Mein Traum I

  

            Heute Nacht hatte ich einen Traum. Er war wundervoll.

 

Es ist morgens und ich  stehe beschwingt auf, endlich wieder Schule, Unterricht, wie sehr habe ich sie vermisst, die Schüler, die Kollegen!

Freudig mache ich mich fertig, da ich möglichst früh dort sein möchte, auch wenn keinerlei Zeitdruck auf mir lastet, denn Unterricht beginnt erst um zehn Uhr, davor sind die Schülerhirne ja sowieso nicht aufnahmebereit.

 Ich setzte mich in meinen Wagen und die Straßen sind gestreut, mein Lieblingssong läuft im Radio und als ich auf dem hinteren Parkplatz ankomme, finde ich dort sofort einen Parkplatz, weil unsere Schüler mit dem Fahrrad zur Schule kommen, da ihnen die frische Luft so gut tut.

 Auf dem Parkplatz treffe ich einen Kollegen, der mir die schwere Kiste mit dem Material abnimmt, das ich heute brauchen werde, schließlich sind die Klassen derart wohlerzogen, dass man sich mit ihnen selbst an die abgehobensten Experimente und Versuche wagen kann.

 Wir legen den toll gepflasterten und mit Blumen angelegten Weg zum Schulhaus zurück, das inmitten einer grünen Landschaft liegt.

Das Gras scheint hier grüner als sonst irgendwo, der Wald hinter den Hügeln tiefer, der Sand auf dem Volleyballfeld feiner.

Überall auf dem weitreichenden, jedoch vor neugierigen Blicken schützend verwinkelt angelegten Gelände sind Plätze, die zu den beliebtesten Sportarten einladen. Auch laden vielen kleine Orte wie der am Bachlauf, jener vor dem Gemüsegarten der Zehnten und auch der zwischen den angelegten Seerosenteichen mit Holzbänken ein zu verweilen.

Auf der Sonnenterasse stehen kleine Tische, an denen die Schüler sitzen und Hausaufgaben machen können, an denen wir Lehrer sie aber auch gern Gruppenarbeit machen lassen. Weiter hinten laden verschieden gestaffelte Stufen ein sich einen Moment auszuruhen und den Frieden zu genießen, den der von einer sechsten Klasse angelegten Steingarten ausstrahlt.

Ein wenig versteckter liegt eine runde Terrasse, die von viereckigen Sitzgelegenheiten umgeben ist. Meist sind hier die Philosophen mit ihren Klassen anzutreffen, deshalb ist in der Mitte auch die mit Sand gefüllte Aussparung.

Die Kunstlehrer sind mit ihren Schülern oft weiter nördlich auf dem Gelände, wo mitten im dunklen Moosgrün der Umgebung die Vögel darstellenden Steinskulpturen des ersten Kunstprofils stehen. Die Schüler sind längst schon gegangen und erfolgreich in ihren Berufen, die Figuren jedoch haben diese Ehrenplätze bekommen und werden seitdem immer wieder gern für die verschiedensten Zeichenaufgaben genommen.
Wenn ich Naturlyrik mit meinen Klassen durchnehme, dann muss ich dies nicht im Klassenraum machen, sondern kann mit ihnen rausgehen, denn unter freiem Himmel stehend verstehen sie sofort von was ich spreche.
Überhaupt ist es wunderschön auf dem Schulhofgelände und so wundert es keinen, dass die meiste Zeit hier draußen verbracht wird.

 Die Schüler engagieren sich in ihrer Freizeit sehr, sie sind ständig irgendwo am  schaffen, züchten Gemüse, pflegen die Pflänzlinge, kümmern sich um die Baumschule, gießen die Blumen, schneiden die Sträucher, kehren die Wege und machen auch sonst alles, was anfällt.
Wenn es Abend wird, sind sie enttäuscht nach Hause gehen zu müssen, zu sehr haben ihnen die verschiedenen Arbeitsgemeinschaften gefallen, ob nun jene, die von Lehrern ausgerichtet werden, oder die, welche Schüler leiten. Auch die Sportler müssen Schluss machen, obwohl sie es doch so genießen derart frei trainieren zu können.

Oft sitzen die Schüler deshalb abends noch zusammen und planen die verschiedensten Aktivitäten, mal veranstalten sie einen Kinoabend auf einer riesigen Leinwand, anderntags eine Tanznacht unter dem Sternenhimmel, dann wiederum eine gemütliche Runde am Lagerfeuer.

