Emotional überfordert

An manchen Tagen hat man Schüler im Unterricht sitzen, die weinen.

Mal sind es jene, auf deren Tisch sich dann Berge von Taschentüchern und mindestens drei Tafeln Schokolade befinden und die umringt von ihren Freundinnen erzählen, dass ihr Freund mit ihnen Schluss gemacht hat. Mal jene, aus denen man zwischen Schluchzern herausbekommt, dass die Klausur daneben gegangen ist, oder die, welche zwischen einigen Beschimpfungen erklären, dass die Klassenkameradin/ Lehrerin/ Referendarin (Alles natürlich auch in männlicher Form dabei…) Stress gemacht hat oder unfair war.
Dann gibt es noch die dritte Gruppe, die für mich persönlich am allerschlimmsten ist. Schüler, die aus tiefster Trauer heraus weinen.

Jemand von diesen Schülern hatte ich zuletzt auch in Englisch sitzen. Nicole, eine liebe, aber stets freche Neuntklässlerin, begrüßte mich nicht wie sonst immer. Kein „Rot ist total ihre Farbe.“, kein „Wie sehen Sie denn aus? Sind Sie aus dem Bett gefallen?“ oder „Boah, Sie sollten die Haare öfters offen tragen.“. Nicht einmal ein „Hey.“, wie üblich nachdem alle anderen Guten Morgen gesagt haben.

Die wird wohl einen schlechten Tag haben, denke ich mir und beschließe sie dennoch im Auge zu behalten.

Zehn Minuten Unterricht vergehen, ich bin zum gefühlten tausendsten Mal bei den If-Clauses, da beginnen Tränen Nicoles Wangen herunter zu laufen. Momentan bekomme ich scheinbar jeden zum Heulen.

Nach weiteren zehn Minuten kann ich es nicht mehr mit ansehen, teile Zettel mit Übungen aus und verlange von den Schülern sich leise zu verhalten. Dann gehe ich in Richtung Tür. „Nicole, würdest du bitte kurz mit raus kommen?“
Nicole schluchzt kurz, steht aber auf und folgt mir nach draußen.

Ich verschließe die Tür und sehe die Schülerin fragend an. „Was ist denn passiert?“
Da bricht es aus ihr heraus, sie schluchzt und presst sich die Hand vor den Mund. Während bei ihr die Tränen laufen überfällt mich die persönliche Überfordertsei-Starre.

Einen Moment lang herrscht Stille. Dann mein aus pädagogischer Sicht verurteilenswerter Versuch des Tröstens, indem ich eine Phrase kloppe: „Nicht weinen, so schlimm kann es doch nicht sein.“
Oh Gott, manches Mal könnte ich mir selbst in den Hintern beißen! Erst denken, dann reden, das kann doch wirklich nicht so schwer sein!
Und wie erwartet tritt auf meine Feinfühligkeit die entsprechende Reaktion ein.

Nicole funkelt mich an, ohne, dass ich Wut in ihren Augen sehen könnte. Vielmehr sehe ich eines, und dass ist Verzweiflung.
„Oh, Frau Falke, Sie haben ja gar keine Ahnung wie schlimm alles ist.“
Ich nehme sie in den Arm und denke nicht eine Sekunde darüber nach, ob ich das als Lehrerin sollte oder nicht.

„Vor zwei Monaten hat das Haus meiner Cousine gebrannt. Wahrscheinlich Brandstiftung, die Polizei hat sich nicht festlegen wollen. Die halbe Hausseite ist weg, alles verkohlt, die ganzen Sachen, alles Erinnerungen für den Müll. Dann ist mein anderer Onkel ins Krankenhaus gekommen, weil er Migräne hatte. Migräne! Ich meine, jeder hat doch mal Kopfschmerzen, oder? Und da hieß es plötzlich peng, eine Arterie in seinem Kopf ist geplatzt. Sofort wurde er operiert, aber die Ärzte konnten ihn nicht retten. Er starb, einfach so, nachdem ich mich am Tag zuvor noch ganz normal mit ihm unterhalten hatte.“ Sie fährt sich über die Wangen, ich streiche ihr vorsichtig über den Arm.

