Und täglich grüßt Hedwig

Es gibt Tage, an denen überkommt mich nach dem Betreten der Klasse dieses unbändige Gefühl sofort wieder aus der Tür zu stürzen und so weit wie möglich fort zu rennen.

Heute ist auch wieder so ein Tag.

Schon auf dem Schulflur höre ich lautes Geschrei aus meinem Klassenraum, genau genommen nicht nur ich, sondern auch alle anderen, die sich auch nur ansatzweise in der Nähe befinden. Nach einem fragenden Blick von Conny, die wohl froh ist sich in die Elfte verdrücken zu können, weiß ich zumindest, dass der Lärm nicht davon rührt, dass sie sich gegenseitig fertig machen oder prügeln.

Mir schlägt aufgestaute Hitze entgegen, aufgebrachte Schüler scheinen von meiner Ankunft keine Notiz zu nehmen. Wütendes Aufbegehren, zigfache Beschwerden, sich gegenseitig in ihrer Lautstärke übertrumpfende Vorwürfe, gerötete Gesichter und erboste Gesten.

„Guten Morgen.“ Ein etwas kläglicher Versuch meinerseits, ich gebe es zu. Demnach lege ich auch gleich nach.
„Leute, ich bin da!“

Es wäre das erste Mal, dass jemand darauf reagieren würde.

Die Mädels und Jungs scheinen noch immer keine Notiz von mir zu nehmen. Sicher, ich bin ja auch kaum von Interesse. Oder der Unterricht oder so. Trotzdem.

„Leute, jetzt hört mal zu! Man versteht ja sein eigenes Wort nicht!“

Keine Reaktion.

„Leute!!!“

Jetzt ist es plötzlich leiser, sie sehen mich an wie eine Fata Morgana und Lea schüttelt den Kopf. „Wir haben es mitbekommen, Frau Falke. Ja, Sie sind hier, schön.“

Ich fahre mir durchs Haar und versuche einen anderen Ansatz, lasse mich aufs Pult sinken und schaue in die Runde. „Mensch Leute, was ist denn heute nur los?“

„Der Hedwig, das ist los!“ bekomme ich entgegen geschleudert und sofort geht eine neue Welle der Empörung über die Schüler hinweg. Schimpftiraden auf den Kollegen prasseln auf mich ein, jeder will den anderen übertönen. So aufgebracht habe ich meine Klasse selten erlebt.

Ein wenig hilflos hebe ich die Hände. „Hey, einer nach dem anderen, ich kann euch nicht allen gleichzeitig zuhören. Was ist denn genau vorgefallen?“

Jennifer, die mit ihrer Hand über den Rücken ihrer besten Freundin Karina streicht, hat Spuren von Zornestränen auf den Wangen. „Wir haben keinen Bock mehr darauf, der schreit jede Stunde einen zusammen und keiner tut was dagegen.“

„Wenn der Probleme mit seinem Leben hat, muss der es noch lange nicht an uns auslassen.“ wütet Raffael, die anderen stimmen ihm nickend zu. Wieder geht ein großer Tumult los.

Irgendwie hatte ich schon geahnt, dass es wieder Ärger geben würde, denn die letzten Wochen häufen sich die Beschwerden über Herrn Hedwig zusehends. Alles habe ich schon versucht- die Schüler um Nachsicht gebeten, den Kollegen angesprochen, andere Lehrer um Hilfe gebeten, den Vertrauenslehrer eingeschaltet, Klassengespräch alleine, Klassengespräch mit dem betroffenen Kollegen, Klassengespräch…Schülergespräch…Bla…bla…bla…

Nichts davon scheint auch nur ansatzweise Früchte getragen zu haben.

Ich wende mich nach weiteren zahlreichen Minuten an die Klassensprecher, erfahrungsgemäß der beste Weg um an brauchbare Informationen heranzukommen. Heute selbstverständlich nicht, denn Karina ist völlig in Tränen aufgelöst. Also doch Luca, ich bin ja flexibel.

