Bandabend

Das Auen-Gymnasium meiner Heimatstadt fiebert den Ferien entgegen, alle wichtigen Arbeiten sind geschrieben, an den Noten ist eh nichts mehr zu ändern und die ganzen anstrengenden Wochen sind endlich vorbei. Der Schulmorgen startet später, der Tag der offenen Tür muss angemessen zelebriert werden, den Abschluss bildet der Bandabend, und genau zu diesem bin ich eingeladen worden.

Lina wartet auf mich vor der Schule, sie ist in einen bodenlangen Mantel gehüllt und sieht mich aus großen Rehkitzaugen an. Erst denke ich sie würde frieren, doch sie lächelt und umarmt mich kurz. Gemeinsam betreten wir das Gymnasium, aus dem die letzten Besucher den Weg noch nicht gefunden haben und betreten das Lehrerzimmer.

Neben einem gutgebauten Mann mit dunklem Haar und einer älteren Frau mit gebatiktem Kleid steht Katharina an einem der Tische und redet in dem breiten Berlinerisch, das ich an ihr so liebe. Sie hält ein Glas Wein in der Hand und trägt die gewohnte Kombi an Bandshirt und unifarbenem Rock. Ich werde begrüßt, vorgestellt, bin sogleich heimisch. Die Atmosphäre hier ist angenehm, ich komme gern her.

Als die erste Band mit halbstündiger Verspätung beginnt, unterbrechen wir schweren Herzens die Gespräche, lassen den Kuchen stehen, welche eine Kollegin „gerettet“ hatte, wie sie es ausdrückte, und stellen uns an das Geländer am Forum. Es sieht toll aus, die gefüllte Aula in Licht und wechselnden Farben, Schüler, wenige Eltern, die Jungs auf der Bühne. Die Band ist dieselbe, welche auch beim Wettbewerb zuerst gespielt hat, nur ist der Sänger leider nicht besonders gut zu verstehen.

Der Kollege, welcher beim letzten Mal kritisiert wurde sein Urteil beim Wettbewerb sei unlauter gewesen, ist heute super gut gelaunt. Also – wirklich, wirklich gut. Er spricht alle an und umarmt Schüler…  Er riecht stark nach Alkohol, und ich meine nicht den halben Schluck Wein, den man sich im Lehrerzimmer geteilt hat. Der Physikkollege kümmert sich unauffällig darum, geredet wird trotzdem.

Ebenso zum Opfer der Lästereien wird die neuste Referendarin, die zu Beginn  wohl von vielen Schülern angehimmelt wurde – sie sieht aus wie Siebzehn, kleidet sich verspielt und ein wenig neckisch, trägt figurbetonte Kleider und hat einen durch das Ballett trainierten Körper. Sie schminkt sich, sie trägt Schmuck, sie… Ist zickig. Zwei Wochen hat es gedauert, und der Superstar der Schule war eine zickige Tussi mit anstrengendem Unterricht. Was da dran ist, weiß ich nicht, aber ich finde es sehr aussagekräftig. Und ich frage mich, ob ihr da nicht ein wenig Unrecht getan wird.

Die zweite Band beginnt zu spielen, eine Schülerin ohrfeigt den Jungen, mit dem sie zuvor gestritten hat, und flüchtet aus dem Forum. Ich blicke ihr irritiert nach, Lina läuft ihr hinterher und das nächste Lied beginnt. Die Frau mit dem gebatikten Kleid stellt sich neben mich, sie seufzt. Draußen steht die halbe Mittelstufe und raucht, seufzt sie, aber nicht mal das gute Zeug, so wie sie damals.

Katharina kommt auch wieder, sie hat den Streit von ein paar Schülerinnen geschlichtet. Irgendwas mit einem Geldschein, der auf dem Tisch lag und jemandem, der auf dem Tisch gesessen hatte und somit für schuldig erklärt worden war die fünf Euro eingesteckt zu haben. Sie verdreht die Augen, es würden sich schon wieder beruhigen. Sie zwinkert dem sportlichen Mann neben sich zu, er legt seinen Arm nur kurz um ihre Hüfte, aber es reicht schon um einiges auszusagen.