„Ich hatte ja keine Ahnung…“
„Noch bin ich nicht fertig, Frau Falke. Denn dann bekamen wir die Nachricht, dass mein Opa Blasenkrebs hat. Es kann jeden Augenblick soweit sein, dass er stirbt, verstehen Sie? Und als wäre das noch nicht genug, hat sich gestern der Vater von Mamas bester Freundin erhängt.“ Sie schluchzt, dreht sich ein wenig aus meiner Umarmung.
„Und wissen Sie was? Als ich meine Mutter heute Morgen „Oh nein.“ sagen hörte, da dachte ich, es geht nicht mehr. Als sie dann meinte, dass es niemand aus unserer Familie wäre, konnte ich aufatmen. Aufatmen! Obwohl jemand gestorben ist! Obwohl er sich erhängt hat!“

„Du hattest Angst, Nicole, das ist nur natürlich.“ wende ich sacht ein, doch sie schüttelt den Kopf.
„Nein, das ist nicht zu entschuldigen. Aber Angst habe ich wirklich, immer, wenn das Telefon klingelt, bete ich, dass niemand tot ist. Jedes Mal.“

Mir fehlen die Worte um mein Mitgefühl auszudrücken, also halte ich Nicole erst einmal fest.
Was kann ich denn groß sagen? Dass es mir Leid tut? Hilft ihr nicht gerade weiter. Dass es irgendwann wieder besser werden wird? Pff. Eigentlich kann ich nichts sagen, dass etwas ändern würde.
Aber da sein. Einfach da sein für diese Schülerin, die so allein ist in ihrer Trauer.

Erst fünf Minuten bevor es klingelt gehen wir wieder rein. Die Mitschüler gucken, sagen aber nichts, auch sie haben ihre taktvollen Phasen.

Und Nicole? Die bedankt sich bei mir, indem das erste, was ich in der Englischstunde heute höre, ist: „Frau Falke, echt, Sie sollten sich unbedingt mal eine Slimjeans zulegen, bei den tollen Beinen, die Sie haben.“

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Ich habe im übrigen eine Slimjeans. Aber die ziehe ich nicht für die Schule an!

_______________________________

Nachtrag: Weil die Frage aufkam, ja, es ist genauso passiert. Vielleicht war der Onkel auch die Tante, der Großvater die Großmutter oder die Cousine der Cousin… Aber die Verhältnisse sind von mir übernommen worden.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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25 Antworten zu Emotional überfordert

  1. pausenkaffee schreibt:

    Krass… Tut mir Leid für Nicole. Finde deine Reaktion übrigens gut (bis auf den Affekt am Anfang), weiß aber nicht, ob ich das auch machen sollte. In-den-Arm-nehmen von Schülerinnen geht, was das angeht, leider sehr schnell in die falsche Richtung. Da kann man bei einigen Eltern noch so toll pädagogisch argumentieren und so weiter und so fort. Wie es dem Kind dabei geht, ist eigentlich egal, auch wenn’s genau das war, das geholfen hat und es der Schülerin nachher besser ging. Eigentlich ist das traurig… Keine Ahnung, ob ich in einer solchen Situation über rechtliche Folgen nachdenken würde. Vermutlich würde ich drauf pfeiffen und der Schülerin helfen. Kurzsichtig? Vermutlich.

    • Frau Falke schreibt:

      Das ist auch mein Problem (unter anderem). Meist weiß ich, dass es besser wäre, anders zu handeln, letztlich aber mache ich es dann doch nicht. Die Frage ist für mich, was die Schüler in dem Moment brauchen, und bislang habe ich auch richtig gelesen. Glück? Bestimmt. Und über die Frage, wie lange das gut gehen wird, will ich auch nicht nachdenken…

      • pausenkaffee schreibt:

        Das Problem ist, dass es egal ist, was der Schüler braucht. Wenn auch nur einer das in den falschen Hals bekommt, herumerzählt und der Schulleiter von der falschen Seite davon Wind bekommt, bist du ganz schnell als Sexualverbrecher abgestempelt, ohne dass du was dafür kannst. Da kann selbst der Schüler/die Schülerin für dich sprechen. Stempelfarbe ist hartnäckig und böse Blicke aus der Führungsebene noch das harmloseste, was passieren kann.

