Lehrerzimmer Adieu

Ich habe absolut keine Lust mehr, echt nicht. Jedes Mal, wenn ich das Lehrerzimmer betrete, gibt es neuen Stress, neuen Ärger, neues Herumgeschreie. Dauernd wütet einer, dauernd weint einer, dauernd wirft irgendeiner irgendjemandem was vor.
Das geht mir gehörig auf die Nerven, das kann ich euch sagen. Mittlerweile bin ich ja sogar froh, wenn ich wieder zurück in die Klasse darf, selbst eine Achte macht mir nichts mehr aus, immer her damit, Hauptsache ich muss nicht zu meinen Kollegen.

Wir sind halt alle ferienreif, ist der Tenor, wenn man versucht diese Misslaunen zu ergründen. Das sei doch jedes Jahr so. (Ich frage mich welche Ferien die meinen. Das ist doch ein Witz.)

Wenn man sich das Ganze so betrachtet, dann wird klar, dass es längst über dieses Vorferiengezicke der Lehrerschaft hinausgeht:

Conny hat Frau Miller vorgeworfen, sie sei absolut unfähig für diesen Beruf, Frau Miller jedoch meinte, dass Conny bloß alt und in ihren Pfaden zu festgefahren wäre und sich demnach kein Urteil erlauben könne. Frau Corr und Herr Donalds haben sich mal wieder getrennt und arbeiten laut und für alle nachvollziehbar ihre Probleme auf. Frau Jäger kommt immer noch nicht mit ihrer besonderen Klasse zurecht und lässt jeden an ihrem Unmut teilhaben. Und Frau Peters hat momentan aus einem unerfindlichen Grund so schlechte Laune, dass sie jede ihrer Klassen Tests schreiben lässt, nur um dann im Lehrerzimmer zu sitzen und über die Unvermögen der heutigen Jugend zu schimpfen.

 Wie man das kennt, könnte ich hier ewig weitermachen.

 

Wegen der schlechten Stimmung im Kollegium sitze ich in der Mittagspause in der Mensa und versuche meinen Tischnachbarn von meiner (wie ich finde genialen) Idee zu erzählen. Die sind noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt, aber das ist mir heute ehrlich gesagt ziemlich egal.
„Wir machen den Lehrmittelraum zu unserem Pausenraum, dann müssen wir nur noch am Anfang und Ende des Tages ins Lehrerzimmer und entgehen dem ganzen Terror, was haltet ihr davon?“

„Ich würde meine Pause sogar auf der Mädchentoilette verbringen, wenn ich mir dafür nicht anhören muss, dass die Rondell eine boshafte alte Frau ist und die Debian zu jung um von irgendwas eine Ahnung zu haben.“ Emily schiebt sich ein Stück Brokkoli in den Mund.
„Ich glaube nicht, dass wir das dürfen.“ gibt Sarah zu bedenken und wiegt mit dem Kopf leicht hin und her.
„Och Sarah, das ist doch keine Frage, natürlich dürfen wir keinen Materialaufbewahrungsort zu unserem Pausenraum umfunktionieren. Aber sei mal ehrlich:Darf Bernhard sich vor eine Klasse stellen und ihnen sagen, er fände sie scheiße? Darf die Kollegin Lindmahd ihren gesamten Unterricht ausfallen lassen, bloß weil sie lieber einen Kaffee trinkt als Schülern etwas beizubringen? Darf Herr Reeden den anderen verbieten die Biosammlung zu betreten, nur weil er sie zu seinem Privatraum erklärt hat, da er der festen Überzeugung ist das Kollegium hätte sich gegen ihn verschworen, und er die Pause deshalb nicht mit uns verbringen will? Das ist doch alles nicht erlaubt und wird trotzdem getan.“

Emily zuckt mit den Schultern. „Solange wir uns nicht erwischen lassen.“
Sarah wirkt noch nicht wirklich überzeugt, Stefan hat Gefallen an meinem Vorschlag gefunden.
„Besser als der Stress im Lehrerzimmer ist es allemal, außerdem schaden wir ja keinem, wenn wir ein bisschen Zeit woanders verbringen.“

Damit ist die Sache also abgemacht, wir wollen uns am Montag in der ersten großen Pause in dem Materialraum treffen. Das wird sicher super.

