Post aus Kiel

„Wir haben Post aus Kiel.“ begrüßt mich die Oberstufenleiterin und schenkt sich eine Tasse Kaffee ein. Wie ich sie kenne wahrscheinlich nicht gerade die erste an diesem Tag.

Ich für meinen Teil lasse meine Tasche auf den Boden gleiten, ziehe meinen Stuhl zurück und setze mich.

Post aus Kiel ist nicht gerade etwas, das meinen Tag ins Wanken bringen würde. Überhaupt ist so ziemlich alles, was aus Kiel kommt, schlecht, da muss ich mir das nicht schon vor der ersten Stunde antun.

„Interessiert Sie denn überhaupt nicht was es ist, Frau Falke?“ drängt die Kollegin, ich muss mich zusammenreißen um nicht Nein zu sagen.

Meine Gedanken wandern zurück zu der jungen Referendarin, die mich letztens ein wenig verwirrt und mit dem für sie typischen Verhalten fragte, ob denn die ganze Schule die Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins hasse.

Da musste ich doch lachen, worüber sie mir glücklicherweise nicht böse war, denn hinterher erklärte ich ihr auch ausführlich, dass wir nicht tatsächlich etwas gegen Kiel haben, sondern vielmehr gegen das Ministerium.

Beziehungsweise gegen die nervigen und meist absolut schwachsinnigen Anweisungen. (Ich werde mich an dieser Stelle nicht über die Profiloberstufe auslassen, das kommt wann anders.)

Aber ich erzählte ihr beispielsweise von den Seminarsarbeiten, die unsere Schüler seit diesem Jahr laut Ministerium machen sollten.

Dass die besonders engagierten Schüler schon Recherchen betrieben und angefangen haben die dicken Wälzer zu schreiben, für die sie ja immerhin eine sehr relevante Note und ein ganzes Jahr Zeit bekommen sollten.

Und die dann, ohne nennenswerten Beweggrund, einfach so gestrichen wurde, angeblich, weil die Schüler ja genug zu tun hätten. Was erstens unglaubwürdig ist, zum zweiten keinen von uns überrascht (Ach, die Schüler haben viel zu tun? Nee, ehrlich?) und drittens uns Lehrer wieder zu den Buhmännern macht.

Erklärt mal einem Schüler, der sich solch eine Mühe gemacht hat, dass er die Leistung nun für den gleichen Stellenwert wie ein schnödes Extra-Referat einreichen kann.

Vor allem, weil natürlich jeder geschaut hat, dass er das Fach, in dem er am besten ist, für sein Seminar benutzen kann. Nein, wirklich, das ist sicher lustig.

„Entschuldigung, Janine, du bist eine Vierzehn-Punkte-Schülerin in meinem Fach und es reicht und reicht nicht für fünfzehn, da bringt deine Ausarbeitung auch nichts.“

Wir hassen also nicht Kiel. Aber es ist einfacher als jedes Mal „Bildungsministerium Schleswig-Holstein“ zu sagen, außerdem weiß bei „Kiel“ sowieso jeder, was gemeint ist.

Kiel schreibt. Kiel nervt schon wieder. Kiel ist doof. Jeder weiß wovon ich rede.

Die verzweifelt nach Aufmerksamkeit suchende Oberstufenleiterin hat sich inzwischen ein neues Opfer herausgesucht, die Referendarin, die vor kurzem noch dachte wir hätten was gegen die Landeshauptstadt.

„Wollen Sie wissen, was Kiel geschrieben hat?“

Die Frau schüttelt den Kopf. „Nein danke, ich hasse Kiel.“

Jetzt muss ich sagen bin ich doch fast ein bisschen stolz.

Es grüßt ganz lieb,

Frau Falke

P.S.: Ist es eigentlich in den anderen Bundesländern auch so schlimm? Heißt es bei euch „Blödes Magdeburg/ Potsdam/ Stuttgart“?

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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9 Antworten zu Post aus Kiel

  1. littlemissbad schreibt:

    Ich habe bisher, wenn ich mit Schule zu tun hatte, in Hauptstädten gewohnt, da bietet sich das nicht so an. Ich wollte gerade fragen, ob die Steigerung „Blödes Berlin“ ist aber die haben damit ja nichts zu tun…
    Apropos: pro oder contra Bildungshoheit der Länder? Wollte ich schon immer mal eine Lehrerin oder einen Lehrer fragen.

  2. fraufalke schreibt:

    Das ist das einzige, das die Wahlen nicht ändern können: Auf Kiel wird immer geflucht. 😉
    Ob meine Ansicht zur Bildungshoheit der Länder allzu aussagekräftig für den kompletten Berufsstand ist, wage ich stark zu bezweifeln. Jedoch ist es mir wirklich ein Dorn im Auge, denn es ist kaum möglich irgendetwas Vergleichbar zu machen, wenn es von Land zu Land derart unterschiedlich geregelt wird. Es ist nicht zu leugnen, dass Länder, die ihr System kaum ändern müssen, dadurch Vorteile haben. Ich kann gut verstehen, dass man hier irgendwann nicht mehr kann, wenn es die Erneuerung der Erneuerung der Erneuerung der Erneuerung einer Verordnung gibt. Allein die Tatsache, dass wir letztes Jahr Schüler nach zwei verschiedenen Prüfungsordnungen ins Abitur schicken mussten, ist ein Armutszeugnis. Und etwas als zentral zu bezeichnen, das in einem Bundesland aufgrund des Kurssystems, in einem anderen durch die Profiloberstufe entsteht, ist wohl auch nur Wortspielerei.
    Hmm, so ganz zufrieden bin ich mit der Antwort nicht. Aber ich glaube, dass das einen eigenen Artikel bräuchte, oder zwei, oder drei. Wahrscheinlich eher hundert. Und immer wieder neu.
    Die von mir sehr geachtete Oberstufenleiterin sagte einmal zu dem Thema: „Eine Verordnung, die solange Bestand hält, bis sie auch nur in Ansätzen umgesetzt werden kann, ist erfolgreicher, als wir hoffen durften.“

    • sunshinemuffin schreibt:

      Irgendwann blickt doch eh keiner mehr durch… vor allem, wenn eine neue Oberstufe gegründet wird, dieses Jahr Schüler nach diesen Verordnungen ins Abitur schickt, nächstes Jahr allerdings schon wieder mit ganz anderen, was nicht nur die Schüler verwirrt…
      Das Zitat merke ich mir 😉

  3. papierkriegerin schreibt:

    Hehe oh ja, das tut es. „Weisung aus Nürnberg“… Totschlagargument! Positiv: Gemeinsame Hassobjekte stärken das Gruppengefühl, es könnte also schlimmer sein…

  4. Pingback: Chemiehierarchie | sovielzumthemaschule

  5. krizzydings schreibt:

    In unserem „süßen“ stadtstaat ist immer die behörde (auch gern „die“ von der Behörde) schuld…“die da oben“ und „Straße +Nr“ scheine ich auch des öfteren gehört zu haben…Die Version mit der Adresse ist soweit ich weiss auch in Berlin weit verbreitet
    Bisher habe ich noch nichts Abfälliges über Hannover gehört, bin mir aber auch nicht sicher,ob es da im zweifellsfall auch immer gerne 2 Schuldige (also zusammen mit Lüneburg) gibt…

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