        Das passiert natürlich nur in eine von 1000 Fällen, klar. Aber dann passierts eben doch. Vermutlich würde ich es trotzdem drauf ankommen lassen, denn mir ist das Wohl der Schüler halt wichtig.

        • Frau Falke schreibt:

          Wenn du wüstest, wie wund der Punkt ist, den du da gerade ansprichst… Du hast Recht. Und wahrscheinlich wäre es besser, du würdest den letzten Zusatz nicht machen, so verständlich es auch ist.

  2. Franzi schreibt:

    Oh je, ich kann gut nachempfinden, wie Nicole sich gefühlt hat. Bei uns in der Familie war es ähnlich.
    Ich finde es toll, dass du so für deine Schüler da bist! Das ist nicht selbstverständlich.
    Mein Sohn wurde letztens auch von seiner Lehrerin in den Arm genommen, weil er Angst vor seiner Operation hat. Ich fand es sehr gut, dass sie so gehandelt hat. Ihm hat es gut getan, mal nicht nur von Mama zu hören, dass alles gut wird. Niemals würde ich in so einer Situation darauf kommen, etwas anderes darin zu sehen.
    Aus der Sicht einer Mutter begrüße ich es sehr, wenn Lehrer ihre Menschlichkeit behalten und nicht nur daran denken, was sie dürfen und was nicht.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich kenne es leider auch so. Viel Schlimmes ist glücklicher Weise noch nicht passiert, aber jenes, das geschah, dann auch auf einmal.
      Es erstaunt mich immer wieder zu lesen, dass es für viele überraschend ist, dass sich eine Lehrkraft mit solchen Dingen beschäftigt. Trügt mich mein Gefühl da so sehr? Ich würde dieses Handeln einem Großteil meines Kollegiums zuschreiben…
      Dass du es begrüßt, macht dich sympathisch und ist wohl auch einfach menschlich. Dennoch ist es, wie Pausenkaffee anmerkte, gerade als Mann steckst du schneller in so einer Geschichte drin, als dir lieb ist. Und seien es nur Gerüchte, auch diese haben schon Karrieren zerstört.
      Ich glaube, da habe ich es als Frau auch leichter, die Angst, dass einem solche Handlungen als sexuell motiviert ausgelegt werden, ist wesentlich geringer.

      • Theni schreibt:

        Ich muss jetzt doch mitmischen… *verlegengrins*
        „Es erstaunt mich immer wieder zu lesen, dass es für viele überraschend ist, dass sich eine Lehrkraft mit solchen Dingen beschäftigt. Trügt mich mein Gefühl da so sehr? Ich würde dieses Handeln einem Großteil meines Kollegiums zuschreiben…“ entweder die Lehrer an deiner Schule ticken komplett anders oder… Jedenfalls kann ich das so nicht bestätigen. Du (und wohl auch ein paar wenige andere) scheinst eine -gute!- Ausnahme zu sein, zumindest glaub ich das, wenn ich mir mal „mein“ Lehrerzimmer ansehe.. :/
        Und das mit dem Schüler-in-den-Arm-nehmen-und-so finde ich als Schüler eigentlich nicht schlimm, eher normal/menschlich. (Es kommt jeden falls komischer rüber, wenn der Lehrer gar nichts tut, als zu labern. Da kann man zwar kein Strick draus drehen, aber wer will sich schon einer so völlig gefühlskalten Person anvertrauen?! Klar, es gibt auch welche, die das auf einem distanzierteren guten Weg schaffen, aber solche Leute gibt es irgendwie sehr selten ( =an meiner Schule 1 mal…)) Somit spricht deinem Verhalten also wirklich nichts entgegen… (sagt das Schüler-ich)
        lg, Theni (Attribut der Athene:Die Eule. Also bitte nicht auf die Uhrzeit achten, ja?!)

