Mentorin werden…

...ist nicht schwer.

 

 

Als ich heute vor der zweiten Stunde noch schnell ein paar Kopien machen wollte (wobei sich die Worte „schnell“ und „Kopien“ ja eigentlich schon aus Prinzip gegenseitig ausschließen), bat mich Direktor Jochender in sein Büro. Nett forderte er mich auf mich doch zu setzen und wartete mit sanftmütigem Blick, bis ich dieser Aufforderung nachkam.
Ich fühle mich nicht so wirklich wohl im Büro des Direktors, denn ich weiß, dass etwas kommen wird. Er interessiert sich nicht für die Problemen seiner Lehrer, darum kann es also nicht gehen. Und seit der Sache mit Sarah halten wir uns alle sehr zurück, was das offene Gespräch angeht. Die Tatsache, dass man in diesem Raum sitzt, versucht einem vorzugaukeln, das man behütet wäre, ein Blick auf den Mann jedoch genügt um zu wissen, wie die Realität aussieht.

 

„Nun, Frau Falke, der Grund, warum ich Sie hergebeten habe, ist, dass ich Sie fragen möchte, ob Sie Mentorin werden wollen.“ Er sieht mich fest an, was mir nicht gerade hilft.
„Mentorin?“ echoe ich demnach erst einmal und versuche die tausenden Fragen in meinem Kopf zu ignorieren.
Mentorin? Ich? Ich meine, ich bin doch froh, wenn mein Unterricht mal klappt. Da kann ich nicht mit der Aufgabe betreut werden, die Verantwortung für einen Referendaren zu übernehmen!
Ich müsste dafür eine außergewöhnliche Fachkompetenz aufweisen, gut im Organisieren sein, ich müsste lenken, planen und motivieren und in Beratungsgesprächen genaue Unterrichtsanalysen durchführen können.
„Das wäre eine große Verantwortung einem jungen Menschen gegenüber, den ich durch seine Anfangszeit begleiten müsste,  das wäre eine riesengroße Verantwortung dieser werdenden Lehrkraft gegenüber und,“
Ich beiße mir auf die Unterlippe und schüttele den Kopf.
„Ich weiß nicht, ob ich so einer Aufgabe gewachsen bin.“

 

Herr Jochender stützt sich auf seinen Unterarmen auf. „Sehen Sie, wenn ich einen Zweifel daran hätte, dass es richtig ist Sie mit einer solchen Aufgabe zu betreuen, dann hätte ich nicht zugestimmt Sie zu fragen.“
Ich fühle mich unwohl, zupfe an einer Haarsträhne und sehe ihn an.
„Frau Falke, ich möchte Sie keineswegs zu etwas zwingen, das Sie nicht möchten. Aber ich denke, wenn die Kollegin nach allem, was in den letzten Wochen passiert ist, Sie vorschlägt, dann bin ich es ihr schuldig, Sie wenigstens darauf anzusprechen.“

Langsam lasse ich die Luft aus meiner Lunge weichen und stützte mein Kinn auf.
„Wer ist es denn?“ erkundige ich mich, und gehe im Kopf unsere Referendare durch. Denke an Herr Polwin-Kaulwitz, den stets so bemühten Mann, der so viel machen will, dass er sich meist in seinem eigenen Konzept verzettelt. An Frau Debian, die sich immer neue Wege einfallen lässt, aber der das Fundament dazu oft zu fehlen scheint. Und an Frau Jäger, mit der ich irgendwie nur dann Kontakt habe, wenn sie sich wieder über irgendwas ärgert.
Ich wollte gerade weiter unsere Referendare durchgehen, da schüttelte der Direktor den Kopf. „Nun, es ist Frau Ullrich.“
„Megan.“ sage ich und höre, wie das aus meinem Mund klingt. Natürlich hat sie mich ausgesucht, sie hat schon seit sie hier ist das Gefühl, dass ich sie verstehen würde. Das hatte sie mir schon oft gesagt. Aber ihre Mentorin werden?

„Ich denke, dass Sie in Ruhe darüber nachdenken sollten. Es ist Ihre Entscheidung. Ich wollte nur, dass Sie Bescheid wissen, wenn Frau Ullrich Sie darauf anspricht.“ Sein Blick ist ernst.
„Sicher, ich werde darüber nachdenken, danke.“ stimme ich zu, stehe auf und gehe zur Tür.
„Oh, und Frau Falke, tun Sie mir einen Gefallen.“ wendet er sich nochmals an mich und in seinem Blick ist etwas, das mich verunsichert.
„Wenn Sie sich dagegen entscheiden, versuchen Sie ihr das sachlich beizubringen, sie ist im Moment noch sehr verletzlich.“
Ich lege die Stirn in Falten, schon die ganze Zeit schwingt etwas in seinem Reden mit, was mich verunsichert. Als würde er sich zurücknehmen, nicht alles aussprechen. Er klingt nicht nach ihm.

