Wahrnehmung

(…), es ist die Sache, dass du als Mensch häufig sehr zerbrechlich und zart wahrgenommen wirst.

 

Ich hatte in der Mittelstufe eine Lehrerin, die ich vergötterte. Sie war für mich die absolut beste Pädagogin, die ich kannte, gerecht und grundehrlich, immer freundlich, vorbereitet, kompetent, mit einem feinen Humor und stets loyal.
Für die Schülerinnen war sie ausnahmslos nett und ein gutes Vorbild, auch wenn sie es nie bewusst darauf anlegte dies zu sein, und für die Jungs ein attraktiver Blickfang, dem alle mit Wohlwollen entgegen sahen. Besonders gefiel mir ihre Zerbrechlichkeit, dieses Zarte, das sie wie eine Aura umgab. Man konnte ihr nie böse sein, allein ihr Lächeln zauberte einem selbst ein Lächeln auf die Lippen. Sie wirkte verletzlich, und ein jeder hatte das dringende Bedürfnis sie zu beschützen, sei es nun vor Verleumdungen durch das Kollegium oder anderes. (Wobei wir wohl oft auch einfach zu viel hereininterpretierten. Manchmal aber auch zu wenig, wer weiß.)

Eigentlich brauchte sie das alles aber nicht, denn sie war eine überaus starke Persönlichkeit und konnte sich allzu gut selbst zur Wehr setzen.  Sie hatte ihre Freunde und genug Unterstützung, und wenn ihr etwas nicht passte, konnte sie Klartext reden und bestimmt sein. Wenn wir es mal zu weit trieben, rief sie uns zurück, und bieten ließ sie sich nichts.
Ich hatte sie nicht lange genug und meine Schule war zu behütet, um sagen zu können, wie sie reagiert hätte, wenn die junge Frau damals auf eine Klasse getroffen wäre, die ihr nicht so wohlwollend gesinnt war wie die damaligen Schüler. Wie es gewesen wäre, wenn die beliebte Vertrauenslehrerin Schüler gehabt hätte, die sie nicht von Anfang an akzeptieren und lieben.

Ich habe sie, man merkt es wohl, sehr gemocht, und ich habe diese Sanftheit trotz der Überlegungen um das Verschaffen von Respekt immer bewundert. Jetzt aber bekam ich eine Email mit dem oben stehenden Zitat, und ich kann nicht bestreiten, dass es mir nicht gefällt. Dass ich selbst so wahrgenommen werde, hätte ich nicht gedacht, denn ich halte mich für eher bestimmt und…anders. Jetzt frage ich mich, warum ich von meinen ehemaligen Schülern so wahrgenommen werde, und was das wohl für mich bedeutet.
Und auch, warum es bei ihr damals okay und süß war, und ich es bei mir selbst nicht akzeptieren kann. Ich bin verwirrt. Das fehlte mir gerade noch…

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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Eine Antwort zu Wahrnehmung

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