        • Frau Falke schreibt:

          Wobei man ja nicht weiß, was hintenrum noch alles geschieht, wer sich welche Gedanken macht, vielleicht auch ohne direkt einzugreifen. Frau Crande zum Beispiel greift kaum offen ein, hat aber heimlich oft noch die Finger im Spiel.
          Dass es trotz allem wichtig ist, seinem Gegenüber dennoch nicht vollkommen distanziert zu erscheinen, ist klar. Wobei ich es schon bewundernswert finde, einen Weg zu kennen, der sowohl die Distanz als auch das Mitgefühl transportiert.
          (Okay, ich ignoriere das Mal… 😉 )

      • rueckenpatientin schreibt:

        Ich kann ja nur auf Erinnerungen aus meiner Schulzeit zurückgreifen und eben nun auf das 1. Halbjahr meines Sohnes.
        Ich würde schon sagen, dass der Großteil aller meiner Lehrer sehr distanziert war. Zumindest in den höheren Klassen. In der Grundschule habe ich bisher nur Positives erlebt, auch bei meinem Sohn.
        Ab der 5. Klasse wurde es dann bei mir anders. Ich hatte ab der 5. Klasse gesundheitliche Probleme und war immer mal wieder im Krankenhaus. In der ganzen Zeit habe ich nicht ein nettes Wort von den Lehrern gehört. Es zählte nur die Leistung.
        Als ich dann in der Oberstufe die Schule gewechselt habe (vom Gymnasium auf eine Gesamtschule) war es richtig ungewohnt. Vielleicht lag es daran, dass die Lehrer dort extrem jung waren?! Wir durften alle Lehrer duzen, haben mit ihnen privat gefeiert (selbst eine Übernachtungsparty bei unserem Musiklehrer war dabei), die Lehrer hatten immer ein offenes Ohr für uns und zeigten ihre Anteilnahme durch kleine Gesten (z.B. über den Arm streicheln, eine kurze Umarmung).
        Die andere Seite habe ich aber auch erlebt. Wobei ich sagen muss, dass der Lehrer selbst Schuld war. Er hat einer Schülerin zu viel Nähe gezeigt und daraus hat sich eine Beziehung entwickelt. Dieser Lehrer darf nun nicht mehr unterrichten, ist dafür aber immer noch glücklich mit dieser Schülerin.
        Ich denke, dass gerade Mädels, die mitten in der Pubertät stecken ganz schnell etwas falsch interpretieren können. Wenn sie dann eventuell noch in einen Lehrer verliebt sind, wird es noch problematischer.
        Dennoch finde ich es toll, wenn Lehrer menschlich sind und das auch zeigen können.

        • Frau Falke schreibt:

          Ich habe erlebt, wie einem sehr guten jungen Lehrer ein Gerücht fast das Genick gebrochen hätte. Er ist fast vier Monate durch eine private und berufliche Hölle gegangen, und ich war entsetzt, wie hilflos man da ist.
          Dennoch halte ich es für wichtig für Schüler da zu sein und sich zu kümmern, besonders trotz des Leistungsdruckes im Gymnasium. Wobei bei uns damals in der Sexta und Quinta stets gesagt wurde „Wir brauchen euch hier nicht, wenn die Hälfte endlich geht, haben wir wenigstens die an unserer Schule, die das Zeug haben die Elite zu werden.“. Das hat nicht gerade das Gefühl gegeben sich anvertrauen zu können. Erst in der Mittelstufe fand ich eine Lehrerin, die alles änderte. Und die auch der Grund ist, warum ich überhaupt Lehrerin geworden bin.

  3. antagonistin schreibt:

    Wie traurig. Die Situation der Schülerin und die angesprochene Problematik des Missbrauchsverdachtes. Dennoch hoffe ich, Du bleibst auch zukünftig bei Deinem Bauchgefühl und traust Dich, empathisch zu sein. Das beschriebene Risiko kann doch nicht dazu führen, dass jede Geste des Trostes eine Tabuzone darstellt.
    Ich finde es sehr sympathisch – und wichtig – wie Du Deiner Schülerin begegnet bist.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich würde es schon von meiner Natur her nicht einstellen können. Dennoch habe ich, besonders wenn es zu diesem Thema Diskussionen gibt, oft ein schlechtes Gefühl.
      Vor allem aber ist dies der Grund für meinen Blog- weil ich erlebt habe, was geschehen kann, wenn solche Gerüchte gestreut werden, ebenso, was geschieht, wenn sie missachtet werden.

  4. lottamachtkrach schreibt:

    Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass du zuerst überfordert warst. Das geht mir oft genauso, wenn die Schüler von Problemen erzählen, bei denen ich weiß, dass ich – egal was ich sage – einfach nicht helfen kann. Ich hoffe dann, dass oft zuhören und den Schüler sprechen lassen schon ein bisschen schmerzlindernd wirkt.

