Dieses Leben


Ich liebe dieses Leben,
Ich liebe den Moment in den man fällt,
Ich liebe dieses Leben,
Ich liebe diesen Tag, Ich liebe diese Welt.
Ich liebe dieses Leben…

-Juli

 

 

Mein vom Arzt verschriebener erster freier Tag ist, wenn ich ihn heute Revue passieren lasse, wunderschön gewesen. Auch wenn ich nichts Großartiges gemacht habe, hatte ich lauter tolle Augenblicke. Ich habe mich mit Benjamin getroffen, der von seinem Ferienhaus und dem Einrichten sprach, mit Felizitas telefoniert, die nur über ihre neusten Einkäufe geredet hat, habe mit einer Freundin gemailt, die ich lange nicht mehr gesehen habe, und eine Postkarte an meinen Bruder geschrieben, der sich letztens beschwerte, ihm würde die gute altmodische Post fehlen.

Während ich all das tat waren meine Gedanken nicht ein einziges Mal bei der Schule, nicht bei meinen Schülern, den Kollegen, dem Direktor. Und es war befreiend, wie ich feststellte, den Tag zu verplanen nach meinen Wünschen und Bedürfnissen, nicht nach dem, was das Gymnasium von mir fordert, ob nun als Lehrkraft an sich oder als der Mensch, der ich bin.

Ihr hattet wohl Recht, ihr alle, die mich warnten es nicht zu übertreiben, die mir rieten auf mich aufzupassen, die schon kommen sahen, was folgte. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht zu sagen, warum ich es nicht einfach akzeptieren konnte. Warum ich mich geweigert habe anzuerkennen, dass ich mir zu viel abverlange. Vielleicht, weil es ja nie viel war, sondern immer mehr wurde. Wenn man so im Geschehen drin ist, verliert man den Blick dafür, was normal ist und was nicht.
Sicherlich werde ich mich nicht sofort komplett ändern können, aber es ist schon mal gut, dass ich beginne es anzuerkennen. Ich brauche einen Ausgleich. Und ich kann nicht alles machen. Ich bin ja auch nicht allein, die anderen Kollegen sind da, sie können ebenfalls Aufgaben übernehmen, helfen, schlichten, eben dasein.

Morgen bin ich noch krankgeschrieben, also werde ich lange schlafen, gemütlich frühstücken und dann einen Spaziergang machen. Es wird Frühling, man merkt es in jedem Winkel, jeder Ecke. Es ist so schön.

Abends kommen Freunde, die nichts mit der Schule zu tun haben, andere Themen,  Abwechslung. Am Donnerstag besuchen mich die Mädels, wir haben das S-Wort für diese Zeit verboten. Vielleicht tut es den anderen auch mal gut davon wegzukommen. Dann endlich, am Freitag, fahre ich zu meinen Eltern, ein Wochenende entspannen. Gegen Abend Musik in kleiner Runde, am Samstagnachmittag ein Konzert der Band aus unserer Straße, nichts Aufregendes. Und am Sonntag dann Spargelessen, vielleicht sogar mit meinem Bruder. Darauf freue ich mich, ja. Ich glaube diese Woche wird richtig gut. Richtig, richtig gut. 🙂 

Ich danke euch für all die lieben Wünsche und auch für die mahnenden Worte.

Es grüßt ganz lieb
eure Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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19 Antworten zu Dieses Leben

  1. sunshinemuffin schreibt:

    Es ist so schön, dass von dir zu lesen 🙂

  2. Inch schreibt:

    Das klingt nach einem ganz großartigen Plan!

  3. Sebastian schreibt:

    Eines der größten Probleme unseres Berufes ist, dass schon „Dienst nach Vorschrift“, natürlich teilweise abhängig davon, welche Fächer man hat, einen Arbeitstag komplett ausfüllt.

