Einer muss ja – also ich

„Du-hu,“ begrüßt mich die Kollegin Debian trällernd, was ich an diesem Morgen als ganz besonders nervig empfinde. Wenn sie jetzt ein „Du hast mich doch gern, oder?“ anfügt, springe ich aus dem Fenster.
Oder gehe raus und springe ein bisschen auf der einsturzgefährdeten Brücke herum, mal sehen.

„Hmm?“ erkundige ich mich und überlege, wie ich meine Nicht-Bereitschaft zur Kommunikation mit meinen Mitmenschen noch deutlicher zum Ausdruck bringen kann, als am Tisch zu sitzen und meinen Kopf unter meinen Armen zu vergraben.
Frau Debian scheint das zumindest nicht komplett entgangen zu sein, denn sie schiebt mir eine Tasse Kaffee entgegen.
„Ich wollte fragen, ob du nicht Lust hast mit mir ins Kino zu gehen.“

„Kino?“ Ich ziehe die Tasse zu mir, bevor sie auf die Idee kommt mir den Kaffee wieder wegzunehmen. Habe ich schon erwähnt, dass ich heute keine besonders gute Laune habe?
„Ja, ich wollte mit meiner Klasse in einen zum Unterrichtsthema passenden Film gehen und eigentlich wollte Frau Miller mitkommen, aber die ist abgesprungen.“ gibt die Referendarin zu.
„Abgesprungen?“ erkundige ich mich, weil mir zu mehr irgendwie die Lust fehlt. Und ich ahne auch schon, worauf das hinauslaufen wird.
„Also ehrlich gesagt war sie bis zuletzt guter Dinge, aber sie meinte jetzt neulich zu mir, dass sie den Teufel tun wird und mit diesen undankbaren Monstern den Fuß vor die Tür setzen.“ Frau Debian zuckt mit den Schultern.

„Das hat sie wortwörtlich so gesagt, oder?“ Ich schaffe es meinen Kopf von dem Tisch zu heben und sehe sie an.
„Schon, ja.“
Ich lasse meinen Kopf wieder auf den Tisch sinken, meine Tasse kann ich auch aus dieser Position heraus beobachten.
„Kann ich ihr nicht verdenken.“

Frau Debian schüttelt den Kopf und versucht es erneut. „Würdest du denn mitkommen? Ich meine, ich würde auch die gesamte Planung übernehmen, die Elterninformation drucken und von mir aus auch austeilen, ich würde dich direkt von der Haustür abholen und hinfahren und du müsstest praktisch nur deinen Schülern Bescheid sagen.“
„Und mitkommen.“ ergänze ich, womit ich sie völlig aus dem Takt bringe. Verwirrt sieht sie mich an und verzieht den Mund, die Stirn in Falten gelegt.
„Wie…?“
Ich hebe meinen Kopf wieder, finde mich gemein, dass ich sie so schwimmen lasse, und frage mich, warum ich nicht eine der Kolleginnen bin, die von Anfang an klargemacht hat, dass sie nicht mit den Referendaren sprechen will. Das würde mir einiges ersparen.
Und dann finde ich, dass dieser Gedanke ebenfalls gemein war und schäme mich dafür. Drei Stunden Schlaf sind wohl einfach zu wenig für mich.

Frau Debi…Leslie, schon gut.“ beruhige ich sie, schließlich kann sie ja nichts dafür, dass ich so schlechte Laune habe, und trinke einen Schluck Kaffee. Gehe ich also mit, einer muss ja.
„Wann soll das Ganze denn stattfinden?“
„Wir hatten diesen Freitag anvisiert, aber wenn dir das nicht passt,“
Ich winke ab. „Nein, kein Problem, Freitag ist spitze. Sag mir nur wann und wo, ich informiere meine Klasse und die Eltern, dann wird es schon klappen.“
Frau Debian strahlt mich an. „Danke, ich wusste, dass du nicht Nein sagst.“

Das wusste ich irgendwie auch. Warum habe ich noch gleich hochgesehen?

