…und Wismar

Vielleicht hätte ich schon stutzig werden sollen, als meine Familie allen Ernstes begann richtige Pläne zu schmieden. Ich hätte innehalten und darüber nachdenken sollen, was das bedeutet, und dann eingreifen. Stattdessen lief ich in mein Unglück…

Meine Tante möchte nach Wismar. Und sie hat einen durchaus guten Grund dafür, denn sie guckt abends gern eine SoKo-Serie, die –völlig überraschend- in Wismar spielt. Da meine Mutter für ihre Gäste alles tun würde, mein Vater wiederum alles mitmacht und das Tantchen sich bei dem Onkel kulturell nicht austoben kann, entfällt die Diskussion. Die Wagen werden gepackt, schließlich hat Klein-Kiara über Nacht eine Wunderheilung durchgemacht und mein Onkel schon den Ventilator installiert. Während wir anderen nach und nach durch die Dusche geschleust werden, dreht Anna-Lena fast durch, weil alles, was meine Mutter im Kühlschrank hat, gesund ist. Die Kinder brauchen Proviant für die knapp eineinhalbstündige Fahrt, auf der sie sonst sicher verdursten würden, da kann sie ihnen doch nicht mit Käsebrot kommen! Gibt es kein Nutella, keine Schokolade?
Die einzige, die schon seit sechs Uhr dreißig komplett aufgestylt im Wohnzimmer sitzt ist Olivia, die mit irgendwem auf Englisch spricht. Kaum setze ich mich jedoch zu ihr, wechselt sie ins Japanische, und ich gebe auf. Sie zwinkert mir zu, schaltet das Headset kurz stumm und flüstert dennoch, als sie mich aufklärt, dass ihr gerade der Firmenchef ans Telefon gerufen wird.
Theodor habe ich schon länger nicht mehr gesehen, merke ich, dann entdecke ich ihn auf der Terasse seine Pfeife rauchen. Er schüttelt nur den Kopf, als Anna-Lena lautstark ermahnt, dass jetzt alle noch einmal Pippi machen gehen sollten. Kaum sind wir aus dem Ort draußen, noch habe ich keinen guten Radiosender gefunden, meldet sich Kiara zu Wort, die vergessen hat auf Toilette zu gehen. (Überraschung!)

Wir fahren also an die nächste Tankstelle, Kiara und Lydia werden von meiner Cousine weggeführt, mein Vater gibt Theodor den gut gemeinten Rat jetzt hart in die Eisen zu gehen um endlich frei zu sein, und Mutter sieht ihn tadelnd an. Olivia ist wieder am Handy, Phillip überlegt, ob er als Teenager mal etwas mit der Kassiererin hatte, die gerade nach Jennas Ausweis gefragt hat, als sie Zigaretten kaufen wollte. Herr Falke steht abseits und besieht sich das alles mit einer ungeahnten Seelenruhe und fängt das Anhängsel meines Bruders sogar auf, als es mit dem Absatz hängen bleibt.  (Mir hat er gedroht mich nicht mitzunehmen, wenn ich in hohen Schuhen antanze. Städte besichtigt man…irgendwas. Da hatte ich schon die Stiefel in die Ecke geworfen.  😉 )
Nachdem die Mädchen beide ein Eis bekommen haben und Jenna uns darüber aufgeklärt hat, dass es ihr viiiiiiiiiiiel zu kalt wäre, geht es weiter. Ich bemerke leise zu Clara, dass ich in so einem Töpchen und Röckchen auch frieren würde, woraufhin Clara überlegt Jenna ihre Jacke anzubieten. Die restliche Fahrt wird nur von zwei Zwischenstops unterbrochen, wobei wir beim letzten fast Olivia vergessen, die sonst etwas gemacht hat. Meine Mutter verordnet, dass vom heutigen Tag vor dem Losfahren jedes Mal durchgezählt werden muss und mein Onkel schreibt eine SMS an meinen Schatz um zu verkünden, dass sie noch keinen verloren haben (während der Fahrt, unfassbar).

