Meine Familie…

Mutter und Vater laden ein, so wie eigentlich jedes Ostern. Und da wir Kinder überall in Deutschland verstreut wohnen und auch meine Tante und mein Onkel einen längeren Anfahrtsweg haben, hat es sich eingebürgert sich schon am Gründonnerstag bei meinen Eltern einzufinden. Anfangs war es noch gegen Mittag, als wir langsam einzutrudeln begannen, mittlerweile sind wir alle so im Stress  oder unserem eigenen Alltag, dass es schon gegen dreiundzwanzig Uhr sein kann, bis wir gemeinsam im Wohnzimmer sitzen und uns gegenseitig mustern.

Das Haus blitzt, meine Mutter kann sich um alles kümmern (und alles kontrollieren) und ist somit vollkommen in ihrem Element. Mein Vater sitzt daneben und freut sich, dass endlich mal jemand seinen guten Musikgeschmack zu schätzen weiß. Er holt aus dem Keller, was meine Mutter fordert, er macht den Grill sauber, er schenkt den Wein aus. Und wenn sie mal nicht hinsieht, dann holt er seine digital remasterte Goldpressung von Pink Floyd hervor und zeigt sie Herrn Falke.

Meine Tante ist eine der liebsten Frauen, die ich kenne, eine immer mal wieder mit Genuss rauchende Floristin, die nicht mehr arbeitet, aber mit viel Liebe alles dekorieren kann, das ihr in die Finger fällt. Ihr Mann ist Elektromeister und hat somit das Sonderrecht erwirkt alles reparieren zu dürfen, das über die Zeit zwischen dem einen und dem anderen Familienfest anfällt. Er soll zum Beispiel einstellen, dass sich der Ventilator im Badezimmer noch fünf Minuten nach dem Ausschalten dreht. Oder dass die Beleuchtung in der Spülmaschine geht, von der meine Mutter erst weiß, seit sie vor ein paar Tagen die Bedienungsanleitung studiert hat.

Ihre ältere Tochter Anna-Lena arbeitet in der Marktforschung und kann deshalb von den interessantesten Experimenten erzählen. Meist aber ist sie damit beschäftigt ihren Freund Theodor herum zu hetzen, der mit einem seligen Lächeln alles tut, was sie verlangt, als wisse er, dass sich am Ende alles rächen wird. Er ist Winzer und hat ein Weingut von seinen Eltern geerbt, die schöne ländliche Umgebung ist so prima um Kinder aufwachsen zu lassen. Meine Cousine hätte die beiden Mädchen auch in der Großstadt erzogen. Oder das, was sie „erziehen“ nennt.

Denn Lydia und Kiara sind die anstrengendsten Mädchen, die ich kenne. Sie waren mal süß, früher irgendwann. Jetzt aber sind die zwei nur noch am fordern, und das ist für alle nervlich nicht so prickelnd, was besonders von mir geäußert, die mit Kindern eigentlich die Ruhe selbst ist, ein ungutes Zeichen ist.
Im Moment ist Kiara krank, und da sie leidet, leidet die ganze Familie mit („Ich bin krank. Ich darf schlechte Laune haben.“). Lydia ist nicht krank, doch sie versucht dennoch die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie ist eines dieser Kinder, die früh gelernt haben, dass sie nur lange genug schreien müssen, damit die Eltern jede noch so absurde Forderung erfüllen.

Anna-Lenas jüngere Schwester Olivia ist toll, ich mag es mich mit ihr zu unterhalten, doch seit sie im Vorstand einer sehr bekannten Bank ist, die von der Krise relativ verschont blieb, ist ihr Laptop ihr ständiger Begleiter. Er ist nie aus, macht dauernd Geräusche und öffnet scheinbar wahllos immer wieder neue Fenster. Olivia selbst kann man leider nicht allein sprechen, entweder schreibt sie gerade auf ihrem Handy oder telefoniert, und als ich kurz glaubte sie würde sich tatsächlich nur mit mir unterhalten, bemerkte ich das Earpiece.

