Mobbing in der Siebten?

Die siebte Klasse ist sozial so ziemlich das Schlimmste, was einem passieren kann. Die Schüler sind in einem Alter, in dem sie alles hassen, was sie umgibt, die Eltern, Freunde, Lehrer, Mitschüler, nochmal Lehrer. Vor allem aber hassen die Kiddies in diesem Alter eines, nämlich sich selbst.

In der Siebten geht es dann meistens auch los, das ganze mit dem Mobbing. Hart gehen die Schüler sich gegenseitig an, lästern über das Verhalten, die Kleidung, die Art sich zu artikulieren.
Es fängt an mit einem Lachen und Husten, wenn der Lehrer etwas macht, mit abfälligen Sprüchen über die Hose oder Bluse oder sonstiges, was der Schüler trägt. Dann geht es tiefer, das Kind wird nicht nur gehänselt, sondern ständig ausgelacht, verunglimpft, aus dem Weg geschupst, angerempelt. Man stößt andere gegen den Schüler, worüber man sich anschließend noch lustig macht mit Sprüchen wie „Bäh, du hast den angefasst!“ oder „Ihh, wehe du berührst mich mit den dreckigen Fingern!“.
Dann ist man an dem Punkt angelangt, an dem der Schüler festgehalten wird, auch bedroht. Er wird wegen seines Aussehens diffamiert und wenn er aus der Pause wiederkehrt ist mit Glück nur seine Tasche weg und niemand hat ihm noch zusätzlich Joghurt in die Federtasche geschüttet und die Jacke aus dem Fenster geworfen.

Mobbing ist ein großes Thema- auch bei uns. Zu viel diskutiert, zu überbewertet stellte es sich eine Zeit lang sicher da… Und dann? Plötzlich nichts mehr, wie ein rotes Tuch.
Vor allem in den Siebten geht es jedes Jahr erneut schlimm los, zumindest Ärger, dass wir als Erwachsene froh sind, keine Schüler mehr zu sein.

Sarah, eine meiner Kolleginnen und besten Freundinnen, hat, so wie ich, auch eine siebte Klasse. Doch im Gegensatz zu mir scheint sie in jeder Situation ihr Möglichstes tun zu wollen, sie hängt sich immer mit aller Bereitschaft in den Moment, sie strengt sich so sehr an, dass sie manchmal noch bis spätabends in der Schule sitzt, am Wochenende Elterngespräche führt und in ihrer Freizeit nach Praktikumsplätzen für ihre Schützlinge sucht.

So herzensgut und aufopferungsvoll Sarah sein mag, auch sie hat nicht auf alles Antworten. Als sie merkte, wie das Mobbing in ihrer Klasse schlimmer wurde, versuchte sie zuerst mit den Schülern zu reden. Sie führte Klassen-, Einzel – und Gruppengespräche, doch kein Reden dieser Welt brachte den gewünschten Erfolg.

Sie lud die Klassenchoacher ein, ältere Schüler, die sich auf die Probleme in Klassen spezialisiert haben und nun mit ihnen arbeiteten. Aber auch die Schüler-zu-Schüler-Variante schaffte keinerlei Fortschritte.

Sarah war mit ihrem Latein am Ende, fragte unter den Kollegen nach Ratschlägen und Tipps, probierte dies und das, kam aber über kurz oder lang doch wieder zu dem gleichen Schluss. Was auch immer sie hier unternahm, es brachte nichts, zumindest nicht genug.

„Es ist komisch,“ sagte sie einst zu mir, als wir im Lehrerzimmer saßen und ich über die Englischvokabeltest gebeugt an meinem heißen Kaffee nippte.
„Es ist komisch, aber ich habe das Gefühl, als hätte ich sie ein Stück weit verloren.“

Die Kollegin überlegte einen Aufklärungstag über Mobbing ins Leben zu rufen, die Schüler mit Filmausschnitten, Tatsachenberichten und dem Spielen von Szenen auf das Problem aufmerksam zu machen. Ihnen auf diese Weise zu zeigen, was sie da taten, dass es nicht bloß ein bisschen Ärgern war.
Aber sie bekam keinen Tag dafür freigestellt, die Schulleitung meinte, für solcherlei Tage sei am Ende des Schuljahres noch genug Zeit, wenn eh nichts anderes mehr laufen würde, das müsse nicht jetzt sein, in der Phase, in welcher so viele wichtige Arbeiten geschrieben werden.

