Kaffeepause

oder Unterricht mit Frau Lindmahd

Vierte Stunde, ich habe keinen Unterricht und laufe vom Parkplatz, wo ich aus meinem Wagen noch eine Tasche geholt hatte, her über den Flur in Richtung Pausenhalle, da fällt mir eine offene Tür auf. An und für sich sind solche offenen Türen ja nichts besonderes, kommen sogar häufiger mal vor, jedoch entdecke ich die Kollegin Lindmahd.
Seelenruhig sitzt sie einsam und verlassen am Lehrerpult vor einer nicht vorhandenen Klasse und macht- nun, eigentlich nichts, wie immer.

Aber die Tatsache, dass sie sich augenscheinlich nicht einmal mehr die Mühe gemacht hat ihre Schüler zusammen zu suchen, bringt mich dann doch dazu stehen zu bleiben. „Annabelle? Was machst du denn hier, so ganz alleine?“
Sie sieht von dem Collageblock auf, in den  sie ständig irgendetwas rein krickelt, Bücher gibt es nicht.
Ich würde wetten sie hat auch keine, oder, wenn überhaupt, dann irgendwo ganz hinten im Schrank, schon zugestaubt und verblichen vom ewigen Nicht-Benutzen.
Aber genug Zynismus.
„Und wo sind deine Schüler?“
„Oben im Lichtbildraum, Film gucken.“
„…“
„Ja, was kann denn ich dafür?! Ich wollte ins Lehrerzimmer einen Kaffee trinken.“ Sie verzieht den Mund und zuckt ablehnend mit den Schultern.

Dies ist der Moment, in dem mir ein Licht aufgeht. „Direktor Jochender macht wieder seine Kontrollgänge, oder?“
Sie hebt die Hände. „Eben. Und bevor der mich wieder während meiner Unterrichtszeit im Lehrerzimmer erwischt…“
„…versteckst du dich lieber.“ Ich schmunzele, denn trotz ihrer bockige Art legt sie ein gewisses Augenzwinkern in jedes Wort, das sie spricht. Manchmal denke ich, sie meint es nicht böse, sie hat halt ihre ganz eigene Sicht auf die Welt. Und alles, was sie tut, ergibt dort Sinn, sie will einem wahrscheinlich gar nicht vor den Kopf stoßen, sondern agiert nach ihren eigenen Regeln.
Annabelle seufzt. „Ja, da hast du wohl recht. Aber mich zu denen setzen und zum zwanzigsten Mal „Romeo und Julia“ zu sehen bringt mir auch nicht mehr als hier herum zu gammeln.“

Ich kann mir mein Grinsen nicht mehr verkneifen und blicke mich zur Tür um, bevor ich ihr die sprichwörtliche Hand reiche. „Ich habe schon verstanden. Was hältst du von einem Kaffee?“
Sie schlägt den Collageblock zu und stützt ihr Kinn seufzend auf ihre Hände. „Ich kann doch nicht ins Lehrerzimmer.“
„Aber ich.“

Und dann stelle ich meine Tasche neben der ihren ab, lehne den Beutel mit den Heften daran und verlasse den Raum um wenig später mit zwei Tassen Kaffee wiederzukehren.
Wir sitzen so den Rest der Stunde zusammen und reden über dies und das, mal dieses, mal jenes, und ich muss sagen, dass ich mich wunderbar mit ihr verstehe.

Annabelle ist höchst intelligent, hat einen tollen Humor und kann beeindruckend erzählen. Ich frage mich, warum ein Mensch wie sie es aufgegeben hat zu unterrichten, denn die Schüler wären, wenn sie sich nur ein wenig bemühen würde, sicherlich begeistert von ihren Stunden.
Doch vielleicht kriege ich das ja noch heraus, es wird sicherlich nicht die letzte Kaffeestunde gewesen sein und wer weiß, vielleicht sitzt die Kollegin Lindmahd ja auch bald wieder während ihrer Unterrichtszeit bei uns im Lehrerzimmer.