Versonnen sehe ich meinen Kollegen zu, die an den anderen Tischen sitzen und sich entweder anschweigen oder über irgendwen beschweren und selbst dann, wenn sie bloß miteinander sprechen, nicht verbergen können wie erschöpft sie sind. Dabei halten sie sich in der Mensa noch zurück, schließlich ist sie ja nicht das Lehrerzimmer.

 

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Vielleicht fragen wir Frau Crande, ob sie mitmachen will, mal sehen.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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32 Antworten zu Lehrerzimmer Adieu

  1. Frl. Rot schreibt:

    Alle einen Tag in den Hochseilgarten verfrachten. Gruppendynamische Übungen machen.
    Durfte mein Kollegium auch mal und was soll ich sagen: Seitdem klappt es.

    • Frau Falke schreibt:

      Das wäre auf jeden Fall sehr sinnvoll. Ich hoffe einfach, dass es wirklich nur an dem Stress liegt, der die letzten Wochen herrschte, und dass die Ferien alles ein wenig lockern. Wenn nicht, schlage ich so einen Tag mal vor. Besser als die Schilf-Tage zuvor wäre es sicher.

    • ullli23 schreibt:

      Ich habe ja den Verdacht, dass es im Hochseilgarten weniger um Teambildung und Gruppendynamik geht, als viel mehr darum, die größten Störenfriede einfach nicht zu sichern…

  2. antagonistin schreibt:

    Ist das nur vorübergehend so gruselig bei Euch oder eher regelmäßig? Wie sieht es mit Supervision aus?

    • Frau Falke schreibt:

      Es ist nur vorübergehend so, hoffe ich. Zumindest war es vorher nicht derart nervig. Ich glaube, bei uns ist einfach viel passiert in den letzten Wochen, und dass das nun seine Früchte trägt. In den Klassenzimmern ist es ja auch anders, und die meisten Kollegen sind lieb. Es ist die allgemeine Stimmung, die sich so aufgeheizt hat, und es gehen so viele Gerüchte und Vermutungen rum, dass man sich vorkommt wie in einem schlechten Roman. Oder in einer dieser Nachmittagsserien. Dann hätte ich gern die Stimme aus dem Off, die mir das Ende verrät. 😉
      Supervision ist schon mehrmals angedacht worden, wird aber von verschiedenen Seiten herunter gespielt. Ich denke, es würde helfen, das hat es bei manchen, die ich kenne. Aber die Kraft so etwas durchzubringen fehlt im Moment.

    • Jürgen schreibt:

      Unbedingt Supervision, und zwar anfangen mit der kleinen Gruppe, die sich verträgt. Später kann man die Gruppe vorsichtig öffnen. Hängt ab von den Fähigkeiten des Supervisors und der Stabilität der Gruppe.
      Die Beschreibung des Kollegiums klingt wie eine Ansammlung von Wanderpokalen.
      Gruslig.
      Da wundern mich die letzten Vofälle immer weniger.
      Niemanden jetzt in Schutz nehmen, Frau Falke!

      • Frau Falke schreibt:

        Die kleinen Gruppen vertragen sich alle untereinander, nur nicht miteinander. Dass wir unbedingt daran arbeiten müssen, merke ich aber mit jedem Tag mehr. Auch der Blog hat mir das deutlich gemacht, denn die Reaktionen hier sprechen eine sehr deutliche Sprache.
        Mein Kollegium… Das ist schwierig. Es sind trotz allem sehr liebe Leute, und der Frust ist verständlich, auch wenn ich sie in Schutz nehme.

