Die Bücher des Herrn Dr. Thomes

Als ich vor einigen Jahren ein Praktikum an seinem Gymnasium machte, schloss mich Herr Dr. Thomes sofort ins Herz. Er mochte meine Begeisterung für Literatur und auch die Romane, die ich schrieb, er förderte meine Gedichte durch seine Kritik und brachte mich vom Zeitungsartikelschreiben ab, weil ich zu pathetisch war.
Dieser Lehrer war ein Phänomen, denn ich habe außer meinem Großvater nie einen derart intelligenten und gebildeten Mann kennen gelernt. Als Deutsch- und Geschichtslehrer stellte er an seine Schüler hohe Ansprüche, doch seine sehr fordernde Haltung im Unterricht war schon in der Unterstufe so wirksam, dass die Schüler noch im Abitur von seinem Handeln profitieren konnten.
Er hielt sich nicht an Lehrpläne, für die Kinder galt es richtig, schön und schnell schreiben zu lernen, die gesamte griechische Götterwelt zu kennen und alles Grammatikalische in Latein auszudrücken.

Herr Thomes liebte Heine, Schiller, Kafka. Lessing, Fontane, Flaubert.  Stundenlang konnte er Nietzsche zitieren, erzählte von Goethes Italienreise, als sei er dabei gewesen. Er vermittelte Wissen durch seine Begeisterung, denn er lebte seine Fächer, Deutsch ebenso wie Geschichte.
Berichtete er von Kriegen, bekam man einen ganz anderen Blick darauf. Seine Erzählungen sorgten dafür, dass die Schüler sich Szenarien ausmalten, auf die sie sonst nicht gekommen wären. Weltpolitisch konnte er scheinbar alles erklären, jeden Tag kam er ins Lehrerzimmer und erzählte uns wieso dieses Datum vor sonst wie vielen Jahren ganz entscheidend war für die Zukunft von wem auch immer.

Ich war begeistert diesen Menschen getroffen zu haben, denn er schaffte es mich von Beginn an einzufangen mit seinen Worten. Wenn er erzählte, wünschte ich niemals mehr unterbrochen zu werden. Ich wollte versinken in seinen Worten über Weltliteratur, ebenso in den wenigen über seine eigenen Bücher. Ein einziges Mal war ich auf einem seiner Vorträge, und ich denke noch heute sehr gern daran. Ich liebte sein Wissen, seine Art, sein Feuer.

Vor einiger Zeit sprach er darüber seine Privatbibliothek auszusortieren. Wir hatten uns in der Schule nicht mehr gesehen, als ich dort eine Freundin traf, denn er unterrichtet nicht mehr. Seine Krankheit habe ihn gezwungen aufzuhören, erzählte man mir. Ich schrieb ihm eine Mail um mich zu erkundigen, wie es ihm ging. Er antwortete voller Freude mal wieder etwas von mir zu hören.
Wir tauschten uns aus, er fragte nach, wie es mir ergangen war, und ich erzählte von meinem Umzug, dem Freund, der Schule. Herr Thomes schrieb, dass er in der Stadt, in der ich unterrichte, seine Frau kennen gelernt hatte, dass seine Krankheit anstrengend sei und die Medikamente schlimm, aber er Hoffnung habe. Als ich diesen Satz las, trieb es mir die Tränen in die Augen. Krebs. Kehlkopfkrebs. Deshalb war er auch aus dem Schuldienst ausgetreten, vorerst zumindest. Er kann nicht mehr laut sprechen, zu reden strengt ihn an. Den Mann, der vor allem dies ist. Geist und Stimme.

