Ohnmacht

Montage sind lang, deshalb nutze ich meine Freistunden am Nachmittag um schulische sowie private Mails zu beantworten und lasse mich hinreißen auch den heutigen Artikel zu schreiben. Der Computerraum, in den ich mich zurückgezogen habe, ist leer, und schon bei den letzten Zeilen merke ich, dass ich nicht mehr ordentlich sehen kann. Während ich der Computer herunter fährt, fällt mir auf, dass mir schlecht ist, doch da ich genug gegessen und getrunken habe, schiebe ich den Gedanken beiseite.
Ein Fehler, wie sich herausstellt, als ich mich erhebe- denn kaum habe ich mich erhoben, wird alles schwarz.

Ich erwache auf dem Fußboden liegend, meine Fingerspitzen sind taub. Der Versuch aufzustehen missglückt, erneut verliere ich das Bewusstsein. Noch zwei weitere Male versuche ich es, dann gebe ich auf.
Ohne mich zu erheben taste ich das Handy aus meiner Tasche und überlege, wen ich anrufen könnte. Doch mir fällt niemand ein, der erreichbar wäre und keinen Aufstand machen würde. Das wird schon wieder, gleich, ganz bestimmt, sage ich mir. Eigentlich bin ich mir dessen auch sicher. Eigentlich. Oder?

Als ich dort liege, fühle ich mich plötzlich ganz einsam. Gerade so, als sei die Zeit stehen geblieben, rührt sich nichts um mich herum. Meine Pläne sind auf Eis, alles, das ich wollte und müsste.
Ich mache etwas Merkwürdiges: Ich twittere. Vielleicht ist es komisch in einer solchen Situation, aber mir hilft es. Kontakt mit jemandem zu haben, ohne Gefahr zu laufen, dass in ein paar Minuten das halbe Kollegium vor mir steht, beruhigt. Ich will kein Gerede, schon gar nicht nach der Geschichte mit Kerstin Berit.
Frl. Rot ist für mich da, ist meine Stimme der Vernunft, sie lässt keine Ausreden gelten. Wenn sie mir ins Gewissen redet, ich solle das Ganze nicht auf die leichte Schulter nehmen, das sei nicht lustig, kann ich meinen vorgeschobenen Galgenhumor vergessen. Und in dem Moment, in dem ich aufhöre kindisch zu sein und dumm, merke ich, dass es schon ernst ist. Immerhin liege ich in der Schule auf dem Boden und kann nicht aufstehen. Klar, ich bin ansprechbar, kann mich artikulieren, solange ich mich nicht erhebe, geht es mir gut.

Aber dennoch: Ich liege in der Schule auf dem Boden und kann nicht aufstehen.

Recht hat sie allemal, sage ich ihr und mir, und gebe mir einen Ruck. Der Hausmeister, den ich anrufe und von dem ich mir Hilfe erbitte, braucht keine fünf Minuten. Zumindest spricht er erst einmal mit mir, anstatt gleich den Krankenwagen zu rufen, wie ich befürchtet hatte. Wobei es sinnvoll gewesen wäre, im Nachhinein.

Mit seiner Hilfe versuche ich aufzustehen, schaffe es aber nicht. Hingelegt zu werden ist besser als zu fallen.
Wir versuchen es drei Mal, dann reicht es ihm. Ich fühle mich klein, hilflos, es ist unangenehm so verletzlich zu sein. Ich hasse das.
 Dann schultert er meine Tasche und nimmt mich hoch. Er ist Ruderer, erklärt er mir seine starken Arme, und bei meinem Gewicht sei das eh kein Problem. Letzteres finde ich nicht so prickelnd, weil ich wieder an Kerstin denken muss. Ich habe als Teenager lange genug dafür kämpfen müssen nicht in diese Schublade gesteckt zu werden, und ich möchte nicht, dass sich das wiederholt.

Es ist drei Uhr, der Flur sollte leer sein. Doch bei meinem Glück kommen uns natürlich prompt Schüler entgegen, die ich unterrichte. Ich schließe die Augen und die Jugendlichen sagen erst einmal nichts, wofür ich dankbar bin. Das wird sicher noch folgen.

Im Lehrerzimmer setzt mich der Hausmeister ab und bittet Daina mir ein Glas Wasser zu bringen. Emely zieht sich einen Stuhl heran und mustert mich, während ihr erzählt wird, was los ist. Sarah schlägt vor dem Direktor Bescheid zu sagen, Herr Helfrich will mich nach Hause schicken. Frau Lindmahd berichtet, dass „meine Kinner“ draußen vor der Tür stehen, Frau Prosch lässt sogleich verlauten, sie würde sich darum kümmern und ist bald darauf zurück. Ich mache drei Kreuze, dass die meisten schon gegangen sind, auch… Egal. 

Direktor Jochender kommt hinzu und wirft einen Blick auf mich. Er lasse den Vertretungsplan gerade ändern. Dann geht er wieder.
Conny folgt ihm mit zu einem vor Missbilligung zu einem Strich verzogenen Mund, fast könnte er mir Leid tun, denn noch bevor die Tür zufällt, beginnt sie damit auf ihn einzureden.

