Zu meiner Schulzeit IV

Der vierte Beitrag zu der Reihe “Zu meiner Schulzeit” stammt von Wolfy, die mich schon beim ersten Lesen durch die vielen Facetten, die ihre Geschichte hat, faszinierte.  An vielen Punkten sehe ich hier Redebedarf, und nicht nur eine Sache fühlt sich für mich an, als müsse sie von vielen Seiten beleuchtet werden.
Ich bin gespannt, was ihr sagt, denn ich denke einige der angeschnittenen Themen sind auch hier schon mehrmals behandelt worden. Mobbing, die Hilflosigkeit eines Lehrers dem Ganzen gegenüber, die wir schon bei Sarah deutlich gesehen haben, aber auch das Überfragtsein der Mutter und die Wandlung bei einigen der Mitschüler. Doch lest selbst.

 

 

 

Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich schon immer eine ruhige Person gewesen war. Und schon immer eine sehr wehleidige dazu. Nach meinen letzten Umzug in der Kindheit während der Osterferien im 2. Schuljahr, war ich ungefähr ein halbes Jahr lang an meiner neuen Schule ein wenig beliebt. Nicht sehr besonders – aber ich hatte meine Ruhe, man bezog mich ein, wählte mich im Schulsport mit in die Teams etc.

Mit Beginn der dritten Klasse kam aber Ruslana ebenfalls in die Klasse. Ruslana war eine migrierte Umschülerin aus Russland, die nur gebrochenes Deutsch konnte. Sie war ein Jahr älter als wir, etwa so groß wie unser damals größter Junge und eine falsche Schlange.
Als naives, junges Mädchen, dass ich damals war, wollte ich Ruslana helfen sich in der Klasse zurecht zu finden. Sie saß neben mir, ich lies sie mit in meine Bücher schauen bis sie ihre eigenen bekam, half ihr, wenn sie etwas nicht verstanden hatte und beim Dauerlauf liefen wir gemeinsam. Das war nicht unbedingt alles aufgezwungen – oft bat sie mich auch um Hilfe.
Als sie sich dann eingelebt hatte, wurde sie schnell zu einer beliebten Schülerin der Klasse. Und hatte mich ab da an auf den Radar als Klassenopfer. Wie gesagt: ruhiges Mädchen, dass man schnell zum weinen bringen kann.
Und ich war ein gutes Opfer. Verschwanden meine Schulsachen, war ich aufgeschmissen. Die Mädchen lachten mich aus, schubsten mich herum, stellten mir Beine, kippten Müll in meinen neuen, teuren Scoutranzen. Klauten meinen Lamyfüller. An den kann ich mich noch gut erinnern. Der Deckel war rot, ansonsten war der Stift in Holzoptik gehalten. Der war damals recht beliebt. Und teuer. Und der war weg. Und ich habe ihn nie wieder gesehen.
Die Jungs gingen etwas härter zu. Da wurden Fäuste und Tritte eingesetzt. Gerne in der Gruppe.

Meiner Mutter stand dem hilflos gegenüber. “Wehr dich doch!”, war da die Rede. Versuchte ich. Und brachte genau gar nichts. Es wurde eher noch schlimmer.
Irgendwann war es nicht nur die eigene Klasse, sondern auch die beiden Parallelklassen. Und dann die Klassenverbände aus dem Vor- und Folgejahr. Ich hatte also keine Ruhe mehr – bis zur neunten Klasse.

9. Klasse – wir hatten Vertretungsweise irgendwann eine Lehrerin, die ich mal im selben Fach in der siebten Klasse hatte. Sie kam nach dem Unterricht zu mir, fragte was los sei. Als ich sie verwirrt ansah, meinte sie, dass das heute eigentlich genau mein Thema gewesen wäre. In der siebten war ich da aufgeblüht, habe mit gemacht. Jetzt hätte ich nur unmotiviert zugehört. Damals ging mir auf, dass meine aktive Unterrichtsbeteiligung gegen 0 tendierte.
Kurz darauf sorgte meine Klassenlehrerin und Deutschlehrerin weiter für Ruhe, in dem sie uns einen Text zu lesen gab, der über Mobbing handelte. Aus dem Sicht des Opfers, dass sich am Ende selbst um brachte. Drei Wochen drehte es sich nur um diesen Text – mit den Ergebnis, dass die vernünftigeren Mädels und Jungen endlich abliesen. Die Idioten machten weiter, bis meine Mutter – und ich schäme mich das hier zu schreiben – einen Schläger engagierte, als ich nicht mehr zur Schule gehen wollte. Ich kannte den jungen Mann. Drogenprobleme. Schlechtes Elternhaus. Bereits mehrmals zurückgestuft. Sein letztes Jahr an der Schule. Art Türsteher. Und er verehrte meine Mutter gerade zu, weil sie ihm zuhörte und ihm half, von den Drogen weg zukommen.
Er schritt eines Tages zielsicher zu dem Anführeridioten, nagelte ihn an die Wand und sagte ihm die Meinung. Es gab keine Prügel und es bliebt bei dieser einen Aktion (zum Glück). Danach hatte ich ein Jahr Ruhe. Komplett.
Kurz vor den Prüfungen ging es wieder los. Allerdings nur dezent und eher motivationslos. Denn inzwischen schoben sich da einige Mitschüler dazwischen, wenn jemand gegen mich vorgehen wollte. Sie wollten nichts weiter mit mir zu tun haben – aber immerhin endlich mal so etwas wie ein Klassenverband auch mir gegenüber.