Dann kommen Mails, die ich nicht verstehe. Er schreibt davon, dass er Bücher für mich hat, nennt mich „angehende Deutschlehrerin“. Ich habe ihn in meinem Referendariat kennen gelernt, sicher, aber mittlerweile bin ich Lehrerin, das weiß er doch auch…? Er fragt, wo ich jetzt eigentlich bin, an welcher Schule ich unterrichte, in welcher Stadt. Wieder versetzt es mir einen Stich, aber ich antworte. Ich schreibe ihm, als sei nichts geschehen, und er ergänzt, dass meine Mails druckreif seien.
Am Ostersamstag ruft er an, kaum erkenne ich seine Stimme, und ich wundere mich, dass er sich zu erinnern scheint, dass ich bei meinen Eltern bin. Ob ich die Bücher nicht abholen könne, möchte er wissen, und ich fahre gern. Ich möchte ihn wiedersehen und am liebsten in den Arm schließen, denn er bedeutet mir so viel.

Sieben Kisten gibt er mir mit, wir wechseln nur ein paar Worte. Seine Medikamente sind neu eingestellt worden und er nicht ganz auf der Höhe, sagt er mit einem müden Lächeln. Ich sehe ihn an und nicke, ich freue mich ihn zu sehen. Ich bin froh, dass er da ist, dass es ihn gibt. Ich bin froh ihn in meinem Leben zu haben.
Als wir uns verabschieden, sagt er, ich solle ihm schreiben. Meine Mails seien druckreif.

Im Wagen sieht mich Herr Falke kurz an, bevor er wieder auf die Straße blickt. „Er sah doch ganz gut aus, oder?“ erkundigt er sich und fügt hinzu, dass er ihn ja nicht so gut kennt wie ich.
Eine Antwort bekommt er nicht, mir laufen die Tränen die Wangen herunter. Ich weiß, dass es albern ist und dumm, dass ich das nicht tun sollte. Man darf solches nicht. Menschen, die leben, dürfen nicht betrauert werden.
Aber er hat sich so verändert.
Er ist dünner geworden, blasser, und seine Augen waren… tiefer, der Blick, irgendwie. Seine Worte waren leiser, vorsichtiger fast, und ich konnte nicht damit umgehen, dass er so abgebaut hatte. Der Mann, den ich so bewundere, ist alt geworden und krank. Seine Stimme ist nicht mehr wie ich sie kenne, sein Geist ist langsam, wie betäubt. Ich sehe ihn an und er ist anders, ich kann nur so reagieren. Er ist noch er selbst, aber auch nicht, und ich möchte diesen Mann so behalten, wie er war, als ich ihn kennen lernte. So begeistert. So begeisternd.
Ich denke an meinen Großvater und wie die Krankheit ihn damals veränderte. Ich kann nicht wieder einen so intelligenten und tollen Mann verlieren, das ertrage ich nicht. Er soll bleiben, für immer. Ich will ihn nicht loslassen, nicht einmal in diesen winzigen Nuancen, die seine Persönlichkeit momentan verliert.

Wenn ich zwischen seinen Büchern sitze fühle ich mich klein und schutzlos. Ich weiß, dass ich nicht das Recht habe all das unfair zu finden, aber ich tue es. Sicher kann ich nichts mehr daran ändern und muss mich damit abfinden, dass er krank ist. Vielleicht sollte ich froh sein, dass es ihm relativ gut zu gehen scheint. Und ihm schreiben, so oft und so herzlich ich kann.
Doch jedes Mal, wenn ich ein paar Zeilen schreibe, klingt es wie ein Abschied. Und eigentlich will ich ja nur sagen: Danke, Herr Dr. Thomes, dass Sie in meinem Leben sind.

Es grüßt
Frau Falke

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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23 Antworten zu Die Bücher des Herrn Dr. Thomes

  1. bambooos schreibt:

    …wie du es nur immer wieder schaffst, mir die Tränen in die Augen zu treiben.
    Ich verstehe, wie es dir geht – sowas ist echt hart. Hatte letztens ein Treffen mit meiner ehemaligen Deutsch&Ethik-Lehrerin (auch wegen Büchern) und da ging es mir ähnlich.

    Aber so ist nun mal das Leben…Leider. Und ja, es ist unfair.

