Kämpfernatur

Ich schreibe es jetzt einfach. Dann lest ihr es, so. Ich habe keine Lust mehr mir darüber Gedanken zu machen, und ich habe den Artikel nun oft genug geschrieben und anschließend wieder gelöscht. Letztlich… Was soll’s? Es ist passiert, ich kann mein Verhalten nicht rückgängig machen. Und ich reagiere nun mal so, auch wenn es sicher tausend Wege gegeben hätte ein angebrachteres, ein besseres Verhalten an den Tag zu legen. Es gibt wenig, das mich überfordert, wenig, mit dem ich nicht umgehen kann. Aber Gewalt ist eben eine dieser Sachen, die ich nicht verstehe, die ich nicht begreife, die ich nicht analysieren und bewerten kann. Wenn jemand laut wird, zucke ich zusammen. Wenn jemand grob wird, werde ich still. Und wenn, das habe ich heute leider gemerkt, einem Menschen meines nahen Umfeldes etwas passiert, kann ich nicht damit umgehen. Es ist eben anders als bei Kollegen, die ich nur von sporadischen Wortwechseln kenne, und noch ganz anders als bei Schülern, bei denen ich immer zu handeln fähig bin. Ich weiß ja auch nicht, was es ist. Vielleicht ist das ganze Gestammel auch Blödsinn. Aber irgendwie…muss ich das loswerden. 

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Jeden Morgen, nachdem ich das Lehrerzimmer betreten und meine Sachen unsanft auf meinen Platz geschmissen habe, suche ich ihren Blick. Nicht, dass Frau Baldoir und mich eine jahrzehntelange enge Freundschaft verbünde, aber wir empfinden füreinander eine große Sympathie und das ist im Schulalltag schon einiges wert.

Sie ist eine tolle Frau und steckt mit ihrer kämpferischen Natur und Lebensfreude an. Ist sie von etwas begeistert, so entflammen dank ihres Engagements alsbald auch die Anderen, denn Emily schafft es zu überzeugen. Zudem fürchtet sie keinerlei Diskussion, denn sie weiß  zu argumentieren und sich auszudrücken, egal wer ihr gegenüber steht.
Ihr freundliches Lächeln hat mich schon über den ein oder anderen Tag gerettet, ohne, dass sie das bemerkt hätte, und so wie mir geht es meiner Kollegen und Schülern.

Heute aber, als ich gerade mit einem schillernden Schwung von Wörtern schon von der Tür aus anfangen will zu beschreiben, welche Wunder die Advocadomaske gewirkt hat, die ich gestern Abend ausprobiert habe, stutze ich. Irgendwas ist anders als sonst, und als ich näher komme merke ich auch was.

Entsetzt lasse ich mich auf dem Stuhl neben ihr nieder. „Was, um Himmels Willen, ist denn mit dir passiert?“
Schützend legt sie die Hand auf die Stelle unter ihrem Auge, die ein überschminktes, dennoch riesiges, grünbläuliches Hämatom ziert, und wendet den Kopf ab.

„Mein Date ist wohl ein wenig anders verlaufen als erwartet.“ sagt sie mit ungeahnt bösem Unterton, als erkläre dies alles.

Wie kann es auf der Welt jemanden geben, der fähig ist Frau Baldoir so etwas anzutun? Wie kann ein Mensch freiwillig ein solch zartes Wesen verletzen? Allein wie sie mich gerade ansieht, die beeindruckenden Augen so schmerzerfüllt, der wilden Mähne Strähnen aus der Spange gelöst, den Mund leicht geöffnet und eine Mimik wie Bambi beim Tod seiner Mutter.
Wie kann jemand, auch nur irgendjemand, dieser Frau Leid zufügen?

Frau Baldoir blinzelt nicht einmal, sprachlos beobachte ich sie. „Er hat mich geschlagen, mich festgehalten und geschlagen. Und das nur, weil ich gehen wollte, weil er mir zu drängend wurde.“

Sie greift nach ihrer Tasse, der Ärmel rutscht ein wenig nach oben, sodass nur ich es sehen kann. Eine handbreit über ihrem Handgelenk zeichnen sich deutlich die Abdrücke von Fingern ab, man sieht genau, wo sein Griff sich um ihren Arm geschlungen hat. Ich wusste nicht, dass man so stark zugreifen kann. Oder dass sich Haut so schnell verfärbt. Aber sie ist auch ein heller Typ.

Emily sieht meinen Blick, schnell zieht sie ihren Ärmel weit über ihre Hand.
„Ich hätte Zuhause bleiben sollen, wie kam ich auf die schwachsinnige Idee es würde keiner merken?“ Jetzt verbirgt sie das Gesicht in ihren Händen, es tut mir weh sie so zu sehen. Sie wirkt abgekämpft, erschöpft, aber auch wütend.

Sicherlich hatte sie erst gar nicht mit dem Gedanken gespielt nicht zur Schule zu kommen, denn sie wüsste- das hatte sie neulich spaßend erwähnt- beim besten Willen nicht, wer ihre vertretenen vertretenen Vertretungsstunden vertreten sollte im Falle ihres Krankseins.