  3. ullli23 schreibt:

    So weit ist es also schon gekommen, dass die Lehrer sich vor anderen Lehrern verstecken müssen… 😉

    • Frau Falke schreibt:

      Wir verstecken uns nicht. Wir respektieren nur das Recht auf Privatsphäre und verhindern das gegenseitge Sehen in… Ja, gut. Stimmt schon irgendwie. ^^

      • ullli23 schreibt:

        Hehe, genau. Ihr spielt nicht „Verstecken“, sondern dieses völlig andere Spiel, wie hieß es doch gleich? Ah ja: „Nicht-gefunden-werden“

  4. Frau Falke schreibt:

    Besser als „Zufällig-immer-dann-einen-unglaublich-interessanten-Beitrag-in-einem-Buch-lesen-müssen-wenn-die-Kollegin-vorbei-läuft.“ 🙂

  5. madameella schreibt:

    Ach du je, das ist aber wirklich keine schöne Situation! Hoffentlich liegt es wirklich nur an den fehlenden Ferien und es bessert sich nach Ostern wieder!! Viel Spaß auf jeden Fall im alternativen Pausenraum (wir hatten als Schüler einen alternativen Oberstufenraum – wir waren da so oft, dass sich das irgendwann etabliert hatte und niemand mehr was dagegen sagen konnte 😉 )

    • Frau Falke schreibt:

      Ich hoffe das wird gut mit unserem Raum, wobei ich mittlerweile schon den Gedanken, nach dem Betreten des Zimmers atmen zu können, ohne böse angesehen zu werden, super finde. Etabliert…? Hmm, das hätte was. Unser eigenes Lehrerzimmer 2.0. 🙂

  6. Inch schreibt:

    Oh! Revolution ! Cool! Ich freue mich auf die Fortsetzung am Montag!
    Schönes, stressfreies Wochenende bis dahin ohne irgendwelche schlecht gelaunten Mitmenschen!

    • Frau Falke schreibt:

      Ich bin auch mal gespannt, wie das wird. Aber den sympathischen Hausmeister habe ich auf meiner Seite, Tische und Stühle sollten also kein Problem sein. Und einfach mal Ruhe… Schön.

  7. sunshinemuffin schreibt:

    Oh, ich wüsste gerne, was die Schüler davon so mitbekommen… Klatsch und Tratsch aus dem Lehrerzimmer ist doch stets ein willkommenes Gesprächsthema 😀

  8. Nicole schreibt:

    Also das klingt wirklich vernünftig, sich mal aus diesem Trouble raus zu ziehen schadet ja nicht und ist mit Sicherheit besser für ihre Nerven 😉

  9. Nadine schreibt:

    Wer solche Kollegen hat, braucht keine Soap-Operas mehr. Da meint man immer, die im Fernsehen übertreiben – aber wenns mal dampft im Kollegenkreis dann fehlen nur noch die Kameras…

  10. B wird Lehrerin schreibt:

    Ja das Lehrerzimmer. Zu Recht habe ich es als Schülerin als gruseligen Ort empfunden. Auch ich würde es gern meiden und ein eigenes Zimmerchen haben, wo ich nur Leute reinlasse, die nicht jammern, meckern oder streiten!

    Hab dich in meine Blogroll aufgenommen! Ist so schön unterhaltsam hier bei dir 🙂 Und täglich Futter, das finde ich toll!

    • Frau Falke schreibt:

      Die Kollegin aus dem Schwarzwald schwärmt davon noch immer, dass in ihrer alten Schule nicht die Lehrer die Klassen in den Räumen aufsuchten, sondern umgekehrt. Da hatte man immer Ruhe zum Korrigieren oder Pause machen, konnte seine Sachen liegen lassen und alles einrichten, die es einem beliebte. Das hätte schon was… Aber ehrlich gesagt stehe ich viel zu sehr auf das Zwischenmenschliche, das in den Pausen abgeht. 🙂 Und was sollte ich sonst berichten?

      Vielen Dank fürs Aufnehmen (und das Kompliment), ich werde mich revanchieren, sobald ich rausgekriegt habe, wie ich das nochmal mache…

  11. Theni schreibt:

    So langsam verstehe ich, wieso es in meiner Schule drei Lehrerzimmer gibt…
    Und ich dachte schon, das hätte sich inzwischen entspannt… Jedenfalls wünsch ich dir gutes Gelingen morgen mit dem neuen Zimmer – und mal ein wenig Ruhe im Kollegium… 🙂
    lg, Theni
    *ja. Ich und meine 10 000-Tage-später-Kommentare. Aber besser später als nie…*

  12. rueckenpatientin schreibt:

    Das hört sich ja fast so an, wie Streiterein von Schülern.
    Ich drücke euch die Daumen, dass ihr in eurem geheimen Pausenraum nicht erwischt werdet!

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