Rote Rosen

Eigentlich hatte ich beschlossen heute nicht über den Valentinstag zu berichten. Solange nichts Außergewöhnliches vorfällt, schreibe ich einfach über etwas anderes, dachte ich. Nun, der Plan war auch gut. Ungefähr bis zur dritten Stunde…

Der heute Morgen stand in unserer Schule unter dem Banner des Tages der Verliebten, überall standen die Schüler beisammen und schienen vor allem nur noch dieses eine Thema zu kennen. Meine Freude ins Lehrerzimmer flüchten zu können hielt nicht lange an, denn Frau Miller berichtete gerade voller Begeisterung von dem Fotoalbum, welches ihr Freund ihr gemacht hatte, und jeder, aber auch wirklich jeder, der den Fehler beging über die Türschwelle zu treten, kam nicht umhin sich wenigstens ein paar der Seiten anzusehen.

Frau Crande, die mich schon gesehen hat, reicht mir dafür einen Kaffee, als ich mich am Tisch niederlasse. Ich lächle sie dankbar an, und sie wirft mir einen Blick zu, den ich nur allzu gut zu deuten weiß. Sie hat also genauso Lust wie ich. Aber zum Glück klingelt es alsbald und die ersten beiden Stunden sind okay, ein bisschen Rosenansehen bei den kleinen Siebenern, was mich wieder versöhnt, weil ihre Begeisterung für die Blumen einfach zu süß ist. Wie Schätze haben sie jede eine Blume vor sich liegen, die Augen immer wieder auf sie richtend, und den Stiel unten abgeschnitten („Das macht man so, damit sie länger frisch bleiben.) und mit nassen Taschentüchern umwickelt.

Ein bisschen beschäftigen wir uns mit den Rosen, ein bisschen mit dem Unterricht, und in der darauffolgenden Klasse ist mir das Schicksal gnädig, denn die Schüler, welche die Valentinstagpräsente verteilen, waren noch nicht da.  Meine Pause verbringe ich mit Herrn Wallert vor allem draußen auf der Terrasse, und in der nächsten Stunde ereilt mich das unausweichliche, ich bin in einer Klasse, und es klopft an der Tür.

„Die Rosen.“ „Das sind sie.“ „Oha.“ Es scheint auch für die Neuner eine ganz besondere Sache zu sein. Ich erwäge einen kurzen Moment, zu behaupten, der Klassenraum sei leer, kann es dann aber doch nicht übers Herz bringen und bitte herein. Frau Falke, sehen Sie, wie schön die Rosen sind! Wie spannend, wer wie viele Rosen bekommt!

Das ist der Augenblick, an dem ich irritiert aufblicke, denn es bestätigt, was ich auch zuvor schon beobachtete habe. Es scheint weniger darum zu gehen, von wem man eine Rose erhält, sondern wie viele man bekommt. Wobei es fraglich scheint, ob man die Beliebtheit wirklich anhand dessen ablesen kann, viele der Mädchen haben sich in ihren Cliquen gegenseitig welche geschickt.

„So, das war es erst einmal. Alle aus dieser Klasse haben ihre Rosen.“ Das blonde Mädchen strahlt, sie scheint Spaß zu haben an ihrer Rolle.
„Dann bedanken wir uns herzlich und,“ beginne ich in der Hoffnung noch Unterricht machen zu können, werde aber sogleich unterbrochen.
„Kommen wir also zu den Lehrern.“ Sie lächelt mich an, und die beiden Jungen, in deren Begleitung sie hier ist, grinsen ebenfalls. Ich ahne Schlimmes.
„Also, liebe Frau Falke, hier sind Ihre Rosen.“
Während ich mich noch über den Plural wundere, drückt sie mir einen Strauß Rosen in die Hand, der eindeutig zu groß ist. Überrascht sehe ich sie an und bedanke mich, kann mir diese Bescherung aber nicht erklären.

Erst im Lehrerzimmer in der großen Pause lese ich mir die Zettelchen durch, welche an manchen der Rosen hängen, und kann wohl nicht verbergen, dass ich mich freue, denn die Mädels an meinem Tisch lassen mich nicht aus den Augen.
„Schön sind sie schon, nicht wahr?“ Sarah streicht mit den Fingerspitzen über ein Blütenblatt. Sie selbst hat ebenfalls eine Rose vor sich liegen, ich weiß nicht, seit wann unter den Lehrern so viel herumgeschenkt wird, aber auch auf einem meiner Zettel steht Feli. Ich bedanke mich bei Felizitas und auch bei Herrn Polwin-Kaulwitz, der sich auf diesem Wege für die Unterstützung letzte Woche erkenntlich zeigen wollte.
Fünf Rosen sind von meiner Klasse, was ich sehr lieb finde, und achtundzwanzig von einer meiner zwölften Klasse, die sich wohl geschlossen dazu entschieden haben.

