Anni schreibt ein Buch

Am heutigen Morgen (in einer fast erfolgreichen stillen Bearbeitungsphase) suchte Anni meine Aufmerksamkeit, nachdem sie davor schon die ganze Zeit mit ihrer Sitznachbarin getuschelt und zu mir hin gesehen hatte.

Ich hatte das Gefühl es würde über mich gelästert schnell zur Seite geschoben, aber man kennt das, ganz ist es natürlich doch nicht weggegangen.

Als Anni mich zu ihr winkte, ging ich zu ihr, blickte fragend zwischen den beiden Mädchen hin und her und wartete, bis sich Anni, die rot geworden war, in der Lage befand zu sprechen.

Die gute Anni will wissen, wie Frau Falke denn eigentlich mit Vornamen heißt. Sie fragt mit diesem gewissen schülertypisch leicht vorwurfsvollen Unterton, was hat die Lehrerin auch noch nie gesagt wie sie heißt?

Frau Falke will etwas sagen, wird unterbrochen. Denn Patrick kennt Frau Falkes Vornamen natürlich, denn er hat schließlich die Kürzelliste am Vertretungsplan gelesen. Gut, da kann er der lieben Anni ja weiterhelfen.

Ich für meinen Teil mache mir meine Gedanken dazu, denn ehrlich gesagt stört es mich nicht, wenn die Schüler meinen Vornamen kennen. Sie sollen mich bloß nicht bei diesem nennen.

Andere Kollegen haben damit größere Probleme. Denn erstens hätte man um die Kürzel zu erklären nicht die Liste mit den Vornamen aushängen müssen, zweitens ist das privat und drittens nutzen die Schüler dieses Wissen.

Nicht bei mir. Auch nicht bei den meisten anderen. Aber bei einigen.

Zum Beispiel bei der Kollegin Rondell. Sie heißt Babette und hat mit Schülern im Allgemeinen (also nicht nur mit meinen!) häufig Stress. Die Kids hören nicht auf sie, langweilen sich in ihrem Unterricht und machen dann Blödsinn. (Würde ich aber auch, wenn ich Schülerin bei ihr wäre, sie ist das leibhaftige alte-Geschi-Lehrerin-Vorurteil, dabei ist sie nicht einmal Dreißig.)

Und die Schüler nutzen ihr Wissen nun um die Kollegin herabzusetzen, indem sie sie Babette nennen, wenn sie glauben niemand würde sie hören. Aber nicht bloß Babette, sondern Bah-bett- tee. Das ärgert Frau Rondell natürlich sehr.

Und das wäre nie passiert, wenn die Liste nicht am Vertretungsplan hängen würde.

Zurück zu Anni, die meinen Vornamen mittlerweile auch weiß. Sie notiert ihn unauffällig in ihrem rosa Hello Kitty Block.

Deshalb frage ich einfach mal gekonnt desinteressiert, warum sie den Vornamen denn überhaupt wissen wollte.

Anni spielt mit ihrem Füller rum. „Naja, ich schreibe da an so einer Geschichte, die soll mal ein Buch werden. Da geht’s um so ein Mädchen und deren Probleme, halt, so das was einen beschäftigt in dem Alter. Und da ist ne Lehrerin, der ich noch einen Namen geben muss.“

Frau Falke nickt nur und denkt bei sich, dass hier bestimmt eine böse alle Schüler ärgernde Lehrerin gemeint ist, die als absoluter Lieblingsfeind das Mädchen unfair behandelt.

Anni errät den Gedanken. Verdammt, ich bin wohl nicht halb so unauffällig wie ich manchmal denke.

„Das ist gar nicht bös gemeint, die Lehrerin ist voll die Nette. Die kümmert sich richtig um die Schüler und so und merkt auch wenn es einem Kind schlecht geht.“

„Wie schön.“ Mit leicht schlechtem Gewissen sieht Frau Falke lächelnd zu Anni.

Die freut sich sehr und strahlt über das ganze Gesicht.

Vielleicht urteile ich manchmal zu schnell über Schüler. Eigentlich sind sie doch ganz brave.

Es grüßt ganz lieb,

Frau Falke

P.S.: Lieber Bah-bett- tee oder Frau Geschi?

P.P.S.: Ich frage mich um was es in diesem Buch geht. Was beschäftigt einen mit Dreizehn?

