Denk darüber nach

„Darf ich dir einen Kaffee anbieten?“ erkundige ich mich bei ihm und stelle Nicolas Clemens wenig später eine dampfende Tasse vor seine aufgestützten Unterarme. Er hat die Hände ineinander gelegt, auch wenn er lächelt, wirkt er irgendwie anders.
Sein Besuch ist für mich noch immer überraschend, ob er kurz vorbei kommen könne, hatte er gefragt, und ich zugestimmt, schließlich würde er schon seine Gründe haben. Jene Gründe hat er dann wohl auch, denn er beginnt seine Ausführungen mit der offenstehenden Erklärung, dass es ihm wichtig gewesen sei mit mir darüber zu sprechen, dieses Thema aber vielleicht nicht gerade in der Schule zwischen dem ersten und zweiten Klingeln zu erledigen sei.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, welche wahnwitzigen Ideen in meinem Kopf mir eine Berechtigung gaben ihn an meinem Esszimmertisch mir gegenübersitzen zu haben. Aber sie waren auf jeden Fall nicht das, was nun folgt, soviel ist sicher.
„Können wir ehrlich miteinander reden?“ erkundigt er sich mit schwerem Blick und fester Stimme.
Ich lächle ihn an und trinke an meinem Tee. „Es wäre mir neu dich jemals wissentlich getäuscht zu haben.“
Er schüttelt kaum sichtbar den Kopf. „Können wir ernsthaft reden?“
Und da erlischt mein Lächeln und ich nicke, weil ich eigentlich schon weiß, dass mir nicht gefallen wird, was er zu äußern gedenkt.

„Mir ist bewusst, dass du glaubst, wir würden es nicht sehen.“ Diesen Satz lässt er schmerzhafte Sekunden unkommentiert, doch gerade nicht lange genug, dass ich etwas hätte erwidern können. „Ich weiß, dass du glaubst, uns würden die Tränen entgehen, weil du dich nachschminkst, und die geröteten Augen am Morgen kämen von einer Allergie. Aber wir sind nicht so dumm- wir haben es längst bemerkt.“
Fassungslos blicke ich ihn an, bin auf dem Stuhl nach hinten gerutscht, habe meine Beine angezogen.

„Du denkst keiner würde dein Spiel durchblicken, weil die Kollegen zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind um auf andere zu achten und deine Schüler, deine ach so geliebten Klassen, die immer wissen, wie es in deinem Leben aussieht, nichts gesagt haben. Nur leider bedeutet das nichts, die Kinder nicht, wir nicht. Du machst dich kaputt, und wir sehen zu, alle. Aber da mache ich nicht länger mit. Ich habe keine Lust noch eine Kollegin zu verlieren.“

„Sandra,“ beginne ich seinen Gedanken zu beenden, der wohl in eine ganz andere gegangen wäre, als ich geglaubt hatte.
„Lass doch Sandra aus dem Spiel. Sie gestorben, ja, und seit sie tot ist, muss sie als Ausrede für alles und jeden herhalten. Ja, sie ist gestorben, und ihr Tod ist ein Verlust, ein schlimmes Trauma. Aber ihr alle müsst anfangen endlich wieder Verantwortung für euer Handeln zu übernehmen.“

Wir reden sehr lange miteinander, länger, als ich glaube es auszuhalten, und er trifft einen Nerv, den ich zu schützen versucht hatte. Doch er scheint hinter die Fassade blicken zu können, und alles, was er äußert, geht an meinen Phrasen, den schützenden und den belustigenden, vorbei. Er benennt, was ich nicht hören möchte, und das ich bei allen anderen mit einem Augenverdrehen fortgewischt hätte.
Nach zweieinhalb Stunden geht er, wir verabschieden uns an der Haustür. Er bietet mir an morgen noch mal vorbei zu kommen, doch ich werde nicht da sein.
„Es tut mir Leid dich so aufgewühlt zu haben. Doch denke darüber nach. Ich werde nicht noch eine gute Lehrerin an den Beruf verlieren.“ Er umarmt mich und hält mich kurz fest, er ist warm und angenehm und gibt mir ein seltsames Gefühl der Geborgenheit. Nur kurz.
Nicolas streicht eine Strähne aus meinem Gesicht und lächelt sanft. „Versuch über meine Worte nachzudenken, um mehr bitte ich dich nicht. Und sprich vielleicht mal mit deinem Freund darüber.“

Ich nicke und er geht, läuft ein paar Stufen herunter, als ich ihm noch sage: „Wir machen so etwas nicht. Wir sprechen nicht so über die Schule.“
Er legt die Stirn in Falten, eine Stufe, zwei, drei, dann ist er wieder auf meiner Höhe und sieht mich tief durchdringend an. „Was soll das heißen? Nicht so? Wie denn sonst?“
„Keine Ahnung.“ sage ich, finde es unangenehm ihm das gesagt zu haben, wende ich mich ab.
„Wie redet ihr sonst über die Schule, wenn nicht so? Ich meine, das ist einer der Aspekte, die dich am meisten ausmachen. Diese Wahrnehmung der Schule. Die Schwierigkeiten, die Probleme.“
„Tut mir Leid.“ versuche ich abzuwenden, dass er nachfragt. Sein Blick ist jedoch viel schlimmer als jeder verbalisierter Gedankengang es sein könnte.