Nachdem sich die Schulleitung quergestellt hatte, wusste Sarah nicht mehr, was sie sonst noch tun sollte. Sie bestellte sich gefühlte tausend Bücher über Mobbing im Allgemeinen und in der Schule im Besonderen und sprach das Thema vorerst nicht mehr an.
Bis heute, denn da wurde sie jäh in die Wirklichkeit zurückgeholt.

Es war die zweite Stunde, Sportunterricht in Sarahs Siebten, die außergewöhnlich gereizt ist, haben sie doch eben eine Stunde lang Französisch geschrieben. Sarah beschließt sie heute nicht mit Konditionstraining zu quälen und lässt sich breitschlagen, dass sie Fußball spielen dürfen.

Die Klasse soll sich in zwei Gruppen aufteilen und schon hier kristallisiert sich das alte Problem wieder heraus. Niemand wählte Leonie, die gemobbte Schülerin der Siebten, bis zuletzt blieb sie stehen und wurde der Gruppe zugewiesen, die das Pech gehabt hatte als vorletzte gewählt zu haben. Das Ganze wurde natürlich mit abfälligen Bemerkungen über ihre Figur, ihr sportliches Können und ihren angeblichen Körpergeruch begleitet.

Sarah versuchte es zu unterbinden, die Schüler teilten sich auf die beiden Tore auf und sobald der Ball im Spiel war, ging es los. Die Siebtklässler begannen mit viel Freude dem Ball hinterher zu jagen, ihn sich gegenseitig wegzunehmen und manchmal stolz einen Trick zu zeigen.

Leonie spielte nicht mit den anderen auf dem Feld mit, zu oft hatten die Jungen ihr absichtlich in die Seiten gegrätscht, sodass sie hinfiel, oder sie umgerannt oder hart zur Seite gestoßen. Zu oft hatten die Mädchen ihr Beine gestellt, sie ausgelacht, wenn sie rannte, ihr gemeine Spitznamen gegeben.

Sarah hatte immer etwas gesagt, ein manches mal auch das Spiel abgebrochen, einmal sogar über Wochen hinweg kein Fußball mehr mit den Schülern gespielt, gar keine Ballsportart, wo sie derartiges Verhalten an den Tag legen konnten, alles, ohne, dass es etwas gebracht hätte. Sobald sie wieder Fußball spielen durften, ging das ganze Theater von vorne los, als hätte es die Maßnahmen zuvor nie gegeben.

Jetzt also stand Leonie im Tor, wo ihre Mitschüler sie nicht umrennen oder foulen konnten, und wirkte trotz ihrer erheblichen Körpermasse klein in dem geräumigen Tor. Die Art wie sie da stand, die Schultern nach vorne genommen, die dicklichen Hände erhoben, wirkte sie plump und ungeschickt.

In diesem Moment geschah das, was Sarah schon vorher gesehen hatte, was sie befürchtet hatte und das niemand hören wollte, die ganze Zeit über nicht.

Ein Schüler nutzte den Umstand, dass Leonie im Tor stand, aus. Nachdem einige Mitschüler ein paar Mal mit voller Wucht den Ball ins Tor geprescht hatten, wobei das Mädchen keine Chance gehabt hatte den Ball zu halten, entlud der Schüler seine gesamte Kraft in einem Schuss, den er ohne Bedenken genau auf seine unbeliebte Mitschülerin hielt.
Der Fußball traf die Dreizehnjährige im Gesicht, sie flog regelrecht zurück, schlug auf dem Boden auf und blieb bewegungslos liegen.

Sarah stürzte auf die Schülerin zu, tat, was nötig war, und schaffte es sogar, dass Leonie wieder zu Bewusstsein gelangte. Sie brachte diese vorsichtig in die Lehrerumkleidekabine und rief einen Krankenwagen wegen Verdachtes auf Gehirnerschütterung, befahl dann den Herumstehenden sich umzuziehen und in ihren Klassenraum zurück zu kehren.

Die Schüler taten wie ihnen befohlen, der Krankenwagen kam und Sarah ließ es sich nicht nehmen mit der Verletzten ins Krankenhaus zu fahren.

