little things

Als ich  heute im Unterricht der Zwölften nicht so recht etwas mit mir anzufangen wusste, weil alle friedlich und still auf ihren Plätzen arbeiteten, krochen die lang vermissten Sonnenstrahlen durch das Fenster und legten sich auf mein Gesicht. Sie waren nicht wärmend, sicher, doch ich genoss diesen frühen Gruß des Frühlings sehr und dachte so bei mir, während sich ein merkwürdiges Glücksgefühl ausbreitete, wie schön die Welt doch sein konnte.
Irgendwie sind es die kleinen Dinge, die mir täglich Freude bereiten, ob nun ein Schüler, den wir längst abgeschrieben hatten, erkennt, wie wichtig Schule für seinen späteren Lebensweg ist, eine Schülerin, die mir ein Kompliment über meinen neuen Pullover macht, ein Mittelstüfler, der ganz unverhofft einem der Kleineren hilft.

Es muss ja nichts großes sein, nichts weltbewegendes, es reicht völlig, wenn es etwas ist, das einem für einen kurzen Augenblick lächeln lässt. Und wenn man aufmerksam beobachtet, findet man viele solcher kleinen Dinge.

Einiges, was mich erfreut, ist ganz unscheinbar.

Zum Beispiel, wenn Sarah nach dem Sport ins Lehrerzimmer kommt und aus ihrer blonden Mähne das Haargummi zieht. Ihr hängen die Strähnen dann wild ins Gesicht und das sieht nicht nur hübsch aus, sondern gibt einem auch das Gefühl, sie gut zu kennen.

Oder wenn Emily von einer ihrer Klassen erzählt und von dem Ärger, welchen diese hatte, und dabei dieses kämpferische Blitzen in ihren sonst so herzensgut wirkenden Augen auflodert. Weil ich dann einfach weiß, dass es niemanden gibt, dem ich in der Schule so sehr vertraue wie ihr. Sie ist ehrlich, von Grund auf ehrlich, und sie würde für jeden von uns kämpfen, wenn es nötig wäre. Auf sie ist einfach immer Verlass und das hat etwas wahnsinnig Tröstendes für mich.

Oder die Geste, mit der Stefan sich über seinen linken Ärmel streicht, wenn er verlegen ist. Er ist so ein toller Mensch, ich kenne kaum jemanden, der so ernst und gleichsam so humorvoll ist.

Ich mag es, wie Conny morgens hereinkommt, wenn sie wieder eine Nachricht aus Kiel bekommen hat. Diese Wichtigkeit, die sie ausstrahlt, als würde sie einem alles, was passiert, erklären können. Ich weiß nicht, ob sie einfühlsam ist, denn dazu kenne ich sie nicht genug, aber wenn irgendjemand auf der Welt Antworten weiß, dann sie.

Auch Frau Debian sorgt für ein Lächeln, wenn ich sie sehe, sei es, dass sie noch vor der ersten Stunde dasitzt und Kopien sortiert oder spät abends in einem der Klassenräume steht und ausprobiert, ob die ganze Sache mit dem Beamer tatsächlich so funktioniert, wie sie es sich gedacht hat. Ich mag ihren Eifer, ihren Ehrgeiz, diesen festen Glauben an guten Unterricht und spannende, sowie lehrreiche Stunden. Auch ihre Naivität den Schülern gegenüber mag ich, hatten wir sie doch alle mal, waren wir doch alle mal so verblendet und gutgläubig, was die Schule anging.

Ich mag es, wie der Ältestenrat zusammensitzt und sich bewusst über seine tragende Rolle ist, und wenn Kelly und Frederik Tarsmus sich nach all den Jahren Ehe verliebte Blicke zuwerfen im Glauben, keiner von uns würde es sehen.
Oder wenn Herr Reeden trotz seiner Vorurteile dem Kollegium gegenüber mit den anderen Biolehrern über den Ausgang der letzten Fachschaftssitzung debattiert.
Ich mag es, wie Frau Kramer über ihren Bauch streicht, seit sie schwanger ist, wie Frau Donke sich um die Referendare, besonders um Frau Jäger, kümmert, und selbst der abschätzige Blick Frau Rondells jeden Morgen sorgt bei mir für ein kleines Lächeln auf den Lippen.

Denn seien wir mal ehrlich- sie sind alle, wie sie sind, und sie sind Menschen. Und gerade weil all ihr Handeln so durchschaubar und unbedeutend ist, zeigt es mir, dass ich hier richtig bin. Wir sind Lehrer, sicher, aber wir sind eben auch Menschen. Es sind die kleinen Dinge, die im Alltag Freude bereiten.

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Nein, ich habe nichts genommen.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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9 Antworten zu little things

  1. Varis schreibt:

    Die Einblicke die du aus „dem Inneren des Lehrerzimmers“ lieferst sind immer so schön 🙂
    Darf ich fragen, wieviele Lehrer ihr insgesamt seid? Kennt da eigentlich jeder jeden? (War an meiner alten Schule so ziemlich so, aber ich denke es gibt auch größere wo das wahrscheinlich nicht der Fall ist :’D)

    • Frau Falke schreibt:

      Momentan sind wir 74 Kollegen, und viele kennen nur den engsten Kreis, also jene, die etwas mit ihnen zu tun haben, in der gleichen Fachschaft sitzen etc. Mein Bekanntenkreis ist wahrscheinlich einer der größten dort, einfach, weil ich mich sehr dafür interessiere, was um mich herum geschieht. Alle jedoch kenne ich nicht, und manche geben mir auch Rätsel auf. Wobei man das auch hier merkt, über manche kann ich wenig sagen, Herr Krüger zum Beispiel. Der ist halt irgendwie da… Und weiter? Ebenso Herr Reeden, außer dem, was ich hier bislang an Charakteristik geliefert habe, weiß ich eigentlich nichts von ihm…

  2. sunshinemuffin schreibt:

    Oooh 🙂
    Danke für das Lächeln, das du mir gerade auf die Lippen gezaubert hast – ich werde es mit zum Spanischunterricht nehmen (:
    Und das P.S. … ich dneke da an den Spruch „Ich nehme keine Drogen, ich bin so!“ ;D

  3. pausenkaffee schreibt:

    Toller Post! Wenn ich den Kopf mal wieder frei habe(n sollte), folgt auch mal wieder was Erfrischendes von mir. Ideen hab ich ja inzwischen genug!

    Danke für diesen Lichtblick am heutigen Tag!

  4. rueckenpatientin schreibt:

    Sehr schön geschrieben! Danke dafür!
    Viel zu oft sehen wir die „kleinen Dinge“ gar nicht mehr, weil sie selbstverständlich sind. Dein Post ist für mich ein Ansporn, wieder mehr darauf zu achten.

    • Frau Falke schreibt:

      Du weißt nicht, wie mich dieses Kommentar freut, besonders von dir. Ich lese deinen Blog gern, weil er Kraft und Mut spendet, und wie kein anderer daran erinnert, dass es immer etwas gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt.
      Vielen lieben Dank, ich hoffe, wir verlernen beide nicht die kleine Dinge zu schätzen.

  5. Pingback: Die kleinen Dinge im Leben « Nobelix

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