Vertraulich

Im Gymnasium meiner Heimatstadt findet ein Musikwettbewerb statt, der innerhalb der verschiedenen Kreise abgehalten wird und dann auf Landesebene zu einem Sieger führt. Da ich mit ein paar der Kollegen befreundet bin, die dort unterrichten,  werde ich eingeladen den Abend mit ihnen zu verbringen. Einfach nur als Gast, nicht als Aufsichtsperson oder sonstiges, und das ist eine große Erleichterung.

Die junge Frau, die auf mich zukommt, als ich vor dem Haupteingang stehe, ist in Begleitung einer weiteren Lehrerin der Schule. Katharina und Lina sind so ungleich, wie es nur möglich ist, doch sie verhalten sich wie Schwestern, als könnte es die eine nicht ohne die andere geben.
Katharina ist Zweiunddreißig, ihre blauen Augen strahlen stets ungeschminkt, ihr Teint ist hell, ihre Figur kräftig. Sie hat ein unheimlich gutes Selbstwertgefühl, trägt mit Vorliebe knielange Röcke und verwaschene Bandshirts, Ballerinas in jeder Jahreszeit. Sie hat die berühmte Berliner Schnauze, besonders wenn sie sich aufregt kann sie ihren Dialekt nicht verbergen. Doch sie steht zu ihrer Herkunft, ihr Herz ist dort geblieben.
Neben ihr wirkt Lina immer ein wenig schwach. Sie ist schmal gebaut und feingliedrig, fast ins Bronzene sonnengebräunt, dunkle Augen voller Schwermut, ein wenig Rehkitz –Bambi- in den Zügen. Verspielte Ohrringe, von der Kleidung her angepasst. Langes, brünettes Haar, das über ihre Schultern fällt, ein Lächeln auf den Lippen, vorsichtig. Nur mit Katharina zusammen habe ich sie scherzen gesehen, und nur mit ihr gelöst.

Wir betreten die Schule, legen unsere Sachen im Lehrerzimmer ab und stellen uns dann an das Geländer des Forums, auf dessen Bühne die erste Band ihren Aufbau beginnt. Der Kollege neben mir schüttelt den Kopf, ein Wettbewerb, der beendet ist, bevor er anfing, meint er mit merkwürdigem Tonfall und die anderen nicken nur wissend.
Der Lehrer, der mit in der Jury sitzt, hat die beiden Frauen dort im Griff, die eine, welche in den kommenden Stunden von allem begeistert sein wird, die andere, die bei jedem Künstler, der nicht solo auftritt, verstärkte Kommunikation in der Gruppe fordern wird. Der Mann in der Mitte weiß schon jetzt, wer gewinnen wird. Er hat die Band aus dem letzten Jahr überzeugt teilzunehmen, auch wenn diese das nicht wollten. Und er wird ihnen zum Sieg verhelfen, auch wenn seine anderen Lieblinge Preise bekommen. Aussagen wie „Du bist klasse, aber du weißt ja, ich bin dein Fan.“ sind vielleicht bei Castingshows angebracht, selbst da kaum, auf jeden Fall aber nicht hier.

Ich mag die erste Band, welche spielt, auch wenn die Jungs noch in den Stimmbruch kommen müssen beziehungsweise ihre Stimmen entwickeln. Das Mädchen, welches in reinstem Sopran singt, begleitet von einem Gitarristen, die junge Frau, deren Coversongs weniger gut sind als ihr selbst geschriebenes Lied. Die beiden Kleinen, sie am Schlagzeug, er an der Gitarre, sie singen nur ein Lied, denn erst vorgestern haben sie angefangen zu proben.  Die schüchterne Schülerin, die mit ihrer Stimme mitreißt, eine Harfenistin. Das aufgeregte Mädchen, welches Lina mit einem vielsagenden Lächeln ihre Sechserin nennt.