Eineinhalb Stunden später saß Sarah neben mir im Lehrerzimmer und konnte sich nicht beruhigen. Leonie hatte eine schwere Gehirnerschütterung und eine geprellte Nase, es war nichts Lebensgefährliches, aber dennoch keine Lappalie.
„Ich habe es gesagt, tausendmal habe ich gesagt, dass es so nicht weitergehen kann und niemand wollte mir zuhören. Jeder wusste Bescheid und trotzdem hat keiner etwas unternommen. Selbst jetzt werde ich nur zur Schulleitung gehen dürfen um darzulegen, dass es sich um einen Sportunfall handelt. Dass es extra geschehen ist, das interessiert hier doch niemanden. Das will ja keiner hören.“

Ich verstehe sie so gut, kann ihren Ärger nachempfinden. Was muss denn passieren, dass endlich eine Reaktion stattfindet? Es kann doch nicht sein, dass jedes Mal so getan wird, als wären wir überengagierten Junglehrer bloß hysterisch?

Es grüßt,
Frau Falke

P.S.: Wir werden mal die Schulpsychologin aufsuchen, in anderen Bereichen haben solche Gruppen-Gespräche ja auch schon geholfen.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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29 Antworten zu Mobbing in der Siebten?

  1. mcsn schreibt:

    Mhh…Mobbing ist, wenn es denn stattfindet, natürlich ein echtes Problem, aber einen Ball beim Fußballspielen ins Gesicht zu bekommen, ist ja doch eher normal, oder ?
    Finde ich ziemlich absurd das als Gipfel des Mobbings darzustellen.

    • Frau Falke schreibt:

      Das ist genau der Grund, warum es bei uns so diskutiert bzw. eben nicht diskutiert wird. Sicher ist es leicht gleich einen großen Aufschrei durch das Kollegium fahren zu lassen, und gerade beim Aufkommen der Mobbing-Diskussion gab es übereilte Urteile. Anderseits ist es nicht das erste Mal, dass es in dieser Klasse Schwierigkeiten gibt, und es stellt sich die Frage, ob da wirklich nichts los ist?

  2. pausenkaffee schreibt:

    Krasse Story… Tut mir leid für die Schülerin und für deine Freundin! Schule ist konservativ und wenn dann ein Mobbing-Problem meinetwegen in der Zeitung auftaucht, sind die Schulleiter viel mehr um den Ruf der Schule und natürlich um ihren eigenen bemüht, als um das Wohl der Schüler (so hart es klingt, aber das muss mal gesagt werden). Und das, obwohl die Lösung eigentlich ganz einfach ist. Jede Schule hat Probleme mit Mobbing. Wenn man dann was dagegen tut – seien es Gespräche oder Projekttage – dann ist das nicht etwa ein Rückschritt (wie viele Schulleitungen das seltsamerweise interpretieren), sondern ein Schritt in die richtige Richtung! Probleme müssen erkannt und aktiv daran gearbeitet werden!

    Nur, versuch das mal deinem Chef beizubringen…

    • Frau Falke schreibt:

      Die Schülerin geht mit dem Ganzen recht sachlich um, wenn ich ehrlich bin, und Sarah ist einfach auf das Kollegium sauer. Es ist wie immer, wenn es ernst wird, ist man plötzlich allein…und das passiert ihr was diese Klasse angeht ja nicht das erste Mal. Nur hat sie es dieses Mal mitbekommen, nicht wie die Male zuvor, wo dann „aus Versehen“ etwas kaputt ging, sie „im Eifer des Gefechtes“ etwas „abbekam“ etc.
      Auf den Schulleiter zähle ich da nicht, der würde, selbst wenn er Zeit hätte dafür, das nicht ernst nehmen. Genauso wie ein paar der Kollegen, welche die Klasse unterrichten. Aber vielleicht ist es ja machbar, irgendwie an einen dieser Therapietage zu bekommen, notfalls über die Stufenleitung…

      • pausenkaffee schreibt:

        Ich drück euch da auf jeden Fall die Daumen! Schade, dass so viele da lieber die Augen zumachen, anstatt was zu unternehmen. Werden wir auch mal so?