Mindestens einmal in der Woche sieht man eine Gruppe Schüler, irgendeine Arbeitsgemeinschaft oder eine Klasse, miteinander über den Hof schleichen, die dann Eindrücke der Natur in der Nacht sammeln will, die Tiere im Bioteich erforschen, Fotographien des Sonnenaufgangs machen oder für ein Hörspiel die Geräusche des schlafenden Waldes aufzunehmen planen.

Wir betreten das strahlende Schulgebäude, dessen Mauern warm und einladend sind und dessen bodenhohe Fenster soviel Licht einlassen, dass es nie dunkel ist. Die Gänge sind demnach hell erleuchtet, auch wenn die Lampen nur durch einen Bewegungsmelder angehen, damit der Strom, den wir aus den Solaranlagen auf unserem Dach beziehen, nicht verschwendet wird. Die Wände sind in angenehmen Farben gestrichen, hier ein helles Grün, dort ein schmeichelndes Orange, das Petrolblau ist akzentuierend eingesetzt, das Gelb sonnig, aber nicht aufdringlich. Die Flure sind bebildert mit den Werken vergangener und jetziger Schülergenerationen, neben Ausstellungskästen mit Skulpturen stehen Pflanzen, für welche die Klassen Patenschaften übernommen haben und um deren Pflege sie sich hervorragend kümmern.

 Das Lehrerzimmer wird durch einen offenen Flur begehbar, der uns ein wenig Privatsphäre gönnt, und schon als wir es betreten merke ich, dass dieses Lehrerzimmer sich von allen anderen auf dieser Welt unterscheidet.

Die gesamte Front besteht aus Fenstern, eine offene Tür führt nach draußen auf eine beeindruckende Terrasse. Der Raum selbst ist durch hübsche Trennwände in kleine Separates unterteilt, große, ausladende Tische sind mit Stühlen bestückt, die einem keine Rückenschmerzen bereiten. Weiter hinten ist eine offene Küchenzeile, in der mehrere Kaffeemaschinen glänzen, davor stehen mehrere Couches und bei den niedrigen Tischchen befinden sich auch gemütliche Sessel. Weiter links, dort, wo das Sonnenlicht quer herein fällt in den mit Parkettboden ausgelegten Raum, befinden sich Schreibtische, an denen gearbeitet werden kann. Auch Laptops stehen bereit, um an ihnen Unterricht vorzubereiten, und können mit nach draußen genommen werden, wo in entspannter Atmosphäre und zum Rauschen der Kirschbäume schon die ein oder andere Besprechung ihren zufriedenstellenden Ausgang fand.

 Eine breite Wendeltreppe führt nach oben in die Galerie, von der aus man einen atemberaubenden Blick nach draußen hat. Die Lehrerbibliothek ist direkt angegliedert, ihre Auswahl so groß und weit gefächert, dass wir unsere Lieblingsbücher auf der Galerie im offenen Wandschrank haben. Die Galerie ist mit ihren Pflanzen und Bildern einladend, die runden Tische laden zu Gesprächen unter vier Augen oder Kleingruppen ein, man ist unter sich.

 Der Kopierraum befindet sich im Erdgeschoss, doch ein Kopierer für Notfälle steht in der Lehrerbibliothek und ermöglicht auch eine schnelle Kopie zwischendurch.
Der Raum selbst ist zweigeteilt, auf der einen Seite stehen in den Regalen die Kopiervorlagen und ausgezeichnete Unterrichtsvorbereitungen, welche die Lehrer gern mit ihren Kollegen teilen. Die Regale sind voll mit Ordnern, Heftern und Büchern, alle sortiert nach Themen und Klassenstufen, manche mit Post-Its versehen, die persönliche Anmerkungen erhalten.
Auf der anderen Seite stehen in den Regalfächern Druckerpapierstapel in weiß und in bunt, Folien, Klarsichtshüllen.
Die Arbeitsfläche ist aufgeräumt, auch wenn man ihr anmerkt, dass sie oft benutzt wird, Klebestifte stehen beieinander, daneben Folienstifte, Kugelschreiber, Tipp-Ex, Locher und all das andere, was man täglich benötigt.
Die Kopierer sind neu, drei Schwarz-weiß-Drucker stehen neben zwei Farbdruckern, die erstaunlich leise sind. Anstehen müssen die Kollegen hier nicht oft und wenn, dann nicht besonders lang, wenn sie es doch einmal müssen können sie die Zeit nutzen um Bewertungskriterien anzusehen oder die verschiedenen Aushänge mit Notenschlüsseln und ähnlichem, was der eine dem anderen immer gern zur Verfügung stellt.