    Damit geben diejenigen, die eine Idee von „guter Schule“ haben, sich aber nicht zufrieden. Dann geht man her und macht ganz viele Dinge, die zu einer „guten Schule“ und zu „Schule als Lebensraum“ und „Schule als Wohlfühlraum“ dazu gehören: Man bietet AGs an, für die man keine Entlastung bekommt, man veranschlagt Sonderproben mit Chor und Orchester, weil das Konzert nächste Woche ja gut werden soll, man organisiert Schulfeste, bereitet etwas für den Tag der offenen Tür vor, plant Klassenpartys und Kurstreffen, engagiert sich in der Steuergruppe und lässt sich in die Schulkonferenz wählen, man geht zum Elternstammtisch der eigenen Klasse, trifft sich mit den schwächeren Schülern eines Kurses in der nullten Stunde oder in den Ferien, übernimmt einen Kurs der krebskranken Kollegin, stellt fest, dass dort viel Fachwissen fehlt und setzt noch einmal zwei Nachmittage extra an, man macht 30 Minuten länger Elternsprechtag als vorgesehen (und als alle anderen), weil man die 5 Minuten Sprechzeit, die das System vorgibt, als ungenügend betrachtet und die Eltern wertschätzen möchte, etc. Ich denke, jeder, der in der Schule ist kann hier nach Belieben noch Dinge ergänzen.

    Und dann kommt man nach Hause und kann immer etwas tun. Selbst wenn der eigentliche Unterricht für morgen schon geplant sein sollte: Es gibt immer ein Arbeitsblatt zu überarbeiten, eine durchgeführte Stunde noch einmal zu überdenken, ein Elterngespräch zu führen, Lieder für den Chor herauszusuchen, darüber nachzudenken, warum die 9er immer so nölig sind, Förderpläne zu schreiben, Curricula zu überarbeiten, Instrumente zu bestellen, die Fachschaftskollegen zur Nutzung des Moodle zu bewegen oder, oder, oder.

    All das tun die „guten Lehrer“, die „eine Idee“ haben, immer mit dem Gedanken daran, ein guter Lehrer zu sein und die Schule, an der man ist, zu einer guten Schule zu machen.

    Leider vergisst man dabei all zu leicht, dass man selbst auch noch Mensch ist. Dass eine Stunde auch mal ohne perfektes Arbeitsblatt laufen kann. Dass es okay ist, wenn man mal(!) schlecht vorbereitet in den Unterricht geht. Dass man dann nicht automatisch gleich ein schlechter Lehrer oder ein schlechter Mensch ist.

    Leider gibt es im System Schule zwei Dinge zu wenig:
    1. Ein Rückmelde- und Wertschätzungssystem. Irgendwen der klar und deutlich sagt: „Das hast Du gut gemacht, vielen Dank dafür, das war nicht selbstverständlich“. In den meisten Fällen kannst Du Dir den Ar*ch noch so aufreißen, am Ende steht kaum jemand, der Dir einfach mal „Danke“ dafür sagt. Vielleicht findest Du das Arbeitsblatt, das Du nachts noch so schön gestaltet hast auch zwei, drei Tage später in einem anderen Klassenraum wieder, beschmiert mit Lateinvokabeln für den Lateintest.

    2. Ein Warnsystem. Irgendwen, der dafür sorgt, klipp und klar zu sagen, dass es jetzt auch mal gut ist. Dass man bei aller Liebe und allem Zeitdruck nicht um 0:30 Uhr noch korrigieren muss und dass ein Wochenende auch mal ein Wochenende sein darf (OHNE schlechtes Gewissen). Weil ein guter Lehrer auch jemand ist, der entspannt ist und mit Freude an seinen Job gehen kann.