Die Kollegin ist kaum weg, mein Kopf wieder unter meinen Armen vergraben und ich am hadern mit mir und der Welt, da lässt sich Frau Corr auf der anderen Seite auf den Stuhl neben mir sinken und schiebt mir einen Kaffee rüber.
„Frau Falke?“
„Hmm?“ signalisiere ich, dass ich sie zumindest gehört habe, versuche aber so viel Negatives mitschwingen zu lasse, dass sie erst gar nicht auf die Idee kommt weiter mit mir zu sprechen. Das macht sie dann leider trotzdem, natürlich.
„Könnten Sie mir einen Gefallen tun?“
„Einen Gefallen?“ spule ich mein Standard Frage-und-Antwort-Spiel ab.
„Ja.“

„Würden Sie in der zweiten großen Pause für mich Aufsicht führen? Ich habe etwas Wichtiges zu erledigen.“ Sie sieht mich abwartend an, da ich nicht schnell genug antworte, fügt sie hinzu: „Mit Christian.“

Ach klar, sie sind ja wieder zusammen, die beiden. Hätte ich mir eigentlich denken können. Aber warum muss ich das dann übernehmen? „Es fällt doch eh keinem auf, wenn niemand Aufsicht führt.“
„Oh doch,“ antwortet die Kollegin auf meine Aussage, von der ich geglaubt hatte, dass ich sie nur in meinen Gedanken gestellt hätte. „allein wegen der Versicherung.“
Ich ziehe den Kaffee näher zu mir und ärgere mich, dass der Mensch unfähig ist aus einer Tasse zu trinken, wenn er sein Kinn auf dem Tisch hat. Blöde Anatomie.

„In Ordnung, ich mach’s.“
Sie sieht mich freudestrahlend an. „Echt? Das ist sehr nett von Ihnen, wirklich. Danke, vielen Dank.“
Und Frau Corr steht auf und ist schon fast aus der Tür draußen, als sie sich nochmal umwendet.
„Denken Sie dran, ja? Heute, zweite große Pause, Unterstufenschulhof.“            „Draußen?“ frage ich, auch wenn ich weiß, dass sie schon längst über alle Berge ist, und lasse meinen Kopf wieder sinken.

Draußen ist es so warm. Und voll. Und dann auch noch der ganze Terz mit diesem neuen Spiel, dass die Kleinen spielen… Aber einer muss ja. Warum nicht ich.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Wenn jemand die menschliche Anatomie überlistet bekommen hat oder mir zu erklären vermag, wie ich mir Kaffee intravenös zuführen kann, meldet der sich bitte bei mir, ja?

About these ads

Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
Dieser Beitrag wurde unter Dumm gelaufen abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu Einer muss ja – also ich

  1. frlstreberlin schreibt:

    Kaffee intravenös? Mh… dann geht ja der Genuss flöten… wenn das kein Problem ist: Koffeintabletten. Wirken wirklich :)
    Schien ja ein richtig böser Tag zu sein :(
    Um welchen Film ging es denn?

  2. verlorenesschaf schreibt:

    Sehe ich das richtig…? Man kann sie mit Kaffee bestechen? Oo

  3. annettchen schreibt:

    Kann es sein, dass du einen Sprachfehlr hast? (=du kannst nicht nein sagen ) :-)

  4. michael schreibt:

    Üben Sie mal schön fleissig: “Nein, Nein, Nein, Nein Nein, Nein, Nein, Nein, Nein Nein, …..”
    Aber richtig einsetzen:

    “Können Sie für mich Vertretung machen?” –> “Nein”
    “Wollen Sie mal eben freiwillig Kaffee kochen?” –> “Nein”
    “Können Sie nicht mit ihrer Klasse unters Dach ziehen?” –> “Nein”
    “Darf ich Ihnen einen Zigarette anbieten?” –> “Nein”
    “Brauchen Sie eine Gehaltserhöhung?” –> “Ja”

  5. Nele Abels schreibt:

    NWarum benutzt du ein Binnensigma für ein “o”, ein Ny für ein “v”, ein Epsilon für ein langes “e” etc.?
    Geheimschrift?

    • Frau Falke schreibt:

      Nein, eine kindische Spielerei, der ich verfiel. Ich war deprimiert und wollte mich damit aufheitern, weil die Teenies das auch so gern machen. Aber ich werde dafür seitdem von allen Seiten geschimpft…
      Vielleicht mache ich es wieder weg. Wenn ich es nicht mehr so dringend zur Aufheiterung brauche.

  6. Nadine schreibt:

    Das war wohl frei nach dem Motto “Du hast Recht und i hab mei Ruh”, nur umgewandelt in “ich sag Ja und Du lässt mich in Ruh!”
    Müde keine Zusagen machen! Das ist nicht gut!!!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s