Rest in Peace

Es war anders als sonst, als ich heute das Schulgebäude betrat, aber ich wusste nicht warum und ich würde einiges darum geben, es auch jetzt noch nicht zu wissen.

Zu diesem Zeitpunkt aber schüttele ich das unangenehme Gefühl ab, treffe den Kollegen Wallert, der, noch in Mantel und Schal gehüllt, am schwarzen Brett einen Zettel aufhängt. Wir verstauen zusammen unsere Sachen an der Garderobe, dann geht er voraus und ich folge ihm, nachdem ich in meinem Fach nachgesehen habe, ob sich nicht doch noch das ein oder andere Arbeitsheft dorthin verirrt hat.

Beim Betreten des Lehrerzimmers merke ich, wie sich ein bleischweres Gewicht auf meinen Brustkorb legt.

Die Kollegen sind ganz komisch, sie verhalten sich nicht normal.

Da ist kein lautes Diskutieren über einen nicht anwesenden Lehrer, kein morgendliches Kaffeekränzchen, keine Unterrichtstunden durchsprechenden Referendare, kein Stau an dem Kopierer, kein fluchend nach seinem Ordner suchender Kollege, kein draußen stehender Raucher, kein freundliches Begrüßen, kein genervtes Augenverdrehen, weder Beschwerden noch Anekdoten noch schlechtgelaunte Kaffeetrinker, die einem verbieten vor der ersten Tasse das Wort an sie zu richten.

Stattdessen sehe ich die Kollegen zusammensitzen und kann das Bild, welches sich mir bietet, gar nicht fassen. Es wird geweint, manche haben ihr Gesicht in ihren Händen vergraben, andere versuchen Trost zu spenden, indem sie ihnen vorsichtig über den Rücken streichen, nicht ohne sich selbst immer wieder mit den Handrücken über die Wangen zu fahren. Andere wirken wie versteinert, die nächsten diskutieren wild miteinander. In der Mitte der Tür zum Kopierraum steht der Direktor, neben ihm die Sekretärin, komplett aufgelöst.

Meine Beine tragen mich wankend zu unserem Tisch, die Angst zu fragen was los ist überwiegt alles, ich bin unfähig den Mund zu öffnen um die Worte zu sprechen, die mir vernichtend und gleichsam erlösend erscheinen.
Felizitas, deren Augen gerötet und Mascara verschmiert ist, kniet vor Sarah, die ihre Finger verkrampft in ihren Haaren hält, schluchzt. Emily ist es, die aufsteht und mir entgegenkommt, die Arme um mich legt und mich dann ansieht. Ihre Tränen laufen, ihre Lippen zittern, doch ihr Blick ist ernst und eindringlich. „Du… Es ist etwas passiert.“

„Wer?“ Es ist nicht mehr als diese zittrige Frage, die ich herausbekomme. Dann beiße ich mir auf die Zunge, schlucke, vergesse zu atmen, so angespannt bin ich.

„Sandra.“ flüstert Emily, dann laufen die heißen Tränen erneut, sie schluchzt, drückt mich an sich, zitternd.
„Wir haben es auch gerade eben erst erfahren. Sie hatte auf dem Weg hierher einen Unfall, ihr Wagen ist von der Straße abgekommen. Sie ist aus der Spur gekommen, irgendwie, ihr Wagen ist mit voller Geschwindigkeit gegen die Leitplanke geprallt und,“

Ich wende den Kopf ab, während mein Weinen meinen Körper durchschüttelt, als meine Beine wegsacken schafft es Stefan noch schnell genug einen Stuhl dazu zu ziehen, auf den ich mich fallen lassen kann.

Sie steht mir ganz nah, hält mein Gesicht in ihren Händen, streicht mir sanft mit dem Daumen darüber. „Totalschaden, sie war augenblicklich tot.“

Ich weiß nicht, ob jemand nachvollziehen kann, wie ich mich in diesem Moment fühle.
Ich weiß nicht, ob es besser gewesen wäre, wenn ich es mit den anderen erfahren hätte.
Ich weiß nicht wie ich ausdrücken soll, was ich empfinde.

Ich möchte anfangen über das alles zu sprechen, weil sich in mir der Gedanke festgesetzt hat, dass es dadurch begreifbar werden könnte. Aber keine Worte sind fähig auszudrücken, was geschehen ist und was das für uns bedeutet.
Ich möchte nicht über sie sprechen, denn ich habe Angst, dass meine Worte mit all ihrer Kraft und Stärke zu laut, zu hart sind um zu beschreiben, was ich fühle.
Ich möchte über sie nachdenken, über Sandra, Frau Vertido, über meine Kollegin, die ich jeden Tag in der Schule gesehen habe, mit der ich oft Mittagessen war, mit der ich in allen möglichen Ausschüssen saß, über Sandra, eine Kollegin, die ich gern mochte, die ich sehr respektierte, eine tolle Frau, von der ich nicht viel wusste, die ich gern besser gekannt hätte, eine Neunundzwanzigjährige, die so plötzlich von uns gegangen ist, dass ich es nicht fassen kann.
Und mitten in meinen Gedanken, mitten in meinen Tränen, mitten in dieser tiefen Bestürzung, da erinnere ich mich an etwas, und diese Erinnerung nimmt mir die Luft zum Atmen. Sandra hinterlässt nicht nur ihren Mann. Sie hatte auch einen Sohn von sechs Jahren, der durch ihren Tod zum Halbwaisen wird.