        • Frau Falke schreibt:

          Manchmal habe ich Angst ich wäre schon so, zumindest, wenn ich die Referendare höre. Anderseits werde ich es mitbekommen, denke ich. Der Tag, an dem ich auch so bin, ist der Tag, an welchem Frau Rondell mich nicht mehr als überengagiertes junges Ding bezeichnen wird…

          • pausenkaffee schreibt:

            Vielleicht bist du ja irgendwann mal ein überengagiertes altes Ding 😉

            • Frau Falke schreibt:

              Ja super, und ich hatte noch gehofft, es würde irgendwann einmal gut werden zwischen ihr und mir…
              Aber jetzt ab zum Mail-Checken und weniger frech sein zu der armen, lieben Frau Falke.

              • pausenkaffee schreibt:

                Mail ist gecheckt, gelesen und die Antwort schon durchdacht, nur noch nicht formuliert. Das kann auch noch bis morgen Abend dauern, denke ich.

                Du und arm und lieb? Hmm… Konntest du bisher gut verstecken 😉

  3. Katrin schreibt:

    Siebte Klasse, 13 Jahre… die sind ja noch nicht mal strafmündig, ne Anzeige wegen Körperverletzung wird wohl nichts in dem Fall… Wäre das sonst schockierend genug für die Mobber? Oder geht das gar nicht, weil sowieso alle der Lehrerin widersprechen würden?

    • Frau Falke schreibt:

      Der Lehrerin widersprechen würden sie wahrscheinlich nicht, sie sind nicht derart organisiert, sondern kennen einfach nur nicht die Grenzen. Ich denke in einem ordentlichen Gespräch würde der Schüler auch schnell einlenken und sich gegebenenfalls sogar entschuldigen. So ist es bei uns meistens.
      Nur wollen wir ja versuchen, solches schon vorher zu verhindern, und Prävention scheint nicht von Interesse zu sein.
      Eine Anzeige wäre sicherlich ein Schock, aber bis zu solchen Mitteln gegriffen wird, haben wir schon dreimal den Direx vor der Tür, Konferenzen, Gespräche, und letztlich ist die Frage, wieweit es jemandem etwas bringt. Ich baue auf die Schulpsychologin, erst einmal.

  4. Susi-q schreibt:

    Man kann echt froh sein, wenn dieses Alter vorbei ist…

  5. Frl. Rot schreibt:

    Oje.
    1. In so einer Klassensituation niemals, wirklich niemals die Schüler selbst die Gruppen wählen lassen. Das geht schief. Immer.
    2. Habt Ihr einen Hochseilgarten in der Nähe? Das wirkt Wunder. Ich habe schon mehrfach Klassen einen Tag dorthin verfrachtet, die als „unheilbar“ galten. Und jedes Mal: Dauerhafter Eintritt eines Klassen-Wir-Gefühls und besserem Sozialverhalten. Setzt allerdings voraus, dass beide Schüler-Parteien daran teilnehmen.

    P.S.: Wir haben auch schon einmal (zerstrittene) Teile des Kollegiums in den Hochseilgarten geschickt. Mit Erfolg.

  6. Frau Falke schreibt:

    Dass sie das Wählen den Schülern nicht hätte überlassen sollen, stimmt natürlich. Im Nachhinein hat sie es auch bereut, überhaupt von ihrem Plan mit dem Konditionstraining abgewichen zu sein.
    Einen Hochseilgarten haben wir tatsächlich in der Nähe, vielleicht ist das auch eine Idee. Wahrscheinlich sollten wir sogar mal das Kollegium hinschicken… Wüsste man, dass man sich auf die Kollegen verlassen kann, wäre einiges bei uns schon wesentlich leichter.

  7. Frau Falke schreibt:

    @pausenkaffee

    Das hört sich ja gut an, dann gibt es auch Morgen etwas zum Freuen. :]
    Aber was heißt denn hier verstecken? Ich bin total lieb, und so, wie du mich ärgerst, auch arm dran. 😛

  8. Franzi schreibt:

    Es lief vor einiger Zeit ein toller Film zu diesem Thema im Fernsehn. Vielleicht kann man den Schülern diesen Film mal zeigen, damit sie sehen, was durch Mobbing passieren kann?
    Ich meine, der Film hieß „Homevideo“.

    • Frau Falke schreibt:

      Den habe ich gesehen, wobei ich nicht weiß, ob die Siebener darauf wie gewünscht reagieren würden. Welchen Film ich auch sehr gut finde, was das Thema angeht, ist „Klass“, ich glaube aus Estland? Da haben zumindest wir Lehrerinnen am Ende ganz schön schlucken müssen.