„Das sind sie wirklich.“ sage ich, und höre das Schnauben vom Nachbartisch. Nicht, dass man sich bemüht hätte dies zu verbergen, ganz gegenteilig sogar.
Frau Rondell wirft mir einen unfreundlichen Blick zu, spricht aber zu Frau Seeger gewandt, wenn auch in einer Lautstärke, in der zwangsläufig alle mitbekommen müssen. „Das auch irgendwie traurig, wenn man sein Selbstvertrauen von den Avancen von Präpubertären und Teenagern abhängig machen muss.“
Ich strich mir durchs Haar und lächelte zu ihr herüber, sie hatte auf diesen Blick gewartet, denn sie sah eine Zehntelsekunde zu lang in meine Richtung, bevor sie den Kopf abwandte.
„Wer es nötig hat…“
„Eigentlich sind die meisten Rosen von einer Zwölften, wissen Sie? Und die sind aus der Präpubertät wohl doch schon draußen.“
Erneutes Schnauben. „Wonach denen der Sinn steht, ist ja wohl mehr als deutlich.“

Mir hat es einen Moment die Sprache verschlagen, und Sarah, die keinen Streit mag, versucht das Drohende mit einem Ablenkungsmanöver abzuwenden. „Von wem ist denn die hier? NC, was mag das bloß heißen?“
Emily tauscht einen amüsierten Blick mit Felizitas, aber ich lasse mich gern darauf ein. „Das habe ich auch schon überlegt. Aber ich habe keinen blassen Schimmer.“
Sarah betrachtet die Schrift. „Mir ist, als hätte ich das schon mal gesehen.“
„Sag bloß, du kannst von zwei Buchstaben aus schließen,  wer das geschrieben hat.“ zweifelt Frau Miller an, die mit dampfender Teetasse bei uns steht.
Emily grinst. „Sie war wohl Profilerin, bevor sie Lehrerin wurde.“

Wir überlegen noch ein bisschen hin und her, aber so richtig kommen wir zu keiner Lösung. Bis, ja bis ein Kollege an meinem Stuhl stehen bleibt und die Hand unter den Zettel legt. „NC? Was bewegt wohl jemanden mit Numerus Clausus deinen Rosengruß zu unterschreiben?“
Nach einem warmen Lächeln geht der Kollege, wir blicken ihm nach, nicht nur aus Gründen der Dramaturgie, sondern auch, weil er so unglaublich gut aussieht… und da macht es dann Klick. Nicolas Clemens, NC. Was für eine schöne Rose.

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke
P.S.: Eine Profilerin im Kollegium sitzen zu haben wäre schon ziemlich cool, oder?

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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16 Antworten zu Rote Rosen

  1. Susi-q schreibt:

    So Frau Falke, nachdem ich Ihren Blog jetzt von Anfang an durchgelesen habe, obwohl ich eigentlich für meine nächste Klausur lernen müsste, bin ich schon sehr gespannt auf die nächsten Beiträge! Ich mag Ihr Blog! =)

    Aber wer ist Nicolas Clemens??

    • Frau Falke schreibt:

      Es freut mich, dass dir mein Blog gefällt, auch wenn ich natürlich einmal pädagogisch wertvoll den Zeigefinger erheben muss, schließlich hast du zu lernen. 😉
      Die nächsten Beiträge kommen, versprochen. Jeden Tag ein neuer, würde ich sagen. Und danke für das Kompliment.

      Nicolas Clemens ist ein Kollege von mir, genau der Kollege, der meinte, jemand habe mit „Numerus Clausus“ unterschrieben. Er…er ist einfach toll. ❤ Nur blamiere ich mich in neunzig Prozent der Fälle vor ihm. 😀

  2. Inch schreibt:

    Ach, das ist süß. Mir geht der Valentinstag zwar völlig am A vorbei, aber das ist süß!