Es passiert einiges, ein Pärchen findet wieder zusammen, da es sich letztes Jahr zu dem gleichen Lied verliebt hat, der alte Englischlehrer findet ein Gespräch mit einer ehemaligen Schülerin. Der Direktor hat abgenommen, stellen ein paar Mütter fest, eine davon hat nicht einmal mehr Kinder auf der Schule, findet den Weg aber scheinbar immer wieder zurück.
Die unscheinbare Referendarin steht neben dem Sportkollegen und redet leise mit ihm, doch dass sie sich öffnet und Vertrauen fast, ist nicht richtig. Sie weiß nicht, wie abfällig er über sie spricht, wenn sie ihm den Rücken zudreht. Ihr fehlen Freunde im Kollegium.

Es spielt die erste Band, das dritte Lied ist es, noch das am wenigsten romantischste von allen,  als Lina blass wird und mit der Hand nach hinten tastet, als versuche sie etwas zu fassen. „Er ist da- mein Gott, warum muss er ausgerechnet hier auftauchen?“
Gemeint ist ihr Exfreund, von dem sie sich unter nicht besonders schönen Umständen getrennt hat, wie sich herausstellt. Er ist Musiklehrer an einer Schule hier in der Nähe, aus Interesse ist er wohl hergefahren.
„Wo er sonst doch so furchtbar engagiert war.“ meint Lina bitter und mit einem Ausdruck im Gesicht, der nicht guttut. „Oh, jetzt sieht er her. Ich wünschte ich wäre nicht da. Kann er nicht gehen? Wieso kann ich nicht einmal einen schönen Tag haben?“

Da nimmt Katharina sie bestimmt am Arm und nimmt sie mit, wir suchen uns einen Platz im Publikum und außerhalb des Gesichtsfeldes jenes Mannes, der zu weit vorne steht, um sich beim Beobachten der Kollegin nicht durch das Umdrehen zu verraten. Dafür aber ist er zu stolz, zumindest die meiste Zeit. Und Lina tut es gut, sie lässt sich ein, beinah fallen, genießt es mit uns den Abend zu verbringen. Es ist ein schöner Abend, und ich würde es gern wiederholen.

Als wir uns von ein paar Kollegen verabschieden, dem Sportlehrer, der armen Referendarin, blicke ich Katharina an, jene Frau, die ich sehr bewundere, mit der ich aber nur schlecht Kontakt halten kann. Ihre Fröhlichkeit überfordert mich manches Mal, und ihr sprunghaftes Verhalten ebenso. Dennoch, sie ist toll, und ich mag sie, das merke ich an diesem Freitag wieder.
Neben mir tippelt Lina von einem auf den anderen Fuß, als die Wagenlichter der anderen verschwunden sind, ihr ist irgendwas in die Glieder gefahren, sie hält mich am Arm. Wir stehen auf dem Weg zum vorderen Lehrerparkplatz, hier haben nur zwanzig Wagen Platz, deshalb wurde neben der Schule noch ein weiterer Parkplatz gebaut. Von hier aus sieht man ihn nicht, er ist ein wenig weiter weg und man muss über den großen Schulhof laufen.
Neben mir ist Lina noch immer aufgeregt, ich mustere erst sie, dann Katharina, wie sie in die Dunkelheit starren. Die Lampen sind längst erloschen, niemand ist in der Nähe außer den Gästen des Wettbewerbs. Und wir sind die letzten, wie man es gewohnt ist blieben die Lehrer noch bis zum Ende, warteten, dass alles abgebaut wurde. Nur der Hausmeister ist noch da, der letzte macht das Licht aus.

