Unter Drogen

Ich habe da einen Kollegen, den will man eigentlich nicht in seiner Klasse haben. Das liegt aber nicht daran, dass der Mann unsympathisch wäre oder so etwas, sondern lediglich daran, was er mit den Schülern macht, die er im Unterricht hat.
Denn immer wenn man nach dem Herrn Abel eine Klasse hat, ist diese völlig am Ende. Die Kiddies sind müde, ausgepowert, haben keinerlei Energie mehr, als hätte man sie komplett ausgesaugt.

Mit der Zeit entwickelte ich meine eigene Theorie, wie ein einzelner Lehrer eine Klasse derart entkräften kann. Ich glaube nämlich, dass er die Schüler einfach unter Drogen setzt und damit ruhig stellt. Wie, das weiß ich noch nicht genau, aber ich tippe auf irgendwas gasmäßiges, wenn ihr mich fragt.
Anders ist jedenfalls nicht zu erklären, wie es sein kann, dass er in der achten Stunde die Tür offen lassen kann. Die TÜR!!! OFFEN!!! Ich meine, wie kann man sich sowas denn sonst erklären? Die sind doch nicht einmal während einer Klassenarbeit so leise, dass man sein eigenes Wort verstehen könnte, und nun ist es bei ihm plötzlich so, dass die keinen Mucks mehr machen!

Auch dazu habe ich natürlich meine Theorien.
Die Erste und Naheliegendste war es, dass die Schüler einfach Angst vor dem Kollegen Abel haben. (Ich spreche hier ausdrücklich nicht von Respekt, das sei festgehalten. Wenn Schüler sich nicht trauen bei einem Lehrer den Mund aufzumachen, ist das kein Respekt.)

Ich habe mich also mal schlau gemacht, aber Angst scheinen die Schüler keine vor ihm zu haben. Demnach zu meiner zweiten Theorie: Er ist ein Hypnotiseur, er legt meinen Schülern einen Bann auf. Oder er ist Hexenmeister und verzaubert sie, jedenfalls sowas in die Richtung.

Einmal habe ich vorsichtig gefragt, wie sie denn eine mickrige Stunde Erdkunde derart auslaugen könne. Doch anstatt der gewohnt auf mich herunter prasselnden Vorwürfe kamen nur müde Schulterzucken. Ich erkannte meine Schüler nicht wieder.

In einer Stunde, die nicht nach der Herrn Abels lag, waren die Kiddies dann gesprächiger. „Der ist total schrecklich.“ „Jede Stunde machen wir das selbe.“ „Immer kommt er nur rein, gibt uns einen Zettel und den müssen wir dann bearbeiten.“ „Was wir nicht schaffen ist Hausaufgabe, das wird dann in der nächsten Stunde verglichen.“ „Es ist immer das gleiche.“ „Wie ein Mahlwerk.“

Erstaunt blicke ich die Schüler an. „Habt ihr ihm das mal gesagt? Wenn ihr mit ihm reden würdet, wäre er sicherlich bereit,“
„Gar nicht ist der bereit.“ wird sauer dagegen gesetzt, grammatikalisch recht bedenklich.
„Er meint er könne nichts anderes machen. Außerdem gäbe es zu den Zetteln keine Alternative, weil es kein Material für Erdkunde-Lehrer gibt.“
„Nun, das glaube ich jetzt kaum, aber wenn er das meint.“ Ich blicke in die Runde, wo die Schüler begonnen haben nach ihren Erde-Ordnern zu suchen. Dann wird mir ein Machtwerk von drei Zetteln überreicht, zusammen getackert und beidseitig beschrieben, Schriftgröße Sechs. Mein Verlangen eine Lupe auszupacken lässt sich nur schwer unterdrücken.
„Oh.“
„Eben. Und das jede Stunde.“

 

Mein Kollege setzt die Schüler also doch nicht unter Drogen. Er erschlägt sie mit einem solchen Berg Arbeit, dass sie keine Luft mehr zum Atmen haben, geschweige denn schwätzen könnten.

Ich, ganz die überengagierte Lehrerin (Nicht wahr, Frau Rondell?), nehme mir in diesem Moment vor mit dem Kollegen zu sprechen, ob er mit der Klasse nicht eine Einigung finden könnte.
Er schüttelt den Kopf, als ich ihn frage, erzählt mir (Wortwörtlich!) genau das, was die Schüler mir gesagt hatten. „Es gibt keine gescheiten Unterrichtsmaterialien für Erde, dieses Fach ist so speziell, er kann sich ja nicht dauernd was aus den Fingern saugen, die Schrift muss so klein sein um Platz zu sparen, nein, da kann man nichts kürzen, das ist alles wichtig…“

