Ich, die einfühlsame Liebhaberin


Um zu erklären, warum niemand mich für eine Schlägerbraut hielt, auch wenn solche Gerüchte gestreut werden, muss ich wohl erzählen, was zuvor über mich rumging. Man wird verstehen, dass beide Unterstellungen nicht richtig zusammen passten, und das ich auch vom ersten nicht ganz so begeistert war.
Man stelle sich also vor:

Ich stehe in der zehnten Klasse, die Hausaufgaben sind verglichen und nun würde ich gern anfangen mit einem Tafelbild zu verdeutlichen, was wir auf die gegebene Fragestellung geantwortet haben. Kann ich aber nicht, da die Tafel wie so oft komplett beschmiert ist. Und nicht nur von irgendwem, sondern ausgerechnet von dem Kollegen, der über sein Geschriebenes eine neue Schicht Schrift in einer anderen Farbe legt. Ob er da selbst noch durchblickt? Keine Ahnung.
Jedenfalls mache ich das, was als einziges sinnvoll zu sein scheint in einer solchen Situation- ich nehme mir das Tuch (einen Schwamm hat die Klasse seit geraumer Zeit nicht mehr, fragt mich nicht wo der hin ist) und beginne damit die Tafel zu wischen.

Die Schüler beobachten mich mit einer eigenartigen Faszination, sodass ich meine Hände sinken lasse und mich zu ihnen umdrehe. „Stimmt etwas nicht…?“

Marvin, der sich auf seinem Collageblock einige Notizen gemacht hatte, sieht mich lächelnd an. „Nein, nein, alles in Ordnung.“

Ich hebe fragend eine Augenbraue, drehe mich aber wieder zur Tafel und reinige auch die ausklappbaren Seiten von den Spuren des Boardmarkers.

„Sie sind bestimmt eine einfühlsame Liebhaberin.“ stellt Joachim fest, der mich merkwürdig mustert.

Ich wende mich wieder an die Klasse, den Mund leicht geöffnet, den Kopf schüttelnd. „Ich bin was bitte?“

„Sie sind bestimmt eine einfühlsame Liebhaberin.“ wiederholt Joachim, als hätte ich ihn bloß nicht verstanden, und Torben setzt hinzu, was man vielleicht als eine Art Erklärung auslegen könnte.
„Wir haben uns die Woche mal angesehen, wie verschieden die Lehrer die Tafel wischen und wie sie anschreiben. Unser Mathelehrer schreibt zum Beispiel, indem er immer ganz hinten am Stift festhält, und Frau Peters wischt die Tafel, als wäre sie wütend und wolle durch das heftige Aufdrücken die Tafel bestrafen. Oder Herr Kleist, der wischt immer von einem Ende der Tafel zum anderen und macht dann dreitausend Streifen untereinander.“

„Und Sie, Frau Falke, machen es halt besonders einfühlsam.“ erklärt Marvin lächelnd.

„Sie müssten mal sehen, wie gefühlvoll Sie sich mit der linken Hand auf Kopfhöhe abstützen und wie nah Sie dabei der Tafel kommen.“ fordert mich Marit auf, mein Blick folgt ihrem Deuten zur Tafel.

„Und wie zärtlich Sie diese kleinen kreisenden Bewegungen machen.“ fügt Thekla hinzu, ebenfalls lächelnd.

Ich schüttele den Kopf, ein wenig amüsiert, auch noch ein bisschen verwundert und auf jeden Fall auch unangenehm berührt, und beschließe die geplante Tafelanschrift für heute zu vergessen.

Den Rest der Stunde verhalte ich mich demnach unauffällig und lasse mir lieber von den verschiedenen Anschreib-Macken meiner Kollegen erzählen.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Im Kollegium habe ich damals mal nachgefragt, ob mein Tafel-Wischen wirklich so einen Eindruck macht. Antwort nach dreimaligem Vormachen: „Oh ja, wie die Frau mit wehendem Haar auf dem Titel eines Schnulzenromans, welche die Hände auf den entblößten Oberkörper des Helden gelegt hat und ihn von unten her anschmachtet.“
Na dann.

P.P.S.: Seit wann haben die denn alle so eine blumige Sprache drauf?

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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28 Antworten zu Ich, die einfühlsame Liebhaberin

  1. pausenkaffee schreibt:

    Soll ich da u jetzt einen blöden Kommentar schreiben, oder sollte ich es vielleicht doch lieber lassen? ;D Deine Tafelwischkünste solltest du bei Gelegenheit mal zeigen. Für mich beginnt jetzt ja die heiße Phase der Bewerbungen, da ist es also nicht ganz unwahrscheinlich, das wir auf der gleichen Schule sind 😀

    Liebe verschnupfte Grüße!

