Die Lippen blau, die Finger taub

Als Lehrer hat man es ja leicht im Leben. Morgens schlüpft man aus der Haustüre des warmen Heimes, läuft zum Wagen, in dem man zu aller erst die Klimaanlage anstellt, und kommt warm und trocken auf dem Lehrerparkplatz an. Die drei Meter vom Parkplatz zur Schule schafft man dann locker und schon ist man drin im warmen Gebäude.

Nach draußen in die Kälte muss man höchstens mal als Pausenaufsicht, sonst kann man sich es eigentlich schenken eine Jacke mitzunehmen, geschweige denn Mütze, Schal oder Handschuhe.

Dass ich heute also überhaupt eine Jacke dabei hatte, kann ich wohl mehr dem Glück als meinem Verstand zuschreiben, ich würde noch unglaublich dankbar dafür sein.

Nichts Böses ahnend komme ich demnach heute Morgen an, stelle meinen Wagen ab, grüße den Kollegen Helfrich und gemeinsam machen wir uns auf den Weg in unser schönes Gymnasium. Schon beim Betreten dessen merke ich, dass etwas nicht stimmt, kann aber noch nicht genau benennen, was es ist.

Die Kollegin Lendor, Felizitas, klärt mich auf. „Verdammt kalt hier, was? Ich habe schon mit dem Hausmeister geredet, aber ist nichts zu machen, sagt er. Die blöde Heizung ist ausgefallen und selbst wenn sie die jetzt repariert bekommen, dauert es ewig bis die Schule aufgeheizt ist.“

Mein Blick fällt auf ihre Kleidung, sie trägt über ihrem petrolfarbenen Top eine leichte graue Jacke, der Schal, den sie sich um den Hals geschlungen hat, ist der einer anderen Kollegin. Ihre Arme sind über ihrem Körper verschränkt, sie scheint wirklich zu frieren.

Felizitas wirft einen Blick auf die Uhr hinter uns, die schon seit gefühlten Jahrzehnten dort hängt. „So, ich muss los, ich fahre nach Hause und hole ein paar Jacken, sonst erfrieren wir hier ja noch.“

Damit nickt sie uns zu und geht, wir suchen den Weg ins Lehrerzimmer.

Im Lehrerzimmer ist eine Stimmung, als würde mindestens eine Hungersnot und ein Krieg anrücken. Dicht sitzen die Kollegen beieinander und mir drängt sich der Verdacht auf, dass die Schlange vor dem Kopierer heute nur deshalb so lang ist, weil das Ding eine ganz schöne Hitze absondert.

Aber es nützt ja alles nichts, denke ich mir, behalte meine Jacke gleich an und möchte mir erst einmal einen Kaffee machen, doch leider ist das gesamte Pulver leer. Die wärmende Eigenschaft des Getränkes hat sich scheinbar schneller rumgesprochen als gedacht.

Dementsprechend missmutig nehme ich meine Tasche, lasse die Lehrerschaft hinter mir zurück und steige die Treppen zum zweiten Obergeschoss herauf. Oben treffe ich eine Kollegin, die sich ihre Hände wärmend aneinander reibt.

Als ich an der Tür zur Klasse stehen bleibe, sehe ich die weißen Wölkchen meines Atems aufsteigen und kann nicht fassen, warum die dämliche Heizung gerade an einem der kältesten Tage der Woche ausfällt. Oder warum wir nicht frei bekommen haben. „Kältefrei“, das muss es doch auch geben.

Die Schüler sind mit der Situation noch überforderter als wir es sind, sie sitzen auf den Tischen, manche auch auf dem Schoß der besten Freundin, haben dicke Schals an und typische Wollmützen auf und ihre Hände stecken in riesigen Handschuhen.

„Guten Morgen, Leute.“
„Nicht gut, sondern scheißkalt.“

Okay, ich muss wohl anders an die Sache rangehen. Nochmal zurück auf Anfang, wie man so nett sagt. Bordmarker herausgeholt, Tafelanschrift hingelegt, los geht’s. Nur die Schüler zeigen auch nach mühseligem Anschreiben keinerlei Bewegungsdrang.

