Der letzte Gedanke

Gestern bin ich fast überfahren worden, weil ich in ein Gespräch vertieft war und deshalb recht knapp vor der Straßenbahn über die Straße huschte. An sich hätte ich genug Zeit gehabt, doch leider riss in jenem Augenblick der Tragegurt meiner viel zu voll gestopften Tasche. Ich riss die Tasche an mich, machte einen gehörigen Satz zur Seite- und dankenswerter Weise passierte mir nichts. Anders erging es meinem Einkauf, der nicht mehr zu retten war, nachdem die Straßenbahn über ihn hinweg gefegt war.
Warum ich diese Anekdote erzähle? Ich möchte erklären, warum ich gerade jetzt etwas aufgreife, das schon ein paar Wochen vor den Ferien passiert ist, als ich eine Freundin an deren Schule besuchte.

 

Wir saßen im Kollegium des Gymnasiums und ich war noch immer begeistert von der Schule, deren Schwerpunkt die Musik ist. Die Schüler in ihrer Schulkleidung, die in der Pausenhalle sitzen und (freiwillig!) musizieren, wie soll ich da nicht beeindruckt sein?
Im Lehrerzimmer ist viel los, ich setzte mich und werde von ein paar Leuten begrüßt. Wir seien im neuen Lehrerzimmer, erklärt man mir, das alte sei geschlossen worden, nachdem man Asbest festgestellt habe.

Eine Kollegin setzt sich zu uns, sie hat sanfte Gesichtszüge, aber angestrengte Augen, eine ganz merkwürdige Kombination. Der Mann neben ihr packt seine Sachen ein wenig zur Seite, sodass sie Platz hat. „Gut siehst du aus. Lebendig.“
Die anderen lachen, was ich nicht verstehe, und als man meines irritierten Blickes gewahr wird, beginnt man es mir zu erklären. Die Kollegin Koch, eben jene Frau, die sich soeben zu uns gesetzt hat, ist vor ein paar Tagen angefahren worden. Sie überquerte die Straße, nachdem sie gewissenhaft nach rechts und links gesehen hatte, da schoss ein Wagen um die Ecke und erwischte sie trotz sofortigem Bremsen.
„Außer ein paar Prellungen ist nichts passiert.“ wirft die Dame ihr gegenüber ein, weil sie mir wohl ansieht, dass ich das Amüsement der Lehrer hier immer weniger verstehe.
„Aber raten Sie, was das letzte war, das sie gedacht hat, als es geschah.“ fordert mich der Kollege nun weiterhin grinsend auf.

„Keine Ahnung.“ Ich zucke mit den Schultern, denn ich habe keinen blassen Schimmer, und die Situation an diesem Tisch wird mir von Sekunde zu Sekunde weniger geheuer.
„Sag es ihr.“ wendet sich der Mann nun an Frau Koch, deren Wangen eine leichte Röte überziehen. „Ich dachte, nun… Ich dachte bloß, dass jetzt meine Dreizehner nicht die Vorabiklausuren wiederbekommen, die hatte ich nämlich in meiner Tasche.“

Die anderen haben die Geschichte schon öfter gehört, und ein Schmunzeln ergibt die Situation. „Unsere Vollblutlehrerin.“ sagt ein anderer Mann und streicht ihr liebevoll über den Oberarm. Die Kollegin lächelt und meint nur noch, dass es eben so gewesen sei. Und die Klausurergebnisse seien nun mal wichtig gewesen für die Schüler.

 

Viel später sitze ich mit meiner Freundin in einem Café und werde den Gedanken an Frau Koch nicht mehr los. Sicherlich fanden die anderen es eine witzige Anekdote, und auch die Kollegin selbst wirkte nicht, als sähe sie das Ganze anders. Mir aber ist ein mulmiges Gefühl geblieben. Was müssen das für Umstände sein, dass in dem Augenblick, in dem du glaubst es sei vorbei, dein einziger Gedanke so etwas Unwichtigem wie Klausuren gilt? Was muss dir alles fehlen, wenn dies das Wichtigste in deinem Kosmos ist?

„Was weißt du über Frau Koch?“ erkundige ich, und mein Gegenüber beginnt zu erzählen. Dass sie an sich nicht so viel mit der Brünetten tun hat, die Frau aber als sehr verlässlich schätzt. Sie habe ihren Mann mit fünfunddreißig Jahren verloren, dieser sei lange davor schon krank gewesen. Mit ihrer Familie habe sie gebrochen, als sie geheiratet hat, man konnte nicht verstehen, wieso sie sich in ihrem Alter an einen sterbenskranken Mann binden sollte. Was sie dazu bewegen konnte jemanden zu ehelichen, dessen Pflegerin sie mehr war als seine Frau.
In der Schule hat sie ihre beste Freundin kennen gelernt, und sie mag es gern für diese Ansprechpartnerin und Vorbild zu sein. An sich genießt sie es derart angehimmelt zu werden, nur manchmal, gerade dann, wenn sie mit anderen etwas zu tun hat, nervt es sie, jene am Bein zu haben. Sie vergreift sich ab und an im Ton, aber sie entschuldigt es, indem sie auf die jahrelange Freundschaft verweist.
Als Lehrerin ist sie engagiert, sie kümmert sich aufopferungsvoll um die Kleinen und liebt gerade die Unterstüfler abgöttisch. Hat sie eine Klasse ins Herz geschlossen, begleitet sie diese bis zum Abitur als Ansprechpartnerin, Zuhörerin, Unterstützung. Wenn jemand von den Problemen der Kinder weiß, ist sie das, selbst wenn die Schüler von sich aus meist nicht an sie herantreten. Sie hat ganz feine Antennen für alle möglichen Probleme, geht es jemandem schlecht, spürt sie das sofort.
Ihre Ansichten mögen nicht immer von allen geteilt werden, und viele glauben, sie lege sich zu sehr ins Zeug, bei Problemen kommen die Kollegen dennoch gern auf sie zu und sind froh, in ihr so eine treue Seele gefunden zu haben. Manches Mal wusste sie schon besser über ein Kind Bescheid, das sie vor einigen Jahren unterrichtete, als der Kollege, der es momentan viermal die Woche im Unterricht sitzen hat.

