Alles nur geklaut

Ich habe es ja auch getan, in meiner Jugend, meine ich. Und auch wenn das jetzt alle schockiert, nein, Frau Falke war damals auch kein Engel. Ich habe Hausaufgaben abgeschrieben, ich gebe es zu, und das ein oder andere Mal war wohl dabei, wo ich sogar gespickt habe.

Aber, und das möchte ich hier festhalten, so blöd wie meine Schülerin heute habe ich mich nie angestellt. Das war eine Vorstellung, unglaublich! Doch der Reihe nach.

Es ging in der Zwölften um Gedichtinterpretation, die Schüler sollten Joseph von Eichendorffs „Abschied“ als Hausaufgabe interpretieren und hatten dazu die Stunde davor auch schon die Vorbereitungen machen können.

Nachdem sie in Kleingruppen die beste Interpretation bestimmt und diese dann der Klasse vorgestellt hatten, war leider noch viel zu viel Zeit übrig, die Kleingruppen waren mit sechs bis sieben Leuten auch einfach zu groß ausgefallen. Demnach bestimmte ich, dass einige der Anderen auch noch vorlesen sollten, der Übung halber. *hust hust*

Einige lasen ihre Interpretationen vor, da meldete sich Ella, eine der stets bemühten Schülerinnen, die jedoch keinerlei sprachliche Kompetenz hat. Sie ist ein wenig einfach strukturiert, scheint mir, ohne, dass dies jetzt böse gemeint sein soll.
Jedenfalls meldete sich besagte Ella und begann in ihrer gewohnten schleppenden Vorlese-Art den Text vorzutragen.

Die Schüler, welche sich vorher schon Blicke zugeworfen hatten, sahen sich nun mit hochgezogenen Augenbrauen und offenen Mündern an. Auch mir war die Kinnlade heruntergefallen.

Ungewohnt sprachgewaltig und  redegewandt wie noch nie liefert Ella eine gekonnte Darstellung des Sachverhaltes, führt eine sachlich stimmige und sinnvoll Analyse durch, die sogar hervorragend gegliedert ist. Sprachlich und gedanklich ist das Ganze wunderbar entwickelt, selbst die Fachtermini sind perfekt angewendet, sogar die, welche wir in der Form noch gar nicht im Unterricht behandelt haben!

Zwei Schülerinnen in der ersten Reihe, Rebecca und Tabea, beginnen zu tuscheln und zu kichern. Sie verfolgen mit dem Finger Zeilen in einem Text, während Ella noch immer ihre Interpretation vorträgt. Als Ella endet prusten die beiden Freundinnen wieder los.

Ich lasse mich gegen mein Pult sinken, lege meinen Kopf schief und blicke die Schülerin ernst an. „Sag mal, Ella, ganz im Vertrauen: Hast du dir Hilfe aus dem Internet geholt?“

Die Klasse kann sich das Grinsen nicht verkneifen, ich jedoch blende sie vollkommen aus.
Ella zupft an einer ihrer Haarsträhnen herum. „Naja, ich habe mir vorher ein paar angesehen.“

Jetzt lachen die Schülerinnen und Schüler, mit einem Blick bringe ich sie zum Schweigen.
„Hast du sie dir wirklich nur angesehen? Mir scheint es, als hättest du sie ein wenig abgeschrieben.“ harke ich nach ohne die Miene zu verziehen.

Ella fühlt sich nicht einmal ungerecht behandelt meiner Unterstellung wegen, sie nestelt bloß an ihrem Zettel herum. „Die Einleitung habe ich aber selbst geschrieben.“

 

Na super, was frage ich denn da überhaupt nach? Ich meine, hey, die Einleitung ist ja mindestens ein bisschen weniger als ein Drittel der Arbeit, die sie machen musste, da ist es ja prima, dass sie die Einleitung gemacht hat! Suuuuper, echt!
Ich meine, hallo? Halten uns die Schüler denn für völlig blöd? Als würden wir nicht mitkriegen was da läuft…

Ella sagt nichts mehr, ihre Mitschüler amüsieren sich über ihren misslungenen Täuschungsversuch und ich frage mich, warum mir das jedes Jahr aufs Neue passiert. Und ob diese Interpretation zufälliger Weise die erste ist, die Google auf Anfrage ausspuckt, oder warum ich die immer wieder vorgelesen bekomme.

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Ein Kollege erzählte mir gerade, dass es gestern ein Schüler schaffte bei ihm in der Klausur tatsächlich die komplette Übersetzung des Textes von seiner Nachbarin abzuschreiben, inklusive aller Rechtschreibfehler und Verbesserungen. Es geht also immer noch ein wenig schlimmer.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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4 Antworten zu Alles nur geklaut

  1. Jürgen schreibt:

    Ja, Frau Falke, gespickt und abgeschrieben wurde immer schon. Die Methoden und Medien haben sich geändert. Ich habe mir noch Minispicker geschrieben, klitzeklein beschriftet, so dass ich es nicht mehr lesen konnte. Aber durch das Verfassen lernte ich den Stoff. Geklautes vorgelesen habe ich allerdings nie…

    • Frau Falke schreibt:

      Ich hätte es mich, selbst wenn es die Möglichkeiten zugelassen hätten, auch schlichtweg nicht getraut. Und solche „Spicker“ lasse ich sogar manchmal schreiben, einfach, damit die SuS das Wichtigste zusammenfassen. 😉

  2. Inch schreibt:

    Das ist dumm. Echt dumm. Wer spikt, sollte kreativ sein und sich was einfallen lassen. Auf diese Weise seinen Grips zu bemüht zu haben ist ja dann auch schon was wert

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