Noch nie habe ich das Kollegium so gesehen.

Wir haben Glück erlebt, denn wir waren zusammen, als uns mitgeteilt wurde, dass die Schule auch weiterhin bestehen würde, und wir waren froh gewesen, dass wir weiterhin zusammenbleiben und hier arbeiten konnten.
Wir haben Streit erlebt, denn mehr als einmal haben wir uns gegenseitig angeschrien und fertig gemacht.
Wir haben Hass erlebt, nicht besonders oft, aber hier und da gab es doch diese Momente, in denen wir so überlagert waren von diesem Gefühl, dass man es nur als solches bezeichnen konnte.
Wir haben Freude erlebt, uns gemeinsam gefreut über Hochzeiten, Schwangerschaften, Verlobungen, Abschlüsse, Enkelkinder, über Beförderungen, Vorsitze, Projekte, schöne Stunden, tolle Schüler, gelöste Konflikte, bearbeitete Probleme, über große Dinge ebenso wie Kleinigkeiten.

Wir haben all das miteinander erlebt, zudem Zorn, Überraschung, Scham, Furcht, Verachtung, Aversion, Schuldgefühle, Verliebtheit, Mitleid, Sympathie, Neid, Stolz und Enttäuschung. Aber wir haben nie Trauer erlebt, nie solches Leid, nie solchen Schmerz.

Wir haben gemeinsam noch nie den Tod erlebt.

In Gedenken
Frau Falke

P.S.: –

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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10 Antworten zu Rest in Peace

  1. Nicole schreibt:

    oh nein wie furchtbar, das tut mir sehr leid😦

  2. Theni schreibt:

    Oh Gott…😦
    Ich hoffe, du hast jemanden, der dich trösten kann… Du tust mir wieder mal unendlich leid, dass du so viel ertragen musst…
    Mehr kann und will ich nicht sagen…
    Theni

  3. Frl. Rot schreibt:

    Ich will mich hier nicht einfach so rauschleichen, ohne etwas zu schreiben, auch wenn alles irgendwie unpassend erscheint.
    Zuallerst: Mein Beileid. (Auch wenn wir uns nicht persönlich kennen.)
    Ich wünsche Dir und Deinen Kollegen Raum und Zeit zum Trauern, gemeinsame Gespräche und viel Kraft.
    Fühl´ Dich umarmt!

  4. pausenkaffee schreibt:

    Herzliches Beileid an das gesamte Kollegium und an dich. Ich hab für Sandra eine Kerze angezündet.

  5. Jürgen schreibt:

    Mein aufrichtiges Beileid.

  6. theomix schreibt:

    Ach, ist das traurig. Ich lese erst seit kurzem hier mit. So eine Nachricht – das zieht den Boden unter den Füßen weg… Was Frl. Rot wünscht, besser kann ich es auch nicht sagen. Ich setz mich einfach zum P.S., schweige mit und halte die Taschentücher bereit…

  7. Sprachingenieur schreibt:

    Dieser und der letzte Artikel („little things“) könnten gegensätzlicher kaum sein. Erst ein Artikel über die kleinen, oft unscheinbaren und doch so wertvollen Momente des alltäglichen Glückst und dann das…. ….unvorhergesehen, schmerzerfüllt und voller Kummer…

    Ich kann außer der Ferne nicht viel mehr schreiben, außer dass ich dir von Herzen wünsche, dass du bald neben dem betäubendem Kummer auch wieder die kleinen, unscheinbaren Glücksmomente wahrnehmen kannst.

    P.S.: Es ist absolut ok, wenn du dich zurückziehen willst/magst/musst. Tu einfach das, was dir gut tut.

  8. littlemissbad schreibt:

    Ich wünsche dir und allen Betroffenen mein Beileid. Ich will nicht sagen, dass ich weiß, wie du dich jetzt fühlst. Ich habe 2002 in Erfurt mein Abitur gemacht, d.h. ich weiß zumindest, wie lähmend unerwartete, unfassbare Schicksalsschläge sein können. Sie führen Menschen auch näher zusammen. Ich wünsche dir, deinen Kollegen und Schülern viel Kraft.
    Fühl dich virtuell gedrückt von jemandem, der nicht leichtfertig Umarmungen veteilt.

  9. Inch schreibt:

    Das ist furchtbar. Auch mein herzliches Beileid. Bei solchen Dingen ist es immer schwer, die richtigen Worte zu finden. Deswegen, sei einfach versichert, dass ich in Gedanken bei Dir bin.

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