Frau Lindmahd

Ich habe eine Kollegin, die ist anders als alle anderen, die sonst mit mir im Lehrerzimmer sitzen. Denn Annabelle Lindmahd ist ein Phänomen, das sich schwer erklären lässt.
Es fängt schon morgens an, wenn wir alle nacheinander eintrudeln, schließlich haben wir ja in der ersten Stunde Unterricht. Frau Lindmahd hat das nicht nötig, mit ihren zweiundvierzig Jahren hat sie sich oft genug um diese Uhrzeit aus dem Bett gequält, jetzt macht sie so etwas nicht mehr. Wenn eine Klasse Frau Lindmahd in der ersten Stunde hat, wissen die Schüler schon, dass sie einfach am Text weiterarbeiten können.

Bequemt sich die Kollegin dann irgendwann zur zweiten Stunde in die Schule, ist die Aufteilung der Zeit um ein Vielfaches ordentlicher geplant als der gesamte Unterricht.

Normaler Weise betritt sie die Klasse, sagt, welche Seiten bearbeitet werden sollen, und verschwindet danach sofort wieder im Lehrerzimmer, wo sie sich erst einmal einen Kaffee gönnt. Um sich von dem Stress zu erholen, vermute ich.

Soll der Unterricht in der sechsten, siebten oder achten Stunde stattfinden (Gott bewahre!), so sind diese Stunden sogleich Filmstunden. Annabelle zeigt eine DVD, irgendeine, ob sie nun zum behandelten Thema passt oder nicht ist zweitrangig. Hauptsache die Schüler sind beschäftigt.

Manchmal hat sie keinerlei Antrieb den eh nicht vorbereiteten Unterricht zu halten, dann legt sie auch in den frühen Stunden eine Filmstunde ein, am liebsten, indem sie einem der Schüler im vorhinein die DVD in die Hand drückt und den Kiddies sagt, sie sollen den sehen. Wie und wo ist dann schließlich nicht ihre Sache, sollen die doch gucken wie sie den zum Laufen kriegen.

Dann gibt es wiederum jene Stunden, in denen sie sich anschwungslos und absolut demotiviert vorne ans Pult setzt und der Klasse verkündet, dass sie heute keinen Bock hat auf Unterricht. Dann unterhält sie sich entweder mit den Schülern oder geht, wenn der Direktor nicht gerade einen seiner Kontrollgang-Tage hat, wieder ins Lehrerzimmer einen Kaffee trinken. Oder zwei, Zeit hat sie ja.

Und trotz alledem, was ihr so leicht einen schlechten Ruf einhandeln könnte, was Grund genug wäre in den Augen der Kollegen als faul und in denen der Schüler als unfähig zu gelten, ist Frau Lindmahd beliebt bei Kollegium und Schülerschaft.

Obwohl alle Lehrer wissen, dass sie sich wo es nur geht vor dem Unterricht drückt, glauben alle, dass sie, wenn sie nur Lust hätte, aus dem Stegreif eine tolle Stunde geben könnte. Dass sie ständig betont den Job nur zu machen, weil er zum einen sicher und zum anderen nicht allzu schlecht bezahlt wird, übergehen sie. Es ist bekannt, dass Annabelle ein fundiertes Fachwissen hat, sie wird als Expertin geschätzt, die auf so ziemlich alles auf ihrem Gebiet eine Antwort weiß. Doch nicht nur wegen ihres nur noch recht spärlich angewandten Könnens ist sie unter den Lehrern eine ernstgenommene Kollegin und gern gesehene Gesellschaft.

Vor allem aber wird sie geschätzt für ihre Persönlichkeit, diese offen Spitzzüngigkeit, die sie an den Tag legt, die Ironie, ohne jedoch in tiefen Sarkasmus zu verfallen. Sie sieht die Welt aus einem etwas anderen Blickwinkel, das erklärt auch die Überzeugung, mit der sie ein manches mal anderen vor den Kopf stößt. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, hat einen scharfen Blick auf ihre Umwelt und scheut sich nicht sich mit dem ein oder anderen Kollegen anzulegen. Ihre Probleme mit der Schulleitung sind allgemein bekannt, schon so manches mal hat sie mit einer Klasse über den Mann gelästert. Hält sie eine Kollegin für arrogant, sagt sie dies offen, niemals würde sie sich vor den Schülern von jemandem bloßstellen lassen.