Mein Bruder Phillip hat sich nach Jahren aus seiner unsäglichen Lustlosigkeit gelöst und auch die Sache mit dem Nerd-Sein hat sich erledigt. Er ist charmant, gebildet und gutaussehend, und irgendwie genau das, was man sich als Frau wünscht. Nur ein Händchen für die Frauen, das hat er nicht, und auch das Mädel, das er dieses Mal mitgeschleppt hat, könnte eine seiner Studentinnen sein. Vorausgesetzt, dass man heutzutage dort so rumläuft. Denn Jenna, von der wir noch immer nicht wissen, ob sie nicht vielleicht doch Jennifer heißt und ihr dies nur zu alltäglich ist, trägt trotz des schlechten Wetters durchgehend trägerfreie Tops. Ihre Röcke haben die Größe meiner Gürtel, und ich habe noch nie auf überbreite Gürtel gestanden. Ein paar ihrer Highheels könnten womöglich in meinem Schuhschrank stehen, jedoch nur in der Rubrik Achtung, mit Vorsicht zu kombinieren. Richtig unterhalten kann man sich nicht mit ihr, wobei ich nicht weiß, ob sie unseren Humor schlichtweg nicht versteht oder wir zu beängstigend auf Fremde wirken. Meine Mutter, die Süße, versucht natürlich alles, damit Jenna sich wohl fühlt, und verscheucht sie damit nur noch mehr.

Die letzte im Bunde und neben Herrn Falke der einzige Grund, dass ich über die Feiertage nicht vollkommen durchdrehe, ist Clara. Claras Mutter Sanna war die beste Freundin meiner Mutter in der Schule, die beiden lernten sich in der ersten Klasse kennen und waren seitdem unzertrennlich. Sanna und ihr Mann Robert starben bei einem Autounfall auf regennasser Straße- sie machten Clara damit zur Vollwaise. Damals fand meine Mutter den Gedanken unerträglich, das arme Kind müsse Weihnachten alleine verbringen, und so lud sie Clara ein. Seit jenem Jahr ist Clara so etwas wie eine weitere Cousine von mir, denn auch wenn wir nicht mit ihr verwandt sind, gehört sie doch einfach dazu.

Das ist sie also, die Bagage, mit der ich herumhänge an Ostern. Ich denke ihr versteht nun, warum ich die letzten Tage nicht so richtig zum Schreiben kam. 😛

Advertisements

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
Dieser Beitrag wurde unter Familie abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten zu Meine Familie…

  1. theni schreibt:

    Dein erster nichtschulischer Artikel… 😀
    APPLAUS!!! 😀 😀 😀
    (was bin ich froh, dass sich meine Verwandten alle benehmen. Okey, die sind ein wenig laut, aber…)
    Und viele Pferdige Grüße 🙂
    Theni

  2. theomix schreibt:

    Nach dieser Beschreibung finde ich, das Bild passt hervorragend…
    Ein herrliches Osterfest wünsche ich!

  3. nadineswelt schreibt:

    Ich finde das Familienporträt absolut süß und liebevoll! Man merkt, dass du trotz aller Macken alle wirklich gerne hast!

  4. Nicole schreibt:

    Klingt sehr spannend 😀 Vielleicht folgen nach Ostern ja noch ein paar weitere nichtschulische Artikel 😀
    Familie ist bei mir primär anstrengend, ich werde mich morgen im Bett verkriechen! 😀

  5. pausenkaffee schreibt:

    Ich finde es auch mal toll, einen Artikel von dir zu lesen, bei dem es nicht um Schule und die ganzen großen und kleinen Katastrophen geht, die darin so stattfinden. Das Bild spricht natürlich Bände ;-).

  6. Inch schreibt:

    Nette Familie hats Du da? *grin*

  7. Inch schreibt:

    Oh je, also noch mal:
    Nette Familie hast Du da *grins*

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s