„So, und jetzt bitte mal der Reihe nach. Was gab es nun schon wieder für einen Stress?“

Bereitwillig beginnt Luca damit zu berichten. „Die Vogt hat uns länger dabehalten, weil wir noch die Arbeit zu Ende schreiben mussten, deswegen sind wir zu spät zu Mathe gekommen.“

Ich spare es mir ihn darauf aufmerksam zu machen, dass es Frau Vogt heißt.

„Dann ist er voll ausgeflippt, hat total rumgeschrien und so. Er hat gesagt wir hätten seinen Unterricht geschwänzt und dass wir ein faules Pack seien und wir schon sehen würden was wir davon haben.“

Frederik steht es ins Gesicht geschrieben, wie sehr er sich ungerecht behandelt fühlt. „Und jetzt schreiben wir jeden Tag einen Test und der wird dann auch noch benotet. Und wer einen schlechten Test schreibt kriegt gleich einen Elternbrief.“

Er hat die Stirn in Falten gelegt, die Arme verschränkt.

„Das ist total unfair, wir haben überhaupt keine Chance.“ beschwert sich nun Christian, den ich sonst eher zurückhaltend erlebe.

„Jetzt hat er einen Test mit uns geschrieben, dabei haben wir ihm alle gesagt, dass wir die Hausaufgaben nicht verstanden haben. Deshalb hatte die auch keiner gemacht.“

Ich fahre mir erneut mit der Hand durchs Haar, was mir erst auffällt, als es zu spät ist, stütze bedächtig den Kopf auf und verziehe den Mund. „Ihr seid also unpünktlich zum Unterricht gekommen und konntet auch keine Hausaufgaben vorweisen, sehe ich das richtig?“

„Ja, aber,“ setzen sie an, doch ich schüttelte den Kopf.

„Habt ihr Herrn Hedwig gesagt, warum ihr zu spät wart?“

Einstimmiges Nicken.

„Ihr habt ihm in einem ordentlichen Ton gesagt, dass ihr die Hausaufgaben nicht lösen konntet? Und trotzdem hat er mit euch einen Test geschrieben?“

Ebenfalls einstimmiges Nicken.

Ich gebe auf. Was soll ich denn da groß sagen? Am besten etwas Tröstendes, auch wenn pädagogisch jetzt sicherlich weniger sinnvoll. „Gut, ich werde mit ihm reden und sehen was sich tun lässt. Vielleicht war es ja nur eine Drohung, das mit dem täglichen Test, und er hat euch nur Angst machen wollen.“

Noch rumort es in der Klasse, man ist nicht wirklich zufrieden mit der Lösung, aber muss einsehen, dass dies das Beste sein wird. Die Schüler setzen sich langsam wieder auf ihre Plätze, Ruhe kehrt ein.

Ich kehre zurück auf meinen Platz hinter dem Pult, schlage das Englischbuch auf, suche die richtige Seite heraus und blicke kurz auf die Uhr. In drei Minuten wird es klingeln, anfangen lohnt sich demnach nicht mehr. Meine komplette Planung geht also wieder einmal den Bach runter.

Aber es ist okay, manchmal sind andere Sachen eben wichtiger als der Unterricht.

 

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Der Kollege hat sich bereiterklärt mit mir ein weiteres Gespräch über meine Klasse zu führen. Ich sehe seine maliziöse Liste mit ihren Fehlern schon auf meinem Tisch liegen.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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10 Antworten zu Und täglich grüßt Hedwig

  1. pausenkaffee schreibt:

    Und wieder ein Kollege, den jedes Lehrerzimmer zu bieten hat 😉 Aber die Situation ist auch wirklich nicht einfach. Viel Erfolg bei den Gesprächen!