    Neulich hat mir eine in Tränen aufgelöste 8.-Klässlerin erzählt, dass sie schwanger ist, sie sich nicht ganz sicher wäre von wem und ihre Eltern sie rauswerfen wollen. Ja puh… Die haben teilweise Probleme, für die ich mich selbst noch zu jung fühlen würde.
    Wir haben zum Glück eine sehr gute Sozialarbeiterin an der Schule, die die Schüler auch gut annehmen. Da kommen Sachen bei raus … Man fängt ein Gespräch an in dem Glauben, der Sechtsklässler wäre einfach pubertätsbedingt schulmüde und sein größtes Problem seien seine schlechter werdenden Noten und erfährt am Ende, dass er nur deswegen dauernd nach der 1. Pause blau macht, weil der gewalttätige Vater aus dem Gefängnis zurück ist, der die Mutter aber immer nur dann verprügelt, wenn die Kinder nicht da sind. Also müssen die Kinder öfter da sein.
    Jedes 3. Kind an unserer Schule ist laut Sozialarbeiterin Opfer familiärer physischer, psychischer oder sexueller Gewalt, Vernachlässigung oder erfährt zuhause Missbrauch von Alkohol, Drogen oder Medikamenten. Und man kann nichts machen. Und dann soll ich hinterher im Unterricht sagen, dass mit guten Noten am Ende alles gut wird. Das kann ich doch selbst nicht mehr ernst nehmen.

    Zum Thema Schüler in den Arm nehmen: Ich bin da am Anfang auch sehr vorsichtig rangegangen und war regelrecht schockiert und von Fünftklässlern, die einen für jeden Pups in den Arm nehmen wollen. Ich kannte sowas auch gar nicht aus meiner eigenen Schulzeit. Lehrer waren halt da, aber eher störend, also keine Bezugspersonen, an die man sich mit Problemen wendet.
    Ich habe jetzt im ersten Jahr an meiner Schule gemerkt, dass die Schüler vor allem zu Klassenlehrern ein sehr sehr familiäres Verhältnis aufbauen. Das liegt sicherlich an der Schulform und dem sozialen Umfeld, in dem unsere Schule liegt. Wenn zuhause keine Bezugsperson ist, wird der Lehrer eben zu der Bezugsperson, ob er will oder nicht. Ich wär als Teenie nie auf die Idee gekommen meinen Lehrer zu umarmen.
    Bei uns im Lehrerzimmer gab es auch mal das Gespräch, dass ein Klassenlehrer einer 9. Klasse meinte, dass er es eben recht gefährlich fände, wenn seine Neuntklässlerinnen ihn umarmten, weil er ihnen bei der Suche nach einem Praktikumsplatz geholfen hat. Wenn die hinterher, wenn sie auf ihn nicht mehr so gut zu sprechen wären, sagen, das ginge von ihm aus und wäre unnormal oft, dann hat er die Gerüchte.
    Ich glaube aber die Schüler machen sich da viel weniger Gedanken drüber als wir Lehrer. Gerade bei den Neunern und Zehnern habe ich das Gefühl, dass die einfach nicht besonders gut ausgestattet sind mit Schamgefühl oder einem Gespür für Beziehungsverhältnisse von Personen. Bei einer neuen Schülerin musste ich gleich in der ersten Stunde klarstellen, dass man küsschen links küsschen rechts mit Freundinnen macht, aber so nicht seine Lehrer begrüßt. Lehrer sind auch bei Facebook Lehrer und keine Freunde. Freundschaftsanfrage zwecklos. Und Lehrer sind auch nicht die Mitfahrgelegenheit, die euch mitnehmen, nur weil sie in die gleiche Richtung müssen.
    Ich warte schon sehnsüchtig auf Praktikumsberichte, in denen sie sich beschweren, dass der Chef nicht amüsiert war, weil sie ihn geduzt haben oder die Oberschwester kein Küsschen-links-Küsschen-rechts mitmachen wollte….

