Selbst Schuld…

…kann man da nur sagen.

 

Allgemein bekannt sollte mittlerweile mein äußerst ausgeprägter Drang sein mich vor von mir gern gesehenen Kollegen möglichst lächerlich zu machen.
Als mir heute Mittag also Nicolas Clemens entgegen kommt, wittere ich meine große Chance.

 

Der gutaussehende Kollege lächelt mich gewinnend an, da ist auch schon um mich geschehen, egal mit welcher Bitte er mich nun überfallen wird.

Er weiß das, er kennt mich, ich habe schon viel Blödsinn geredet, während er mich nur angesehen hat. Ein wenig ist sein Blick dann von einer fast väterlichen Güte, als wäre er viel erwachsener als ich, erfahrener, obwohl uns gerademal sieben Jahre trennen.
„Ich müsste in den Kartenraum und eine Karte von China holen für den Unterricht gleich, aber ich habe meinen Schlüssel nicht dabei.“

Ich sehe ihn an, als spräche er Kisuaheli, und überlege, warum Nicolas nicht anstelle Herrn Abels in meiner Klasse Erdkunde unterrichtet. Ach ja, da fällt es mir wieder ein. Weil sich die ganze Schule um den Mann streitet, so gut ist er.

„Du weißt aber schon, dass ich mit dir rede, oder?“ dringt seine angenehme Stimme trotz meines Gedankenschleiers in mein Bewusstsein.

„Natürlich musst du mir nicht antworten, wenn du das nicht willst.“ setzt er hinzu und erst jetzt begreife ich, was er gesagt hat.

Wie ein Schulmädchen (Haha, wie passend an dieser Stelle!) erröte ich. „Selbstverständlich antworte ich dir, Nicolas.“

Stille breitet sich zwischen uns aus. Ich bin so durcheinander, dass mir gar nicht bewusst ist, dass ich etwas sagen müsste.

 

Gefühlte zwanzig Minuten später ist mein Hirn wieder halbwegs funktionstüchtig, wenn auch nicht wieder ganz hergestellt
„Äh, ja, was willst du denn von mir?“

„Allgemein oder jetzt in diesem speziellen Fall?“ lässt er mich grinsend auflaufen.

Ich werde rot (schon wieder), stammele blöd etwas zusammen (á la „In diesem, äh, ich meine, in diesem Fall…) und beschließe lieber die Klappe zu halten und lieb zu lächeln. Das kann ich wenigstens.

„Meinst du, du könntest mir aufschließen?“ fragt Nicolas mit schiefgelegtem Kopf, in seinem Tonfall schwingt mit, dass ihn meine Reaktion amüsiert.

Bevor ich mich noch mehr blamieren kann, höre ich auf den Kollegen anzustarren und eile voraus. Schnell laufe ich den Gang entlang, vorbei am oberen Lehrerzimmer, am Lichtbildraum, passe die verschiedenen Räume, bleibe dann unvermittelt stehen und habe binnen weniger Sekunden die Tür aufgeschlossen.

„Das ist aber…“ höre ich noch, da bin ich schon durch die Tür geschlüpft. Nicolas kommt mir nach, er lacht und schaltet die Lampe an der Decke an.

„Oh.“ entfährt es mir, als sich meine Augen an das schummrige Etwas von Licht gewöhnt haben.

 

Wir stehen im Putzraum, einem winzigen Ort mit schlechter Luft, wo alles Gerümpel aufbewahrt wird, das jemals zur Säuberung der Schule gebraucht werden konnte. In meinem Eifer war ich wohl einen Raum zu früh abgebogen.

Nicolas schaltet das Licht aus, zieht mich aus dem Raum heraus und wartet, bis ich die Tür wieder zugeschlossen habe.

Ich öffne die Tür daneben, nicht ohne mich zuvor mit einem Blick auf das Türschild zu vergewissern, dass es nicht wieder der falsche Raum ist, und betrete den Kartenraum, sogar ohne einen der Kartenständer umzuhauen. Mit einem triumphalen Blick drehe ich mich zu dem Kollegen um, der mich mit einem breiten Grinsen ansieht.

Nach einem Blick hinter mich, wo bloß ein die Wand füllender Schrank mit Karten steht, sehe ich Nicolas fragend an. „Was ist denn daran bitte so lustig?“

„Nun ja,“ fängt nun er an zu stammeln und grinst dann über das ganze Gesicht, was ihm einen jungenhaften Charme verleiht.
„jetzt kann ich wenigstens behaupten, dass ich mit dir in der Besenkammer war.“

Da bleibt mir einen Augenblick die Spucke weg, ich schüttle aber den Kopf und schaffe es das erste Mal an diesem Tag ihm ganz cool Contra zu geben. „Dann kannst du aber auch gleich dazu sagen, dass in der Besenkammer kein einziger Ständer war.“

Nicolas, der inzwischen die richtige Karte gefunden und aus dem Schrank manövriert hat, kriegt den Mund nicht mehr zu. „Aber Frau Kollegin, solche Worte aus Ihrem Mund? Das hätte ich ja niemals für möglich gehalten.“

„Tja, manchmal bin ich eben für eine Überraschung gut, je nach dem, was man von mir will.“ Und ich schließe die Tür ab, nachdem ich den Raum verlassen habe, nicke ihm ganz abgebrüht zu und lege den perfekten Abgang hin.

