Gedisst

Es ist eines dieser Wörter, die meine Schüler gern benutzen und welche die meisten meiner Kollegen nur den Kopf schütteln lassen. Dissen nennen die Kiddies es, wenn sie ausdrücken wollen, das der eine Schüler den anderen fertig macht, ihn respektlos behandelt, ihn herab setzt.

Normaler Weise höre ich diesen Begriff nur im Zusammenhang mit dem ein oder anderen Schülernamen, recht selten ist auch etwas dabei wie „Elias hat den Helfrich voll gedisst.“, wenn ein Schüler eine Lehrkraft hart angegangen ist.

 

Heute aber habe ich etwas aufgeschnappt, das mir noch nie untergekommen ist:

„Die Prosch hat die Miller so gedisst, das ging gar nicht. Die ganze Stunde lang hat sie die auf dem Kicker gehabt, voll heftig.“

 

Ich stelle mich gewohnt unauffällig zu der Schülergruppe und sehe die Zehntklässler, welche mir aus dem Deutschunterricht bekannt sind, fragend an. Am meisten erfährt man immer, wenn man relativ wenig selbst spricht und sie einmal ganz gegenteilig so viel wie möglich erzählen lässt. „Frau Prosch? Die ist doch eigentlich recht umgänglich, oder nicht?“

 

Die Schüler grinsen sich vielsagend an.

 

Joachim wiegt mit den Händen hin und her. „Ja, so allgemein vielleicht, aber was den Unterricht angeht ist die Frau Miller ein rotes Tuch für die.“

Tobias nickt bekräftigend. „Seit Frau Miller in der Biofachschaft ist, lässt die Prosch jede Stunde ein Kommentar los.“

„Die ist doch bloß neidisch, weil die Miller jung ist und beliebt, damit kann sie nicht umgehen.“ Marit verzieht den Mund.

„Ich glaube eher, dass sie ihre Vormachtstellung nicht verlieren und der Kollegin deshalb ein wenig die Hierarchie verdeutlichen will.“ meldet sich Liza zu Wort, mich erschreckt ein wenig wie klug sie die Situation aufgefasst hat. Manchmal bekommen die Schüler halt doch mehr mit als wir es gemeinhin annehmen.

 

„Als erstes hat sie gemeint, dass wir nun die Proteine durchnehmen und mal sehen könnten, was wir so gelernt haben. Falls überhaupt etwas hängengeblieben sei aus dem Kuddelmuddel, das die Kollegin Unterricht nenne.“ Marit blies sich verächtlich ihr Haar aus der Stirn.

 

Ich hoffe so unbeeindruckt und teilnahmslos wie möglich zu wirken, obwohl ich es echt unfair finde, dass Daina, Frau Miller, hier als unfähig dargestellt wird.

 

Liza scheint in meinem Gesicht lesen zu können, was ich denke, sie ist einfach gut was solche Dinge anbelangt. Das vergesse ich von Zeit zu Zeit nur leider. „Vor allem hat sie dann erzählt, dass sie damals, als sie anfing Bio zu studieren, merkte, dass man auf keinen grünen Zweig käme, wenn man sich nicht auch mit der Chemie befasse. Deshalb habe sie dann auch Chemie zu studieren begonnen.“

„Als könnten die Lehrer, die kein Chemie studiert haben, nicht Bio geben, echt.“ Joachim dreht sein Kaugummi im Mund um.

„Können sie laut ihr ja auch nicht. Sie meinte, dass die einfachen Biologen bloß das Grobe machen könnten, sie als Chemikerin dafür das Genaue erklären könnte.“ Marit verdreht die Augen.

„Wie die Kleinkinder, echt.“

 

Ich höre mir noch ein wenig die Geschichten aus dem Chemieunterricht Frau Proschs an und verabschiede mich dann von den Schülern. Manchmal bin ich froh, dass ich in den Sprachfachschaften sitze. Die Naturwissenschaftler kämpfen offensichtlich mit härteren Bandagen als unsereins.

