Empfehlung? Aussetzer

Das Jugendtheaterstück von Lutz Hübner hat die Kollegin begeistert, sie ist davon überzeugt, dass es genau das ist, womit man die Schüler einfangen kann. Ich weiß nicht, wie genau sie zu diesem Schluss gekommen ist. Mir ist es ein wenig zu sehr auf jugendlich getrimmt, ein bisschen zu viel Grenzen gedacht. Angeblich hat es sich von den Klischees komplett gelöst, doch die Frage bleibt, aus welcher Zeit diese Klischees stammen. Missversteht mich nicht, ich finde das Stück nicht schlecht, ich habe mich nur einfach nicht identifizieren können mit den Figuren, und die Schüler ebenso wenig.

Wobei- bei meinen Schülern gibt es noch mehr Probleme als diese Kleinigkeit des Sich-selbst-Erkennens. Wie tiefgreifend diese sind, merke ich jedoch erst, als ich sie um eine Stellungnahme ersuche. Beziehungsweise in jenem Moment, in dem die Diskussion der hinteren Reihe nicht mehr zu ignorieren ist und ich den Fehler begehe die Jugendlichen zu bitten, ihren Meinungsaustausch doch der ganzen Klasse mitzuteilen.

„Ich habe nur gesagt, dass Ihnen das nicht passieren könnte.“ erklärt Erik in die Runde.
Anna nickt. „Sie sagen immer schon vorher, wie das mit den Noten ist. Nicht so wie die, dass der Junge das gar nicht wusste.“
„Nun, die Lehrerin war ja auch nur Fachlehrerin und keine Klassenleitung, da weiß man nicht,“ beginne ich, werde aber unterbrochen.

„Außerdem haben Sie Freunde im Kollegium. Die Lehrer im Buch sind ja alle total das Letzte.“ findet David.
Janine sieht das ebenso. „Diese komische Wanderpokalsache ist eh Quatsch. Oder die Frau ist selbst ätzend.“
„Ihr solltet,“ versuche ich zu widersprechen, doch es klappt nicht.

„Von dem Vater hätten Sie sich auch nicht rauswerfen lassen, nicht?“ meint nun Tobias wieder.
„Ich…“

„Und wir hätten es gemerkt.“ verkündete Collin nun.
„Wie bitte?“ Jetzt komme ich gar nicht mehr mit.
Tobias fixiert mich. „Wenn Sie jemand verprügelt hätte, ein anderer Schüler, wären wir die ersten gewesen, die das mitbekommen.“

„Und wir hätten dem eine Lektion erteilt, die sich gewaschen hätte. Der hätte Sie nie wieder angefasst.“ Collin wirft mir einen vielsagenden Blick zu. Zustimmendes Gemurmel.

So langsam bin ich am Verzweifeln. „Habt ihr es gelesen? Das Buch? Die letzten Seiten? Habt ihr mitbekommen, worum es ging, warum das Stück an jener Stelle zu Ende ist?“
Sie sehen mich erstaunt an, verstehen aber nicht so richtig, worauf ich hinaus will.

„Das Stück endet, als die Lehrerin erkennt, dass sie dafür gesorgt hat, dass den beiden Schülerinnen eben die Gewalt wiederfährt, mit welcher sie nicht umgehen kann. Es geht nicht nur um die Möglichkeit, dass jetzt alles auffliegt. Sie merkt, dass ihr Weg nicht der richtige ist. Man kann Gewalt nicht mit Gewalt bekämpfen. Genauso wenig kann man sich drücken vor den Konsequenzen,  die unweigerlich bevorstehen,  auch wenn man unschuldig an dem Geschehenen ist, das Opfer.“

„Ihnen würde es trotzdem nicht passieren.“ erklärte mir Tobias nun.
Ein Hoffnungsschimmer.
„Sie sind hübsch.“
Ich gebe auf.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Soll ich auf die Nachbereitung bauen oder lasse ich das Buch lieber sicherheitshalber nochmals lesen?

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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14 Antworten zu Empfehlung? Aussetzer

  1. bambooos schreibt:

    Nochmal lesen? Hm. Vielleicht das Ende nochmal, damit sie es verstehen – wobei fraglich ist, ob sie es dann auch SO verstehen wollen, beim DEM Beschützerinstinkt, den sie gegenüber Ihnen haben😉

    • Frau Falke schreibt:

      Besonders lang ist das Stück glücklicher Weise nicht, sodass dies ginge. Das Ende müssen wir auf jeden Fall auseinander nehmen, das habe ich jetzt gemerkt.🙂
      Der Beschützerinstinkt ist ja doch recht ausgeprägt, nicht? Ich sollte dringend an meinem Image arbeiten, glaube ich.

      • bambooos schreibt:

        Ach lieber so, als anders. Das heißt ja nur, dass Sie gemocht werden & es gibt schlimmeres, denke ich🙂

        (für mich ists zB immer wieder toll, wenn die Kids fragen „Haben wir heute mit dir?“ und dann hüpfend & jauchzend weglaufen, wenn die Antwort „Ja!“ ist😉 )

  2. Jürgen schreibt:

    Vielleicht die entscheidenden Stellen doch nochmal lesen lassen – oder gemeinsam lesen, Frau Falke.
    Ja, die Sache mit dem Sinnerfassen – das ist überall das Problem.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich glaube nicht einmal, dass es daran scheiterte, dass meine Schüler den Sinn der Aussage nicht verstanden hätten. Sie haben es nur vollkommen anders bewertet als ich es erhofft habe…🙂

  3. pausenkaffee schreibt:

    Spricht aber wenigstens für ein tief empfundenes Vertrauen zu dir. Oder es hat hormonelle Gründe bei den Jungs… ;D

  4. antagonistin schreibt:

    Ich kenne das Buch zwar nicht, würde es aber nicht noch mal lesen lassen. Viel wichtiger scheint mir die Deutung, die so anders ist, als sie erwartet wird. Verstehensprozesse basieren – in meinen Augen – mehr auf dem, was man (nicht) wahrnimmt, auf den Brüchen, den Leerstellen, der Verschiedenheit, dem Austausch darüber.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich war wohl einfach nur erstaunt, dass die Schüler es so anders wahrgenommen haben als ich. Nochmals lesen habe ich sie es heute nicht lassen, mir stand die Lust nicht mehr nach Gewalt und Schülern.

  5. nadineswelt schreibt:

    Der Beschützerinstinkt ist aber doch irgendwie süß!

  6. lys schreibt:

    also ich finde die aussage: „ihnen passiert das nicht. sie sind hübsch.“ erschreckend… darüber sollte man wirklich mal reden. es kann doch nicht sein, dass in der wahrnehmung der schüler nur „unhübsche“ menschen gewalt-opfer werden (sei es körperlich oder seelisch).

    • Frau Falke schreibt:

      Dazu habe ich schon eine sehr schöne Stunde in der Vorbereitung, denn für mich war es auch sehr erschreckend. Wobei ich ehrlich gesagt auch keinen Anhaltspunkt für diese Aussage gefunden habe.

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