      • rueckenpatientin schreibt:

        Oh ja, den Film kenne ich auch. Ziemlich heftig.
        Manchmal bin ich wirklich froh, dass ich nicht mehr in der Schule bin und sowas erleben muss (wobei ich von meiner Schulzeit sagen kann, dass wir als Klasse IMMER zusammengehalten haben. Bei uns gab es kein Mobbing.).

        • Frau Falke schreibt:

          Wir haben in der Achten damals einen Ausflug gemacht um das Klassenklima zu stärken. Erst beim Abi haben wir unserem Klassenlehrer gestanden, was der wirkliche Grund für die super Klassengemeinschaft nach der Fahrt war.
          Wir haben heimlich eine Kussparty veranstaltet, und zwar jeden Abend. Hat uns auf jeden Fall zusammengeführt…

  9. Sylvia schreibt:

    Bedrückend.

    Meine älteste Tochter wurde vor einigen Jahren auch schlimm gemobbt. Die sehr engagierte (ältere) Klassenlehrerin wollte durchgreifen. In Einzelgesprächen haben die Hauptmobberinnen ihr gegenüber alle Vorfälle zugegeben. Aber deren Eltern wurden dann aktiv: IHR Kind würde niemals nie ein anderes Kind mobben. Das sei alles nur Einbildung, und Schülerstreiche gab es ja schon immer. Nun waren besagte Eltern die lokale Kleinstadtprominenz, in Vereinsvorständen und in einem Fall sogar im Kirchengemeinderat aktiv. Die Lehrerin wurde zurückgepfiffen, es passierte nichts mehr, und es kam leider zu einem bösen Showdown, in dessen Folge meine Tochter sehr krank wurde.

    Es blieb ihr nichts anderes übrig, als die Schule zu wechseln. Als ich sie an der alten Schule abmeldete, sagte der ältere, joviale Schulleiter kalt zu mir wörtlich: „An unserer Schule gibt es kein Mobbing, Ihre Tochter ist einfach zu sensibel.“

    In unserem Fall war übrigens der extreme Leistungsdruck sicherlich mit eine Ursache für die Vorfälle. Alle Mobberinnen waren Kinder von sehr ehrgeizigen Familien, sie mussten über gute Schulleistungen die Mütter „adeln“. Da passte es einfach nicht, dass meine Tochter schon Jahre vorher eine Klasse übersprungen hatte, ganz ohne Drill durch die Eltern. Damals fing das Mobbing langsam an, wir haben es nur nicht erkannt.

    Ich wünsche allen engagierten jungen Lehrern unendlich viel Kraft, damit der Idealismus lange bleibt – sonst macht dieser Beruf doch nur noch Frust !

  10. Frau Falke schreibt:

    Ja, es ist durchaus bedrückend, und was Sie berichten, ebenso. Das Thema ist keines, das man auf die leichte Schulter nehmen kann, und jeder, der auch nur einmal mit einem solchen Fall konfrontiert wurde, kann bezeugen, dass es noch viel schwieriger und schlimmer ist, als man es sich gemeinhin vorstellt.
    Das Verhalten des Direktors kann ich aus dem, was ich Ihrem Beitrag entnehme, nicht nachvollziehen. Dass die Lehrerin sich eingeschüchtert gefühlt hat, finde ich persönlich erschreckend. Man sollte meinen, dass solche gesellschaftlichen Bewegungen nicht passieren würden, aber leider geschehen sie immer wieder, jeden Tag.
    Eltern, die sich über ihre Kinder ausleben, betreten sicherlich einen falschen Weg, jedoch habe ich die Erfahrung gemacht, dass es nicht leicht ist, ihnen dies klar zu machen. Falls es überhaupt geht, hielt bei mir bislang leider nie lange an.
    Ich hoffe Ihre Tochter hat es an der neuen Schule nicht erneut mit solchen Problemen zu tun bekommen und ihren Weg ohne solche Bürden fortgesetzt. Zu wünschen wäre es.

  11. Sprachingenieur schreibt:

    hmm… Bei mir half, dass ich eine Art Mobbingtagebuch führte, dass
    meine „Wiedersacher“ von den Streitschlichtern (2 Lehrer) in einem
    Gespräch (ohne mich) überreicht bekamen.