    • Frau Falke schreibt:

      Es tut mir Leid, dass ich dies mache, ich wünschte mir keine Themen zu haben, die derart schmerzlich sind. Aber ich werde es nicht los, wenn ich es nicht niederschreibe.
      Merkwürdig ist es schon, nicht wahr? Dass man bei sich selbst das Altern akzeptiert, sich aber weigert anzuerkennen, dass sich die Welt um einen herum ebenso verändert. Ich hoffe, dass deine Ethiklehrerin nicht ebenfalls krank ist.
      Fühl dich umarmt von mir.

  2. nadineswelt schreibt:

    Die Beschreibung des Deutsch-&-Geschichtslehrers erinnert mich an meinen alten Lehrer in Deutsch und Geschichte, der ist genau so.
    Aber was Du über das Altern in dem anderen Kommentar geschrieben hast, das stimmt. So geht es mir grad mit meiner Oma.

  3. Nicole schreibt:

    hmpf, da sitzt der Klos in meinem Hals doch ziemlich tief. Mal wieder.
    Ich habe vor kurzer Zeit erfahren, dass mein ehemaliger Klassenlehrer an Leukämie verstorben ist, ich habe auch geweint und war sehr sehr traurig. Immerhin bin ich erst seit 1 1/2 Jahren aus der Schule raus.

  4. Nobelix schreibt:

    Das ist ein Lehrer…einer, der nicht nur einen Beruf hat sondern eine Berufung. Nicht nur eine Tätigkeit ausübt, sondern lebt. Das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht sind…die Menschen, an die man sich gerne erinnert – und die, die Schule das Lernen Wert machen.

    Und wenn diese Menschen früher nur durch Erzählungen lange über ihren eigenen Tod hinaus gelebt haben, so sorgen heutzutage auch Blog dafür. Sorgen dafür, einen Menschen unvergessen zu machen!

    Ich glaube, wir alle kennen solche Menschen. Die, die uns auch nach 20, 30 oder 50 Jahren immer noch lebendig in Erinnerung geblieben sind und immer bleiben werden. Auch wenn sie heute krank sind, vielleicht nur noch ein Schatten ihrer selbst.

    Die Erinnerung lebt!

    …und sorgt dafür, dass auch gelegentlich einem alten Schlachtross wie mir noch die Augen etwas feucht werden. Weiter so, Frau Falke!

    P.S.: das klingt vielleicht fürchterlich hochgestochen und verherrlicht…aber das muss einfach mal sein 🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Eigentlich ist er immer ein guter Lehrer, aber nie ein guter Pädagoge gewesen. Dennoch stimmt, was du sagst. Er hat die Schule verbessert.
      Dass der Blog ihn unvergesslich macht, glaube ich nicht. Ich denke die Vergänglichkeit eines Blogs ist sehr hoch. Aber die Erinnerung bleibt, ja.

      Dass es dich bewegt freut mich. Ich selbst war beim Schreiben sehr emotional und finde es gut, wenn mein Geschriebenes dann auch berührt. Es ist wie ein stummer, kurzer Blick, den man sich zuwirft im Wissen, dass man übereinstimmt.

  5. Inch schreibt:

    Ich glaube, diese Veränderungen einer Persönlichkeit machen uns manchmal schwerer zu schaffen, als der Tod selber. Weil sie unser Bild verändern und die Erinnerung

  6. B wird Lehrerin schreibt:

    Das hat mich sehr gerührt. Kann mir den Herrn bildlich vorstellen und auch seinen Unterricht 🙂
    PS: Du schreibst wirklich sehr schön

  7. TickleMeNot schreibt:

    :/ Ich hab meine Samthandschuhe nicht angezogen, also Vorsicht beim Lesen.

    „Ich weiß, dass es albern ist und dumm, dass ich das nicht tun sollte. Man darf solches nicht. Menschen, die leben, dürfen nicht betrauert werden.“

    Mit Verlaub, aber das ist Schwachsinn. Wir können und müssen unsere Gefühle ausleben dürfen, nicht nur die schönen, sondern auch die schlechten und/oder traurigen.
    Sicherlich muss man bei manchen Sachen auch den richtigen Ort und die richtige Zeit dafür erwischen, aber ausgelebt müssen sie werden, alles andere ist ungesund.