  3. Frau Falke schreibt:

    Ich wollte ihn ja auch ignorieren…aber irgendwie haben das die anderen ja nicht zugelassen. 😉

  4. sunshinemuffin schreibt:

    Oh, das ist wirklich wirklich süß! Was habe ich gestern gesagt? Der heutige Tag wird toll! 😀
    Bei uns an der Schule wurde das Rosenverschicken leider abgeschafft (schon vor Jahren), ebenso wie das Verschicken von Nikoläusen am 6.12. und das Verschicken von Ostereiern zu Ostern. Ich finde es schade, aber es hatte seinen Grund darin, dass einige wohl sehr traurig waren, wenn sie nichts bekamen und andere halt viel bekommen haben. Zumindest meine ich mich so zu erinnern. Beim letzten Mal, als das Nikolausverschicken stattfand, war ich in der siebten Klasse (ja, ich war auch in der Mittelstufe auf derselben Schule wie jetzt und habe sie nicht gewechselt). Damals habe ich ganze sieben Nikoläuse bekommen, die meisten aus meiner Klasse. Das war total lieb. Vor allem die Karten, die dabei waren, waren süß, denn die Absender hatten sich richtig viel Mühe gegeben. Ich habe sie auch alle aufbewahrt – die Nikoläuse natürlich nicht, die habe ich dann geteilt 🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Bei uns gab es das Problem auch, eine Schülerin aus der Sechsten hat keine Rose bekommen und sah mich dann mit dem Strauß den Gang entlang gehen. Ich habe ihr eine gegeben und versprochen, nicht zu verraten, dass sie von mir ist. Ich wüsste gern, ob sie sich einen heimlichen Verehrer ausgedacht hat…?
      Nikoläuse gibt es bei uns auch, Ostereier aber nicht. Dass du die Zettel aufbewahrt hast, ist toll, ich denke es gibt Dinge, an die man sich einfach gern immer wieder erinnert.

  5. pausenkaffee schreibt:

    Weißt du, was mir beim Lesen aufgefallen ist? Du streichst dir gern durchs Haar, wenn du nervös bist 😉 Interessanter ist eigentlich nur, dass du es sogar bewusst wahrnimmst und darüber schreibst!

    Ansonsten: sehr schöne Geschichte!!

    • Frau Falke schreibt:

      Ich…echt? Na prima. Keine drei Wochen am Bloggen und schon offenbare ich meine Angewohnheiten. Mir war es übrigens nicht bewusst, ich meine, nicht so. Theoretisch lasse ich die Situation ja vor meinem geistigen Auge noch mal ablaufen und das war es. Oh Gott, ich… Nee. Lieber Kommentar beenden, ich rede mich hier um Kopf und Kragen!

      • pausenkaffee schreibt:

        Tja… Der Blick fürs Detail, würd ich sagen 😉 Ätsch. Dafür kannst du ja gern bei mir suchen, ob du was ähnliches findest!

        • Frau Falke schreibt:

          Das mache ich auch, und wenn ich etwas finden sollte, werde ich es nach alter Schülermanier nicht verraten, sondern eine Liste anfertigen. Ich zähle es, mache Striche, und pfeffere es dir am Ende des Schuljahres um die Ohren. 😉

          • pausenkaffee schreibt:

            Wenn ich am Ende des Schuljahres so ne Liste bekomm, freu ich mich. Ich stichel ja schon meine Schüler an, dass sie endlich anfangen, den ganzen Quatsch mal zu dokumentieren, den ich so tagtäglich von mir gebe 😀

            Aber ok. Wenn du das machen willst, dann mach mal und begib dich zurück in die Rolle der Schüler. Ich bring dir dann bei Gelegenheit was bei 😉

  6. Frau Falke schreibt:

    Mein lieber Pausenkaffee, du solltest -gerade in Anbetracht deiner Konkurrenz- lieb zu mir sein. 🙂
    Aber wer weiß, vielleicht kannst du mir ja wirklich etwas beibringen. Die Finger aus meinen Haaren zu lassen zum Beispiel.

  7. Theni schreibt:

    Die Neuner interessieren sich für Rosen?! okay… o.O
    An meiner Schule hört das ab Kl. 7/6 auf… (Gott sei dank…)
    Aber das Verhalten einiger Kollegen ist ja sehr, äh, kollegial…
    (Rosen an die Lehrer… wie süß! 🙂 bei uns schicken sich nur die Sekretärinnen der Nachbar-Gymmis was… 🙂 )
    lg, Theni

    • Frau Falke schreibt:

      Die Neuner sind gerade in einer schwierigen Phase… Bei den Siebenern ist es noch peinlich. 🙂
      Die lieben Kollegen, nun ja. Ich hätte mich ja aufregen können, aber auf der Negativseite steht nur Frau Rondell, auf der Positivseite stehen Sarah, Emily, Feli…und natürlich Nicolai. *seufz*

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