    • Frau Falke schreibt:

      Es stimmt, dass wir letztendlich hoffen, das Reden würde schon etwas bessern, mir geht es ebenso. Natürlich ist es immer gut, Unterstützung zu haben, unsere Sozialpädagogin jedoch ist noch sehr neu bei uns und auch an den umliegenden Schulen beschäftigt, sodass es da noch keine Festigung in der Zusammenarbeit zwischen Kollegien und ihr gegeben hat.
      Dass mit guten Noten alles besser würde ist eine Annahme, die wir schnell in Anbetracht dessen verlieren, was in manchen Familien los ist. Unsere Schule ist glücklicher Weise privilegiert, sodass es kaum Fälle gibt, die schwerwiegend sind, und da dann auch sehr viel getan wird. Anderseits ist es so, wie eine sehr geschätzte Kollegin von mir sagt, das Leben bleibt nicht stehen, wenn Probleme herrschen. Manchmal bin ich nicht sicher, ob wir nicht an den falschen Enden helfen, zu viel machen bei den einen, bei den anderen zu wenige, und dann wieder fürchte ich, dass wir vieles schlichtweg nicht mitkriegen.
      Familiäre Verhältnisse sind bei uns an der Tagesordnung, wobei ich dies auf die sehr ländliche und ruhige Gegend schieben würde. Für Außenstehende sind wir meist sehr dörflich angehaucht, und das spiegelt sich in den Klassenzimmern nieder. Dass es früher eine Undenkbarkeit gewesen wäre, den Lehrer zu umarmen, kenne ich aber auch.
      Was die Gefahr für Lehrer angeht, die eine körperliche Nähe zu ihren Schülern zulassen, bin ich sehr, sehr vorsichtig geworden. Selbst wenn jemand nichts gemacht hat, kann so ein Vorwurf einem nicht nur die Freude am Beruf kosten. Es ist vor allem noch wesentlich heftiger, als man es sich vorstellt, und wenn man es erst einmal miterlebt hat, braucht es lange, bis man sich wieder öffnen kann. Vor allem aber sind viele Gespräche notwendig, bevor man begreift, dass nicht das System Schule als solches dein Feind geworden ist.
      Sobald du einen Praktikumsbericht bekommst, in dem jemand allen Ernstes versucht hat, sich mit Küsschen zu verabschieden, möchte ich bitte eine Kopie haben. Das wäre ein schönes Exempel und auch ein klein wenig amüsant…

    • leavariety schreibt:

      „Und man kann nichts machen.“

      Da liegt aber jemand gewaltig falsch. Wenn ich da an meine Schulzeit zurückdenke – ich hatte damals einen sehr verständnisvollen Klassenlehrer. Dem ich mich auch gern anvertraut hätte. Aber im richtigen Moment war er nicht da – und so ging ich.

      • Frau Falke schreibt:

        Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass sie meint, dass ein Eingreifen vollkommen unmöglich ist. Es klingt für mich persönlich mehr danach, als würde man als Lehrkraft nicht genug machen können, das Problem nicht aus der Welt schaffen können.
        Darf ich fragen, wie es damals war? Der Lehrer war im richtigen Moment nicht da, also in jenem, in dem es akut wurde, oder dem, als du dich ihm anvertrauen wolltest?

        • leavariety schreibt:

          Ja, es gab den Moment, in dem ich mich anvertraut hätte – aber viele Personen, in diesem Fall Lehrkräfte, wollen die Verantwortung, die sie tragen, nicht wahrhaben und flüchten – so habe ich es jedenfalls erlebt. Lehrer – Schutzbefohlene. Allein diese Bezeichnungen sagen schon so viel.

          Ich hab ihn dann übrigens nie wieder gesehen. Nach diesem Tag.

      • lottamachtkrach schreibt:

        Ich meinte damit nicht, dass man nicht zuhören kann. Wie oben beschrieben glaube ich, dass Zuhören alleine manchmal etwas lindernd wirkt.

        Aber wenn ich eine Siebtklässlerin habe, die regelmäßig vom Freund der Mutter angegrabscht wird, sich mir oder der Sozialarbeiterin anvertraut, welche dann alle weiteren Schritte einleitet, dann aber im entscheidenden Moment behauptet sich das alles nur ausgedacht zu haben (in Wirklichkeit steckte die Mutter dahinter, die sagte, dass der Freund so seine Zuneigung ausdrücke, das sei ganz normal und gar nicht schlimm und man sie ihr sonst wegnähme und sie alles wäre, was sie habe und dem Mädchen anriet der Sozialarbeiterin nichts mehr zu sagen, weil die böse Frau wolle, dass man sie in ein Heim stecke), ja dann fühlt man sich als Lehrer schon ein wenig hilflos.