    Leider ist das System Schule so wie es derzeit ist darauf ausgelegt, motivierten Kolleginnen und Kollegen das allerletzte bisschen an Energie zu entziehen, ohne dafür irgendwelche Gegenleistungen zu erbringen. Wir sind hier zu Hause gleich zwei Lehrer. Zum Glück schaffen wir es, uns hin und wieder gegenseitig auf die Finger zu hauen und zu sagen: „Jetzt lass das mal sein und komm lieber mit raus.“ Das ist ganz wichtig. Sonst produziert Schule einen ausgebrannten, alkoholsüchtigen und/oder zynischen Kollegen nach dem nächsten.

    Ich mag das Wort „Burnout“ nicht, weil es im Schulkontext genau so inflationär benutzt wird wir „ADHS“ oder „hochbegabt“, aber vor einigen Wochen hatte ich eine „Burnoutpräventionsfortbildung“. Viel mitzunehmen gab es (wie ja so häufig) nicht, hängen geblieben ist die 80:20 Regel (http://www.das-burnout-syndrom.de/content/3/12/de/perfektionismus.html). Ich finde, das hilft. Sich einfach mal einzugestehen, dass 80% auch reichen. Mein erster Schritt dazu war schon vor ca. zwei Jahren: Ich renne nicht mehr in der Schule. Egal, was ich vergessen habe, wie viele Minuten ich bedingt durch Besprechungen oder Telefonate eh schon zu spät zu meinen 12ern komme. Ich renne nicht mehr. Hilft.

    Von daher: Ruh Dich aus, tanke Kraft und schau, dass Du Dich nicht vom System Schule auffressen lässt!

    • Frau Falke schreibt:

      Zu aller erst einmal hast du Recht, natürlich. Alles, was du aufzählst, kenne ich ebenfalls gut, und auch einige andere Sachen könnte ich hinzufügen.
      Letztlich ist es nur sehr schwer sich von dem zu lösen, das man sich vorstellt, von diesem Wunschtraum, dass alles machbar sei und man die Schule angenehm machen könnte. :/
      Dass ihr euch gegenseitig darauf aufmerksam macht nicht zu übertreiben finde ich sehr löblich und sinnvoll. Wahrscheinlich ist es auch das ein wenig, was mir fehlt. Jemand, der mir gegenüber sitzt und mich ab und zu mal durchschüttelt.

  4. frl_wunder schreibt:

    gut zu lesen, dass es wieder bergauf zu gehen scheint. Nutzen Sie die nächsten Tage 😉

    Und das „Juli“-Zitat gefällt mir 🙂 eine meiner Lieblingsbands 😀

    • frl_wunder schreibt:

      noch ein kleiner „Anhang“, fiel mir grad so ein, wenn wir schon bei Juli sind…:

      Auch wenn mich tausend Sorgen quälen
      und sie mich nach unten ziehen
      Es ist besser loszulassen
      als daran kaputt zu gehen
      Ich nehme was mir Angst macht
      und ich schreibe es auf Papier
      Ich zünde es an und lass es brennen
      Ich lass es hinter mir

      😉

    • Frau Falke schreibt:

      Mir geht es wieder besser, und ich bin sehr froh drum. Ich muss nur noch dafür sorgen, dass ich ab jetzt wirklich ein wenig mehr auf mich achte.

  5. Jürgen schreibt:

    Nicht nur ein paar Tage ausspannen, Frau Falke.
    Ein paar Wochen.
    Es grüßt herzlich Jürgen.

  6. Nadine schreibt:

    Ich würde vorschlagen, dass Du Dir bewusst Ruhezeiten in den Terminkalender schreibst, und diese dann auch einhältst! Das versuche ich zur Zeit auch. Das Einplanen funktioniert schon mal ganz gut,… Vielleicht ist diese Strategie auch was für Dich?

  7. rueckenpatientin schreibt:

    Ich hoffe, du konntest dich ein wenig erholen und die Schule mal Schule sein lassen.
    Spargel essen bei der Mama ist sowieso immer schön und wenn man dazu noch Ostseeluft schnuppern kann, dann ist die Erholung nahezu perfekt 🙂

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