Buh!

Ich gebe es zu, ja, ich bin eine extrem schreckhafte Person. Woher das kommt, vermag ich nicht zu sagen, was ich weiß ist lediglich, dass ich schon als Kind große Probleme damit hatte erschreckt zu werden und deshalb vor jedem Blinde-Kuh- oder Versteck-Spiel floh.
Jetzt haben meine Schüler von meiner Schreckhaftigkeit Notiz genommen und nutzen dies selbstverständlich auch gleich aus.

 

 

Das erste Mal ist es noch nicht der Rede wert, ich komme wie immer morgens in die Klasse, schließe die Tür hinter mir, drehe mich um und- da springen sie mir mit lautem Geschrei entgegen. Buh!

Frau Falke reagiert wie ihr nur möglich in einer solchen Situation, sie quietscht, macht einen Satz zurück und legt sich die Hand aufs Herz. Während die Schüler lachen, schüttle ich schmunzelnd den Kopf. „Um Himmels Willen, jagt mir doch nicht einen solchen Schrecken ein.“

Das zweite Mal ist dann schon weniger lustig, ich bin eh zu spät und ein wenig gestresst, renne noch nach Luft japsend in die Klasse, werfe meine Tasche von mir und stelle mich neben das Pult und-
springen sie mit mehrstimmigen Buhrufen unter dem Pult hervor. (Btw: Wie passt man da überhaupt drunter?)

Frau Falke reagiert wie ihr nur möglich in einer solchen Situation, sie hat die Arme an ihren Körper gezogen und hält die Hände vor ihr Gesicht. „Macht doch so was nicht, Leute. Ihr bringt mich ja noch zum Herzinfarkt.“

Die Schüler grinsen, weshalb ich ein wenig ernster werden muss. Kein Lächeln mehr in meinem Gesicht, normaler Weise ein untrügliches Zeichen, dass es jetzt reicht. „Es ist wirklich nicht mehr lustig. Ihr wisst jetzt, dass ich schreckhaft bin, aber ich bitte euch das nicht auszureizen. Habt ihr das verstanden?“

Die Kiddies nicken, sie sehen an meinem Blick deutlich, dass dieses Thema nicht mehr komisch ist. Was sie jedoch nicht daran hindert es noch ein drittes Mal zu versuchen.

Ich komme also in die Klasse, die merkwürdig ruhig ist, wende mich an meine Siebte, froh, dass ich die Achte los bin, die nach einem unangekündigten Test des Lehrers vor mir eine schreckliche Laune hatte, und packe meine Sachen aus.
Mein Blick schweift durch die Klasse und mir fällt auf, dass es genau diese besonderen Schüler sind, die mich dauernd erschrecken, die jetzt nicht anwesend sind. Vorsichtig sehe ich mich um, denn irgendwo müssen die ja stecken, und-
da geht die Tür des Schrankes auf und die verschollenen Schüler springen mir, wieder einmal, entgegen.

Frau Falke zuckt trotz bester Bemühungen zusammen, lässt diesen albernen und nicht mehr lustigen Scherz aber unkommentiert.

In der darauffolgenden Unterrichtsstunde schreiben wir die Inhaltsangabe, welche meine Schüler dazu zwingt sich zu benehmen, die Deutschstunde danach ist es endlich soweit. Der Tag meiner Rache ist gekommen.

Anfangs lasse ich es langsam angehen, ich platziere meinen buntbedruckten Leinenbeutel mit den Klassenarbeitsheften, den mir meine erste Klasse schenkte, als ich sie abgeben musste, auf dem Pult, und setze mich daneben. Einige Minuten sage ich nichts, sondern warte nur, das lässt sie nervös werden.

Erst als der allgemeine Lautstärkepegel ins Unangenehme zu kippen droht, stehe ich auf, gehe ein wenig auf und ab und schüttle dabei theatralisch den Kopf. „Nein, nein, nein, das ist heute wahrlich kein guter Tag. Für euch, meine ich.“
Mein bedeutungsschwerer Blick wandert zu den drei Erschreckern. „Lea, Andreas, Sean, ihr drei habt wohl mal gehörig daneben gegriffen. Sechs, allesamt.“

Die Schüler sehen sich erschrocken an, ihnen sind die Gesichtszüge gehörig entgleist. Zum einen sage ich sonst nie die Noten laut an, zum anderen können sie sich nicht erklären, wie sie alle so eine schlechte Note schreiben konnten, vor allem bei so einer leichten Arbeit.