        Man ist bereit zu helfen, das Kind vertraut sich endlich endlich an, alle Institutionen sind vorbereitet und dann siegt der Einfluss der Mutter … Und das Kind wird weiter missbraucht.

        Und sowas erlebt man in bestimmten Brennpunkten einfach zu häufig.

        Versteh mich nicht falsch, es wird geholfen. Die Sozialarbeiterin hat schon bei zahlreichen Schülern Kontakt zum schulpsychologischen Dienst hergestellt, Kinder (natürlich nur die, die es wollten) aus den Familien herausgeholt (oft sehen die Eltern ein, dass das die bessere Alternative ist). Aber zu sehen, dass man zu vielen Kindern nicht helfen kann, ruft schon ein Gefühl von Hilflosiglkeit vor. Und das bei den Klassenlehrern, also den direkten Bezugspersonen der Schüler, noch viel mehr, als bei mir.

        • leavariety schreibt:

          Ich denke, es gibt noch mehr Möglichkeiten als nur zuhören. Es ist vorhersehbar, dass das betroffene Kind seine Aussage zurückzieht, wenn plötzlich alle Instanzen auf es einstürmen, sich dann ich die vertraute (wenn auch destruktive) Atmosphäre der Familie zurückzieht. Aber ich denke, als Lehrer kann man ja beispielsweise die Zeit verlängern, die das Kind in der Schule verbringt, und so nicht so viel Zeit Zuhause verbringt. Was gibt’s da nicht alles …

          • lottamachtkrach schreibt:

            Klar kann man. Aber bei einer Ganztagsschule, in der das Kind von frühstens 7 (freiwillige Frühförderung) bis 16 Uhr betreut wird, sind die Zeiten auch irgendwann begrenzt.

            Das Kind hat von Mutti gehört, dass die böse Sozialarbeiterin sie ihr wegnehmen will und spricht seit einem halben Jahr nicht mehr drüber. Nur noch mit ihren Freundinnen, die auf uns zukommen. Und selbst wenn die Freundinnen dabei sind, behauptet sie in Anwesenheit der Sozialpädagogin, dass das alles ein Missverständnis sei, auch wenn die Freundinnen Stein und Bein schwören, dass es anders ist. Die Intervention der Sozialarbeiterin (es ist nicht so, dass sie da mit der Polizei im Schlepptau aufgetaucht ist. Sie wollte erstmal nur ein Gespräch mit der Mutter führen und der auf den Zahn fühlen.) ist schon ein halbes Jahr her. Und das arme Mädchen wird immer dünner, immer in sich gekehrter.

            Und ja, was gibt’s da nicht alles? Dann verrat mir bitte, was gibt es da noch alles?

            • leavariety schreibt:

              Ich bin auch nur gerontopsychiatrische Mitarbeiterin – und froh darüber, weil ich diese Verantwortung nie tragen könnte. Bei meinen Senioren weiß ich wenigstens: Ihr habt dies und das erlebt. Das ist unvorstellbar. Aber heute seid ihr hier, bei mir, und ich muss euch nicht mehr beschützen vor der Welt da draußen.

              Ich habe nicht Pädagogik studiert. Es liegt nicht an mir, irgendwelche Lösungen zu finden. Aber zu sagen, wir können nichts machen – das finde ich unehrlich gegenüber sich selbst.

              Man hat immer eine Wahl.

              Und damit schließe ich.

              • lottamachtkrach schreibt:

                Ich finde du machst es dir ziemlich einfach.
                Rumtönen, dass es immer etwas gäbe und vor allem in diesem konkreten Fall so viele Möglichkeiten und dann, nach konkreter Nachfrage, diese faule Ausrede…
                Meinst du das Pädagogikstudium bereitet auf so eine Praxis vor? Blauäugig …

  5. littlemissbad schreibt:

    Ich könnte so viel schreiben aber ich belasse es bei einem tief empfundenen: Respekt

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