Die Kollegin betrachtet das Taschentuch, das ihr der Unterstufenleiter im Vorübergehen hingelegt hat. Er trägt immer mehrere Packungen Taschentücher mit sich rum um diese Jahreszeit, wegen der Kleinen, sagt er, die haben das mit dem Naseputzen noch nicht so drauf.

Frau Baldoir braucht es nicht, sie hält sich erstaunlich gut.
Doch allein die Tatsache, dass ihr das typische Lächeln fehlt, lässt sie traurig erscheinen. Vielleicht finde das aber auch nur ich, weil ich mit solchen Situationen nicht gut umgehen kann.

„Was mache ich, wenn die Schüler es auch merken?“
Ich zucke mit den Schultern. „Erzähle ihnen nicht du wärest gegen eine Tür gelaufen oder hingefallen, das kaufen sie dir in hundert Jahren nicht ab. Und es gibt Gerede.“
„Das gibt es doch sowieso.“ Sie lässt ihren Blick auf den Boden schweifen und ich finde keine Worte. Lange, zu lange.

Als ihre Augen erneut die meinen treffen, ist ihre Stimme bestimmter denn je. „Nein, ich werde ihnen überhaupt keine Lügengeschichte auftischen. Ich habe nichts getan, dessen ich mich schämen müsste, es gibt keinen Grund es zu leugnen.“

Entschlossen packt sie das Taschentuch weg.
„Wenn die Schüler fragen, werde ich es ihnen erzählen. Wer weiß, vielleicht spreche ich auch mit Herrn Vladeck und organisiere einen Selbstverteidigungskurs für unsere Schüler. Mit der offenen Ganztagsschule zusammen, was meinst du? Mir hätte das vielleicht geholfen.“

Und es klingelt und Emily steht auf, macht sich auf in ihre Klasse, der sie fast so fröhlich wie sonst auch entgegentreten wird, und lässt mich zurück mit meinen ganzen verwirrten Gefühlen. Ich brauche ein paar Minuten, bis ich das eben verdaut habe, bis ich aufstehen und in meine zu unterrichtende Elfte gehen kann.

Dort stehe ich dann am Pult, schaue auf die für diese Stunde vorbereitete Grammatikwiederholung, und streiche sie vorerst.
„Good morning folks. Today I want to talk with you about a very hard topic: violence.“

Es grüßt ganz lieb,

Frau Falke

P.S.: Vielleicht wäre ich an ihrer Stelle heimgefahren. Ich weiß nicht, ob mir das nicht zu privat gewesen wäre, um so offen damit umzugehen, gerade Schülern gegenüber.


Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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23 Antworten zu Kämpfernatur

  1. Theni schreibt:

    … ganz schön heftig… ich kann dein Verhalten sehr, sehr gut nachvollziehen/nachfühlen… (falls es dieses Wort gibt.)
    aber Frau Baldoir ist auch ganz schön tapfer…

    • Frau Falke schreibt:

      Das ist es aber gerade. Ich habe das Gefühl, als wäre ich theatralisch… Emily war total abgeklärt und ruhig.

      • Theni schreibt:

        vielleicht ist das so eine Art Schock-Starre…
        oder sie wirkt nur nach außen so ruhig/hat es schon so gut verarbeitet (ich kenn das vorn RICHTIG ruhigen Personen…)
        Dass du daneben vielleicht ein wenig theatralisch wirkst? ich finde nicht wirklich… ich finde deine Schilderung normal (nicht unter-/übertrieben), Emily „untertreibt“ da ja shcon fast… (falls du verstehst, was ich meine…)
        lg, Theni

  2. pausenkaffee schreibt:

    Das Problem ist gar keins. Du bist du, sie ist sie. Jeder geht unterschiedlich mit Problemen um und dabei ist es meistens das für die jeweilige Person richtige Verhalten. Was Emily tut finde ich großartig. Eine solch gefestigte Persönlichkeit, solche Ehrlichkeit und ein solches Selbstbewusstsein ist bewundernswert. Dabei ist es vollkommen egal, ob es im ersten Moment vielleicht auch ein wenig vorgetäuscht ist. Die Entschlossenheit und diese Möglichkeit Problemen aktiv zu begegnen und sie dann auch noch professionell im Unterricht einzubinden muss ihr erst jemand nachmachen. Das Leben ist auch schon so hart genug und ich weiß nicht, ob ich an ihrer Stelle auch so handeln könnte. Aber den Kopf in den Sand stecken löst leider keine Probleme, es verarbeitet keine Erlebnisse und führt oft dazu, dass man irgendwann nicht mehr weiter kommt und selbstzweifelnd aufgeben muss. Wenn das ihre Art ist, ihre Probleme und Erfahrungen zu verarbeiten – Hut ab!

    Grüß sie von mir, wenn du sie siehst und drücke ihr meine ernst gemeinte Bewunderung dafür aus.