 

 

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Jetzt klauen sie sich sogar die Aufbauten in der Chemie, weil der neue Raum keinen Anschluss zur Sammlung hat und sie immer auf ihren Wägelchen die Versuche vorbereiten müssen. Was wir jetzt also täglich hören dürfen, ist ungefähr das:

„Wo ist meine Lauge? Wer hat die schon wieder genommen?“ „Gebt mir sofort meine Kochsalzlösung, verdammt?!“ „Wenn das Calciumhydrogencarbonat bis zur dritten Stunde nicht wieder auf meinem Platz steht rollen hier Köpfe!“

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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25 Antworten zu Gedisst

  1. sunshinemuffin schreibt:

    Das P.S. bringt mich dann doch sehr zum Lachen 😀
    Auch wenn das an sich ja nicht so lustig ist…

  2. Jürgen schreibt:

    Ein großes Kollegium? Zu groß, um miteinander reden zu können, z. B. in einer Supervision? Ich kann Ihnen sagen, so eine S. bringt es.

    • Frau Falke schreibt:

      Wie aber möchte man etwas besprechen, das angeblich nicht stattfindet? Frau Prosch äußert sich nicht dazu („Das ist wohl meine Sache.“) und Daina behauptet, dass nichts los sei. („Wieso denn? Was soll denn los sein?“)

      • Jürgen schreibt:

        „Die Schüler sagen …“???

        • Frau Falke schreibt:

          Meiner Erfahrung nach bringt es wenig. „Die Schüler sagen…“ endet immer mit Diskussionen über Gerüchteküche und Rufmord, und in seltenen Fällen mit „Na, wenn die das sagen, muss es ja stimmen.“.
          Das Problem ist doch, dass kein Interesse daran besteht etwas daran zu ändern. Wenn sich zwei Erwachsene aufeinander einschießen… Blöd.

  3. Inch schreibt:

    Ganz klar ein Fall für eine Supervision! 😀

  4. Theni schreibt:

    Solange die sich nur die Chemikalien klauen und sich nicht Lithium gegenseitig ins Trinken schütten…. 😀 *hust*

  5. Frau Falke schreibt:

    @Uli23
    Nein, ich erkenne dir nicht nachträglich ab, dass du etwas Tolles gemacht hast. Aber du wirst morgen Abend dann wohl dennoch die Konsequenz für die fehlenden oder mangelhaften Aufgaben tragen müssen, falls du solche abliefern solltest.

  6. nadineswelt schreibt:

    Also, bei mir in der Arbeit werden sich gegenseitig wenigstens nur die Stifte, Notizzettel und Toner geklaut. Keine Chemikalien.
    Aber zu der Frage oben, was Chemiker in ihrer Freizeit so machen: Meiner Erfahrung nach wollen sie jedes Jahr zu Sylvester eine extremst krasse Rakete bauen. Jetzt sind wir so weit, dass er den Schwarzpulverschein (heißt der so?) machen möchte, damit man noch tollere Zutaten in der Apotheke oder woher auch immer bekommt. (Seit das angefangen hat, geh ich übrigens zum Jahreswechsel auf die Partys meiner anderen Clique.)
    Eventuell wäre also anstatt Supervision eher so ein Contest, so DSDS oder Topmodelmäßig möglich. Und hätte auch größeren Unterhaltungswert. SFSN (Schule Findet SuperNaturwissenschaftler) oder so.

    • Frau Falke schreibt:

      Wenn wir SFSN machen würden, würde Daina nachher nachgesagt, nur wegen ihres blendenden Aussehens gewonnen zu haben und Frau Prosch nie wieder mit uns reden. Und eine Frau Prosch, die nicht mehr mit uns spricht, wäre der Untergang… o.O

      • nadineswelt schreibt:

        Dann eher so wie bei The Voice? 😉
        Hab ich ja nicht gesehen, aber mussten sich da die Juroren nicht umdrehen, bis werauchimmer mit seiner Singerei fertig war?
        Ne, ernsthaft, sowas ist natürlich doof. Da kann man nur gucken, dass man nicht mit Schlichtungsversuchen auch noch ins Kreuzfeuer gerät. Ja, soweit die Theorie, aber ich schaff das (auch?) nicht.
        Wie lange geht das denn schon so? Gibt es die Möglichkeit, dass sich die beiden doch noch miteinander anfreunden?

        • Frau Falke schreibt:

          Dass die eine der anderen ein Dorn im Auge ist, war nie ein Geheimnis. Doch seit Daina ihr Ref fertig hat, ist sie wohl ernstzunehmen, keine Ahnung. Ich hoffe einfach, dass sich die Raumgeschichte einpendelt und Frau Prosch auch aufhört. Denn letztlich hat ja niemand etwas davon. Und die anderen Chemielehrer sind auch schon angenervt…

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