Das kommt ganz drauf an, wann der Direktor das nächste Mal seinen Kontrollgang macht.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Das einzige Kommentar meiner Kollegen zu der Tatsache, dass ich mit zwei Tassen Kaffee verschwand, was übrigens Folgendes: „Jaja, jetzt schlägt die Sucht hart durch.“.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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24 Antworten zu Kaffeepause

  1. B wird Lehrerin schreibt:

    Das ist wirklich skurril. So eine Kollegin ist mir noch nie begegnet. Bei uns halten sie immer knallhart durch, auch in Stunden, bei denen selbst der Direx verstanden hätte, wenn sie sich ins Lehrerzimmer geflüchtet hätten, erst mal nen Kaffee trinken. Kann sich doch in die letzte Reihe setzen und schlummern, dann ist sie wenigstens anwesend …

    • Frau Falke schreibt:

      Sie kennt den Film ja schon… ;D
      Nein, ich verstehe gut, was du meinst. Ich habe mich eine Zeit lang auch darüber aufgeregt, wie das sein kann. Mittlerweile habe ich sie aber so akzeptiert. Es ist ihre Sache, reinreden lässt sie sich nicht, und wenn es katastrophal wäre, würde von Elternseite etwas kommen. Zudem ist Jochender ja auf der Pirsch…

      • christaschule2010 schreibt:

        Sie muss ja ihre Schüler fantastisch motivieren, dass ihre Schüler ohne Lehrer Film schauen, ohne Stuß zu machen!!! Oder werden die Schüler doch von irgendwem beaufsichtigt in der Zeit? Denn sonst, kommt nächstens ja doch eine Klage von Elternseite.

        • Frau Falke schreibt:

          Ich weiß nicht, wie es an anderen Schulen ist, aber unserer Oberstufe kann sich benehmen. Die Mittelstufe scheint sie tatsächlich geregelt bekommen, wobei der Raum in einem Gang ist, wo sich keine Klassenräume befinden, zudem hört man außen nicht, wenn es drinnen laut ist, wie gesagt, der Lichtbildraum ist ja ein Vorführraum.
          Wenn du eine Idee hast, wer die SuS in der Zeit beaufsichtigt, immer her damit, mir würde niemand einfallen, der sich freiwillig die Aufsicht einer weiteren Klasse auferlegt? 😉
          Auf die Klagen wartet das Kollegium seit mehr als nur ein paar Jahren, wieso sollte das jetzt anfangen, wenn es doch immer gut ging?

  2. antagonistin schreibt:

    Was ich mich frage: wie können SchülerInnen in dem Fach, das sie unterrichtet, jemals etwas lernen, wenn sie das Unterrichten gänzlich verweigert? (Und nein, den Verweis auf den Pisa-Kram spare ich mir. 😉 )

    • Frau Falke schreibt:

      In der Unterstufe unterrichtet sie Gott sei Dank nicht, und die Mittelstüfler freuen sich über die auf Filmen basierenden Klassenarbeiten. Ein paar -wie beide Seiten wissen- zu Unrecht verteilte 4er, und schon geht es.
      Die Oberstufe jedoch merkt schnell, sobald es aufs Abi zugeht, das sie (Überraschung!) ungern schreiben lässt, dass es notwendig ist sich hinzusetzen und zu lernen, und das machen sie dann auch. Sie nutzen demnach den „Unterricht“ für das Erledigen fachfremder Hausaufgaben und ihre Nachmittage, um aufzuarbeiten, was sie an Unterrichtsstoff nie hatten.
      Das ist eine dieser Sache, die mir unverständlich bleiben, warum das so einfach stillschweigend hingenommen wird. Aber scheinbar sind beide Seiten mit dieser Absprache zufrieden…

      • B wird Lehrerin schreibt:

        Also dann Sattel ich mal doch auf Gymnasium um. Ich dachte immer da arbeitet man sich tot. Vor allem in Korrekturfächern. Aber es gibt ja viel Filme und die Schüler arbeiten ja selbstständig. Ziel erreicht, für beide Seiten 🙂

  3. frl_wunder schreibt:

    Haha 😀 Da haben wir auch so ein paar Lehrerkandidaten an unserer Schule, die auf unerklärliche Weise im Schulhaus/Lehrerzimmer verschwinden, wenn sie unterrichten sollten. Find ich als Schüler aber eigentlich auch mal nett 😉

    Was macht „Lehrerzimmer 2.0“?