    Ich erzähl meine Geschichte am besten von Anfang an, vielleicht hilft
    jemand diese Erfahrung ja.

    Ich kam in der 8. Klasse neu an die Schule. Mit der Zeit kamen auch die
    klassischen Spielchen wie Ausgrenzen im Sportunterricht, „Geh sterben“
    zuflüstern, wenn man sich zufällig über den Weg lief etc. Da es sich
    aber überwiegend auf, in meinen Augen leichte, verbale Aggression
    beschränkte, verharrte ich erstmals im Nichtstun und Nichtreagieren. Ich
    konnte so tun als sei nichts, da sie mich und mein Schulzeug nicht
    anrührten, musste nur so tun, als hörte ich nichts.

    Leichta Agression in der Hinsicht, dass ich in der Unterstufe einen
    Spießrutenlauf mit (am Ende) beidseitiger körperlicher Agressivität,
    Heimwegblockaden, beschmutzem Schulzeug etc. erlebt hatte.

    Naja, in der 10. Klasse, einige Monate vor der Abschlussprüfung,
    eskalierte die Situation ein wenig. Es wagte einer, mit dem ich
    eigentlich nie etwas zu tun hatte, meinen Schulranzen
    anzufassen/verstecken (ich weiß schon gar nicht mehr, was genau es war),
    um mich zu ärgern. Mit dem machte ich kurzen Prozess und drückte ihn
    gegen die nächstbeste Wand und ließ ihn schwören, mein Zeug nie wieder
    anzurühren und mir meinen Ranzen wieder zu geben.

    Danach war ich erstmals völlig verstört, hatte ich mir doch geschworen
    mich nie wieder in eine Schlägerei verwickeln zu lassen, und jetzt hatte
    ich sogar eine angezettelt (auch wenn es „nur“ ein
    gegen-die-Wand-drücken war).

    Immer noch ziemlich durcheinander floh ich regelrecht vom Ort des
    Geschehens und wartete nicht mehr auf den Fachlehrer, dass der den Raum
    aufsperrte. Mein Weg führte mich direkt zum Rektorenbüro. Man muss
    vielleicht anmerken, dass ich den sehr schätzte und meiner Meinung nach
    eine Schule keinen besseren Rektor haben kann. Er schlug mir dann vor
    mich an die Streitschlichter zu wenden.

    Das Streitschlichterprojekt gab es damals noch nicht lange an dieser
    Schule und dieser Fall war einer der ersten (kann auch der erste gewesen
    sein, ich weiß es nicht mehr). Ein Lehrer und eine Lehrerin hatten
    dieses Amt übernommen, und es waren immer beide dabei.

    Es stand die Befürchtung im Raum, dass die Situation durch die
    Schlichtung sich verschlimmern könnte, da eine Schlichtung immer auch
    etwas mit „sich öffnen“ zu tun hat, damit man überhaupt die
    verschiedenen Sichtweisen austauschen kann. Das Risiko erschien mir aber
    kalkulierbar – die Abschlussprüfungen waren ja schon in Sichtweite.
    Meine Hauptmotivation war, den Streitschlichtern eine Möglichkeit zu
    geben ihr Schlichtungsmodell zu testen, bei mir konnte man nicht mehr
    viel kaputt machen. Selbst wenn es schlimmer geworden wäre, ich hätte es
    überlebt, schließlich hatte ich es in den unteren Klassen auch schon mal
    überstanden.

    Die Streitschlichter wollten also, dass ich 2 Wochen lang eine Art
    Mobbingtagebuch führte. Mobbingtagebuch heißt
    * Was geschah? (was aus meiner Sicht Mobbing war)
    * Wo geschah es? (Klassenraum, Heimweg,…)
    * Wer waren die Akteure?
    * Wann geschah es?
    * Wer war noch anwesend und hätte was mitbekommen können?

    Die zwei Wochen waren für mich eher belastend, da ich alles quasi
    dreimal durchlebte. Einmal, als es geschah, dann, als ich es mir auf
    Schmierzetteln notierte und zuletzt, wenn ich die Schmierzettel ins
    Reine schrieb, damit die Streitschlichter mit meinen Notizen auch was
    anfangen konnten. Die Streitschlichter luden auf dieser Grundlage meine
    Gegenspieler ein und befragten sie zu ihrer Einschätzung der im Tagebuch
    geschilderten Situationen. Ich war bei diesem Gespräch nicht anwesend.