Letztendlich ist es bei der Kollegin Lindmahd wohl so: Obwohl sie das ein oder andere mal aneckt, obwohl sie Dinge sagt, die manch einer ihr krumm nimmt und ihr die Motivation fehlt um zu unterrichten, so ist sie doch eine grundehrliche und vor allem durch und durch menschliche Lehrerin, und genau das scheinen auch die Schüler so an ihr zu schätzen.

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Ich versuche für morgen einfach mal keine Unterrichtsvorbereitungen zu machen, ganz Lindmahd-like.

P.P.S.: Klappt nicht, die Vorstellung mir nicht wenigstens ein paar Gedanken gemacht zu haben macht mich schon total kribbelig. Auf zur Vorbereitung!

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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10 Antworten zu Frau Lindmahd

  1. sunshinemuffin schreibt:

    Die eigentliche Frage ist ja, wie schreibt Frau Lindmahd denn Klausuren? Wie fallen die denn so bei ihr aus?
    Andererseits… steckt nicht in fast jedem Lehrer ein bisschen Lindmahd? 😀

    • Frau Falke schreibt:

      Sie schreibt über Filme, und das ist wirklich so. Die letzte Klausur hatte den Titel „Die Malerin Frida Kahlo“, passte zum Themenkorridor und wurde gut von den Schülern aufgenommen.
      In jedem…? Das will ich eigentlich gar nicht hören, aber ja, sicherlich ist es so.

  2. ullli23 schreibt:

    Stegreif 😉

    Insgesamt scheint die Dame ja eher zu beneiden zu sein, als verachtenswert. Immerhin kommt sie ohne Aufwand bei den meisten gut an… Wir hatten mal einen ähnlichen Lehrer. Allerdings hatte der ein Alkoholproblem.

    • Frau Falke schreibt:

      *geht schnell den Fehler verbessern* *hüstel*
      Ja, sie ist auf jeden Fall zu beneiden, wobei ich es ihr auch einfach gönne. Sie ist ein netter Mensch und kann gern so weitermachen, solange die Schüler nicht leiden/ nicht eingreifen.
      Aber ich verstehe nicht, dass es so gut klappt, das ist der Punkt. Ich an ihrer Stelle würde durchdrehen, wenn ich den Stress hätte ständig unvorbereitet zu sein.

  3. pausenkaffee schreibt:

    Ich glaube, dass in jedem Lehrerzimmer eine Frau Lindmahd sitzt. Vielleicht auch ein Herr Lindmahd, vielleicht auch beide. Wer hat denn nicht einen solchen Kollegen, den man einerseits beneidet, andererseits hasst und von einer dritten (nicht definierbaren) Seite dann trotzdem schätzt?

    • Frau Falke schreibt:

      Das glaube ich langsam auch. Nur… Warum? Wie schafft es so ein Mensch derart locker durchs Leben zu kommen, während alle anderen nach dem ersten Tag mit solchem Benehmen von allen Seiten deutlich die Leviten gelesen bekäme?

      • pausenkaffee schreibt:

        Das ist in der Tat eine sehr gute Frage. Wobei… warum eigentlich? Was macht dich denn glücklich? Würdest du dich besser fühlen, wenn du ohne Vorbereitung mittelprächtigen Unterricht machst oder fühlst du dich so, wie du grade bist, wohl? Vielleicht liegt der Königsweg irgendwo in der Mitte, aber ich denke, dass guter Unterricht immer noch von den Lehrkräftinnen und Lehrkräften (;)) kommt. Das wird zu wenig von Kollegen wertgeschätzt, aber die SuS wissen das auf jeden Fall und zeigen es auch (dein Post zum Elternabend macht das sehr gut transparent!).

  4. Frau Falke schreibt:

    Ich glaube es geht mir nicht einmal so sehr darum, dass ich jemals so werden wollte, ich finde es nur manchmal erschreckend, wie unterschiedlich die Messlatten angelegt werden. Und ich kann dir die Hand drauf geben, dass ein Refi, der sich derart verhält, nach zwei Tagen ganz kleine Brötchen backen würde.
    Natürlich hast du aber Recht, ich bin froh mit dem Weg, den ich beschreite, und meine Kiddies sehen das auch so. Ich weiß, dass ich es gern mache, sie ebenfalls. Und der Elternabend… Ach, ja. *seufz* Das war nach meinem Schockmoment echt gut.

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