Die wichtigen Aushänge befinden sich in dem kleinen runden  Vorraum, der in den Flur, ins Lehrerzimmer und den Kopierraum führt. Hier stehen nur wenige Korbsessel, denn meist sitzt hier niemand, nur diejenigen, die kurz ein wenig Ruhe suchen von all dem Trubel.
Dort befindet sich das schwarze Brett, an dem die Zettel der Arbeitsgemeinschaften hängen, Einladungen zu Klassenfesten oder interessante Fortbildungen, Informationen zu Aktionen, Lehrerfreizeitaktivitäten und Tagungen, die zum Mitmachen anregen.
Ein ordentlich beschriftetes Papier ruft zur Bildung von Fahrgemeinschaften auf, weit über die Hälfte der Teilnehmer scheint sich bereit erklärt zu haben zu fahren. Dazu ist Wissenswertes über Fachschaftskonferenzen und Fachtage angeheftet, wichtige Beschlüsse ebenso wie Zeitungsartikel, über die sich Lehrer geärgert oder gefreut haben und die sie ihren Kollegen nicht vorenthalten wollen.

 Die Schulglocke funktioniert nicht nur, sondern ist auch noch ein angenehmer, ruhiger Ton, der uns sanft aus unseren Gedanken und Gesprächen holt. Er muss weder laut noch fordernd sein, denn die Lehrer freuen sich schon jetzt auf den Unterricht, niemand muss sich aufraffen um in die Klassen zu gehen.

Die Schüler sind schon in den Räumen, als ich das Lehrerzimmer mit dem Klingeln verlasse, ein paar meiner Kollegen machen sich mit mir auf den Weg durch die Pausenhalle, die hell und freundlich angelegt ist und über genug Bänke und Stühle verfügt, um einem jeden Schüler, der eine Sitzgelegenheit sucht, eine solche zu bieten.
Der Vertretungsplan befindet sich in einem silbernen Glaskasten, er ist digital und wird von dem Büro des Konrektors aus abgeglichen, auch im Internet ist er jederzeit abrufbar. Überhaupt ist der Internetauftritt der Schule imponierend, auch wenn er nie die ganzen wundervollen Besonderheiten dieser Schülerschaft und des Schulalltages aufzeigen kann.
 Wir steigen die Treppen herauf und ich höre mir lächelnd an, wie begeistert die Kollegin von der Klasse erzählt, welche sie nun unterrichten darf. Bisher habe ich niemanden derart von Schülern schwärmen gehört, schon gar nicht, wenn es nicht einmal die eigene Klasse war.

Und auch der Kollege, der als einziger an meiner Seite bleibt, als die anderen schon in den Räumen verschwunden sind, berichtet mir von dem Fortschritt seiner Theatergruppe und wie toll es doch ist so eine freie Hand zu haben.

Als ich an der Tür meiner Klasse stehen bleibe, wünscht er mir viel Spaß, und zum ersten Mal in meinem Leben hört sich diese Aussage weder sarkastisch, noch ironisch an.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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16 Antworten zu Mein Traum I

  1. theni schreibt:

    Liebe Frau Falke, nächsten Freitag vielleicht ein bisschen weniger trinken… 😉
    Und mir fehlt ein riiiiiiiesiger Schuleraufenthalrsraum mit Kaugummiautomat, einer Menge Sofas und ein paar Computern… (für face… Äh, Referate vorbereiten natürlich.) ach ja. Und wenn man schon das ganze grünzeug hat, dann kann man doch gleich nich ne kleine Schulfarm bauen, oder?! D

    • Frau Falke schreibt:

      Deine Schulfarm sollst du kriegen, warum auch nicht. Und soooooooo viel habe ich gar nicht getrunken. Eigentlich gar nichts. (Pst, Muffin!) Ich liebe einfach nur Utopien.
      Oder nicht? Immerhin war das erst ein Teil des Traumes. Der zweite und die Wendung kommen morgen. 😉

  2. Nicole schreibt:

    Guten Morgen Frau Falke 😉

  3. nadineswelt schreibt:

    Das hört sich echt schön an!

  4. Frl. Rot schreibt:

    Beim Lesen dachte ich, ach, und ach. Ein Seufzen entfuhr mir. Wie schön, wenn das Schul-/Lehrer-/Schülerleben so wäre.
    Dann habe ich mich an meine, den Deinen ähnliche, Träume erinnert.
    Ich habe so eine Ahnung, was da folgen wird…

  5. rueckenpatientin schreibt:

    Rrrrrrrring, willkommen zurück in der Realität! 🙂

  6. frl_wunder schreibt:

    hihi, da will man bestimmt gar nicht mehr aufwachen 😉

  7. Pingback: Klein-Berti | sovielzumthemaschule

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