„Tod“ gesagt

Thematisch nicht gelöst, seelisch nicht auf der Höhe, aber doch wieder so weit im Alltag angekommen, dass die heutigen Stunden fast so etwas wie Normalität waren. Es geht weiter, unser Leben, mein Leben, und ich hoffe, dass die schönen Tage wieder einziehen in unsere Schule wie die warmen Sonnenstrahlen über das Land.

Ich bin froh, dass ihr alle da wart, dankbar für jedes nette Wort, die Kommentare, auch wenn sie unbeantwortet blieben, und einige Emails, die mich bewegten und unterstützten. Ich werde nun weitermachen, denn das Leben ist zu kurz, um es nicht zu tun. Oder wie sagt man?

Die Kollegin Miller hat sich heute mit einem Stück Papier so tief in den Finger geschnitten, dass es ganz schön heftig geblutet hat. Sie versuchte natürlich, den Fluss zu stillen, bekam dies aber erst nach einigen Minuten hin, was zu dem Resultat führte, dass ihr halber Tisch blutverschmiert war, was wirklich ziemlich eklig aussah.
Der Kollege Krüger wiederum bekam von dem ganzen Blutspektakel nichts mit, weshalb er, als er ins Lehrerzimmer kam, erstaunt und ein wenig amüsiert fragte, was er lieber nicht gefragt hätte.
„Ach du Gott, was ist denn hier passiert? Es sieht ja fast aus, als hättet ihr ein Massaker veranstaltet.“

Denn daraufhin war das Fräulein Jäger tief getroffen und irgendwie auch eingeschnappt. „Was soll denn das bitte? Finden Sie das witzig oder was? Ein Massaker, na prima, als hätten wir an dieser Schule nicht genug Sterbefälle für dieses Jahr.“

Ich beobachtete Herrn Krüger, der den Mund verzogen hatte und dem das Gesagte nun nicht mehr so lustig vorkam, aber scheinbar hatten weder er noch sie großartig Lust ihr Gespräch weiterzuführen.
Demnach wandte ich mich für meinen Teil wieder meinen zu korrigierenden Vokabeltests zu, konnte mich aber irgendwie nicht auf diese konzentrieren.

Es ist merkwürdig, seit Frau Vertido von uns gegangen ist, scheinen wir alle ein großes Problem mit dem Wort „Tod“ zu haben. Wir sprechen es nicht aus, genauso wenig wie Begriffe, die sonst mit der Sache zu tun haben. Und obwohl wir uns nie darauf verständigt haben, scheint es doch ein stummes Übereinkommen unter uns Lehrern zu sein. Ich denke, wir wollen einfach nicht dauernd die Wunden aufreißen.

Interessanter Weise ist aber gerade dieses Verbot, diese Anweisung des Nicht-Aussprechens, der Grund für viel Unmut. Denn wie bei Schülern, denen wir sagen „Nicht rauchen.“, „Nicht spicken.“ oder „Nicht reden.“, machen auch wir genau das Gegenteil von dem, was wir tun sollen.

Unbewusst dringt es in unseren Kopf, legt uns Worte in den Mund, springt über unsere Zungenspitze, und schon sind sie gesagt, die unpassendsten Dinge, obwohl wir uns doch so fest vorgenommen hatten vorsichtiger zu sein.

Da stehen wir in Chemie an der Tafel und erklären, warum es nicht ausreicht zu schreiben, dass beim Erhitzen von Eiklar unter Zugabe der verschiedenen Chemikalien jedes Mal Eiweiß entsteht, und sagen dann: „Seht, das ist als ob ein Mensch ermordet wird und ihr sagt nur, dass er getötet wurde. Da geht nicht. Ihr müsst schon dazusagen, wie er getötet wurde und an welcher Stelle.“

Oder wir sitzen im Deutschunterricht und sind sauer: „Nein, Tarek, das ist absolut unangebracht. Wie wollt ihr denn weitermachen, wenn ihr euch jetzt schon so prügelt? Morgen hinter der Schule und dann auf Leben und Tod?“

Vielleicht sind wir auch in der Turnhalle und geben Sport, wo sich ein Schüler weigert das Seil hoch zu klettern, und wir kommentieren dies wie folgt: „Jetzt stell dich nicht so an, was dich nicht umbringt, macht dich stärker.“

Auch im Mathematikunterricht geht es einem locker von den Lippen: „Okay, Leute, den nächsten, der ein Papierkügelchen schmeißt, werde ich eigenhändig fesseln und knebeln und im Bioteich ersäufen.“

Ebenfalls möglich, weitab von jeder Klasse: „Tanja, ziehe dir gefälligst eine Jacke über, wenn du rausgehst. Du wirst dir sonst noch den Tod holen.“

Oder im Lehrerzimmer: „Lieber sterbe ich, als dass ich diese Klasse ein weiteres Jahr unterrichte.“

Und wo wir gerade beim Sterben sind, auch in Erwartung der nächsten Konferenz: „Das wird sicher sterbenslangweilig.“

Darauf folgt dann gewöhnlich ein böser Blick: „Wenn Blicke töten könnten!“

Man sieht also, es gibt im Deutschen viele Redewendungen, die man alltäglich gebraucht und die mit dem Tod, dem Sterben, mit Mord und ähnlichem zu tun haben. Und ob nun Sport Mord ist oder wir eine Mordsangst respektive einen Mordsspaß haben, eines ist sicher: Gestorben wird immer.