    • Frau Falke schreibt:

      Du weißt gar nicht, wie sehr ich dich gerade feiere! Schön, dass du hier bist. 🙂
      Ja, ich denke jedes Kollegium hat seinen Hedwig, wobei… Wenn jemand keinen hat, ich hätte einen abzugeben. 😉
      Ich hoffe die Gespräche werden was, jeden Tag kann das nämlich nicht so laufen. Und ich bin schon bei dem Gedanken gestresst, ich müsste jeden Tag einen Mathetest schreiben.

      • pausenkaffee schreibt:

        Du feierst mich? Was hab ich denn angestellt, dass ich feierwürdig bin? 😀 Aber schön, dass ich dir ein Lächeln aufs Gesicht hab zaubern können. Übrigens ist ab heute auch wieder Zeit für eigene Blogeinträge! Du wirst also demnächst was von mir zu lesen bekommen.

        • Frau Falke schreibt:

          Du bist erst einmal an sich feiernswert. Und du hast in jener Sekunde geschrieben, in der ich verzweifelte, weil ich glaubte mit meiner schlechten Laune alle Menschen zu verschrecken. 🙂
          Dass du mehr Zeit haben wirst, ist schön, da kann ich mich ja auf neue Artikel freuen.

  2. Theni schreibt:

    Immerhin will der Lehrer mit der Klasse sprechen…
    Ob das viel bringt, wage ich mal zu bezweifeln… (ich hab auch 2 von der Sorte… das heißt, einer ist hoffentlich nur kurzzeitig auf dem Trip…)
    Interessant wird´s ab dem Moment, in dem der Lehrer/die Lehrerin sich selbst als Furie bezeichnet. Leider kommen da so manche nicht zu der Einsicht.Und besonders nett ist es auch, wenn die Klassenlehrerin verspricht, mit demjenigen zu reden, aber NICHTS passiert… (wenn das Ihre Klasse ist: sagen Sie denen auf jeden Fall, dass Sie mit dem Kollegen geredet haben, auch wenn sich da nix tut, ansonsten gibt das nur noch mehr Geläster…)
    Und viel Glück mit dem Lehrer…
    (Was mich noch interessieren würde: Ist der Lehrer bei den Kollegen ähnlich beliebt? Oder ist der da auch einmal ganz nett???)
    lg, Theni

  3. Frau Falke schreibt:

    Er will ja leider nicht mit der Klasse, sondern mit mir reden. Dann wird er mir eine Liste vorlegen mit namentliche aufgeführten Verfehlungen inklusive Häufigkeit und Störungsgrad, und dann mit diesem Blick fragen, ob ich immer noch glaube, ER habe überreagiert. 😦
    Dass ich mit ihm rede, wissen sie hoffentlich, aber sie werden sicher auch nachfragen. (Wenn er ihnen nicht vorher die Hölle heiß macht… Vielleicht mit zwei Test pro Tag?)
    Und im Kollegium, na, ich läster ja nicht und so, ;), aber er ist halt echt ein richtig, richtig schwieriger Mensch. Kein Anschluss, kein Interesse, eigentlich hört man seinen Namen nur im Zusammenhang mit sowas.

  4. sunshinemuffin schreibt:

    Oh je, das klingt wirklich nach einem echt blöden Tag.
    Ich schätze, dass das Lehrerkollegium von uns ihn nicht aufnehmen will, so einen haben wir schon.
    Ich drücke Ihnen die Daumen, dass die Situation sich verbessert…

    • Frau Falke schreibt:

      Ich hatte mir schon fast gedacht, dass ihn niemand haben will. Nun, behalte ich ihn noch ein bisschen, mal sehen, wie lange das gutgeht.
      Aber danke fürs Daumendrücken, hoffentlich bringt es was. 🙂

    • Frau Falke schreibt:

      Das ist ja mal genial. 😀 Und es erklärt so einiges.
      Jetzt weiß ich, warum er so unbeliebt ist und auch, warum ich ihm nicht traue. Kein Falke will sich von einer Eule angelockt von Jägern fangen lassen, nicht wahr?

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