    • Frau Falke schreibt:

      Solltest du an meine Schule kommen führe ich sie dir vor…ansonsten bist du wohl um diesen einen Meilenstein des Tafelwischens ärmer.

      • pausenkaffee schreibt:

        Problematisch wird es nur, weil wir ja nicht voneinander wissen, wie wir wirklich aussehen 😀 Wer weiß ob wir uns erkennen würden. Wobei… ich weiß immerhin, wie du mit Vornamen heißt.

        • Frau Falke schreibt:

          Du würdest es spätestens nach drei Tagen merken. Es ist unwahrscheinlich, dass die Vorfälle und Ansprachen an zwei Schulen zeitgleich geschehen. 😉

          • pausenkaffee schreibt:

            Stimmt natürlich 😀 Aber wäre schon witzig. Obwohl… zwei bloggende Lehrkörper an einer Schule… Ich glaub, da müssten wir woh ein Duell führen 😉

            • Frau Falke schreibt:

              Das wäre doch auch sehr spannend. :]

              • krizzydings schreibt:

                Naja lustig wird es doch denn wenn es dann an die namen der schülerschaft und(oder lehrerschaft geht….wir leser versuchen dann euren ereignissen zu folgen und sind am ende total verwiirt allein von den namen…Bundesland ist NRW oder? ich bin ja immer noch auf der suche nach einem spannenden lehrerblog aus NdS, HB oder HH

              • Frau Falke schreibt:

                Der Namen wegen würden wir vielleicht eine Einigung finden, der Pausenkaffee sie gegebenenfalls übernehmen? 😉 Immerhin bin ich schon länger an meiner Schule.
                Welches Bundesland, die Frage aller Fragen. Darf ich mich erkundigen, wie du gerade auf NRW kommst? :]

              • krizzydings schreibt:

                Weiss nicht hab das gefühl, dass blogs die auf mich „normal“ wirken (also nicht aus bawü, bayern oder berlin stammen meist aus NRW kommen)

              • Frau Falke schreibt:

                Dann hätte ich zumindest keine Probleme mehr mit Kiel. 😉

  2. Jürgen schreibt:

    Ja, Frau Falke, auch hier Sexualisierung.
    Da gab es ja schon einige Beiträge zu diesem Thema.

  3. michael schreibt:

    Gibt es vielleicht ein Videomitschnitt des Tafelabwischens ? Unsere Lehrer waren schlauer, die ließen die Tafel wischen.

  4. Theni schreibt:

    Ein Lehrer, der die Tafel selber wischt?! O.O
    Aber deine Schüler kommen auf Ideen… Die Art des Tafelwischens ist wirklich ein sehr interessantes Kriterium… („WER IST HIER EIGENTLICH TAFELDIENST?! WENN IHR NICHT SOFORT DIE TAFEL GEWISCHT HABT, MÜSST IHR NOCH EINE WOCHE TAFELDIENST MACHEN“ was sagt dann das da über meine Lieblingslehrerin aus?!)

    • Frau Falke schreibt:

      Das ist bei uns bei den Kleinen so. Die Oberstüfler sind u.a. auch Wanderklassen, da ist sowieso kaum Ordnung drin…

      • krizzydings schreibt:

        beis OSlern ist das problem, dass die kaum was von irgendwelchen neuen regelungen kriegen mal heissen test ASA mal LEK mal EL, mal große schrftl. abgabe (refausarbeitung)

  5. nadineswelt schreibt:

    Allein die Vorstellung, das Tafelwischen auf die Sexualität zu übertragen ist echt witzig! Muss direkt mal überlegen, wie meine Lehrer gewischt haben…

  6. Markus schreibt:

    Gibt es bei Euch zu Hause eine Tafel? Es wäre sehr spannend, hier die Expertise des Herrn Falke noch dazuzuholen. Notfalls ein Fenster putzen! 😀

  7. rueckenpatientin schreibt:

    Früher, als ich noch zur Schule ging, wäre ein Lehrer NIE auf die Idee gekommen, die Tafel selbst sauber zu machen. Wenn die Tafel zu Beginn des Unterrichts nicht sauber war, musste ein Schüler das sofort machen und die vertrichene Zeit wurde ans Ende der Stunde gehängt.

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