In der Umbaupause vor der letzten Band gibt es in der Halle eine Besonderheit: Ein Klavier wird von einem jungen Musiklehrer hereingeschoben, der eine wunderliche Perücke aufhat. Er beginnt zu spielen, ein Schüler tritt an ihn heran, wippt erst mit, schüttelt dann den Kopf. Der Schüler setzte sich neben den Lehrer und beginnt selbst zu spielen, eine andere Melodie. Der Mann nimmt die Herausforderung an und wieder wandern seine Finger über die Tasten. Ein paar komische Elemente sind in der Vorführung, dann wieder beeindruckende Zusammenspiele, und ich sehe Lina wieder, die bei ein paar Kollegen steht und lächelt, Katharina, die mit einem Fotoapparat bewaffnet dem Schulfotografen Konkurrenz macht und immer wieder amüsierte Blicke zu den anderen wirft. Die Schüler sind begeistert, die Kollegen freuen sich über die Show, die ihnen geboten wird. Nur die unscheinbare Referendarin blickt zu dem Sportlehrer, der so wenig von ihr hält, und sieht ein bisschen traurig aus.

Die Band dreht nochmal auf, aber man merkt, dass nach so einem langen und anstrengenden Tag die Luft bei Schülerschaft und Kollegium draußen ist. Der Hausmeister beginnt schon aufzuräumen, während die letzten Klänge noch verhallen. Es ist süß, wie sich die Schüler bedanken. Die Menschenmenge löst sich Stück für Stück auf, nach allen Seiten wird die Schule verlassen, der Heimweg gesucht. Eine Stunde verbringe ich im Lehrerzimmer, die Reste des Bandabends müssen auch hier beseitigt werden, dann verabschieden wir uns. Dieses Mal ohne weitere Vorkommnisse. Und ich freue mich über einen gelungenen Bandabend, denn manchmal brauchen wir nicht mehr.

Es grüßt ganz lieb

Frau Falke

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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6 Antworten zu Bandabend

  1. Nicole schreibt:

    Schön, dass es ein erfolgreicher Bandabend war :-)

  2. pausenkaffee schreibt:

    Das ist ein seeehr positiver Artikel :) Freut mich, dass auch ab und an noch tolle Sachen geschehen, die berichtenswert sind!

  3. frl_wunder schreibt:

    Sie haben echt ´ne Beobachtungsgabe, wow. Gibts auch irgendein Detail, das Ihren Adleraugen entgeht? ;-)

    Ich kann mich Pausenkaffee nur anschließen, finde es bewundernswert, wenn Schüler, Eltern und Lehrer in so großer Anzahl erscheinen. Zeigt ja auch, dass sie sich mit der Schule identifizieren. Was man nicht von jeder Schule sagen kann…

    Und was läuft mit Katharina und dem sportlichen Typ? *neugierig frech guck*

    • Frau Falke schreibt:

      Ich befürchte ehrlich gesagt, dass meinen Augen mehr entgeht als auffällt – wobei sich meine Schüler immer beschweren, weil man angeblich nicht mal atmen könnte, ohne, dass ich es mitbekomme. ;)
      Dass so viele dorthin gekommen sind, finde ich auch schön, in der Schule scheint man diesbezüglich aber eh sehr engagiert. Das bräuchten wir an unserem Gymnasium auch…
      Katharina und der Sportlehrer, was da los ist, frage ich mich auch. Angeblich nichts, aber wenn man ihm zugehört hat und sie angesehen, da wirkte es doch ein wenig anders. Die Geste war auch vertrauter, als sie sein musste. :) Aber wenn da was ist, wird sie es mich schon irgendwann wissen lassen. Und gönnen würde ich es beiden sehr.

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