    Der nächste Schritt war dann, jede Partei Wünsche an die Gegenpartei notieren durfte. Man konnte dann in Ruhe gegenlesen, auf welche Wünsche man eingehen wollte oder was evtl. inakzeptabel schien und nachverhandelt hätte müssen. Das ausgehandelte Ergebnis wurde dann nach einem gemeinsamen Gespräch am runden Tisch in einem Streitschlichtervertrag festgehalten.

    Besonders im bewusstsein ist mir geblieben, dass sie plötzlich tierische Angst davor hatten, dass ich jede Blödelei innerhalt der Clique von denen plötzlich als gegen mich gewandtes Mobbing auffassen würde. Zudem forderten sie, dass ich in ihrer Gegenwart nichts mehr in mein Büchlein schreiben (ich nutze das Büchlein auch als Adressbuch, Zitatesammlung, Notizblock, Skizzenbuch,…). Die muss das alleinige Dokumentieren von ihrem Verhalten schon ziemlich verunsichtert haben.

    Fazit meinerseits: Ich hatte danach meine Ruhe und somit sehr viel mehr erreicht, als ich je zu hoffen gewagt hatte. Eine gewisse Genugtuung, dass etwas gebündeltes Papier und ein stift eine ganze Gruppe Halbwüchsiger so sehr verunsichern konnte, tat meinem Selbstbewusstsein auch ganz gut.

    Als Lehrer direkt intervenieren, also ohne offizielle Streitschlichterrolle, sehe ich eher kritisch. Insbesondere wenn es noch ein Lehrer ist, der in der Klasse Noten vergeben kann in dem Jahr. Aus solch einer Einmischung wird sehr schnell „XY ist Z Liebling“, was den Konflikt eher verschärft als löst.

    • Frau Falke schreibt:

      Erst einmal möchte ich dir für dieses Kommentar danken. Sich zu öffnen und den Mut zu haben über die eigene Vergangenheit derart zu reflektieren, finde ich immer beeindruckend.
      Es ist schwierig etwas zu all dem zu sagen. Zumindest aber dies: Es ist schön zu hören, dass ein Projekt derart tolle Früchte trägt. Ein positiv ausgehender Mobbingfall ist von meinem Gefühl her sehr selten und eher die Ausnahme, denn oft werden „Lösungen“ eingegangen, die eigentlich keine sind. Ich war auf der letzten Streitschlichtertagung meines Bundelandes, und auch an unserer Schule gibt es dieses Projekt, wenn auch unter dem Namen Konfliktlotsen. Ich bewundere die Arbeit des Kollegen sehr, denn es erfordert viel Können, als Mediator bei solchen Gesprächen aufzutreten. Es wäre schön, wenn auch bei uns die Fälle sich so lösen ließen.

  12. Fontanefan schreibt:

    Zunächst mein Kompliment an Sprachingenieur und seine Streitschlichterlehrer. Schwere Mobbingfälle sind wirklich nicht einfach zu lösen. Sprachingenieurs Bericht gefällt mir nicht zuletzt, weil er zeigt, dass es aber erfolgreiche Lösungen geben kann.

    Mediation hilft vor allem am Beginn solcher Entwicklungen. (http://fontanefan.blogspot.com/search/label/Mediation)

    Sehr problematisch sind tatsächlich Eltern, die weniger Problemeinsicht haben als ihre Kinder.
    Zu diesem Problem ein Hinweis auf Winterhoff: http://www.zum.de/buch/index.php?controller=front&action=view&id=348

    Ich hätte sehr sehr gern den Stein der Weisen. Habe ihn leider nicht.

    • Frau Falke schreibt:

      Sollte der Stein der Weisen den Weg in Ihre Hände finden, würde ich mich freuen einen Splitter abzubekommen. Ich verspreche auch mir keine Kette daraus zu machen.

