Soap

In manchen Situationen kann man nur sprachlos daneben stehen und beobachten, weil es überhaupt keine Chance gibt einzugreifen, so geplättet ist man. So ging es mir heute in der dritten Stunde.

 

Angefangen hatte es ja alles ganz harmlos, ich wollte wie gewohnt zu meiner Sechs a, hatte die Tür schon aufgerissen und war halb im Raum drin, da fiel mir der Zettel des Kollegen Polwin-Kaulwitz an der Tür auf. Klausur 3. + 4. Std. Bitte nicht stören! Da war es aber zum Rücksichtnehmen auch schon zu spät.

Jetzt hätte ich selbstverständlich gleich wieder rausgehen können -was ich auch vorhatte- wäre nicht plötzlich die Kollegin Debian hereingekommen. Und ab diesem Augenblick bot sich mir etwas, das ich im Nachhinein nur als Ausschnitt einer ganz schlechten Soap bezeichnen kann.

 

Herr Polwin-Kaulwitz sieht die Kollegin an. „Was machst du denn hier?“

Frau Debian kommt auf ihn zu. „Ich soll hier Aufsicht führen.“

Er legt die Hand auf sein Herz. Spricht bewegt. „Das kann nicht sein.“

Verzweifelt, rote Flecken erscheinen auf ihrem Dekolletee. „Aber es steht doch am Plan.“

Ebenfalls verzweifelt. „Da musst du dich versehen haben.“

„Ist dies nicht die 12 c?“

Lässt die Hand sinken. „Doch, doch, das ist sie.“

Frau Debian dreht sich von ihm weg. „Aber,“ Sie dreht sich schnell zurück und sieht ihn bewegt an. „warum soll ich dann nicht hier sein?“

Seine Mundwinkel zucken, leichtes, verständnisvolles Kopfschütteln. „Nein, das ist es doch gar nicht. Nur bin ich halt eingetragen für diese Stunde…“

Sie umschlingt ihren Oberkörper mit den Händen.

Er macht ein paar Schritte auf sie zu, lässt den Blick in die Ferne gleiten, sieht sie dann an und eilt zur Tür. „Ich werde unten nachsehen.“

„Das finde ich eine wunderbare Idee, vielleicht kommen wir ja auf diese Weise zu einer Lösung.“

Herr Polwin-Kaulwitz steht schon halb im Türrahmen, zögert aber. „Kann ich meine Sachen bei dir lassen?“

Sie kommt lächelnd zu ihm und nimmt seine Tasche entgegen, als sei sie ihr gemeinsames Kind. „Ich passe auf, mach dir keine Sorgen.“

Seine Mimik, bevor er geht, ist, als würde er zu einer Weltexpedition aufbrechen und nicht bloß den Weg ins Lehrerzimmer antreten. „Bis gleich.“

 

Stille. Die Schüler schreiben fleißig an ihren Klausuren und ich kann das soeben dargebotene Schauspiel nicht fassen. Gerade als ich glaube meine Sprache wiedergefunden zu haben geht die Tür auf.

 

Er erscheint und es fehlen eigentlich nur noch die auf ihn gerichteten Lichter. „Ich war unten.“

Sie kommt auf ihn zu. „Und was steht da?“

Er ergreift ihre Hände. „Dass du nicht die 12 c beaufsichtigen, sondern im Raum der 12 c Aufsicht führen sollst.“
Sie zieht die ihm ihre Hände weg, legt sie in ihr Gesicht. „Oh nein, dann sind die ja ganz allein.“

Er nickt ihr mitleidig zu.

 

Die Tür geht erneut auf, die Kollegin Crande betritt den Raum (die Bühne?) und schaut irritiert zwischen uns hin und her. „Okay…“

Der Mann rückt ein wenig von Frau Debian weg. Die bekommt die roten Flecken nun auch noch auf dem Hals.

Frau Crande wendet sich an die Kollegin. „Nicht, dass ich hier stören will, aber die Kollegin Peters wartet seit zwanzig Minuten auf die ablösende Aufsicht.“

„Oh.“ Herr Polwin-Kaulwitz ist blass geworden. Er fürchtet sich vor der Religionslehrerin. „Peters.“

Die Kollegin Crande zuckt bedauernd die Schultern. Sie ist froh, dass ihr das nicht passiert ist.

Und die arme Frau Debian hat die roten Flecken mittlerweile auch im Gesicht. Sie sieht die anderen hilfesuchend an, die unauffällig wegsehen. Ihr Blick bleibt an mir hängen. „Ich, also, das… Sowas kann doch jedem mal passieren, oder? Ich meine, oder?“

 

Dann geht sie, beeilt sich so schnell wie möglich zu der Zwölften zu gelangen und muss sich sicherlich einiges von der wartenden Kollegin anhören.

„Dann gehe ich mal wieder.“ Frau Crande nickt einmal in die Runde, dann ist auch sie verschwunden.

Erschöpft lässt sich Herr Polwin-Kaulwitz auf den Stuhl am Pult sinken, stützt den Kopf auf, sieht hoch. Erst jetzt entdeckt er mich. „Was machen Sie denn hier?“

Ich deute hinter mich, zur Tür. „Ich habe den Zettel zu spät gesehen. Bin schon weg.“

Damit nehme ich dann meine Tasche (plus den Rest an Stolz, der noch übrig ist) und flüchte aus dem Raum. Erst als ich draußen bin fällt mir ein, dass ich ja eine Klasse zu unterrichten habe. Aber wer weiß, irgendein Kollege wird sicher auch dort aufgetaucht sein.

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Leider habe ich Frau Debian nicht mehr im Lehrerzimmer gesehen. Ich frage mich ob die Flecken sich wieder gelegt haben oder sie nun überall krebsrot ist. Die Arme.

P.P.S.: Wenn ich Frau Debian morgen auch nicht sehe, werde ich eine Untersuchungskommission einleiten. Dann hat Frau Peters sie sicher zur Strafe um die Ecke gebracht.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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6 Antworten zu Soap

  1. littlemissbad schreibt:

    Hach, ist das spannend

  2. Theni schreibt:

    Tut mir leid, dass ich hier alles kommentieren muss, aber… Wenn dass sich mal irgendwelche Lehrer in meiner Gegenwart „erlauben“ würde, ich läg immer noch lachend unterm Tisch, wenn mir sämtliche anwesende eine 5 „in mündlich“ androhen würden… xD

    • Frau Falke schreibt:

      Du darfst sehr gern alles kommentieren, mich freut das. Und ein bisschen was nachzuholen hast du ja auch, nicht?
      Wen würdest du denn jetzt auslachen? Mich oder unsere Frau Debian? 😉

      • Theni schreibt:

        Auslachen würd ich niemanden… Ich würd mir nur über die Situation im allgemeinen und das Verhallten der drei Beteiligten prächtig amüsieren… 😀

        • Frau Falke schreibt:

          Die zwei waren schön süß. Wobei ich mein Verhalten immer noch als absolut nachvollziehbar ansehe. Das war alles einfach zu…dramatisch um einfach zu gehen.

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