    • Frau Falke schreibt:

      Sie ist toll, das war sie schon immer. Ihre ganze Art ist so einnehmend, wie bei niemand anderem, den ich kenne. Ich kann auch nicht sagen, warum mich das so mitgenommen hat, vielleicht, weil ich Angst habe, dass es das noch nicht war. Es passte eben trotz allem nicht zu ihr, und ich glaube, dass sie es nicht verarbeitet hat.
      Nun frage ich mich, ob ich ihr irgendwie eine Brücke hätte bauen sollen, oder ob es genau das war, was sie heute brauchte.

      • pausenkaffee schreibt:

        Ich glaube, dass sie dich genau so gebraucht hat, wie du bist. Und genau das hast du ihr gegeben! 🙂

          • pausenkaffee schreibt:

            So, wie ich sie mir jetzt vorstelle, ist sie eine Frau, die weiß, was gut für sie ist. Und damit auch eine Frau, die um Hilfe bitten kann, wenn sie welche braucht. Von daher hast du richtig gehandelt und brauchst dir auch keine Vorwürfe zu machen. Gedanken machst du dir sowieso (so gut kenn ich dich inzwischen) und das ist normal. Wenn sie Hilfe braucht, dann zeigt sie es dir. Und jetzt zerbrich dir heute Nacht nicht mehr den Kopf, beantworte noch eine Mail und leg dich Schlafen, Krümel!

  3. Frl. Rot schreibt:

    Diese „Abgeklärtheit“ ist auch eine Form des Selbstschutzes. Innerlich sieht das anders aus.

    • Frau Falke schreibt:

      Nur wie lange ist Selbstschutz hilfreich, und wann fängt er an mehr kaputt zu machen als zu helfen?
      Sollte ich mit ihr reden, oder ist es falsch, sie zu drängen? Abwarten? Ansprechen? Still beobachten, was passiert?

  4. Mechthilda schreibt:

    Ach Du je …

    Zunächst mal können sie nichts weiter tun.
    Was mir als Möglichkeit einfallen würde wäre, klarzumachen, dass sie da sind falls benötigt und gewünscht. Und wenn es zu schwer fällt einfach hinzugehen und zu sagen ich bin da, wenn ich helfen kann, dann würde ich einfach eine Karte schreiben und in ihr Fach legen. Mehr würde ich da auch wirklich nicht reinschreiben. Einfach nur: Ich bin da, wenn Du mich brauchst – Frau Falke

    Das sie offen damit umgeht find ich prima. Die Schüler nehmen vielleicht die Botschaft mit, dass jeder zum Opfer von Gewalt werden kann und dass das Opfer keinen Grund hat sich wegen deshalb zu verstecken oder zu schämen. Hut ab vor diesem Mut

    LG
    Mechthilda

    • Mechthilda schreibt:

      Sorry für die Flüchtigkeitsfehler 😦
      Meine Deutschlehrerin würde mich grad mal heftig ditschen.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich denke sie weiß, dass ich für sie da bin, ich werde morgen dennoch mal sehen, wie es ihr geht, und dann darauf reagieren.
      Dass sie mutig ist, stimmt, und das ist es letztlich, warum ich das alles geschrieben habe. Weil ich es bewundernswert finde, wie sie das macht. Und weil ich gemerkt habe, wie schwer ich es fand, über dieses Thema zu reden, obwohl ich nicht direkt betroffen war.

  5. J schreibt:

    Sie machen das schon richtig, Frau Falke.

  6. Inch schreibt:

    Wow, die Frau Baldoir ist eine ganz tapfere Frau! Und mutige Lehrerin. Ich würde mich nach so einem Erlebnis nicht mal ins Büro wagen, aber sie, vor eine ganze Klasse. Natürlich hat sie Recht, den Schülern die Wahrheit zu sagen. Und die Schüler werden sie dafür lieben. Die ganze Schule wird ihr dafür Respekt zollen. Aber ob ich den Mut dazu aufbrächte? Sicher nicht.
    Respekt.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich hätte es mir auch dreimal überlegt, ob ich zur Schule gehe. Aber sie was das angeht sehr praktisch veranlagt. Letztlich ist es auch gut gelaufen, nach dem, was sie heute erzählt hat. Das hat sie in ihrer Entscheidung bestätigt.

  7. Jürgen schreibt:

    Geht es Ihnen mittlerweile besser, Frau Falke? Ich hoffe doch.

  8. Nel schreibt:

    Ich habe den höchsten Respekt vor Frau B. und finde, dass sie mit ihrer Einstellung, sich als Opfer nicht verstecken zu müssen, sondern offen damit umzugehen, absolut richtig handelt! Es braucht Mumm, aber den hat sie wohl!
    Ich glaube aber auch, dass es wichtig ist, dass sie weiß, das Sie für sie da sind.

    • Frau Falke schreibt:

      Damit liegen Sie absolut richtig, Emilys Einstellung war genau die richtige. Sie hat es auch durchgezogen, und letztlich ist sie gut damit zurecht gekommen. Dennoch denke ich, dass dies nicht für jede von uns der richtige Weg gewesen wäre, so beachtenswert er ist.

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