Trotzdem stürmen die Schüler nach der nächsten Erde-Stunde begeistert auf und ab hüpfend auf mich zu.
„Es war so cool!“ „Wir haben eine richtige Tafelanschrift gemacht!“ „Und dann konnten wir auch selbst was sagen!“ „Wir haben so richtig in der Klasse diskutiert, das war voll genial!“

Ich lächle erfreut, dass meine Schüler so happy sind, halte mir aber die Ohren zu, weil sie alle durcheinander schreien. „Ist ja gut Leute, schön, dass es was gebracht hat. Da seht ihr es, Reden hilft.“
Die Klasse diskutiert weiter, lautstark werden die letzten fünfundvierzig Minuten reflektiert.
„Leute, bitte…jetzt seid doch mal ruhig.“
Nichts. Nur Lärm.

Wer bitte war so dumm und hat sich über die unter Drogen gesetzten Schüler beschwert!?

Es grüßt ganz lieb,
die mittlerweile taube Frau Falke

P.S.: Mal sehen wie lange der Kollege diese neue Form von Unterricht durchhält.
P.P.S.: Nein, ich bin nicht fies. Nur realistisch.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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15 Antworten zu Unter Drogen

  1. pausenkaffee schreibt:

    Man könnte jetzt spotthaft sagen „selbst Schuld“, aber ich lass es einfach mal 😉 Das flacht garantiert wieder ab! Aber das Argument der nicht vorhandenen Erdkunde-Materialien würde hier hier vehement zurückwerfen! Ich kenn seeehr viele sehr gute Sachen, die man zum Beispiel online und interaktiv erledigen kann. Seine Methode mag funktionieren, die Schüler merken sich vielleicht auch das ein oder andere, aber so richtig zeitgemäß… Nu ja 😀

    • Frau Falke schreibt:

      Ach, er ist halt einfach so. Seine Fachschaft beobachtet solche Aussagen auch immer recht argwöhnisch. Ich meine, es ist Blödsinn, die anderen kriegen es natürlich auch hin, und Material gibt es wohl genug.
      Und für Spott ist hier kein Platz, das weißt du doch. Damit kann ich bestimmt nicht umgehen, und dann beginne ich zu weinen usw… 😉

      • pausenkaffee schreibt:

        Hmm… wäre mal eine Aufgabe, dich tatsächlich zum Weinen zu bringen ;P

        Nachher hast du erst mal eine Mail in deinem Postfach. Spätestens heute Abend. Ob die dir die Tränen in die Augen treibt, kann ich natürlich nicht versprechen 😉

        • Frau Falke schreibt:

          Da wird der Pausenkaffee immer als „Trost des Lehrerzimmers“ gehandelt und ist eigentlich der Grund für bange Tränen… Nein danke.
          Auf die Mail bin ich schon gespannt, vielleicht hält sie ja, was sie verspricht. 😉

  2. ullli23 schreibt:

    „… die Schrift muss so klein sein um Platz zu sparen, nein, da kann man nichts kürzen, das ist alles wichtig…“

    Ist doch super gelaufen, Kain war zu faul zum Kürzen, Du hast ihn darauf aufmerksam gemacht, er musste es nicht einmal offen zugeben und jetzt wird er sich bemühen, dass Du ihn nicht noch einmal darauf ansprechen musst. Hoffentlich.

    • Frau Falke schreibt:

      Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, aber so richtig glaube ich das nicht… Wir werden sehen, wie er sich verhält. Wenn er überhaupt etwas macht. 😉

  3. Jürgen schreibt:

    Ein ganz schwieriges Terrain ist das.
    Ist die Schule bereit für kollegiale Hospitation, um mal selbst zu gucken?

    • Frau Falke schreibt:

      Das ist leider ein sehr, sehr schwieriges Thema bei uns. Wie es immer ist, diejenigen, die es bräuchten, möchten lieber nicht in die Konfrontation gehen.

      • Jürgen schreibt:

        Stimmt, leider. In jedem anderen Beruf ist die Arbeit öffentlich oder wird mal öffentlich gemacht. Nur wir Lehrer ziehen die Türe hinter uns zu …

      • Frau Falke schreibt:

        Deshalb habe ich es geliebt, als ich Praktikantin war. Noch war ich auf keinem Level, das „gefährlich werden“ konnte, wie man so schön sagt, demnach haben mir alle ihre Türen geöffnet und am Ende des Monats herausgefunden, dass „kleine Exschülerchen“ mehr mitbekommen, als man als Lehrkraft gemeinhin denkt.

  4. Theni schreibt:

    Die erste Hälfte kam mir seeeeeehr bekannt vor… (nur statt Arbeit eben pausenloses Gelaber seitens der Lehrer) Aber die Wendung gegen Ende… Ich würde dich ja mal gerne „ausleihen“ und gewissen Personen vorsetzen *hust* 😀
    lg, Theni

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