Als wir in Wismar ankommen ist der Scherz, dass man geglaubt habe nach Weimar zu fahren, schon so alt wie die Gründung der Weimarer Republik her ist, und wird dennoch nicht besser. Es dauert, bis wir auf dem Parkplatz stehen, das Losgehen. Vor allem, weil meine Tante merkt, dass sie den Reiseführer in Rheinland-Pfalz liegen hat. Nicht, dass es mich noch wundert oder etwas geändert hätte, aber die Kinder sind eh schon am rumjammern, weil es so kalt ist, Jenna, weil ihre Füße wehtun (Vom Autofahren?) und Olivia ist so in ihr Handy vertieft, dass sie es nicht mal gemerkt hätte, wenn wir sie wirklich vergessen hätten.
Meine Mutter macht ein paar Fotos von den frohen Gesichtern, dann laufen wir los ohne zu wissen wohin, vorbei an der Polizeistation, die nicht jene aus dem Fernsehen ist, weil der Teil der Kulisse leider in Berlin steht, und betreten die Fußgängerzone, durch die ein eiskalter Wind weht.
Ich kuschele mich an Herrn Falke, der mit meinem Vater über sonst etwas fachsimpelt, mein Onkel checkt auf seinem Iphone, dass die Sonne durchbrechen soll, Lydia heult, weil sie keine Lust hat, Kiara ist wieder eingefallen, dass sie krank ist und somit gar nicht hier sein sollte. Mein Bruder wiederholt mantraartig, er habe schon von Anfang an gesagt, dass dies eine blöde Idee ist, und Theodor klärt Jenna über seinen Lieblingswein auf, was sie damit quittiert, dass sie ihm berichtet der Wein aus dem Tetrapack habe bislang auch seinen Dienst getan.
Einzig meine Mutter und ihre Schwester amüsieren sich prächtig, kommentieren alles damit, dass es im Fernsehen besser aussah, die Sonne doch scheinen würde und es ein ganz toller Familienausflug sei. Nur wenn meine Mutter einwirft, dass wir uns sogar etwas ansehen könnten, hätte meine Tante nicht den Reiseführer vergessen, zieht diese beleidigt an ihrer Zigarette.

Letztendlich ist es wirklich kalt, eiskalt sogar, und nach den ersten hundert Metern ist niemand mehr unter uns, der nicht kurz vor dem Erfrieren steht. Wir beschließen unten an den Hafen zu gehen, aber Olivia hört dann nicht mehr gut genug wegen der Verbindung, Kiara ist krank, Lydia heult (Immer noch, schon wieder, wer weiß.) und Jenna…lassen wir das.
Wir setzen uns in ein Café, tranken Kaffee mit Baileys und ließen die Kinder Waffeln essen. Mein Onkel bestellte sich ein großes Eis, das dieses Mal unkommentiert blieb, meine Mutter teilte sich mit meinem Vater einen Apfelkuchen und ich begann nach einiger Zeit meine Fingerspitzen wieder zu spüren.
Wir scherzten noch ein wenig über den tollen Reiseführer, den strahlenden Sonnenschein, die SoKo und natürlich auch Weimar an sich. Ach, Wismar. Naja. Dann beschlossen wir, dass es reicht, holten uns jeder, der mochte ein Fischbrötchen am Hafen und traten den Rückweg an. Kiara hatte sich beruhigt, weil sie von ihrem Vater getragen wurde, Lydia hatte man mit der Aussicht auf einen Schokoosterhasen vertröstet und Jenna hatte sich zwischen Herrn Falke und meinem Bruder eingehakt, weil sie nicht mehr gehen konnte. Ich lief mit meiner Tante hinter dem Haufen her, tat so, als würde ich sie nicht kennen, machte auf einer Brücke ein Foto von ihr mit den kleinen Schweinefiguren und war froh, als wir das Auto endlich erreichten.

Auf dem Weg nach Hause schlug ich vor, das nächste Mal doch wieder meine Tante den Ausflug planen zu lassen, und wären wir nicht auf der Autobahn gewesen, hätte man mich wohl ausgesetzt.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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16 Antworten zu …und Wismar

  1. Inch schreibt:

    Sehr hübscher Ausflug! Ich liebe so was auch. So ganz in Familie

  2. Nobelix schreibt:

    Tja, so ist das mit Familie und ähnlichem 😉 man kommt (manchmal leider) nicht drumherum. Und selbst, wenn alle nach einem Ausflug schreien „niemals wieder“, so werden sich irgendwann alle wieder zusammenfinden und mit Freude den nächsten Ausflug angehen. Leider 😉

  3. theni schreibt:

    Ach Frau Falke, du machst Sachen… ;D
    (waren die Ferien nicht als Erholung vor Schülern und anderen grausigen Gestalten gedacht?! xD )

  4. nadineswelt schreibt:

    2x „r“ zuviel, Frau Lehrerin!
    „am Harfen“ und „hat sich … eingeharkt“ schreibt man ohne „r“. Wage ich zu behaupten. *klugscheißmodus aus*

  5. Nicole schreibt:

    und ich dachte schon mein Osterfest mit der Familie sei anstrengend 😀
    wie gut, dass wir Ausflüge in fremde Städte nicht spontan machen, würde nämlich (auch) gnadenlos schief gehen 😀

  6. Fran schreibt:

    Irgendwie kommt mir das bekannt vor…außer, dass unsere Familienausflüge generell im strömenden Regen statt finden und wir nur an Orte fahren, wo man selbst ohne vergessenen Reiseführer keinerlei Sehenswürdigkeiten findet 😉
    Aber es ist doch auch immer lustig (zumindest weiß man hinterher so ein trockenes Haus wieder zu schätzen 😀 )…

  7. rueckenpatientin schreibt:

    Hmm, hab euch gar nicht gesehen 🙂
    Wir haben unser Bauernhofwochenende in der Nähe von Wismar verbracht und da es direkt am Wasser sooo kalt war, sind wir tagsüber immer in Wismar gewesen, weil man es da wenigstens einigermaßen aushalten konnte.

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