Eine ziemliche Enttäuschung

Heute hatte Frau Falke Elternabend, vielleicht der Alptraum eines jeden Lehrers, zumindest meiner, vor allem in einer Schule wie der meinen.
Zudem war es eisig kalt draußen und regnete in Strömen und irgendwie passte das Wetter perfekt zu meiner Stimmung.

Schon im Lehrerzimmer erkannten die Kollegen was Sache war, man wünschte mir viel Spaß und schnitt das Thema Eltern den Rest des Tages nicht mehr an.

Natürlich habe ich im Vorherein genau geplant, was ich wann wie sagen wollte, organisiert, dass eine Freundin Kuchen gebacken hatte (Meiner war oben schwarz und unten noch roh, blöder Uraltofen…) und den Raum meiner lieben Klasse hergerichtet. Alles war so aufgeräumt wie nur menschenmöglich, die Mülleimer waren geleert, die Tische standen ordentlich aufgereiht.

Sicher, den Dreck an den Wänden hatte ich nicht wegmachen können und auch die paar Schmierereien an der einen oder anderen Stelle waren noch da, aber eigentlich war alles perfekt. Solange also niemand auf die Idee käme den Klassenschrank zu öffnen wäre ich gewappnet.

Die Eltern kamen sehr zahlreich, was ich gar nicht mehr gewohnt bin, zeigten sich interessiert und hörten sich an, was ich zu sagen hatte. Ich wünschte mir ihre Kinder würden dieses Verhalten an den Tag legen.
Klar, der eine oder andere meinte sich aufspielen zu müssen oder kam sich unglaublich wichtig vor, aber das war eine zu übergehende Randerscheinung.

Ich war sehr zufrieden über diesen gelungenen ersten Elternabend- bis es an die Verabschiedung ging.

Ein breitschultriger Mann, den ich als Vater einer meiner Lieblingsschülerinnen ausgemacht hatte (die als solche ja gar nicht haben darf), hielt meine Hand kurz fest und meinte dann mit einem Blick zu seiner Frau, die ins Gespräch mit einer anderen Mutter vertieft war: „Sie ist schon eine ziemliche Enttäuschung.“

Getroffen zog ich meine Hand zurück, die Lippen aufeinander gepresst, der Blick missbilligend. Ganz abprallen lassen, kalt distanzieren.

War klar, dass jemand was zu meckern hat, schließlich kann man es denen doch nie recht machen! Sprach man viel, war man gleich eine Labertasche, sprach man weniger, zu kurz angebunden. Lobte man die Klasse, so war man schleimerisch, lobte man sie nicht, war man kalt. War man älter hieß es gleich man sei von vorgestern, war man jedoch jung hielten die Eltern einen für zu naiv und unerfahren.

Demnach war es eigentlich eh egal was man machte, nichts war gut genug.

Der Vater hatte meinen Blick bemerkt und war schnell in die Defensive gegangen. „Oh, nicht dass Sie das falsch verstehen, Sie sind toll. Aber nach dem, was unsere Tochter von Ihnen erzählt, haben wir mit einer Mischung aus Kitty Kat und Superwoman gerechnet. Sie redet beim Mittagessen praktisch nur von Ihnen.“

Die Frau, welche daneben stand, nickte und wirkte erleichtert. „Nicht wahr? Ich habe auch wunderweiß was gedacht wen ich hier heute treffe, nachdem mein Sohn immer so begeistert schwärmt.“

Mir hatte es die Sprache vergangen, ich verabschiedete die Eltern noch und blieb dann hinter dem Pult stehen, ließ meinen Blick über die leeren Tische meiner lieben Kleinen schweifen.
Wenn ich trotz all des Ärgers, den wir täglich ausfechten müssen, trotz der Dinge, die ich mir ständig anhören muss, trotz der steigenden Zahl von Tagen, an denen ich denke es wird zu viel-
wenn ich trotz alledem doch so positiv von den Schülern aufgenommen werde, ist das eine wunderbare Sache.

Da ist Frau Falke gerne eine Enttäuschung.

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Von dem Kuchen ist noch etwas übrig. Will jemand?

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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16 Antworten zu Eine ziemliche Enttäuschung

  1. J schreibt:

    Da kann ich jetzt gar nichts dazu sagen.
    Beeindruckende Schilderung.
    Schulart?

    • fraufalke schreibt:

      Vielen Dank, das ist nett. (Ich nehme es mal als Kompliment, dass du sprachlos bist? ;] )
      Bei der Schule handelt es sich um ein Gymnasium, eigentlich kein Grund sich zu beschweren. Nur mit den Elternabenden gab es in der letzten Zeit ein paar Schwierigkeiten, deshalb meine Überraschung.

      • J schreibt:

        Ja, es war als Kompliment gemeint. Vielleicht muss ich mich deutlicher ausdrücken.
        Bei uns (Hauptschule) ist Elternarbeit eine Baustelle, die kaum zu bewältigen ist. Die Eltern übergeben uns die Schüler, damit wir mal machen. Aufgehoben, abgeschoben.
        Beschweren tun sie sich, wenn wir Mitarbeit von ihnen verlangen.

  2. fraufalke schreibt:

    Das war einer der Gründe, warum ich es an der Hauptschule nicht versucht habe. Ein Monat Praktikum dort, und ich bin jeden Tag vollkommen fertig nach Hause gegangen. Nicht wegen der Stühle, die einem entgegen kamen, oder den vielen, viele Stunden, die man plante und nie hielt. Sondern einfach, weil ich es nicht schaffte die Schule hinter mir zu lassen.
    Dass die Elternarbeit dort mehr als nur schwer ist, kann ich mir dank einiger Freundinnen vorstellen. Wenn ich mir deren Geschichten anhöre… Ich muss sagen, ich habe großen Respekt vor Hauptschullehrern. Vor allem vor jenen, die jenen Zweig tatsächlich wählten und nicht bloß keine Stelle an der Grundschule bekamen.

  3. sunshinemuffin schreibt:

    Das klingt doch ganz wunderbar 🙂

  4. Frau Falke schreibt:

    *Muffin mit einem Willkommens-Banner dekoriert*
    Tadaa- bitte schön. 🙂

  5. Theni schreibt:

    Irgendwie scheinen Sie* der Lehrerin aus „Nennt mich Ismael“ sehr zu ähneln… 🙂
    Spräche was dagegen, mal schnell ins Schwabenländle zu ziehen und den Leuten da zu zeigen, was eine NETTE Lehrerin ist?! 😉
    lg, Theni

    *ups…

  6. Susi-q schreibt:

    Superwoman….toll. Da geht einem ja das Lehrer-Herz auf.
    Zu Kuchen sag ich nicht nein. =)

    • Frau Falke schreibt:

      Ich finde es auch total cool, hätten die Eltern mich als solche akzeptiert, würde ich ab jetzt von mir nur noch als Superwoman sprechen. 😀
      Nimm dir gern, auch wenn ich nicht weiß, ober heute noch frisch ist. Vielleicht lieber doch den Muffin aus meinem Fach?

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