterische zu geben wäre nicht zielführend gewesen. Wenn die Kids merken, dass Du Dich nicht ärgern lässt, versuchen sie es künftig nur noch bei anderen Lehrkräften. Übrigens, ich bin ja schon 12 Jahre aus der Schule draußen, aber: Wir haben auch mal Spinds vor die Klassenzimmertüren geschoben (außen, während die anderen Unterricht hatten, aber wir konnten die andre Klasse halt einfach nicht leiden…). Ist also nicht nur die „jetzige, schlimme Jugend“ oder so, auf solchen Mist sind schon ganz andere gekommen…

    • Frau Falke schreibt:

      Wir hätten es damals nicht gemacht, dabei bleibe ich. Aber das heißt nicht, dass wir nicht anderen Blödsinn gemacht haben, vielleicht sogar schlimmeren…? 😉
      Eine andere Klasse auf diese Weise zu ärgern ist natürlich auch eine Möglichkeit. Haben die sich denn dafür dann auch gerächt?

  9. Inch schreibt:

    Äh, naja, ich bin ja die ersten 8 Jahre in so eine Dorfschule gegangen. Und da waren solche „Scherze“ schon, nicht an der Tages- aber doch an der Wochenordnung, sozusagen. 8 Klassen gab es, sicher haben die Kleinen noch nicht so’nen Blödsinn gemacht, trotzdem kann man sich sicher vorstellen, wie oft pro Woche es solche „Vorfälle“ gab. Und im Nachhinein betrachtet, sind die Lehrer am besten weg gekommen, die genau so wie Du, Frau Falke reagiert haben. Die wurden nämlich fortan an in Ruhe gelassen. Wir konzentrierten uns lieber auf Lehrer, die auch in der von uns gewünschten Form reagierten.
    Das lässt sich natürlich wahrscheinlich nicht mit heute vergleichen. Das war eine Dorfschule, die stärkste Klasse hatte 16 Schüler ( in Worten sechszehn), jeder kannte jeden, also auch die Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel. Und obwohl das vielleicht nicht so klingt, waren Lehrer respektierte Personen. Jedenfalls, wenn ein Lehrer mit Strafen auf solche Aktionen reagiert hat, ist kein Elternteil hin und hat sich beschwert, oder gar geklagt…

    • Frau Falke schreibt:

      Ich denke auch, dass es das Beste ist sich da nicht allzu sehr aufzuregen. 😉
      Geklagt wurde glücklicher Weise noch nicht, zwar mal angedroht, aber auch das ist intern geregelt worden.

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