Erst als ich um die Ecke bin und sicher sein kann, dass ich nicht doch noch in seinem Blickfeld umknicke (Die neuen Schuhe sind einfach zu hoch!), kann ich stehen bleiben und das verkniffene Lachen bricht aus mir heraus.

Manchmal sind wir zu kindisch, wir beide.

 

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Was er wohl geantwortet hätte, wenn ich das „allgemeine“ Wollen erfragt hätte? Brr.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
Dieser Beitrag wurde unter Die lieben Kollegen, Unschuldsblick abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

17 Antworten zu Selbst Schuld…

  1. sunshinemuffin schreibt:

    :’D
    Nicht vernünftig antworten können, wenn man um etwas gebeten wird, aber dann gleich so ewas heraushauen… Das ist paradox 😀

  2. B wird Lehrerin schreibt:

    Frau Falke, ich bin verwirrt. Sind sie nicht verlobt? Und liest Herr Falke diesen Blog? Nicht dass er den attraktiven Kollegen noch mit der China-Karte eins über die Rübe zieht für die Flirterei 😉

    • Frau Falke schreibt:

      Ich würde jetzt schreiben „Eigentlich bin ich nicht so.“, aber irgendwie könnte ich das unter jeden Post setzen. Also… ja. Und nein. Und… Mein Schatz weiß zwar von meinem Blog, sein Interesse hält sich aber in Grenzen, er kriegt ja eh das meiste erzählt, wenn ich daheim bin.
      Das mit dem Flirten ist nicht so ernst zu nehmen, der Kollege ist ebenso glücklich vergeben wie ich und hat mich bei ein paar Projekten an der Schule sehr unterstützt, wodurch sich eine Art Freundschaft entwickelt hat. Sollte er wirklich verletzt werden, finden sich aber sicher einige Kolleginnen, die sich gern um ihn kümmern. 😉

  3. Jürgen schreibt:

    Na ja, Frau Falke, trau, schau, wem.
    Jetzt aber:
    Ich schätze Ihren Blog. Aber: Sie haben doch ein gewisses Alter, oder?
    Es war doch schon im Lehrerzimmer klar, was der Herr im Sinn hat.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich werde alt, glaube ich, sonst würde ich nicht dauernd auf dieses angesprochen… Und dass das so klar war, habe ich ehrlich gesagt nicht gesehen. Aber ich bin immer gern bereit mich belehren zu lassen. 😉 Geht es jetzt um die Rosen-Sache oder wieso war das klar…?

  4. Jürgen schreibt:

    Das ist die Stelle (es gäbe noch andere):
    „Äh, ja, was willst du denn von mir?“
    „Allgemein oder jetzt in diesem speziellen Fall?“ lässt er mich grinsend auflaufen.

  5. Nel schreibt:

    Ja, aber WENN sich Frau Falke mal erst an die Nicolas-Anwesenheit gewohnt hat, dann ist sie super-schlagfertig… Überlegung: In der Schule präventiv IMMER damit rechnen, dass Mr. Flirty anwesend ist, dann lassen sich vorher die Rotwerd-Phasen vielleicht überspringen oder abkürzen… Oder nicht?

    • Frau Falke schreibt:

      Es wäre zumindest mal ein Ansatz zur Problemlösung. 😉
      Hmm, Mr. Flirty klingt gut. Aber das gewöhnen wir uns lieber nicht an, sonst gibt es noch Ärger…

  6. littlemissbad schreibt:

    Die Frage, ob du nicht in einer festen Beziehung bist, hatte ich mir kurzzeitig auch gestellt. Ich meinte, da mal was von Herrn Falke gelesen zu haben. Aber „flirtenswerte“ Kollegen können ja auch was Schönes sein, egal wie gut die eigene Beziehung ist.

    • Frau Falke schreibt:

      Es ist ja auch nicht so, dass ich durchgehend mit Herrn Clemens flirte. Er spricht halt drei Mal im Jahr mit mir und ich reagiere alle drei Male mit Rumgestammel und ähnlichem, und dann ist es wieder gut. 😉

  7. rueckenpatientin schreibt:

    „Dann kannst du aber auch gleich dazu sagen, dass in der Besenkammer kein einziger Ständer war.“
    Herrlich!

  8. Pingback: Exkursion | sovielzumthemaschule

  9. Pingback: Lehrertypen I: Der Coole, der Unterrichtsvermeider und die Süße | sovielzumthemaschule

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s