Mein Freund Benjamin

Man ist nie so allein, wie man sich fühlt, das weiß ich. Und es ist Unterstützung da, das möchte ich der Schule auf keinen Fall absprechen. Aber dies ist das Gefühl, welches mein guter Freund mir vermittelt hat, und das gebe ich genau so weiter.

Ich möchte mich zudem bei Jürgen bedanken, an den ich denken musste, und dessen Hauptschulblues http://hauptschulblues.blogspot.com/ ich Benjamin weiterempfohlen habe.

 

 

Letztens habe ich mich mit meinem ehemaligen Studienkollegen Benjamin getroffen und wie immer, wenn wir uns sehen, habe ich hinterher dieses traurige, beklemmende Gefühl, das sich einfach nicht loswerden lässt.

Als ich Benjamin kennen lernte, war er ein sprudelnder Quell neuer Ideen, lachte viel und laut und schaffte es mit seiner Art einen jeden für sich zu gewinnen. Er war fürsorglich, humorvoll und hatte dieses gewisse Etwas, bei dem sich jeder ernst genommen fühlt mit seinen Problemen, egal wie klein und unbedeutend diese auch gewesen sein mögen.
Er wollte Grundschullehrer werden und niemand, den ich kenne, wäre dafür besser geeignet gewesen als dieser intelligente und beherzte Mann, der zu jedem Thema eine witzige Geschichte kannte und einem alles auf der Welt erklären zu können schien.

Seitdem ist viel geschehen.

Benjamin hat nach dem Studium ein Referendariat angetreten, bei dem er völlig in seiner Rolle aufging. Er liebte die Kleinen- und die Kleinen liebten ihn. Doch dann kam das, womit keiner gerechnet hatte, die Stelle, welche ihm mündlich zugesagt worden war, ging an einen anderen. Und so blieb Benjamin nichts anderes übrig als sich an anderen Schulen umzusehen, er endete, wie so viele, die den Pfad des Grundschullehrers betreten hatten, an einer Hauptschule.

Wenn ich ihn heute treffe, dann ist er anders. Es mag noch hier und da sein Schalk in seinen Augen aufblitzen, er mag noch immer über ein breites Allgemeinwissen verfügen, doch er ist nicht mehr der Mann, den ich damals so schnell in mein Herz schloss.

Über Benjamins Gesicht liegt ein Schatten, seine braunen Augen wirken glanzlos, seine Gesten stumpf, er ist grau geworden in seinem ganzen Sein, träger und trostloser als ich es mir bei ihm jemals hätte vorstellen können.

Dann sitzen wir zusammen in einem Restaurant und reden, wie sollte es sonst sein, von der Schule. Und jedes Mal, wenn er zu erzählen beginnt, von dem Ärger, den er erlebt, von der Hoffnungslosigkeit, die sich in ihm breit macht, von dem Terror, welchem er täglich ausgesetzt ist, ja jedes Mal, wenn er nur anfängt mir davon zu berichten, dann will ich schreien „Bei mir auch!“ und es ihm beweisen. Doch noch bevor er nur zwei Worte gesprochen hat, merke ich, dass es nicht stimmen würde.

Bei ihm ist es nicht so wie bei mir, nicht im geringsten.

Er erzählt von einem seiner Schüler, der von der Polizei aus dem Unterricht geholt wurde, weil er eine Straftat begangen hat. Und ich möchte sagen, schau, bei mir, da gibt es diesen einen Jungen, der hat letztens bei dem Supermarkt um die Ecke einen Mp3-Player mitgehen lassen. Aber Benjamins Schüler hat eine alte Frau überfallen, da er und seine Freunde ihr die Handtasche klauen wollten, das ist etwas ganz anderes.
Er erzählt von einer Schülerin, die bewaffnet in die Schule kam. Und ich möchte sagen, genau, bei mir, da saß letztens einer im Unterricht, der hatte sein Schnitzmesser in der Tasche. Aber Benjamins Schülerin hatte ein Pfefferspray dabei um sich vor den Übergriffen zu schützen, welche sie in der Schule befürchtete, das ist etwas anderes.
Er erzählt von einem weiteren Schüler, der seit Monaten schon süchtig ist, ohne, dass jemand dagegen etwas unternehmen würde. Und ich möchte sagen, klar, kenne ich, letztens habe ich jemanden aus der achten Klasse auf dem Schulhof rauchen sehen, also wirklich. Aber Benjamins Schüler ist erst in der Siebten und schon jetzt so schwer alkoholabhängig, dass er mindestens zweimal während einer Stunde aus dem Unterricht muss, um sich auf der Toilette heimlich ein paar Schlucke aus dem Flachmann zu gönnen.

Man kann es also drehen und wenden, nichts von dem, was ich an meiner Schule erlebe, ist auch nur im Ansatz zu vergleichen mit dem, was Benjamin täglich zu sehen bekommt.
Meine Schule ist privilegiert, und auch wenn ich manchmal an ihr verzweifle, so sind die Voraussetzungen, unter welchen ich und meine Kollegen zu arbeiten haben, doch wunderbare.