„Mein Ex steht an der Ecke dort vorne.“ flüstert sie uns zu, dabei ist es nicht notwendig, er würde uns nicht hören. Ich nicke langsam, auch wenn ich ihn von hier aus nicht erkennen kann. Sein Gesicht habe ich mir eh nicht eingeprägt, und die ausgebeulte Jacke in der Kombination mit der Jeanshose ist auch nicht gerade ein Blickfang.
Lina bittet darum sie zu ihrem Wagen zu begleiten, und ich stimme ihr zu, wir bringen sie dorthin. Ich hatte noch nie Angst in der Dunkelheit, das kommt mir jetzt zugute, sie ist unsicher, wirkt fahrig. Es wundert mich sie so zu sehen, und Katharina redet mit sanfter Stimme auf sie ein. Dann macht sie etwas, das kaum erwähnenswert ist, aber mir in diesem Moment einen Stich versetzt.
Katharina nimmt Linas Hand in die ihre und drückt sie und lässt sie nicht mehr los.

Die Angst vor dem Exfreund verklingt, als wir an ihrem Auto stehen bleiben, nimmt sie mich in den Arm, dann die Kollegin. Sie verabschiedet sich und fährt, neben Katharina stehend blicke ich auch ihr nach. Zeit hat heute wenig Bedeutung.
„Ich wünschte ich könnte mehr für sie tun als nur das, weißt du?“ vertraut mir die blonde Frau an, als wir den Weg zurück zum anderen Parkplatz gehen, wieder über den im tiefsten Schwarz daliegenden Schulhof. Meine Schuhe machen ein die Stille zerfetzendes Geräusch auf den Steinen.
„Wenn ich ihm irgendwann mal alleine begegne, wird er für alles büßen. Für jede Grausamkeit, die er ihr angetan hat, für jedes Wort, für jede Gewalt. Ich würde mich rächen. Für jedes verdammte Mal, dass er seine verfluchte Hand gegen sie erhoben hat.“

Auch wir verabschieden uns, verlassen gemeinsam den Lehrerparkplatz in unterschiedliche Richtungen. Nur komme ich nicht weit, schon zwei Straßen weiter muss ich anhalten und mich beruhigen.

Irgendetwas haben die beiden Frauen in dieser Nacht in mir bewegt.

Es grüßt verhalten
Frau Falke

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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10 Antworten zu Vertraulich

  1. Jürgen schreibt:

    Was wurde bewegt?
    Hat es mit eigenen Erfahrungen zu tun? Mit dem Ende des letzten Kollegengesprächs?
    Mit der Frage des Freunds?

    • Frau Falke schreibt:

      Ich habe bewusst nur >irgendetwas< geschrieben, denn ich kann es selbst nicht benennen. Vielleicht war es bloß die Sache mit meinen Kollegen, und ausschlaggebend für das gestern. Oder es ist mehr, so fühlt es sich an.
      Oder ich weiß es. Und will es nur nicht sagen. Wie du weißt brauche ich ein wenig länger, bis ich mich selbst erkennen kann.

  2. Nadine schreibt:

    Ich kann Katharina verstehen. Ginge mir genau so, wenn einer seine Hand gegen eine meiner Freundinnen erheben würde. Allerdings geht es mir auch nicht anders, wenn ich weder Frau noch Mann kenne, und er ein gewalttätiges Arschgesicht ist. Weil sowas kann ich ja mal gar nicht leiden.

  3. ullli23 schreibt:

    Welche Band hat denn nun eigentlich gewonnen? 😉

    • Frau Falke schreibt:

      Die Sieger aus dem letzten Jahr… Gab einen riesigen Eklat, da sie nicht gewinnen wollten und somit sehr überheblich den Preis annahmen. Das Publikum stand dann aus Protest schon auf, als der Siegersong gespielt wurde, die anderen Teilnehmer haben Terror gemacht, die Hälfte der Siegerband feierte, die andere weinte. Irgendwie taten mir die Jungs schon Leid…

      • ullli23 schreibt:

        Hmm, wenn sie nicht gewinnen wollten, hätten sie den Preis einfach ablehnen sollen… Hoffentlich war es dem „Bohlen“ der Jury wenigstens peinlich.

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