Regulär krank

Heute ist wieder einer dieser Tage, an denen ich am besten nicht aufgestanden wäre. Liebend gern wäre ich auch im Bett liegen geblieben, in den warmen weichen Federn, aber nein, die Pflicht ruft, man kennt das ja.

Im Lehrerzimmer werfe ich erst einmal einen Blick auf den Vertretungsplan, der seit einem gefühlten Jahrhundert der Klassenarbeit eines Drei-Punkte-Schülers gleicht. Rote Anmerkungen an Kürzeln, alles doppelt und dreifach übergeschrieben. Keinerlei Struktur mehr, bloß lauter  unverständlicher Chiffren, Chaos.

Und ich sehe sofort, was mir vor meinem ersten Kaffee gleich auf die Laune schlägt. Vertretung in der 9 c, ganz super, die sind in Raum 104, also genau im anderen Teil des Gebäudes, soweit weg wie irgend möglich von meiner Siebten. Aber auch daran ist nichts zu ändern, also hoch in die Klasse und dann springen.

Zehn Minuten später, wir sind gerade dabei einen Text aus der Zeit des Barocks zu interpretieren, was die Schüler nur mäßig begeistert, geht die Tür auf und der Kollege Helfrich kommt rein. Entsetzter Blick zu mir. „Was machen Sie hier?“

„Deutsch unterrichten, falls mich nicht alles täuscht.“ erklärt Frau Falke mit hochgezogener Augenbraue und Lächeln als Kombi. (Sehr geschickt und zieht immer.)

Kopfschütteln. „Aber nicht regulär, oder? Doch regulär? Komisch, du solltest bei Emilys Sechsten sein, ich wollte dir nur kurz Bescheid sagen.“

„Nein, das kann nicht sein, ich habe schon eine Neunte aufs Auge gedrückt bekommen.“

„Da war aber so ein Kringel.“

Gegen einen Kringel kann ich als erwachsene Frau nun wirklich nichts ausrichten. Ich gebe mich also geschlagen und suche die Sechste auf, die selbstverständlich nicht einmal in der Nähe der zu beaufsichtigenden Neunten ist. Denn es gibt ein paar eiserne Regeln, die in keinem Vertretungsunterricht gebrochen werden dürfen:

 

1.) Du darfst die Klasse nicht kennen.

2.) Der Unterrichtsstoff sollte dir so wenig wie möglich vertraut sein.

3.) Der Klassenraum sollte so weit wie machbar von dem anderen Raum entfernt liegen, falls verfügbar in einem anderen Stock oder gar in einem anderen Gebäude.

4.) Versuche die Vertretung erst in letzter Minute mitgeteilt zu bekommen.

5.) Versuche mit Kringeln zu verstecken, wer wen wo vertreten muss.

 

Meiner Schule kann man ja viel vorwerfen, aber wenn sie erst einmal Regeln gefunden hat, hält sie sich wie eine Eins an diese. Zu unser aller Leidwesen.

Es ging natürlich trotzdem, selbst über viele hundert Kilometer hinweg schafft es ein Lehrer von heute drei Klassen verschiedener Jahrgänge parallel sinnvoll zu unterrichten. Man ist schließlich in der Übung, auch wird es nicht die letzte Vertretungsstunde dieses Tages sein. Und auf den kommenden noch verheerenderen Lehrermangel sind wir dann ebenfalls schon eingestellt- Lehrerersetzen durch ersetzende Lehrer. Ein Konzept, das wirtschaftsorientiert handelt und Unmengen von Einsparungsmöglichkeiten bereithält. (Vielleicht verkaufe ich es an Kiel, die sind immer dankbar für solche Ideen.)

Wenn das nicht klappt, bleibe ich morgen wirklich im Bett liegen und bin dann wie alle anderen auch krank. Ganz regulär, mit Erlaubnis. Nur wer wird dann meine Stunden vertreten? Oder meine Vertretungsstunden vertreten? Oder die von mir vertretenen Vertretungsstunden vertreten?

 

Es grüßt ganz lieb,

Frau Falke

 

P.S.: 6.) Lege Frau Falke zum Dank einen Muffin auf ihren Platz. Dann verzeiht sie das Chaos sicher und kriegt die Kalorien wieder, die sie beim ungewohnt vielen Hin-und-her-rennen verbraucht hat.

P.P.S.: „Vertreten“ ist ein komisches Wort. Vertreten. Vertreten. Haha.

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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7 Antworten zu Regulär krank

  1. Jana schreibt:

    Bei uns wird im Vertretungsplan nicht gekringelt oder überschrieben. Er wird immer wieder neu ausgedruckt und an die Wand gehängt, und heißt dann (immer mit einem anders farbigen Marker geschrieben) Neu / Neu1 / Neu2 /… Ist auf jeden Fall schön bunt.

    • fraufalke schreibt:

      Das klingt recht sinnvoll, wobei ich nicht weiß, ob man den Überblick behält, wenn es irgendwann bei Neu16 angelangt ist? Bei uns liegt es vor allem daran, dass man in so vielen Klassen gleichzeitig ist. Die Spalten sind für solche Späße einfach nicht ausgelegt, da ist kein Platz, um sich ordentlicher verständlich zu machen.
      Ist es bei euch momentan denn ebenfalls so heftig mit den Fehlenden?

      • Jana schreibt:

        Lustigerweise sind bei uns trotz Erkältungszeit alle da. Der Vertretungsplan ist maximal eine drittel Seite lang und es gab mindestens die letzten 14 Tage lang kein „Neu“. Wahrscheinlich sind wir alle so gut drauf, weil wir ab dem Wochenende 2 Wochen Ferien haben :-). Das motiviert!

  2. sunshinemuffin schreibt:

    Mögen Sie Muffins? Sie sind mir sympathisch 😉

    Unser Vertretungsplan ist ja dagegen total harmlos, der wird am Tag zuvor ausgehängt, morgens eventuell noch geändert und danach noch höchstens einmal geändert (mit damit verbundener Lautsprecherdurchsage, dass doch bitte alle Kollegen den Vertretungsplan noch einmal einsehen möchten). Nur damit, den Unterrichtsausfall von Randstunden mitzuteilen, daran hakt es noch etwas…

  3. Frau Falke schreibt:

    Ist das eine ernst gemeinte Frage? Wer mag denn bitte keine Muffins? Wie soll denn das gehen? o.O
    Lautsprecherdurchsagen würden mir auch gefallen, nur glaube ich, wäre damit dann der Tag auch gelaufen. Kommt ja keiner zum Unterrichten, wenn da dauernd jemand ins Mikro quakt. 😉

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