Denn wir regen uns auf, wenn wir einen Schüler erwischen, der ein drittes Mal seine Hausaufgaben nicht vorbereitet hat, bei Benjamin ist es schon ein Wunder, wenn überhaupt mal jemand seine Materialien mit hat. Während wir uns beschweren, dass das dritte Smartboard noch immer nicht nutzbar ist, kauft Benjamin von seinem Privatgeld Fußbälle, da diese im Etat der Schule einfach nicht mehr drin sind und die wenigen, welche noch nicht kaputt oder verschwunden sind, so dermaßen alt, dass sie bei dem Versuch sie aufzupumpen den Geist aufgeben.
Und während wir uns mit Dingen herumschlagen, die für uns Probleme sind, vergessen wir, dass man in einer anderen Schule mit viel härteren Sachen zu kämpfen hat.

Damit will ich unsere Probleme nicht kleinreden, wahrlich nicht, doch ich möchte daran erinnern, dass wir uns, trotz all dem Stress und Ärgers, eigentlich glücklich schätzen können.

 

Und ich sehe meinen Freund aus Studientagen an, der so alt geworden ist, so müde, und frage mich, was für diese Lehrer eigentlich getan wird. Denn all die Maßnahmen, all die Hilfen, scheinen einfach nicht genug zu sein.

 

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Montag werde ich in die Schule gehen und dankbar sein, dass der blöde Fernseher vom Fernsehwagen aus der zweiten Etage nur Videos und keine DVDs abspielen kann. Denn zumindest haben wir diesen blöden Fernseher.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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9 Antworten zu Mein Freund Benjamin

  1. B wird Lehrerin schreibt:

    Ich kann mir das gut vorstellen. Und auch, dass Sie keine geeigneten Worte finden konnten. Aber es sind nicht alle Hauptschulen so schlimm, wie die Ihres Kollegen. Vielleicht kann er sich nach einer anderen Schule umsehen? Am besten wäre es für ihn sicherlich, wieder an eine Grundschule zu kommen. Ich denke die meisten Lehrer haben ihre Schulstufe ja schließlich aus Passion gewählt. In einem Hauptschullehrer steckt auch ein Stück weit ein Sozialarbeiter und die Arbeit mit Jugendlichen aus einem schwierigen Milieu unterscheidet sich nun mal hochgradig von der Arbeit mit Kindern. Ich wünsche Ihrem Kollegen alles Gute und dass er eine Schule findet, an der er glücklich wird. Niemand sollte sich verheizen lassen.

    • Frau Falke schreibt:

      Dass nicht alle Schulen so sind wie seine, stimmt, deshalb rate ich ihm auch schon länger in Betracht zu ziehen sich an meiner Nachbarschule zu bewerben. Leider aber ohne Erfolg, denn Benjamin sieht das Ganze nicht so drastisch wie ich.
      Er sagt immer, dass es ja noch okay wäre, und hat (absichtlich?) keinen Weitblick, was seine Arbeit und die Belastung angeht. Vor allem aber ist es seine Art, sich möglichst viel aufzuhalsen, und ich glaube, wenn ich ehrlich bin, dass er auch eine Mentalität hat, die ihn so handeln lässt. Ich weiß nicht, wie ich ihm verständlich machen kann, dass sich um die eigene Gesundheit zu sorgen nicht einem Aufgeben gleich kommt. Letztendlich muss er es vor allem selbst einsehen, und ich bezweifle, dass es in meiner Macht liegt ihn zum Einsehen zu lenken.
      Alles Gute, das hat er wirklich verdient.

      • ullli23 schreibt:

        Hast Du ihm denn gesagt, dass Du siehst, wie sehr er sich verändert? Vielleicht braucht er das, um seine Situation zu überdenken und sich woanders zu bewerben.

        • Frau Falke schreibt:

          Ich sage es ihm immer wieder, aber ich glaube, er will es nicht hören. Einen Anstoß bräuchte er wohl, aber sicherlich etwas anderes als die Stimmen aus dem Freundeskreis.

  2. Jürgen schreibt:

    Danke für die Blumen, Frau Falke.
    Nicht jede Hauptschule ist gleich, Das stimmt. Auch KollegInnen anderer Schularten reiben sich auf. Es kommt sehr auf die Schule und ihre Entwicklung an. Bei uns wird keine/r allein gelassen. Das Kollegium hat eine eigene Supervision, die Schulleitung auch. Wenn es eine/r/m schlecht geht, setzen wir uns hin, in der kleinen Runde der beteiligten Lehrkräfte oder in der großen.
    B. scheint auch so eine Art Mensch zu sein, der viel schluckt und wenig verändern mag.
    Ich habe Sie verlinkt, wenn es recht ist: http://www.hs-neuaubing.musin.de

  3. Nadine schreibt:

    Ich wünsche Ihrem Freund alles Gute und viel Kraft. Und ich hoffe, dass er nicht noch einen Burn Out kriegt. Ich an seiner Stelle hätte vermutlich schon längst keine Kraft mehr.

    • Frau Falke schreibt:

      Wollen wir hoffen, dass er rechtzeitig die Reißleine zieht und entweder kürzer tritt, oder sich versetzen lässt. Vielleicht sucht er sich auch Hilfe, wünschenswert wäre es. Eine Bekannte aus Berlin hatte nach einem Jahr Schule einen Komplettzusammenbruch und hat es mit Hilfe einer Psychologin geschafft, nun glücklicher als je zuvor im Beruf zu sein.

  4. rueckenpatientin schreibt:

    Ich wünsche ihm auch alles Gute!
    Es ist schade, dass es an einigen Schulen so zuegent. Selbst die engagiertesten Lehrer kommen irgendwann nicht weiter. Es müsste viel mehr Unterstützung für solche „Problem-Schulen“ geben.

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