Er nimmt mich am Oberarm und führt mich zurück in die Wohnung, als sei es die seine. Erneut setzen wir uns, und er löst seine Augen nicht von mir. „An was hast du eben gedacht, als ich das wissen wollte? Irgendwo hingst du mit deinen Überlegungen, sag es mir.“
Mit einem leichten Schulterzucken versuche ich es so zu formulieren, dass es nicht klingt, wie es sich anfühlt. „Ich dachte bloß an die Sache mit Megan. Als er heimkam und wissen wollte, wie der Tag war. Ich erzählte, ich sei Mentorin, und er sagte, dass dies schön sei.” Und als er den Raum verließ um zum Sport zu gehen, habe ich nur noch geweint.

Nicolas seufzt leise und nimmt dann meine Hand, seine Gesichtszüge sind hart, angespannt wirken seine Muskeln. Er redet auf mich ein, noch viel länger, und am Ende kommt er zu einem Schluss, den ich nicht hören möchte.
„Vielleicht ist das der Grund, warum du wider besseren Wissen in die Schule kommst, obwohl du krankgeschrieben bist. Das, was du vorhin gesagt hast, von wegen, dass dir die Ordnung gut tue, die Zielgerichtetheit, die Kontrolle, das alles.“ Er streicht mit den Fingerspitzen über meine Hand, die schmal und kalt in der seinen liegt.
„Wäre es möglich, dass nicht die Schule dich überfordert, sondern du dafür sorgst, dass diese es tut? Dass du die Probleme in der Schule nutzt um etwas zu kompensieren, das in einem ganz anderen Lebensbereich gerade brach liegt?“

Ich antworte nicht, versuche es zwar, kann es aber nicht. Dann höre ich den Schlüssel im Schloss sich drehen, Herr Falke hat heute früher Schluss gemacht. Nicolas wirft mir einen Blick zu, erneut schwer, und steht dann langsam auf. Er bedankt sich für den Kaffee und grüßt meinen Freund, als er ihn im Flur trifft. Dann verabschiedet er sich von mir mit einer weiteren kurzen Umarmung, streicht mir über den Rücken und geht.
„Denk darüber nach.“ sagt er noch, bevor er sich seinen Weg die Treppen herunter sucht. Herr Falke steht in den Türrahmen von der Küche zum Flur gelehnt und blickt mich kritisch an.
„Über was sollst du nachdenken, Liebling?“

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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20 Antworten zu Denk darüber nach

  1. mathefee schreibt:

    Hart! Aber irgendwie bewundere ich den Kollegen, dass er es geschafft hat, Dinge anzusprechen. Ich kenne Sie nur von Ihrem Blog, habe aber den Eindruck gewonnen, dass Sie sich sehr viele Gedanken umd Ihre KollegInnen machen. Dass es nun Kollegen gibt, denen Sie umgekehrt auch wichtig sind und die sich um Sie sorgen, finde ich sehr bemerkenswert und auch schön.
    Ich selber erzähle täglich zu Hause von all den Kümmernissen, aber auch den schönen Dingen, die mir in der Schule widerfahren sind. Und es ist auch mein Mittel, um den Schultag abschließen zu können, bestimmte Ereignisse aus einem anderen Blickwinkel sehen zu können. Gar nicht die Zeitdauer ist da für mich entscheidend, sondern einfach nur das Gefühl, da versteht mich einer bzw. ich kann mal Dampf ablassen.
    Jeder gutgemeinte Ratschlag klingt jetzt platt, doch bitte achten Sie auch auf Ihre seelische Gesundheit!

    • Frau Falke schreibt:

      Vielen Dank für die lieben Worte, ich finde es immer wieder aufbauend solche zu hören. Ich werde versuchen auf mich Acht zu geben, aber leider ist es schwieriger als ich bislang glaubte.

  2. Jürgen schreibt:

    Jetzt geht es ans Eingemachte. Und vor ein paar Tagen meinte ich, auch die Seele, nicht nur den Körper anschauen zu lassen.
    Die Antwort war, dass die Schulpsychologin sich kümmern würde. Mir war das zu wenig, aber ich wollte nicht ständig nachtarocken.

    • Frau Falke schreibt:

      Wahrscheinlich bin ich dumm. Wahrscheinlich höre ich nicht zu.
      Vielleicht brauche ich das, muss alles selbst erfahren, bevor ich verstehe.