  13. Varis schreibt:

    Da kann ich ja mit dem, was mir so wiederfahren ist, nur froh sein. Mehr als mit Tonkugeln beworfen zu werden und beschimpft und bespuckt zu werden ist mir zum Glück nicht passiert.
    Allerdings war es damals auch eine schlimme Situation für mich, so dass ich mir regelrecht gewünscht habe dass sie mir mal was körperliches Antun, damit ich dann wenigstens blaue Flecken oder Kratzer als „Beweis“ habe für das was man mir antut.

    Zum eigentlichen Thema:
    Ich empfinde große Bewunderung für deine Kollegin. Dass sie so sehr kämpft um ein positives Klassenklima, dass sie ihre Friezeit dafür opfert und sich wirklich Gedanken macht… Sowas sieht man leider nicht oft.
    Leider gibt es immer noch viel zu viele die einfach wegschauen, unter den Mitschülern aber auch unter den Lehrern…. hier in Österreich ist das genau das selbe. Der Sohn einer bekannten wurde lange Zeit gemobbt und schließlich so heftig gestoßen dass er mit dem Kopf gegen einen Heizkörper aufschlug und bewusstlos wurde. Die Rettung wurde gerufen, er musste wiederbelebt werden… war mehrere Sekunden „klinisch tot“. Im Krankenhaus ist er wieder aufgewacht, war völlig alleine und wusste nicht was los war, weil kein Lehrer sich dazu erbarmt hatte ihn zu begleiten.
    Und die Schulleitung – hat gar nichts gemacht. Das Thema wurde totgeschwiegen, der Klassenvorstand war erstmal wochenlang krankgeschrieben, der Direktor nicht zu erreichen – schließlich gab die Mutter auf und meldete das Kind an einer anderen Schule an.

    Ich finde es fürchterlich, dass Menschen zu so etwas in der Lage sind, anderen so etwas anzutun… es macht mich so traurig von solchen geschichten zu lesen, weil ich selbst weiß, wie sich das anfühlt…
    Mir geht es da wie dir. Ich kann Gewalt nicht verstehen. Mir wird schlecht wenn ich mitbekomme wie jemand lautstark streitet, und wenn ich unterdrückte aggressionen spüre, dieses Zittern, das manche Leute bekommen, so als ob ihnen gleich die Hand ausrutscht – schrecklich. Einfach nur schrecklich.

    Tut mir leid dass ich nicht mehr zu dem Thema beitragen kann! 😦
    Aber nochmal ein ganz großes Lob an deine Kollegin für ihren Umgang mit der Situation!

    • Frau Falke schreibt:

      Hallo Varis,
      zuallererst einmal möchte ich sagen, dass auch jenes, was du schilderst, schlimm genug ist, und keinem Kind oder Jugendlichen zu keiner Zeit zu wünschen. Deine Äußerung, dass du dir gewünscht hast, sie würden dir physisch etwas tun, damit du Beweise habest, trifft mich sehr.
      Dass du meine Kollegin bewundernswert findest, freut mich, ich selbst habe größten Respekt vor ihr. Es ist schade, dass sie den Blog nicht liest, ich glaube gerade bei den jüngsten Ereignissen würde sie ein wenig Zuspruch erfreuen.
      Was dem Sohn deiner Bekannten da passiert ist, klingt schlimm, und es bestätigt meine These, dass erst richtig schlimme Dinge geschehen müssen, bevor eine Reaktion passiert. Dass der Schüler durch keine Lehrkraft, auch nicht die unterrichtende, Begleitung erfuhr, ist schlimm. Jedoch frage ich mich, in wie weit da schon der Direktor o.a. die Finger im Spiel hatten, wenn tatsächlich alle derart mundtot gemacht wurden und das Thema totgeschwiegen.
      Dass die Mutter letztlich aufgab ist ihr nicht zu verdenken, manchmal ist der Kampf im Namen eines Kindes eben jenes, das uns das Kind mit seinen Problemen vergessen lässt. Zudem- welche Mutter will ihr Kind auf einer Schule lassen, von der sie weiß, dass im Zweifelsfall keinerlei Unterstützung und nicht einmal eine Klarstellung erfolgt?
      Da ich mein Problem mit Gewalt schon groß in einem anderen Artikel ausgebreitet habe, belasse ich es hiermit dabei. Ich habe mich über deinen Beitrag gefreut und finde nicht, dass du mehr hättest dazu beitragen können.

  14. Pingback: Reise in die Vergangenheit « Der Höhlenwolf

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