Das alles wird mir berichtet, nachdem klargestellt wurde, eigentlich nichts über sie zu wissen. Und während ich mir all das anhöre, denke ich darüber nach, ob es vielleicht nur ein Ausdruck ihres Lebenskonzeptes ist, dass sie in jenem Moment an ihre Oberstufenschüler dachte. Denn es ist möglich, dass es jenes ist, das sie ausfüllt, und dass da nichts anders ist, nichts abseits der Schule.
Ich kenne sie nicht, natürlich nicht, und ich darf mir kein Urteil erlauben. Aber es kann so sein, und ich weiß nicht, wie ich es bewerten sollte.

An was würde ich wohl denken? In der  Sekunde, in welcher mich ein Auto erwischt? Ich kann es nicht wissen, niemand weiß so etwas wohl im Voraus, aber ich kann Vermutungen anstellen.
Ich glaube, ich würde an Herrn Falke denken, an den Mann, der mein Leben so erfüllt und bei dem ich mich angekommen fühle, sicher, geborgen. Keine Ahnung, wie ich es aushalten sollte, wenn er nicht mehr bei mir wäre. Solch ein Verlust ist unvorstellbar. Und ich glaube nicht, dass die Tatsache, schon beim Kennenlernen zu wissen, dass der andere sterben wird, etwas daran ändert.
Ich glaube, ich würde an meine Eltern denken. Hoffentlich selbst dann, wenn wir im Streit auseinander gegangen wären. Ich liebe meine Eltern aus tiefstem Herzen, sie sind die Menschen, die mich aufgezogen haben, die mir Werte vermittelten und in jeder Situation ein Zuhause boten. Aber ich weiß nicht, wie es wäre, wenn wir nicht mehr miteinander sprechen würden, denn dann hätte unfassbar viel vorgefallen sein müssen.
Ich weiß nicht, ob ich an meine Freunde denken würde, und falls ja, an wen von ihnen. Es mag hart klingen, aber ich kann es nicht anders sagen, als ich es empfinde. Ich schätze meine Freunde sehr, und ich habe unter ihnen einige, die ich niemals missen möchte. Doch sollte mir etwas passieren, würden meine Gedanken meinem Freund und meiner Familie gelten, das glaube ich wirklich.

Noch lange denke ich darüber nach, über diese „lustige Geschichte“, die ich so schrecklich deprimierend fand, und komme irgendwann zu dem Schluss, dass es vielleicht genau der richtige Weg ist für sie. Sicher, niemand von uns wünscht sich, dass sein Job der einzige Lebensinhalt wird, aber es gibt Dinge, die größer sind als unser Wünschen. Und wenn jemand wie Frau Koch, die so viel Schlimmes in ihrem Leben erfahren hat, zumindest sagen kann, dass da die Schule ist und diese ihr etwas Bedeutet, dann möchte ich mich einfach auf dieses Gefühl einlassen, dass dies an sich doch auch etwas Schönes ist.

 

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Montag. Endlich.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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6 Antworten zu Der letzte Gedanke

  1. freudefinder schreibt:

    was für eine spannende Frage – wie wunderbar, dass in beiden Fällen die Schutzengel fit wie Turnschuhe waren. Ja, was mag unser letzter Gedanke sein – eine sehr gute Frage.

  2. Jürgen schreibt:

    Ich finde die Lehrerzimmersituation auch nicht lustig, vor allem, wie Sie sie beschreiben. Sie geht von Anfang an unter die Haut.

    • Frau Falke schreibt:

      Sicherlich habe ich das Ganze auch eingefärbt. Aber ich muss sagen, selbst wenn ich nicht empfindlich wäre was das Thema angeht… Lustig ist etwas anderes, das stimmt auf jeden Fall.

  3. frl_wunder schreibt:

    Sie können so toll schreiben, wow! (das musste jetzt mal gesagt werden ;-))

    Die Lehrerzimmersituation und Frau Kochs Geschichte haben etwas Beklemmendes an sich, finde ich. Wenn ich so etwas höre, stelle ich oft erst fest, wie „gut“ es uns doch eigentlich geht.
    Und vielleicht ist die Schule ja deshalb für sie wichtig und steht so im Mittelpunkt, da es bei ihr privat ja nicht so gut zu laufen scheint…

    • Frau Falke schreibt:

      Sicherlich liegt es daran, dass bei ihr Daheim so viel Schlimmes geschehen ist. Aber ich denke, dass man bei solchem, wie du auch schon sagst, auch die Chance hat zu erkennen, wie gut es einem eigentlich geht.

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