Ich ging mit der 10. Klasse mit meinen Erweiterten Schulabschluss ab. Als Klassenzweitbeste. Ich habe nie mehr etwas von ihnen gehört – aber ich sie haben einen doch recht positiven Schülerzeitungseintrag über mich geschrieben. “Nerven aus Stahl”, schrieben sie da. An den genauen Text erinnere ich mich nicht mehr – aber ich weiß noch, dass sich fast alle persönlich verabschiedeten, als ich die Abschlussfeier verließ. Mit Handdruck. Was deutlich mehr war, als ich jemals zu vor von ihnen bekommen hatte.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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18 Antworten zu Zu meiner Schulzeit IV

  1. michael schreibt:

    > Er schritt eines Tages zielsicher zu dem Anführeridioten, nagelte ihn an die Wand und sagte ihm die Meinung.

    Nun ja, aber wenn nichts anderes mehr hilft, kann man das akzeptieren.

    Bemerkenswert ist jedoch, dass der Lehrkörper mehrere Jahre lang nichts davon mitbekommen hat.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich frage mich, ob die Lehrerin, die den Text über Mobbing einbrachte, wusste, was los war, oder nur ein Gefühl hatte. Denn wenn sie es wusste, war das ein nicht ausreichender Versuch das zu unterbinden.

      • michael schreibt:

        So hatte ich das verstanden. Aber man muss natürlich wissen, wann dies passierte, ob die Mutter mit der Schulleitung darüber sprach usw. Früher stand man dem Mobbing ja ziemlich gleichgültig gegenüber. Das ist jedenfalls besser geworden.

        • Frau Falke schreibt:

          Ich glaube, damals hat man es anders gesehen und auch der Begriff des Mobbings war nicht derart geprägt. Dennoch kann doch auch schon “früher” auf Unruhen in Klassen reagiert worden sein.

  2. apanat schreibt:

    Ein englischer Headmaster, von der Stellung gegenüber seinem Kollegium her etwas mehr als ein deutscher Schuldirektor, schrieb einmal mit allen Zeichen der Zustimmung, in einem besonders schlimmen Fall von Mobbing sei der Vater des – italienischen – Schülers auf den Schulhof gekommen und habe dem Hauptmobber gesagt: “Wenn du noch einmal etwas gegen meinen Sohn unternimmst, bring ich dich um!” Das habe gewirkt.
    In meiner Schulzeit sagte der Direktor in einer Ansprache vor der gesamten Schülerschaft, die “guten Elemente” sollten die “bösen” unterdrücken. Ich empfand das damals nicht als hilfreich.

    Es gibt kein Patentrezept außer einer echten Solidarität zwischen Lehrern und einer zwischen den Schülern, das heißt einer, die die gegenwärtig Schwachen nicht ausschließt. Da die selten ist, muss man von Fall zu Fall die Wege suchen, die begehbar sind.
    Das heißt nicht, dass man in jedem Fall einen findet. Insofern fühle ich mit der Mutter, die den Schläger engagierte.

    • Frau Falke schreibt:

      Ich finde den Weg der Mutter absolut nicht begehbar, aber ich kann es nachvollziehen, wenn ich mir vor Augen halte, wie wenig andere Lösungen ihr aufgezeigt worden sind und wie wenig Unterstützung/ Rückmeldung von Seiten der Schule hier erfolgten.

  3. datmomolein schreibt:

    ich denke, die geschichte ist sicher kein einzelfall, jeder hat wohl einen mehr oder minder schweren fall erlebt. ich war auch so ein stilles kind, mein vater meinte nur lapidar, man darf nicht zeigen, dass es einen ärgert. klingt nach einem dämlichen rat, aber irgendwie hat’s geholfen. aber es hat auch dazu geführt, dass ich meine freunde ausserhalb der schule suchte. ich bin zum lernen in die schule und nicht mehr, ich hatte bekannte, aber selten gute freunde dort. und wie dort, haben es glaube ich ein großteil mener lehrer nicht mitbekommen, bei einigen bin ich mir sicher, man wollte es auch nicht mitbekommen.
    ich kann also die mutter sehr gut verstehen, und ich erinnere mich an einige szenen, wo ich mir ein solches verhalten meiner eltern gewünscht hätte, im endeffekt war es sicher besser so. ich hoffe udn denke, dass lehrer heute besser für das thema sensibilisiert sind, kann mir aber vorstellen, dass auch sie öfter dem thema etwas hilflos gegenüber stehen…

    schade finde ich allerdings bis heute, dass es meist die kinder erwischt, die schon früh eine hohe sozialkompetenz haben und eigentlich nur helfen wollen, und sich in andere situationen (neue schüler in der klasse etc) reinversetzen können…