    • Frau Falke schreibt:

      Nett aber auch nur so lange, bis es zum Abitur geht, so wie oben beschrieben, denn dann ist es nicht mehr so prickelnd, keinen Unterricht gemacht zu haben.
      Das Lehrerzimmer 2.0 ist in Arbeit, ich werde sicherlich alsbald davon berichten. 😉

  4. Fran schreibt:

    Ich denke, in der Mittelstufe ist das noch echt lustig kaum Unterricht zu haben, aber ich bin doch froh, dass ich die letzten Jahre recht anspruchsvolle Lehrer hatte/habe…denn wenn ich mir vorstelle, dass ich jetzt nicht nur wiederholen sondern mir die ganzen Sachen noch selbst beibringen müsste O.o…

    • Frau Falke schreibt:

      Ich finde es auch zu viel… Wenn ich daran denke, was für eine Menge allein das Wiederholen ist, wie du schon sagst. Aber es ist ihr Weg, und sie wird ihn, wenn es weiterhin niemanden stört, so weitergehen.

  5. Theni schreibt:

    Ich glaube, meine Lehrer könnten noch einiges von Frau Lindmahd lernen… Ich mein, die lässt ihre Schüler wenigestens in Ruhe und nervt sie nicht mit irgendwelchen unnützen Gequassel… 🙂 (Aber grundsätzlich mag ich solche Lehrer nicht… Und zwar nicht nur, weil ich in der letzten Reihe sitze und von dem Film nichts mitbekommen würde…)
    passen die Filme eigentlich zum Thema, das gerade gemacht werden sollte?
    lg, Theni *dieses mal nicht ganz so spät xD*

    • Frau Falke schreibt:

      Vom Film würdest du alles mitbekommen, Frau Lindmahd ist so etwas wie das Gespenst des Lichtbildraumes. Nirgendwo zeigt sie Engagement- aber auf der verfluchten Liste stets sie dennoch immer wie von Zauberhand. 😉
      Yeay, stimmt, du bist fast pünktlich. Das ist ein großer Tag für uns beide. 🙂

      • Theni schreibt:

        Aber wenn die die Klasse da alleine lässt… Meine würde nach einer halben Stunde geschlossen gehen. Oder so viel Krach machen, dass irgendein anderer Lehrer mal nachschauen würde.
        und Lichtbildraum ist ein komisches Wort… 😛 (gibt´s an meine rSchule nicht. Wir haben ein paar verrostete PCs und sonst nichts… Aber selbst die sind immer ausgebucht…)
        morgen dann ganz pünktlich (oder so. Ich darf mal wieder bis spät in die Nacht in der Schule bleiben… *hust* xD)

        • Frau Falke schreibt:

          Im Lichtbildraum steht noch ein Lichtbildprojekter, der tatsächlich benutzt wird. Wobei die meisten auf Fernseher oder Smartboard umgestiegen sind. 😉
          Wenn die Klasse sich verziehen würde, gäbe es Ärger, und am Ende de Liedes würden alle im Klassenraum die Stunde abgammeln, auch nicht gut, oder?

  6. pausenkaffee schreibt:

    Ich bin gespannt, wie es mit deiner Kollegin weiter geht 😉 Vielleicht fragst du sie einfach mal ganz direkt, warum sie so ist, wie sie ist, obwohl sie auch hätte anders sein können!

    • Frau Falke schreibt:

      Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, aber sie hat etwas an sich, was mich zögern lässt. Ich kann dir nicht beschreiben, wieso ich es so empfinde, doch auf mich wirkt es, als habe sie wirklich ihre Gründe…und die sind fern von Uninteresse oder Faulheit.

  7. Nadine schreibt:

    Solche Lehrer wie Frau Lindmahd kenn ich nicht aus eigener Erfahrung. Ich glaub aber, es wäre in meiner Klasse nicht gut gegangen. Da war nämlich auch keine Ruhe wenn ein Lehrer da war!

    • Frau Falke schreibt:

      Ich weiß nicht, welche Konsequenzen Frau Lindmahd den Schülern androht, aber selbst bei dem Gesellschaftsprofil funktioniert es, und das will schon einiges heißen…
      Vielleicht ist den Schülern klar, dass sie „Glück“ haben, dass sie so locker ist? Ich weiß es nicht, und ich verstehe es, wie man merkt, auch nicht so recht. 😉

  8. ullli23 schreibt:

    Wie alt ist eigentlich Frau Lindmahd?

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