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
Dieser Beitrag wurde unter Irgendwie süß abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Anni schreibt ein Buch

  1. sunshinemuffin schreibt:

    Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich noch eher „Frau Geschi“ vorziehen – Bah-bett-tee klingt furchtbar, wenn ich mir das vorstelle, als Lehrerin von Schülern so genannt zu werden…
    Und zum Thema, was einen mit Dreizehn beschäftigen könnte: Einfach alles. Noch „Kinderkram“, aber eben auch schon so typisch „Teeniehaftes“, wie Liebe, Jungs etc. …

    • Frau Falke schreibt:

      Ich weiß nicht, ob mir das gefallen würde. Ich habe erstens nicht nur ein Fach studiert und definiere mich zweitens ja nicht bloß durch diese. Außerdem verliere ich da ein Stück weit meine Identität- es sitzen in der Fachschaft Deutsch soooo viele Lehrer. (Und ob ich mit denen allen gleichgestellt werden will… Hmm.)
      Was das Buch angeht, hoffe ich, es irgendwann einmal lesen zu können. Sie meinte nämlich, es sei mehr, als man so denken würde in meinem Alter (? ähem).

      • sunshinemuffin schreibt:

        Stimmt. Aber ob das Nennen beim Vornamen nun soviel besser ist? Allerdings habe ich das Schema Frau/Herr + Fach auch noch nicht angetroffen. Dafür allerdings einige Veränderungen des Nachnamens, vom Zusammenziehen von Doppelnamen (endet oft nicht sehr schmeichelhaft) bis hin zum einfachen Anhängen von einem -i. Am meisten beobachte ich aber doch das einfache Nennen beim Nachnamen.

        Bei dem Buch wäre ich sehr gespannt, zu erfahren, ob Sie es lesen konnten oder nicht. Meinem Deutschlehrer in der Mittelstufe habe ich dieses Privileg bis heute verwehrt (zum Glück, ich habe ihn jetzt in der Oberstufe wieder im Unterricht), aber wer weiß…

  2. Frau Falke schreibt:

    Am liebsten wäre es mir, wenn sie mich beim Nachnamen nennen würden, aber das ist so eine Sache, befürchte ich. Was sie momentan auch gern machen, ist die Sache mit den Spitznamen. Das ist prima, weil sie dann offen über Kollegen lästern können, ohne, dass wir eine Ahnung haben, um wen es geht. (Das glauben sie zumindest.)
    Einen Doppelnamen habe ich zum Glück nicht, das Zusammenziehen hätte mich echt genervt. Was ich allerdings auch nervig finde, ist so etwas wie ‚Frau Schütt-Karde‘ dann SK zu nennen. 😀
    Das Buch habe ich noch nicht zu lesen bekommen, aber ich hoffe, dass das noch mal was wird. Dann berichte ich natürlich davon. Jetzt erzähl aber mal, wie das mit dem Buch damals war, ich bin neugierig. 😉

    • sunshinemuffin schreibt:

      Oh ja, Spitznamen…^^
      Das mit dem Buch damals war ganz einfach so, dass ich im Unterricht eine Weile lang ständig ermahnt wurde, weil ich gelesen habe (hey, Deutschunterricht = Lesen, das ist doch eine ganz klare Assoziation). Nun gut, „Die Elfen“ von Bernhard Hennen hatte vielleicht nicht sooo viel mit dem Thema zu tun…
      Dann wandelte sich das und ich war am stetigen Rumkritzeln. Neugierig, wie Lehrer es nun einmal sein können, wollte mein Lehrer wissen, was ich da schreibe. Dass ich mitschreiben könnte, auf die Idee ist er anscheinend gar nicht erst gekommen. Aber war ja auch nicht so. Ich antwortete also wahrheitsgemäß, dass ich an meinem Buch schreiben würde, die Handlungsstränge hätte ich schon ausgearbeitet und nun sei ich beim ersten Entwurf und außerdem sei meine Freundin meine Lektorin, wir hätten schon einen Vertrag abgeschlossen. Da hat er mich erstmal angeguckt 😀
      Er hat dann um Erlaubnis gebeten, das Werk lesen zu dürfen. Nein sagen konnte ich ja schlecht, also habe ich ihn vertröstet… bis heute. Er hat es sicherlich schon vergessen 😀
      Aber vielleicht schenke ich es ihm ja zum Abschied, wenn ich dann mal mein Abitur habe… Möglich ist alles 😀

      • Frau Falke schreibt:

        Das klingt doch sehr vertraut… Ich glaube nicht einmal, dass dein Lehrer es unbedingt vergessen haben muss. Zum Abschied so etwas zu verschenken ist immer sehr nett, und eine schöne Erinnerung. Meiner ehemaligen Mathelehrerin haben wir ein Buch mit allen Sprüchen aus dem Unterricht geschenkt, lustige Situationen und anderes. Sie erzählt mir immer noch davon, wenn ich mal bei ihr zu einem Kaffee vorbei komme.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s