    Ich war 19, als meine Cousine mir am Telefon sagte, ich solle dieses Wochenende meine Mutter begleiten, wenn sie wieder zu Oma und Opa fahren würde. Und ich solle mir Opa mal ansehen.
    Dafür bin ich ihr noch heute dankbar, denn sie war die einzige, die aussprach, was sie sah. Das Opa im Sterben „liegt“. Meistens sass er ja auf der Couch und löste Kreuzworträtsel.

    Ich habe an dem Wochenende nur geheult. Mein Opa, die wichtigste Person in meinem Leben, so verändert, krank und schwach und nun sollte er auch noch bald garnicht mehr dar sein. Und zwar für immer.
    Das war ein furchtbarer Schock und ich konnte die Tränenflut einfach nicht eindämmen.
    Bis mich meine Tante angefahren hat, ich solle mich zusammenreissen, für Opa wäre das ja auch nicht leicht.
    Das, und ähnliche Taktlosigkeiten, habe ich ihr bis heute nicht verziehen.

    Aber was ich sagen will ist: es ist normal, zu trauern, wenn etwas schönes sich zum negativen hin verändert. Und wenn wir lernen, das es bald für immer fort sein wird.

    Dieser tolle Mensch hat sich verändert. Und bald wird er für immer gegangen sein.
    Unwiederbringlich, um mal Fontane zu bemühen. Und da darf man trauern – denn ist es nicht schlimm, zu wissen, das es den Lehrer Thomes so nicht mehr gibt? Das er sehr krank ist, die Medikamente ihn verändern und das es wahrscheinlich zu Ende geht?

    Das sie jetzt schon trauern, zeigt doch nur, das sie sehen, was los ist. Und das dieser Mensch ihnen wichtig ist.

    „Doch jedes Mal, wenn ich ein paar Zeilen schreibe, klingt es wie ein Abschied. Und eigentlich will ich ja nur sagen: Danke, Herr Dr. Thomes, dass Sie in meinem Leben sind.“

    Ich habe meinem Opa damals einen Strauss kleiner Gartenblumen gebracht. Und mich dafür bedankt, das er so ein toller Opa ist. Und ihm gesagt, wie sehr er mir fehlen wird.
    Ich habe mich damals schon vor seinem Tod von ihm verabschiedet.

    Eine Woche später ist er dann gestorben. Oma erzählte mir, das sie den Blumenstrauss nicht wegschmeissen durfte, solange Opa noch lebte.
    Ich bin bis heute dankbar, das ich die Gelegenheit hatte, ihm noch einmal sagen zu dürfen, was er mir bedeutet.
    Das hat meinem Seelenfrieden sehr geholfen, und ich denke, seinem auch.

    Vielleicht wäre das ja auch ein Weg für Sie.

    • Frau Falke schreibt:

      Er liegt nicht im Sterben, das ist es, was diese Unsicherheit hervorruft. Es kann gut sein, dass er erst in zwanzig, dreißig Jahren sterben wird. Und solange kann ich nicht jedes Mal in Tränen ausbrechen, wenn ich ihn sehe. Das ist nicht fair ihm gegenüber, der Person, die er trotz allem noch ist. Ich bleibe dabei.

  8. TickleMeNot schreibt:

    Na gut, dann ist mein Aufsatz am Thema vorbei.
    Aber ich bleibe dabei, Sie sollten die Gefühle annehmen. Denn nur so können Sie damit umgehen und sie verarbeiten. :/
    Um dann irgendwann auch wieder lächeln zu können, wenn Sie an Herrn Thomes denken.

  9. pausenkaffee schreibt:

    Nachdenklich… ich hoffe, auch bald mal wieder etwas schönes von dir lesen zu können. Du schreibst zwar toll und es ist immer wieder toll zu lesen, aber mir fehlt im Moment ein wenig deine Lebensfreude. Verständlich, aber es macht mit beinahe schon Sorgen.

  10. rueckenpatientin schreibt:

    „…mir laufen die Tränen die Wangen herunter“

    Und genau deswegen mag ich dich so sehr! Bleib so, wie du bist!

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