„Schreibt ihr das bitte wenigstens ab?“
„Geht nicht.“

„Wie, das geht nicht? Natürlich geht das, einfach Stift in die Hand nehmen und abschreiben.“
„Dann müssten wir die Handschuhe ausziehen.“

„Da frieren uns doch die Finger ab.“

Also nehme ich mir vor meinen Zettel für die Klasse zu kopieren (harr…wenigstens habe ich damit einen Vorwand mich von dem Kopierer wärmen zu lassen…) und versuche erneut an einem anderen Punkt anzuknüpfen.

„Am besten holt ihr einfach mal eure Hausaufgaben raus.“
Nicht geschieht.

„Leute, was ist denn jetzt schon wieder?“
„Mein Heft lässt sich nicht öffnen, die Seiten sind aneinander gefroren.“

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Wenn das morgen nicht besser wird, ziehe ich meine Schneehose an, das sieht zwar nicht toll aus, ist aber eine echte Alternative bevor ich erfriere.

P.S.S.: Nachdem ich gefragt wurde, möchte ich euch beruhigen. Wir durften natürlich früher gehen, die Schulleitung kann ja nicht verantworten, dass wir den Kältetod sterben. 😉

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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10 Antworten zu Die Lippen blau, die Finger taub

  1. klatschmohnrot schreibt:

    … wenn schon die Heftseiten aneinander frieren, dann muss es echt heftig gewesen sein. 🙂
    Ich wünsch dir wärmere Tage und grüße herzlich
    Regina

    • Frau Falke schreibt:

      Vielen Dank liebe Regina, wärmere Tage kann ich wirklich gebrauchen.
      (Wobei man wohl erwähnen muss, dass die Wahrnehmung der Schüler nicht nur geringfügig von der der Lehrer abwich…)

  2. Theni schreibt:

    Tja, im Süden taut´s schon wieder… 😀 und die Heizung funktioniert bestens… die Kälte haben wir wohl einfach per Post in den Norden geschickt… *hust*
    Aber bei so einer Kälte MUSS es doch Kältefrei geben… Das ist ja nich mehr ganz normal…
    (und viel Glück/Wärme für morgen! 😀 )
    lg, Theni

    • Frau Falke schreibt:

      Angeblich ist sie heute um 16:00 Uhr wieder in Betrieb genommen worden. Dann ist es morgen wieder warm. 🙂
      Was die Kälte betrifft habe ich übrigens die Annahme des Päckchens verweigert…

  3. sunshinemuffin schreibt:

    Das mit den Heftseiten ist natürlich wirklich tragisch. Keine Hausaufgabenkontrolle möglich, furchtbar. Was soll man da als Schüler nur tun, außer verzweifeln?
    Bei uns ist’s allerdings auch schon wieder wärmer, zumindest sind wir nicht mehr in den Minusgraden…
    Und zum Bild: Wenn meine Schule SO aussehen würde (ob mit oder ohne Eis), würde ich lieber zur Schule gehen. Das ist viel hübscher als unser hässlicher Klotz 😀

    • Frau Falke schreibt:

      Tragisch ist genau das richtige Wort. Und oh, wie sie litten, die armen Schüler, die ihre so toll gemachten Hausaufgaben nicht vorlesen konnten!
      Die Schule ist nicht ganz so schön wie der vereiste Raum, jedoch auch sehr hübsch anzusehen. Ich mag das rote Gemäuer, aber auch die Klassenzimmer mit ihren farbig gestrichenen Wänden. 🙂

  4. Inch schreibt:

    Tja, wenns noch Öfen gäbe in den Schulen würde ich ja dazu anregen, die Schüler dazu aufzurufen, jeden Tag ein Stück Kohle mitzubringen 😀
    Allerdings gäbe es dann auch kein kältefrei

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