Mal wieder bedroht

„Ich bin heute im Unterricht aufs Massivste bedroht worden.“ beschwert sich Sandra Vertido und lässt sich auf ihren Platz fallen.
Interessiert blicken die Kollegen auf, Aussagen wie diese bringen einem immer Aufmerksamkeit, der Mensch als solcher ist nun mal neugierig.
„Dabei kann ich von Erik ja wohl erwarten, dass auch er seine Hausaufgaben macht.“
Da ist es auch schon vorbei mit dem Interesse, dass Erik seine Lehrer bedroht ist nun wirklich nichts Neues.

Sandra fühlt sich unverstanden. „Er meinte er bringt mich um. Und meine Mutter.“

Emily grinst, während sie an ihrem Tee nippt. „Ja Gott, das sagen sie doch alle. Deine Mudda hier, deine Mudda dort, alles wie gehabt.“
„Meine ganze Familie will er auch umbringen.“ berichtet die Kollegin unbeirrt weiter.

Bernhard zieht sich einen Stuhl heran. „Geht es um Erik?“
Emily pustet sich eine Strähne aus der Stirn. „Wie immer.“

„Und meine gesamte Generation will er auch umbringen.“ beschwert sich Frau Vertido.
„Das ist aber unfair.“ meldet sich Daniela zu Wort, die bis jetzt schweigend zugehört hatte.
„Ich, als Teil deiner Generation, würde nämlich gerne noch ein wenig leben. Es gibt noch das Ein oder Andere, das ich noch tun möchte.“
Sie deutet mit der aufgestützten Hand in Richtung des Nachbartisches, an dem eben jener Sportkollege sitzt, auf den sie seit ihrem ersten Tag an unserer Schule ein Auge geworfen hat. Herr Fontaine weiß bis heute sicherlich nichts von seinem Glück.

„Er sagte, er würde mir die Luft aus den Reifen lassen.“ versucht es Frau Vertido erneut.
„Das hätte er dann schon längst getan.“ kommentiert Frau Crande emotionslos.
„Warum stört das denn bitte keinen außer mir?“

„Erik droht nur, das kennen wir doch schon von ihm.“ beruhigt Frau Crande die Lehrerin und legt ihr eine Hand auf den Arm.

„Wir haben tausend und ein Gespräch geführt und Erik hat im Nachhinein immer das kurze Einsehen. Er hat sich in einem solchen Moment eben einfach nicht unter Kontrolle.“
„Trotzdem ist das nicht zu entschuldigen.“
„Nein, das ist es nicht, sicher.“ Frau Crande widmet sich wieder ihren Zetteln, aber Frau Vertido ist noch nicht zufrieden. Nachdenklich rührt sie mit ihrem Löffel Zuckerstücke in ihren Kaffee.

Kelly Tarsmus, die in der gleichen Klasse Physik unterrichtet, nickt nach einiger Zeit und knüpft an den Gedanken an, als wäre nicht eine Sekunde vergangen.

„Es wird wirklich immer schlimmer mit seinen Ausrastern. Er meinte letzte Woche doch glatt zu mir, er würde mir jeden Knochen brechen, wenn ich seinen Eltern den angedrohten Brief schicken würde.“
„Da würde ich mir keine Gedanken machen, damit ist er schneller durch als du glaubst.“ erklärt Kollegin Necker und hebt zum Beweis einen Biotest hoch, der offensichtlich von Erik stammt.
„Er glaubt der menschliche Körper habe 48 Knochen, wobei er als nicht zweifach vorkommende den Nasenknochen und den Penisknochen nennt.“

„Siehst du, da hast du doch Glück gehabt,“ grinst Emily. „dir bricht er nur 47 Knochen.“

 

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Ich werde das mal im Auge behalten, auch wenn sich die ganze Sache recht lustig liest, kann sowas schnell ins Gegenteil kippen. Und sobald sich die Kollegin tatsächlich bedroht fühlt, sollte das von uns nicht auf die leichte Schulter genommen werden, egal was unsere Erfahrungen sagen.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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9 Antworten zu Mal wieder bedroht

  1. littlemissbad schreibt:

    Jetzt habe ich es endlich geschafft, die fast zwei Wochen verpassten Blogeinträge nachzulesen. Herzlichen Glückwunsch zum Bloggeburtstag nachträglich.

  2. Jürgen schreibt:

    Ich würde sowas auch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Lassen wir den Knaben mal älter werden.
    Was tun? Rezepte sind immer schlecht.
    Bei uns setzen sich alle den Schüler unterrichtenden zusammen und reden zumindest überd en Fall.
    Dann gibt es verschiedene Maßnahmen, von abholen lassen über in die Parallelklasse setzen, ein paar Wochen an die Nachbarschule gehen usw.
    Auf jeden Fall Gespräche von Schulleitung und Jugendpolizei, auch mit den Eltern.
    Die Kollegin muss ernst genommen werden.

    • Frau Falke schreibt:

      Verstehe mich nicht falsch, es ist nicht so, dass wir das Thema nicht schon behandelt hätten. Aber das geht jetzt seit vier Jahren so, und es haben bislang keine unserer Aktionen auch nur irgendwie gefruchtet.
      Das Schlimme ist, dass man nach seinen Aussetzern vernünftig mit ihm sprechen kann, er seinen Fehler einsieht, sich entschuldigt. Er ist nur in jenem Moment immer so krass drauf. Dass wir mittlerweile so ruhig sind, liegt daran, dass wir wissen, er wird es bedauern, sobald wir nachfragen. Auch wenn das natürlich trotzdem nicht so laufen sollte.
      Was mir unrecht ist, das ist bloß die Tatsache, dass wir uns darauf verlassen. Es muss nur einmal ein wenig mehr geschehen und er gleich in der Situation reagieren, und wir haben Geschehnisse, die ich nicht überblicken können werde.

  3. lottamachtkrach schreibt:

    Kann da die Schulleitung nicht als pädagogische Konsequenz einer Konferenz etwas in Richtung Aggressionsbewältigungstherapie verordnen? Auch wenn es bisher nur verbaler Natur war, bleiben die Vorkommnisse eben doch Aggressionen

  4. rueckenpatientin schreibt:

    Puh, das ist schon eine ziemlich harte Nummer. Haben seine Eltern ihm denn nie beigebracht, was es heißt, vor anderen Menschen Respekt zu haben?
    Wenn ich das hier so lese, möchte ich gar nicht wissen,wie es in der Schule abläuft, wenn mein Sohn älter ist. ..

  5. Frau Falke schreibt:

    Nicht abschrecken lassen, es ist ein Schüler und nicht eine Schule voll solcher Menschen. Nur ist es einfach so, dass es sich weniger anbietet von tollen Schülern zu erzählen, von netten Gesprächen, von lieben Gesten. Das, was mich beschäftigt, und was ich letztlich auch mit mir rumtrage, sind eben meist die negativen Seiten, und deshalb kommen sie dann auch hier hoch.
    Also keine Panik, wahrscheinlich gibt es das eine oder andere heftigere Problem, aber sicherlich wiegen die guten Dinge auf. Das haben sie bei mir zumindest immer. 🙂

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