Plötzlich verstehe ich es, mein Magen krampft sich zusammen und es fühlt sich an, als würde ich ersticken.
„Sandra war ihre Mentorin, nicht wahr?“
Er nickt bloß.

 

Auf dem Flur treffe ich Frau Ullrich, die sich zu freuen scheint, mich zu sehen. Wir gehen zusammen in den Kopierraum, wo sie verlegen stehen bleibt. „Frau Falke, ich wollte Sie etwas fragen, also,“
Ich sehe sie an, wie sie vor mir steht, blass, fahrig, aber ein Lächeln im Gesicht, das von ihrem unbändigen schwarzen Haar gerahmt wird. Sie trägt ein Kleid in einem hellen flaschengrün, sie ist die einzige, die so etwas tragen kann, sagt Felizitas immer.
„Es geht darum, ob Sie sich vorstellen können, meine Mentorin zu werden.“ Sie wirkt angespannt und sieht mich mit großen Augen an.
„Weil ja…“ Diesen Satz wird sie nicht zu Ende sprechen.
„Ja, Herr Jochender hat mir das auch schon mitgeteilt.“
Sie umschlingt ihren Oberkörper mit den Armen. „Und? Was sagen Sie?“
„Ich wäre gern Ihre Mentorin.“

 

Ich habe es also gesagt, ich habe mir diese Verantwortung aufgebürdet. Ich habe mich bereit erklärt, diese junge Frau durch ihre Referendariatszeit zu begleiten.
Ob nun aus Mitleid, Sympathie, dem Gefühl der Hilflosigkeit oder der bloßen Tatsache heraus, dass ich mir diese Aufgabe eigentlich zutraue, durchdacht war diese Entscheidung keinesfalls.
Demnach frage ich mich eines: Kann ich eine Beziehung wie diese auf einer Lüge aufbauen? Oder, schwächer, zumindest auf einer Aussage, deren ich mir nicht sicher bin?

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Wir werden sehen, ob es klappt. Vielleicht wird es ja sogar sehr gut. Und Frau Ullrich ist ja auch eine ganz Liebe. Vielleicht kann ich das ja. Mentorin sein.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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20 Antworten zu Mentorin werden…

  1. Frl. Rot schreibt:

    Willkommen im Verein.
    Ja, man kann das.
    Und man wächst mit seinen Aufgaben.

  2. B wird Lehrerin schreibt:

    Sie sind sicher eine gute Mentorin. Manch andere sind einfach nur Mentorin. Meine haben noch nie einen Unterrichtsentwurf zum Unterrichtsbesuch durchgelesen. Eine von beiden sagt auch vor meinen normalen Stunden immer nur: „Ach Sie machen das schon“ ohne sich dafür zu interessieren was ich da eigentlich tue. Es gibt solche und solche wie Sie, die sich schon im vornherein so viele Gedanken machen. Die Verantwortung für sein Tun trägt ja der Referendar selbst, der Mentor kann aber eine gute Stütze sein, und eben ein Mentor.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich hoffe nur, dass ich die Kollegin nicht enttäusche. Und dass ich es schaffe für sie da zu sein, wenn sie mich braucht, und sie in Frieden zu lassen, wenn dies benötigt wird.

  3. frl_wunder schreibt:

    auch wenn es vielleicht keine 100%ig durchdachte Entscheidung war- ich glaube, es war trotz allem eine gute.
    So fern man das als Leser überhaupt beurteilen kann/darf/soll…

    Abwarten, wird schon 😉

    • Frau Falke schreibt:

      Mir wäre es halt wirklich lieber gewesen, wenn es eine fundierte und gut überlegte Entscheidung gewesen wäre. Aber wie sollte ich dagegen argumentieren? Vorstellen konnte ich es mir. Ich mag Megan. Und Sandras Tod… Das alles ist eben schwierig.

  4. Nadine schreibt:

    Ich persönlich glaube ja – obwohl ich Dich nicht persönlich kenne, sondern einfach aufgrund dessen, was Du hier schreibst – dass Du diese Aufgabe hervorragend meistern wirst. Eben WEIL Du Dich viel hinterfragst, kann ich das, schaff ich das, etc. werden die Anforderungen, die Du an Dich selbst stellst sehr hoch sein, und das zum Wohle Deines Schützlings.