    • Frau Falke schreibt:

      >schade finde ich allerdings bis heute, dass es meist die kinder erwischt, die schon früh eine hohe sozialkompetenz haben und eigentlich nur helfen wollen, und sich in andere situationen (neue schüler in der klasse etc) reinversetzen können…

      Oh ja, das sehe ich ebenso. Oft können auch diejenigen, die gemobbt werden, genau erklären, warum ihr Gegenüber derart reagiert und welche Defizite es damit ausgleichen will.

  4. Wolfy schreibt:

    Ihr dürft nicht vergessen, dass das ein stark gekürzter Text ist. Das Original ist länger und ebenfalls im Netz zu finden. Ich habe den Auszug dem Fälkchen zur Verfügung gestellt, weil ich nichts anderes mehr mit der Schule verbinde und der Ursprungstext ewig lang ist. Er ist an der Stelle oben auch noch nicht beendet. Es fehlen dann ja noch 6 Jahre Ausbildung.

    Die Lehrer haben immer etwas versucht. Es gab Lehrer, die für Ruhe sorgten, in dem sie mich aus den Klassenraum warfen und vom Unterricht für diese Stunde aus schlossen. Es gab Lehrer, die aktiv dazwischen gingen und die das Ganze schlimmer machten, weil meine lieben Mitschüler dann umso mehr loslegten, wenn ich allein war.
    Die oben genannte Lehrerin mit dem Text war meine Klassenlehrerin, unterrichtete Deutsch und Sport und war auch eine der beiden Vertrauenslehrerinnen meiner Gesamtschule. Sie versuchte vieles – persönliche Gespräche, Ansprachen im gemeinsamen Unterricht, etc. pp.
    Der besagte Text war quasi der letzte vieler Versuche. Und endlich einer, der auch mal ein wenig fruchtete. Sie machte auch danach weiter – und die meisten Lehrer zogen auch mit, in dem sie das Thema Mobbing auf die eine oder andere Weise in ihren Unterricht integrierten.

    Aber wenn die Schüler es nicht lernen wollen, dann haben die Lehrer wenig Möglichkeiten. :/

    • Frau Falke schreibt:

      Wenn die Schüler es nicht einsehen, haben die Lehrer noch immer einige Möglichkeiten, Schulpsychologe, Therapiesitzungen, ein Herausnehmen aus der Klasse… Es gibt einiges, das getan werden kann, aber dafür braucht man Unterstützung von vielen Seiten.

  5. annettchen schreibt:

    Das war ja eine furchtbare Zeit!
    Es ist nicht zu verstehen, dass Kinder so grausam sein können. Was treibt diese Kinder und Jugendliche? Die Macht der Gruppe? Gemeinschaftsgefühl durch Schaffung eines gemeinsamen Feindes?
    Wären meine Kinder so schikaniert worden, hätte ich direkt zu Beginn der Aktionen die Schule eingeschaltet. Wenn das nichts nützt, dann bleibt nur der Weg über die Strafanzeige.

    • Frau Falke schreibt:

      Leider bleiben viele Eltern untätig, wenn es um dieses Thema geht. Schon oft haben wir uns im Kollegium mit Aussagen auseinander gesetzt wie “Die stellt sich nur an.”, “Er wird sich schon irgendwann zur Wehr setzen.” oder “So schlimm ist das gar nicht, wir haben uns früher auch gekabbelt.”.

      • annettchen schreibt:

        Vielleicht liegt es daran, dass der Begriff Mobbing arg ausgereizt ist.
        Ich bin seit Jahren als Elternpflegschaftsvorsitzende tätig und habe auch schon das andere Extrem erlebt. Eben, dass jede Kabbelei oder Ärgerei als Mobbing bezeichnet wird. Damit tut man seinem Kind auch keinen Gefallen.
        Es ist eben ein sehr schwieriges und sensibeles Thema.

        • Frau Falke schreibt:

          Die Diskussion haben wir auch immer wieder, vor allem, nachdem Mobbing eine Zeit lang ja beinah “in” gewesen ist. Die Sache ist einfach, dass wir dennoch einen Weg finden müssen vernünftig mit dem Thema umzugehen.
          Aber wie du es richtig sagst, es ist und bleibt ein sehr sensibles Thema.

  6. nadineswelt schreibt:

    Hoffe, Du hast meine Antwortmail erhalten, Frau Falke, denn ich musste von einer anderen Adresse antworten – die alte Adresse wollte warum auch immer nicht. That´s high tech.

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