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Ich hoffe, ich mache das nicht. Aber möglich ist es, wahrscheinlich auch?
P.S.: Es ist eine Kleinigkeit, ich weiß. Im Moment jedoch sind diese Dinge von einer ungeheuren Bedeutung für uns.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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21 Antworten zu „Tod“ gesagt

  1. Nobelix schreibt:

    Hallo Frau Falke,

    schön dass du wieder da bist 🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Danke sehr. Ich hatte es vor ein paar Tagen schon mal probieren wollen, aber es ging nicht. Jetzt jedoch glaube ich, dass es genau das richtige für mich ist. Ich habe die Zeit gebraucht, in der ich mich zurückziehen konnte, aber ich brauche ebenso jene nun, in der ich mich wieder in die bunte Blogospähre stürze. :]

  2. sunshinemuffin schreibt:

    Du bist wieder da…
    Ich hab dich vermisst (den für morgen „geplanten“ Artikel brauche ich dann wohl nicht mehr… obwohl… doch, ich lass ihn einfach so).
    („)> *Willkommen zurück* <(")

    • Frau Falke schreibt:

      Jetzt hast du mich aber neugierig gemacht…
      Ja, ich bin wieder hier, ohne euch (und die Pinguine) ist es mir doch arg langweilig geworden. In der kommenden Woche werde ich dann auch mal nachlesen, was so los war, darauf freue ich mich schon. 🙂

      • sunshinemuffin schreibt:

        Theeeeeeeeeeeeeniiiii, das war doch jetzt eine Aufforderung, sie mit Pinguinen zuzuspammen, oder?

          • Theni schreibt:

            Wie? Was? PINGUINE???? WOOOOOOOO? 😀
            <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(") <(")
            Nein, im Ernst, schön dass du wieder da bist! 🙂 War so still ohne dich…
            lg, Ping… äh, Theni

  3. datmomolein schreibt:

    Ich persönlich glaube ja, dass diese „Floskeln“ genau aus diesem Grund Einzug in die Sprache gehalten haben, um den Tod das Ernsthafte – Unausprechliche zu nehmen. Denn wenn man sich tagtäglich mit etwas umgibt, ist es nicht ganz so furchtbar. Klar klingt es im ersten Moment unangebracht, aber ist es das vllt. nur das erste Mal. Das zweite Mal geht es schon einfacher und bald kann man es wieder ohne Hintergedanken nutzen.
    Allein ist es für jede Person ein anderer Augenblick, in dem es zum ersten Mal gesagt werden kann und es wird sicher auch weitere solche unangenehmen merkwürdige Augenblicke geben… Und an der Stelle kommt ein anderes sehr wahres deutsches Sprichwort zu Bedeutung: „Zeit heilt alle Wunden“ und wenn die Zeit gekommen ist, dass die anderen Floskeln ohne Gegenseitiges bedrückt angucken gesagt werden können, weiss man das das passierte im Kollegium überwunden aber eben NICHT vergessen wurde….

    • Frau Falke schreibt:

      Sicher haben sie genau deshalb solch einen festen Platz in unserer alltäglichen Sprache, dennoch ist es momentan ein wenig schwierig sie ohne diesen leichten Stich zu empfinden sich anzuhören. Ich denke es wird besser werden, so alles. Wir brauchen halt einfach Zeit, und wir haben sie, wenn auch auf die verschiedensten Weisen.

      >>und wenn die Zeit gekommen ist, dass die anderen Floskeln ohne Gegenseitiges bedrückt angucken gesagt werden können, weiss man das das passierte im Kollegium überwunden aber eben NICHT vergessen wurde….<<
      Das ist schön, wie ein Sinnspruch für die letzte Zeit und nicht nur auf die Sprache anwendbar.

  4. pausenkaffee schreibt:

    Schön, dass du wieder da bist!

  5. Jürgen schreibt:

    An Redensarten, nicht irgendwelchen saloppen Sprüchen, ist was dran.
    Siehe „an die Nieren gehen“, „auf den Magen schlagen“, „über die Leber gelaufen“.
    Ein interessantes Feld.

  6. PMK74 schreibt:

    Hallo Frau Falke,

    ich verfolge ihren Blog seit dem ersten Eintrag – bisher als stiller Mitleser.

    Mir gefällt der Schreibstil und die Geschichten rund um Ihr Kollegium und die Schüler.

    Einen Todesfall zu verarbeiten braucht seine Zeit – im Kollegenkreis wie in der Familie oder wenn es Freunde betrifft – und jeder hat seine eigene Methode, damit umzugehen und einer braucht mehr Zeit, die andere weniger, den Verlust zu überwinden. Der Tod gehört zum Leben dazu, wie auch die vielen Sprichworte und Redewendungen zu diesem Thema zeigen.

    Zum Thema Umgang mit dem Tod könnte ich Ihnen einen anderen Blog empfehlen: http://www.bestatterweblog.de

    Viele Grüße

    PMK74

    • Frau Falke schreibt:

      Danke für die Worte und auch die Empfehlung, es hatte mich schon mal auf diese Seite geschlagen, jedoch muss ich zugeben, in der momentanen Situation nicht an sie gedacht zu haben.
      Dass Sie ein seit der ersten Stunde mitlesen, finde ich toll, gerade weil es bedeutet, dass Sie am Ball geblieben sind. 🙂 Aber auch wenn stille Leser ihre Sprache finden, ist das schön.

  7. PMK74 schreibt:

    Am Ball geblieben… 🙂
    Sooo lange ist der Blog ja nun doch noch nicht online. Irgenwie bin ich bei einigen Lehrer-Blogs regelmäßig am Lesen – muss familiär bedingt sein – da gibts so einige dieser Lehrkörper…

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