In Trauer

 

Es ist unbegreiflich, dass das Leben weitergehen soll, nachdem sie fort ist.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktioniert, weitermachen, meine ich. Morgen ist keine Schule, ohne Diskussion, ohne Machtspielchen, ohne Einwände. Manchmal funktioniert es eben doch, das Sozialgefüge.

Dass ich jedoch am Montag wieder in die Schule gehen soll und an den normalen Unterricht anknüpfen, Klassenarbeiten vorbereiten, Lehrplan einhalten. Das alles ist nicht vorstellbar, schon gar nicht jetzt, vielleicht auch nicht später. Wieder bin ich am Weinen. Heute ist alles grau.

 

Vor der Schule liegt ein Meer aus Blumen und Kerzen, fremd wirkte sie, als wir im Dunkeln an ihr vorbeischlichen, als könne man uns bei etwas Verbotenem erwischen. Manche der Bilder, die Sandra zeigen, lassen mich meine ehemalige Kollegin nicht erkennen.

Die Schülerinnen und Schüler sind aufgelöst. Ich hätte mir gewünscht sie vor all dem hier schützen zu können. Nur noch ein bisschen, ein paar Jahre, vielleicht mehr.

 

Ich erinnerte mich dort draußen in der Kälte daran wie es war, wie wir dort im Lehrerzimmer saßen und die Zeit stillzustehen schien. Es ist nur ein paar Stunden her, aber es fühlt sich anders an.

Es war grausam, als die Klingel ertönte, geradezu als hätten wir Milliarden von Stunden dort gewartet und doch, als sei die Zeit innerhalb von Sekunden verflogen. Das metallene, alles zerfetzende Geräusch zerbrach die Stille, die Zeitlosigkeit, aber nicht die Einsamkeit, die Trauer. Wir standen unter Schock, hatten uns selbst noch nicht gefasst, nicht begriffen was geschehen, nicht verstanden was sich ereignete, ohne, dass wir etwas daran hätten verändern können.
Wir wussten, dass wir nun an der Reihe waren etwas zu tun. Dass wir etwas tun mussten. Raus in die Klasse gehen, auch wenn uns das Verlassen des Lehrerzimmers erschien wie ein Herausgestoßen werden in eine fremde, schreckliche Welt.
Mit den Schülern reden, ihnen erklären, was passiert ist, auch wenn es uns so unbegreiflich schien, dass wir es selbst nicht fassen konnten.

Nie wieder möchte ich ähnliches erleben. Nie wieder in meine Klasse gehen müssen und ihnen mitteilen, dass jemand gestorben ist. Ich kann nicht ertragen, wie sie mich ansehen, ungläubig, geschockt. Wie sie die Köpfe schütteln, „Nein, nein, das kann nicht wahr sein.“, wie sie anfangen zu weinen, Träne um Träne über ihre Wangen läuft, wie sie zusammen sinken, schluchzen, oder den Kopf schütteln, „Das darf nicht wahr sein.“, „Wie kann so etwas passieren?“, „Warum?“.

Wie sollen wir Antworten geben auf Fragen, die zu beantworten wir nicht fähig sind? Wie sollen wir Trost spenden, wenn wir selbst diesen doch so nötig brauchen? Wie kann man von uns erwarten, dass wir etwas erklären, was uns allen so unerklärbar scheint?
Wir denken, wir sollten es erklären, aber keiner weiß wie. Und wir sollen über den Tod sprechen, jetzt, so plötzlich, dabei haben wir uns darüber vielleicht noch niemals Gedanken gemacht.
Wie soll ich ihnen denn erklären, dass ein Mensch sterben musste, der niemals jemandem etwas getan hat? Eine junge Frau, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatte? Wie kann ich denn von ihr sprechen, ohne zu weinen, wie ihren Namen in den Mund nehmen, ohne daran zu denken, dass sie nicht wiederkommen wird?

Jeden Augenblick denke ich, dass sie über den Flur gehen muss, dass ich sie sehen werde, aber sie kommt nicht, egal wie sehr ich es mir wünsche. Wie lange ist unsere Klausuren-Session her, wie lange das letzte Mal, dass wir einen Blick tauschten?
Ich kann nicht glauben, dass sie nicht mehr da ist, sie sitzt doch an unserem Tisch, sie muss doch gleich wieder durch die Tür kommen, vielleicht mit einem Lächeln, vielleicht auch mit diesem Anflug von Verzweiflung im Gesicht, vielleicht genervt, dann sind ihre Haare zerzaust, weil sie sich immer wieder mit den Finger durch diese fährt. Vielleicht auch mit diesem Blick, den sie immer an den Tag legt, wenn sie etwas beunruhigt oder verwirrt.
Ich denke zurück, denke daran wie sie im Lehrerzimmer saß und mit mir über G8 gesprochen hat, wie sie sich aufregte und diskutierte. Wie sie sich über einen Kollegen ärgerte, der ihr Steine in den Weg legte, wie sie gestikulierte und argumentierte.