Andreas schüttelt den Kopf, sieht die anderen versichernd, mich dann bockig an. Ich habe sie gute fünf Minuten ruhig bekommen, ein Erfolg. „Das kann doch gar nicht stimmen, Frau Falke. Wir haben doch niemals alle eine Sechs geschrieben.“

Ich blinzle und mache so, als schaue ich auf meiner Notenliste noch einmal nach, bevor ich sie anlächle. „Habe ich nicht Sechs insgesamt gesagt? Eure Gesamtsumme Sechs.“

Da ist es geschehen. Sauer äußern die Kiddies ihre Empörung über mein Verhalten.

Andreas schüttelt fassungslos den Kopf. „Also wirklich, Frau Falke, Sie können uns doch nicht so erschrecken!“
Auch Sean ist nicht amüsiert über das soeben Dargebotene. „Wir denken voll wir hätten eine Sechs und dann doch nicht. Mir ist fast das Herz stehen geblieben!“
Nur Lea sieht mich mit großen Augen an. „Boah, das war ja voll Absicht. Sie wollten uns erschrecken, oder?“

 

Ich antworte nicht, weshalb Sean mich mit schiefgelegtem Kopf ansieht und resümiert, was den anderen soeben auch aufgegangen ist. „Echt, Frau Falke, Sie sind richtig fies.“

 

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Ich weiß. Kindisch und fies. Aber wenigstens erschreckt mich jetzt so schnell keiner mehr.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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23 Antworten zu Buh!

  1. Frl. Rot schreibt:

    Ich verneige mich in Erfurcht 🙂 Du hast es drauf.
    Den merk ich mir. Bald, bald schon werden meine 12aler einen gehörigen Schreck bekommen. 🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Ich diene gern als Inspiration. 😀
      Aber es musste einfach mal sein. Irgendwann muss ich mal durchgreifen, und sie verstehen das besser als jede Ansprache. 😉

  2. antagonistin schreibt:

    Super. Wirkungsvoll ohne Macht auf unfaire Weise ausspielen zu müssen. Glückwunsch. 🙂

  3. Theni schreibt:

    Sei froh, dass ich nicht deine Schülerin bin… xD
    Obwohl, bei mir reicht es ja schon irgendeine Tür zuzuknallen… Oder Wasserstoff in nächster Nähe abzufackeln… *ahhhhh* egal, irgendwas würde mir trotzdem einfallen 😛

  4. ullli23 schreibt:

    Hm, allesamt sechs? Also 2 Einser und 1 Vierer? 😉

    Ach ja, zu der Sache mit dem Aufsatz, also das ist eine ziemlich unglaubliche Geschichte… Ich hatte die 3 Seiten extra auf Glitzerpapier geschrieben um optisch vom Inhalt abzulenken. Leider ließ ich das Fenster auf und obwohl es stürmisch war, hat nicht der Wind die Strafarbeit verweht, sondern drei Elstern wurden vom Glanz angelockt und entwendeten mein Werk. Du hattest also recht, ich hätte die 3 Seitigkeit lieber mailen sollen…

    • Frau Falke schreibt:

      War ja klar, dass du wieder frech werden musst…
      ______________________________________________

      Diebische Elstern? Strafarbeiten auf Glitzerpapier? Und ein offenes Fenster?
      So leid es mir tut, das sind mir doch zu viele Zufälle. Ich erwarte die (von mir aus auch aus dem Nest gerettete) Strafarbeit mit einem zweiseitigen Anhang, der sich mit dem Schützen von Strafarbeiten beschäftigt. Gern auch per Mail. Die Zeit läuft. Vielen Dank.

  5. Nadine schreibt:

    Das war eine super Aktion! Made my day!

  6. Frau Falke schreibt:

    @Ulli23
    Verwechsel nicht „anspruchsvoll“ mit „kompliziert“. Und ich dachte eher an so etwas wie einen Kaffee…

  7. rueckenpatientin schreibt:

    Gut gemacht, liebe Frau Falke! Das haben die Erschrecker auch verdient!

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