Medieneinmaleins

Eine Gruppe mir nicht bekannter Schüler sitzt in meiner Vertretungsstunde erwartungsvoll im Lichtbildraum, wo wir mittlerweile nicht nur Videos und DVDs im Fernsehen verfolgen können, sondern per Smartboard auch in kinoähnliche Sphären erhoben werden.

Wann wir das letzte Mal den Diaprojektor benutzt haben, kann ich weiß Gott nicht sagen, aber einer der Kollegen ist gemeinhin dafür bekannt, dass er zumindest die alten Stummfilme an die Wand wirft und dazu dann erzählt, was für die Schüler eine Synchronisation von ganz neuem Maße bedeutet.

Der Lichtbildraum und seine technischen Tücken sind den Schülern hinlänglich bekannt, ebenso scheinbar die Schwierigkeiten der Lehrer, die nur schwer dem Schrei nach neuen Medien folgen können, ohne die Übersicht zu verlieren.

Schüler 1: „Bin ja mal gespannt ob sie das hinkriegt.“
Schüler2: „Nicht, dass sie es macht wie der Wallert und versucht die DVD umzudrehen.“

Die Kiddies prusten los und ich muss daran denken, dass der Kollege ja schließlich mit Videokassetten groß wurde, der arme Kerl.

Schüler 3 hat auch etwas zu berichten: „Oder wie die Donners, die hat letztens allen Ernstes gemeint, sie macht Musik an.  Wir also gesagt, geht nicht, die Anlage erkennt keine MP3s.“
Schüler 1: „Und dann?“
Schüler 2 lacht: „Sagt die so, bräuchte sie gar nicht, sie hat ja keine MP3s.“
Schüler 3: „Wir haben gedacht, sie käme jetzt mit einer CD und haben schon gegrinst, dass die nicht einmal einen Stick benutzt, aber weit gefehlt.“

Ich stöbere ein wenig im Klassenbuch, damit nicht auffällt, dass ich sie belausche. So tun als wäre ich beschäftigt kann ich gut, auch wenn einzig meine Schüler es perfektioniert haben.

Schüler 2: „Sie also gekramt und was holt sie raus? Eine Kassette!“

Die Schüler lachen sich kaputt, was ich nicht so ganz nachvollziehen kann, Kassetten hatte ich in meiner Kindheit schließlich auch noch.

Schüler 3: „Aber wisst ihr, was das Allergenialste daran war? Sie macht das Ding an und es knistert so komisch, wir fragen logischer Weise, was das denn bitte für ein Knistern ist.“
Schüler 2: „Und was sagt die Donners? Das wäre nun mal so, wenn man von einer Schallplatte auf eine Kassette überspielt!“

Jetzt können sie sich wirklich nicht mehr halten, eine Schallplatte, hahahahaha! Sowas Altes, das kommt ja aus der Steinzeit! Eine Schallplatte! Eine Schall-platte!!!

Frau Falke schleicht sich unauffällig an die lärmende Schülergruppe heran. „Na, Leute, wenn das so lustig ist, dann sagt mir doch mal, mit was wir diese Schallplatte hätten abspielen können.“

Schüler 1 sieht mich mit großen Augen an. „Ist doch ganz klar.“
Schüler 2 nickt: „Ja, echt, ganz klar. Mit diesem Ding, dieses viereckige, mit dem großen Trichter dran.“

Da bin ich es, die zu lachen beginnt, hahahahaha, während mich die Schüler verwirrt anstarren.

Schüler 1: „Was ist daran so lustig?“

Ich grinse weiterhin amüsiert und kläre die Kiddies über ihren Fehler auf, die entnervt die Augen rollen. Woher sollen sie sowas auch wissen? Plattenspieler gab es zuletzt in der Zeit der Dinosaurier, wenn nicht davor.

Und Frau Falke ist sich langsam nicht mehr sicher, ob das Ganze wirklich lustig und nicht eher traurig ist.

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Wenn die Schüler erwachsen sind und selbst Kinder haben werden, da gibt es wieder neue Medien und dann werden sie diejenigen sein, die dumm dastehen. Dann wird es heißen: „Häh, wie Mp3? Wann war denn das in? 1832?“

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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9 Antworten zu Medieneinmaleins

  1. Theni schreibt:

    Also, ich kann die Schüler sehr gut verstehen…. 😀
    (ok, gegen Schluss auch nicht mehr ganz, aber das mit dem DVD-umdrehen…. *wahhhh*)

  2. Jürgen schreibt:

    Einen Lichtbildraum hätte ich auch gern …

  3. sunshinemuffin schreibt:

    Ich kann die Schüler durchaus verstehen. Und das mit dem Grammophon und dem Fehler versteh ich nicht, ehrlich gesagt. Ok, das war ganz früh und später gab’s dann „richtige“ Plattenspieler, aber hat man mit dem Grammophon nicht auch Schallplatten abgespielt?
    Und ja, ich bin schon alt genug, dass ich noch Plattenspieler kenne – unsere Oma hatte so ein Monstrum, das oben Schallplatten und unten Kassetten abspielen konnte.
    Und Videokassetten kenne ich auch noch. Haben wir auch noch, schauen meine kleinen Geschwister. Bambi, Basil, der Mäusedetektiv und so weiter – Klassiker 😉

  4. Frau Falke schreibt:

    Selbstverständlich kannst du mit einem Grammophone Schallplatten abspielen. Es geht lediglich darum, dass sie den Zusammenhang nicht begriffen haben. Ihnen war nicht klar, dass das Grammophone der Vorläufer des Schallplattenspielers war. 😉
    Videokassetten kennen sie auch noch, aber dann hört es halt schon auf. Und das Erstaunen, dass man überhaupt Musik von einer Schallplatte auf eine Kassette übertragen kann, hatten sie eben auch, im Gegensatz zu dir. 😀

  5. Inch schreibt:

    Nuja, heutzutage nennt man eine Schallplatte ja Vinyl. Vielleicht führte diese völlig von Ihnen verwendete völlig veraltete Bezeichnung zu Missverständnissen? 😉
    Mein Kind kennt ja immerhin noch den Schallplattenspieler, auf dem ich ab und an meine alten Schätze auflege. Und die Weihnachtsplatte zur Bescherung! Aber als ich ihr von Tonbändern erzählt habe (also ich meine jetzt die Dinger, mit denen man VOR der Kassette aufnahm), da war sie auch etwas, nun ja, erstaunt

  6. Frl. Rot schreibt:

    Und der ultimative Liebesbeweis in den 80ern/frühen 90ern:
    Für jemanden ein Mix-Tape aufnehmen.
    Herrlich.

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