Und mir fällt der Moment ein, in dem sie zu uns kam und sich beschwerte, dass sie mal wieder bedroht worden war, erinnere mich daran wie wir Scherze über die Drohung Eriks machten, wie wir glaubten der Tod sei uns so fern wie nichts auf der Welt.
Ich möchte diesen Augenblick einfrieren, diesen Augenblick glücklicher Sorglosigkeit, in der wir wie Kinder nur den Gedanken an das Jetzt hatten, keine wahre Sorge unsere Fröhlichkeit überschattete. Es war so ein normaler Tag gewesen. Ich wünschte, wir hätten noch viel mehr davon gehabt.

Ich weiß, dass nichts von dem, was ich sage, Bedeutung hat, weil nichts von dem, was ein Mensch mit Worten auszudrücken vermag, etwas ändern kann am Lauf der Dinge. Ich weiß, dass der Tod das Leben in seiner Endlichkeit ausmacht, dass wir ohne das Sterben nicht existieren könnten. Aber es will nicht in meinen Kopf hinein, dass eine Frau in der Blüte ihrer Jahre gehen muss, dass sie ohne eigenes Verschulden herausgerissen wird aus ihrem Sein, fort von ihrer Familie, ihren Freunden, ihren Kollegen. Es ist und bleibt für mich einfach unbegreiflich, dass das Schicksal nichts mehr für Sandra Vertido bereithält.

Ich habe sie gemocht. Ich werde sie niemals vergessen. Niemand wird das. Und ihr Stuhl, ihr Stuhl im Lehrerzimmer, ihr Stuhl an unserem Tisch, der bleibt leer, genauso wie eine Stelle in unserem Kollegium immer leer bleiben wird. Weil sie nicht mehr da ist. Weil sie fehlt.

Der Tod ist unbegreiflich für mich und kein Wort der Welt kann mir Trost spenden. Ich weiß nicht, was ich meinen Schülern am Montag sagen soll. Denn mein Leben geht nicht einfach weiter. Ich will die Zeit zurückdrehen, es ungeschehen machen, aber ich weiß, dass es nicht geht. Ich will schreien und um mich schlagen, bis all die Wut und der Hass und der Zorn und die Enttäuschung draußen sind. Doch ich kann auf niemanden wütend sein, denn niemand ist Schuld daran, was passiert ist.

 

In Gedenken,
Frau Falke

P.S.: Seid mir nicht böse, wenn ich mich die nächste Zeit ein wenig zurückziehe. Ich muss das alles erst einmal verarbeiten. Und seid nicht böse, wenn ich die Kommentare nicht beantworte. Auch wenn tausende Worte in meinem Kopf herumschwirren, so ist ein klarer Gedanke doch kaum zu fassen. Vielleicht hilft es mir, mich zurückzuziehen. Seht es mir nach.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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5 Antworten zu In Trauer

  1. bambooos schreibt:

    Ich kannte sie nicht, aber deine Worte schnüren mir die Kehle zu.
    Lass dir so viel Zeit, wie du brauchst. Und du weißt ja, wie du den Kummer wenigstens ein bisschen ablegen kannst. Schreiben hilft. Und auch wenn du es nicht für „uns“ machst, sondern nur für dich – du musst ja nichts öffentlich machen. Vielleicht hilft es.
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft, bin ich Gedanken bei dir.
    Alles wird gut!

  2. Nobelix schreibt:

    Nutze die Zeit – so viel, wie du brauchst. Auch wenn es schwerfällt, das zu akzeptieren – es wird nie wieder so sein, wie früher. Und wenn dir nach schreien ist, schrei. Wenn dir nach laufen ist, lauf und wenn dir nach schlagen ist, schlag. Es hilft, dass man sich besser fühlt – aber es ist kein Allheilmittel. Nur eines ist ganz, ganz wichtig: du bist nicht allein!

    Mein Beileid allen Angehörigen, Freunden und Kollegen.

    Nobelix
    (der normalerweise eher sarkastisch mit dem Tod umgeht, aber im Moment trotzdem einen Kloß im Hals hat)

  3. runninggag schreibt:

    ich habe in meiner Schulzeit ähnliches erlebt, einer meiner Lehrer ist in den Ferien bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich habe immernoch ganz stark das Bild vor Augen, wie wir mit mehreren großen Bussen zur Trauerfeier gefahren sind, und in strahlendem Sonnenschein aus der Kirche traten und alle, die sich bis dahin noch zusammengerissen hatten, sind spätestens da in Tränen ausgebrochen. Schüler, Lehrer, alle lagen sich in den Armen und haben gemeinsam um ein wertvolles Mitglied der Schulgemeinschaft getrauert.
    Meine Gedanken sind jetzt ganz stark bei dir und deinem Kollegium, den Schülern (die, zumal wenn sie Sahra kannten, sehr wohl begreifen was passiert ist), und natürlich bei den Angehörigen, und ich wünsche allen viel Kraft das zu überstehen.

    Wenn Du dich zurückziehen willst, tu das ruhig. Trauere. Ich denke jeder hier kann das verstehen.

  4. littlemissbad schreibt:

    Du musst dich nicht dafür entschuldigen, dass du Zeit brauchst.
    Es ist vollkommen normal. Ich weiß nicht, was ich schreiben soll, also lasse ich es…

  5. Jürgen schreibt:

    Lassen Sie sich Zeit.

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