Ich fühle mich physisch nicht besser und psychisch auch nicht auf der Höhe, und als die anderen beschließen mich nach Hause zu bringen, protestiere ich nicht. Autofahren wäre sicher keine gute Idee, das stimmt, außerdem habe ich Kopfschmerzen.
Leslie erklärt sich bereit mich zu fahren, nachdem wir ausprobiert haben, ob ich aufstehen kann, und als mir dies abermals misslingt, verliere ich mein Stimmrecht. Man packt meine Sachen, man trägt mich zum Auto, man fährt mich ins Krankenhaus.

Zweieinhalb Stunden später bin ich um etwas Blut ärmer und einen Tropf reicher und werde mit der Anweisung auf mich aufzupassen nach Hause geschickt. Bis die Ergebnisse vorliegen soll ich langsam machen. Was auch immer das in meinem Fall heißt, schließlich habe ich ja nicht viel getan.

Zuhause esse ich zu Abend und lege mich auf die Couch. Ausruhen soll ich mich, darauf achten regelmäßig zu essen und zu trinken. Kurz schließe ich die Augen, ich bin müde. Das Telefon klingelt, Felizitas ist dran. Ob ich das von Megan gehört habe.
Ich kann nicht mehr. Zumindest nicht heute.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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30 Antworten zu Ohnmacht

  1. pausenkaffee schreibt:

    Meine Güte. Was machst du denn für Sachen? Ich mach mir sorgen um dich. Nur, damit du es weißt. Pass auf dich auf, ja?

    • Frau Falke schreibt:

      Keine Ahnung, warum ich sowas mache. Kann ich mir auch nicht erklären. :/
      Aber ich hoffe, dass es das erstmal war, und werde noch mehr auf mich achten, falls das geht.

  2. michael schreibt:

    Dann gute Besserung erst mal und vielleicht mal darüber nachdenken, die Schule zu wechslen.

  3. michael schreibt:

    >… soll ich langsam machen. Was auch immer das in meinem Fall heißt, schließlich habe ich ja nicht viel getan.

    Dann heisst es wohl: Sie sollen Ihre psychische Belastung runterschrauben.

  4. Inch schreibt:

    Oh, was für ein Schreck. Ich mag mir gar nicht vorstellen… Ruh Dich bloß ordentlich aus und werde ganz gesund. Schule und Schüler kommen ein paar Tage auch ohne Dich aus

  5. gotsassaufeinemast schreibt:

    Da wird man ja richtig besorgt um Sie, Frau Fallke. Ich wünsche Ihnen eine schnelle Genesung und hoffe, dass sie bald wieder fit sind.

  6. PMK74 schreibt:

    Erst mal gute Besserung.

    Mir fallen dazu einige Stichworte ein…
    – Noch mehr Stress vermeiden – kam ja vieles zusammen in letzter Zeit… ggf. auch mal NEIN sagen, wenn wieder ein(e) KollegIn psychischen Ballast bei Ihnen abladen will. Oder statt eines mehrseitigen Blogeintrages einfach mal die Füße hochlegen.
    – Mal einen Wellnesstag einlegen?
    – Für einen außerschulischen Ausgleich sorgen – das Thema Hobby gab es ja letztens schon mal. Sport baut Stresshormone ab… 😉 Und in SH gibt es doch bestimmt auch Sportclubs. *überdieelberüberschau*
    – oder… Schwanger? 😉

    • Frau Falke schreibt:

      Danke für den Wunsch. :]
      Den Stress versuche ich ab heute wirklich ein wenig herunterzufahren, auch wenn akut ja nichts los war. Vielleicht aber stimmt es und ich schleppe einfach noch zu viel mit. Ein Wellnesstag klingt sehr gut, ich sollte das vielleicht mal am Wochenende machen.
      Der schulische AUsgleich- ja. JA.

  7. Nele Abels schreibt:

    Gute Güte! Das hört sich ja dramatisch an. Ich hätte wahrscheinlich den Rettungswagen gerufen – für mich, wenn es mir selbst passiert wäre, aber genauso für Kollegen.

    Gute Besserung auf jeden Fall – nimm das Zeichen bloß ernst! In den 10 Jahren, in denen ich im Beruf bin, haben wir schon mehr als einen Kollegen zu Grabe getragen…

    • Frau Falke schreibt:

      Im Nachhinein wäre es sinnvoll gewesen, ja. Aber ich habe mich sehr vehement dagegen gewehrt, ich wollte das auf keinen Fall. Sicherlich war das nicht besonders klug von mir. :/
      Danke für die Besserungswünsche, heute habe ich mal langsam gemacht und es hat schon sehr geholfen, morgen bin ich krankgeschrieben, da erhole ich mich.

  8. Nele Abels schreibt:

    P.S. Euer Direktor ist ja wohl ein Arsch! 😦

  9. klatschmohnrot schreibt:

    Pass gut auf dich auf, niemand ist wichtiger als du es dir selbst sein solltest!

