Ah ja

Die erste Klasse hat noch nichts gesagt, sondern mich bloß angestarrt. Ich habe mir nichts dabei gedacht, gestern bekam ich die Nachricht, dass ein Freund von mir eine Herzoperation vorziehen musste, da sich sein Zustand drastisch änderte, und ehrlich gesagt bin ich mit meinen Überlegungen eher bei ihm als irgendwo sonst.

Die zweite Klasse aber ist weniger zurückhaltend, und meine Begrüßung wird nur gemurmelt zurückgegeben, als ich den Raum betrete. Scheinbar bin ich eine absolute Attraktion, denn sie hängen an meinem Gesicht, als würde ich ihnen die Gewinner der Oscars verkünden.

Ich räuspere mich, nehme das Pult in Beschlag und fordere die Kiddies auf ihre Bücher auf der Seite aufzuschlagen, die ich anschreibe. Als ich mich umdrehe, sehen sie mich immer noch so komisch an. Mir reicht es.
„Sagt mal, habe ich ein Piercing im Gesicht, von dem ich nichts weiß oder was ist los? Seit wann bin ich dermaßen von Interesse?“

„So ein beschissener Tag?“ Anna deutet auf meinen Mund.
Irritiert lege ich die Stirn in Falten. „Wie bitte?“
„Wenn Sie roten Lippenstift draufhaben, ist immer irgendwas los.“ erklärt Janine sogleich.

Ich blickte kurz auf meine Aufzeichnungen, dann schüttle ich den Kopf. „Es ist schon in Ordnung.“
„Sie sagen wenn nicht?“ hakt Anna nochmal nach.
„Ich sage wenn nicht.“ antworte ich ihr, wobei mir der Satz schon da grammatikalisch nicht ganz richtig erscheint.

Wir sprechen über die Aufgaben im Buch, die Hausaufgabe, vergleichen die Arbeiten zweier Schüler und schaffen es das alles in ein fulminantes Tafelbild zu gliedern. Nun, oder… Es war zumindest ein Tafelbild.
Gerade erkläre ich die Stellung des Erzählers zum Geschehen, da ist Linda, die wohl noch über den Stundenanfang brütete, zu einem Ergebnis  gekommen. „Eigentlich ist es auch gut, nicht?“
Ich frage gar nicht erst nach, was sie meint. Das übernimmt David dann für mich. Wie immer also. „Was denn?“
„Dass mit den roten Lippen.“ führt sie aus. „Es steht Ihnen, irgendwie unterstreicht das Ihre französische Seite.“

Diese Aussage irritiert mich, denn ich habe tatsächlich Vorfahren aus Frankreich, aber bei dem einen Mann, der mich bislang darauf ansprach, hatte es auch eine blöde Masche sein können. „Sieht man mir das denn an?“
Die Schüler reagieren natürlich prompt. „Wieso ansehen? Was kann man denn sehen?“
„Meine französischen Vorfahren.“ beginne ich, womit ich eine Diskussion lostrete, die in den nächsten Minuten nicht mehr zu stoppen ist. Tobias Großvater kam aus Amerika und Eriks Ururururgroßmutter war Irin. Und erst…

Als es zum Stundenende klingelt, höre ich noch, wie sich Janine erklären lässt, was der Lippenstift mit Frankreich zu tun hat. Ihr Resümee kriege ich zum Glück nur noch halb mit. „Heißt das dann, dass die Franzosen immer nur beschissene Tage haben oder,“

Im Lehrerzimmer erzähle ich meine heutige (Leidens-)geschichte Emily, Sarah und Sandra, weil Feli mal wieder rechtzeitig abgehauen ist und bekomme von Herrn Wallert einen Kaffee, da tritt Stefan an den Tisch heran. „Oh, roter Lippenstift.“
„Stefan.“ warnt ihn Sarah schon vor.
Er ignoriert das Zeichen der Kollegin. „Da fällt mir spontan ein,“
„Sag nichts über Franzosen.“ versucht ihn nun auch noch Sandra zum Schweigen zu bringen.

Stefan blickt von einer zur anderen. „Rote Lippen signalisieren ja eigentlich immer eine gewisse Paarungsbereitschaft…“
Herr Wallert grinst und versteckt sich vorsorglich hinter seinem Kaffee, damit er nicht gelyncht wird oder etwas abbekommt, wenn wir Stefan zerfleischen.

„…und dann auch noch Französisch.“
Sagts und wirft einen vielsagenden Blick in die Runde und sprintet von unserem Tisch weg, bevor Sandra ausgeholt hat um ihm eine Kopfnuss zu geben. Also echt.

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Ich würde Stefan mal gern eine Weile lang woanders unterbringen. Irgendjemand, der Interesse hat? 😉

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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4 Antworten zu Ah ja

  1. Jürgen schreibt:

    Nee, mit den Damen an unserer Schule (20 Damen, 5 Herren) ginge es ihm sausauschlecht. Da musste schon mancher freiwillig gehen.

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