    • Frau Falke schreibt:

      Es ist schön zu hören, dass mir solches zugetraut wird. Auch wenn man mich nur über den Blog kennt- manches Mal glaube ich, hier bin ich noch offener als im Lehrerzimmer selbst.

  5. Jürgen schreibt:

    „Und seit der Sache mit Sarah halten wir uns alle sehr zurück, was das offene Gespräch angeht.“
    Da haben Sie recht.
    Die Entscheidungen in der Schule laufen oft so. Hätten Sie das nicht gewollt, hätten Sie nein gesagt.
    Und Sie werden eine prima Mentorin, das weiß ich, obwohl ich nur den Blog kenne.
    Bekommen Sie auch eine Anrechnung dafür?

    • Frau Falke schreibt:

      Wenn ich Ihre Kommentare lese, stelle ich mir Sie vor. Ich glaube Sie würden sich in unserem Kollegium an Connys Seite stellen und dann würden Sie beide Ordnung in das alles bringen.
      Eine Anrechnung bekomme ich tatsächlich dafür. Falls das alles etwas wird.

  6. PMK74 schreibt:

    Auch ich bin der Ansicht, nach dem, was ich hier von Ihnen lese, dass Sie eine gute Mentorin sein werden. Weil Sie – nach dem, was ich von Ihnen hier gelesen habe – eben nicht nur sagen werden „Du machst das schon“, sondern der Kollegin eine wertvolle Unterstützung sein werden, da Sie sich darüber eben auch Gedanken machen.

    Ich gratuliere jedenfalls der Kollegin Ullrich zu ihrer neuen Mentorin – trotz der unglücklichen Begleitumstände.

    • Frau Falke schreibt:

      Du machst dir keine Vorstellung, wie gut mir das gerade tut. Ich hoffe die liebe Megan wird es nicht bereuen, aber nach dem, was wir schon alles durchgemacht haben… 😉

  7. Inch schreibt:

    Also ich denke auch, dass Du eine gute Mentorin wirst. Dein Blog zeigt, dass Du Dir Gedanken machst um Deinen Job, die Schüler, die Kollegen, die Schule als solches. Dass Du Dinge hinterfragst. Und welche besseren Voraussetzungen sollte es noch geben für eine Mentorschaft?

  8. gotsassaufeinemast schreibt:

    Ich wünsche Ihnen viel Erfolg (Glück wünscht man schließlich nur denen, die nichts tun..) für das „Experiment“ Mentorin. Ich bin sicher, Sie werden Ihrer Referendarin eine gute Mentorin sein und ihr helfen eine gute Lehrkraft zu werden.

  9. primimaus schreibt:

    Erstmal durchatmen! Das wird schon.
    Und vielleicht würde auch die Sichtweise helfen, dass eine Lehramtsamwärterin kein eigenes Kind ist, das bemuttert, behütet und ständig umsorgt werden muss. Du weißt doch selber sehr genau, wie das Lehrerleben funktioniert. Würde es da also helfen, einem Referendar zu viel Verantwortung abzunehmen?
    Na also.
    Ganz davon abgesehen kann es auch wirklich toll sein, Mentorin zu sein.
    Liebe Grüße,
    Frau Weh

    • Frau Falke schreibt:

      Du hast Recht, sie ist nicht meine Tochter, ich muss sie nicht durch die Schule bringen. Irgendwie lese ich diese Zeilen gern, danke.
      Es hat sich im ersten Moment nur so angefühlt, weißt du? Als hätte ich plötzlich die Verantwortung für einen ABC-Schützen, der ohne mich schutzlos dem Ganzen ausgeliefert ist. 😉

  10. rueckenpatientin schreibt:

    Ich denke, nachdem ich mal alles, was ich bisher von dir gelesen habe, Revue passieren lasse, dass du dieser Aufgabe sehr wohl gewachsen bist.
    Du wirst eine gute Mentorin sein, die zum Schluss über ihre Selbstzwiefel lachen wird!
    Ich glaube jedefalls an dich!

    • Frau Falke schreibt:

      Es ist sehr lieb, dass du an mich glaubst. Ich muss auch sagen, dass ich wohl ein wenig überreagiert habe. Aber die Frage kam so unerwartet- und es war auch nicht fair, über diese Schiene zu fahren. Mir Sandras Tod und all das ins Gedächtnis zu rufen, mir zu sagen, dass Megan noch unter Schock stand… Das alles war nicht die feine englische Art.
      Vielen Dank für deine Worte, du baust mich immer sehr auf, das ist etwas, das ich unter anderem sehr an dir schätze. 🙂

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