    Alles Gute
    Regina

  10. frl_wunder schreibt:

    oh oh, das klingt ja gar nicht gut. Irgendwie trifft es auch immer die, die es am wenigsten „verdient“ haben…
    Aber nach all dem, was in den letzten Wochen so passiert ist, wundert mich das ehrlich gesagt nicht. Vielleicht wäre ein bisschen Abstand mal ganz gut, auch wenn das immer leichter gesagt als getan ist.

    Passen Sie auf sich auf! *eine große Portion seelische Stärke, Durchhaltevermögen und Schokolade mitschick*

    • Frau Falke schreibt:

      Herzlichen Dank für die Schokolade, meinen Seelentröster, die mentale Stärke und das Durchhaltevermögen. Mir war es ehrlich gesagt nicht so bewusst wie all meinen Lesern, dass es absehbar war, dass ich nicht mehr kann. Der heutige Tag hat mir gezeigt, dass ich etwas an meiner Einstellung ändern muss. Abstand zur Schule schaffen, so wie ihr es mir alle schon die ganze Zeit sagt.

  11. hauptschulblue1 schreibt:

    Oh Gott.
    An Michaels Statement ist was dran.
    Aber kommen Sie erst mal wieder auf die Füße, von allein.
    Und Körper und Seele anschauen lassen.
    Ich drück die Daumen.

    • Frau Falke schreibt:

      Die Ergebnisse bekomme ich am Donnerstag, einen Termin mit der Schulpsychologin hat man mir auch schon angeraten und die nächsten Tage werde ich versuchen mich auszuruhen. Dass ich endlich Abstand zur Schule herstellen muss, ist mir nun auch bewusst geworden. Ich hoffe, ich kriege das hin.
      Vielen Dank.

  12. Das klingt aber gar nicht gut 😦
    Einmal morgens umkippen weil man schlecht geschlafen/ nichts gegessen oder getrunken hat ist bestimmt vielen (auch mir öfters) schon mal passiert, aber danach fängt man sich ja eigentlich, ich zumindest, schnell wieder, also nach kurzem Liegen und was trinken.
    Ich wünsche Ihnen wirklich, das etwas harmloses dahinter steckt.
    Gute und schnelle Besserung! 🙂

    Gruß vom Monsterchen 🙂
    *GroßenGenesungskeksausderCookiemonsterkeksdoserüberschieb* (Hilft ganz bestimmt 😉 )

    • Frau Falke schreibt:

      Vielen Dank für den GroßenGenesungskeksausderCookiemonsterkeksdose und die Besserungswünsche.
      Ich hoffe ebenfalls, dass es nichts Ernstes ist und ich mich alsbald fange, denn wie du richtig sagst, ist das nicht normal.

  13. Nicole schreibt:

    Hmm also erst einmal hoffe ich, dass es nun wieder besser ist? und außerdem sollten Sie sich mal gründlich durchchecken lassen! (Sollte das nicht schon geschehen sein) Und obwohl ich es wirklich toll finde, dass sie nun auch noch Mentorin werden müssen Sie auch noch ein bisschen an sich selbst denken:) Schließlich möchten wir ja noch viel von ihnen lesen, liebe Frau Falke!:)

    • Frau Falke schreibt:

      Im Krankenhaus war ich, die ersten Ergebnisse gibt es Donnerstag. Dass es dann sicherlich noch weitergeht, stelle ich mal nicht zur Debatte. 😉
      Ansonsten vielen Dank, ich hoffe sehr, dass ich einen Weg finde mit allem umzugehen und auch für mich Zeit zu finden.

  14. Nadine schreibt:

    Gute Besserung!

  15. rueckenpatientin schreibt:

    Ich hoffe, es geht dir inzwischen etwas besser…
    Jag mir bitte nicht nochmal so einen Schrecken ein! Genau so ist das nämlich damals bei mir auch passiert. Leider bin ich so blöd gestürzt, dass ich mir den Wirbel zertrümmert habe.
    Aber mal ´ne andere Frage: Wir kommt man in so einer Situation dazu, irgendwas zu twittern?

    • Frau Falke schreibt:

      Dich zu erschrecken war nicht mit Anliegen, und glücklicher Weise bin ich ja auch nirgendwo gegen gefallen oder habe mir sonstwie wehgetan. Dass das nicht selbstverständlich ist, weiß ich natürlich auch. :/
      Die Sache mit dem Twittern liest sich lustiger, als sie ist. Eigentlich war es pure Angst. Es war die Tatsache, dass ich absolut klar war, aber überhaupt nicht aufstehen konnte. Dass ich da lag und meinen Geist, aber nicht meinen Körper unter Kontrolle hatte.
      Ich wollte einfach niemanden aus meiner Schule dazurufen, ich hatte gehofft, das geht ohne großes Aufsehen. Da war Twitter irgendwie gut, jemand, der da ist, aber nicht eingreifen kann.
      Das war im Nachhinein auch blöd von mir, sicher, aber ich hatte gleich zwei Ängste: Jene allein zu sein und die, dass alle mitbekommen, dass etwas bei mir nicht stimmt. Und wenn man ehrlich ist: Die Vergleiche mit Kerstin, die Kommentare über mein Gewicht und ein paar andere Dinge habe ich ja als Quittung nachher bekommen…

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