      • gnafu schreibt:

        Das du dumm bist würde ich, nach allem was ich hier gelesen habe nicht behaupten. Es ist nur gefühlt (mehr kann ich ja nicht sagen, ich kenne ja nur das Blog) so, dass du dir mehr Sorgen um die Menschen um dich rum machst als um dich selber und dich dabei eventuell ein wenig vergisst und auch verlierst.
        Es ist leichter die Probleme bei anderen zu sehen und ihnen zu helfen als bei sich selber, denn bei sich selbst kann man nur selten objektiv und unvoreingenommen ran gehen. Für einen selber gibt es immer Ausreden und Ausflüchte. Bei sich selber lernt man meistens erst durch “Schmerzen”.

        Ich habe das selber, wenn auch sehr langsam, lernen müssen und wünsche dir, dass du dafür nicht so lange brauchen wirst wie ich damals.

        • Frau Falke schreibt:

          Die Bewusstlosigkeit war erst einmal Schock genug um nun zu erkennen, dass ich etwas ändern muss. Meine Ausflüchte sind auch haltlos geworden- jetzt, wo alle es zu wissen scheinen.
          Ich hoffe sehr, dass ich mehr auf mich aufpassen kann, als ich es bislang getan habe. Ob das so schnell funktioniert, wie ich es möchte, bleibt jedoch fraglich. :) Aber wir werden es versuchen.

  3. Nele Abels schreibt:

    Depressionen lassen sich sehr gut mit einer gut eingestellten Medikation durch eine kompetente Fachärztin therapieren. Und das verbessert die Lebensqualität enorm!

  4. Nadine schreibt:

    Oh, liebe Falkine, denke nach, und lass Dich nicht kaputt machen.

  5. antagonistin schreibt:

    Hast Du schon mal an eine Einzelsupervision gedacht? Meine Freundin macht das gerade, weil eigentlich auch nichts mehr ging auf allen Ebenen. Und weil das beängstigend wurde. Es war eine Weile nicht klar, ob Psychotherapie oder Einzelsupervision. Nun wurde es ein Zwischenweg – eine Einzelsupervision (kein Coaching!) bei dem es im Wesentlichen um die Ursachen fürs nicht abgrenzen Können geht, fürs Kompensieren von allzu vielem. Ja, das kostet Geld. Aber es ist ein Weg, eine Unterstützung. Ich kenne Dein Leben nicht und Einmischung liegt mir fern, aber bei dem, was Du beschreibst, kommt mir die Frage nach professioneller Unterstützung in den Sinn.

    Und Dein Kollege – der ist wirklich großartig in meinen Augen.

    Ignoriere es nicht. Ignoriere Dich nicht…

    • Frau Falke schreibt:

      Ich werde mich informieren müssen in der nächsten Woche. Am ersten Mai ist ja glücklicher Weise frei und somit haben wir am Montag einen Brückentag. Von Einzelsupervision habe ich nur in dem Rahmen gehört, dass es auftauchte, als ich mich über Supervision für Lehrkollegien schlau machte. Das wird dann darüber wohl nun auch folgen.
      Der Kollege ist großartig, da hast du recht, auch wenn ich ehrlich gesagt im ersten Moment mehr erschrocken und sauer war, vielleicht auch bloß verletzt. Es ist nie gut, das Gefühl, wenn man den Spiegel vorgehalten bekommt.

  6. Inch schreibt:

    Das klingt….schlimm. Wenn Herr Falke nicht weiß, wie es Ihnen wirklich geht. Das macht mich traurig

    • Frau Falke schreibt:

      Das Thema Schule ist einfach nicht seines. Auch wenn ihm durchaus bewusst ist, dass mein Beruf anstrengend ist, versteht er die meisten Probleme nicht. Das Lehrerdasein ist so geregelt. Kein Stress, ob ein Projekt klappt, keine Millionenbeträge, die hin und her geschleust werden, nicht die ständige Angst um Statusverlust im Anwerben neuer Kunden. Wie schwer fällt ein Fehler bei uns schon ins Gewicht, wo man nachträglich alles besprechen und regeln kann, dies auch immer wieder tut? Manchmal fehlt mir die Kraft mein Handeln zu verteidigen, meinen Beruf, das alles.

      • Pfiffika schreibt:

        Ich habe, außer dass ich ehemalige Schülerin bin, und nun Mama von Schülerinnen bin, nichts mit Schule zu tun. Aber ich war froh, als ich ins Berufsleben einstieg.
        Neulich ist mir aufgegangen, warum das so ist/war: Es gibt bei den Vorbereitungen für den Unterricht kein definiertes von außen gesetztes Ende.
        Wenn die Vokabeln der Lektion 6 sitzen, dann sind bestimmt welche aus Lektion 3 nicht mehr parat. Wenn die Mappe top geführt ist, kann sie bestimmt durch “Zusatz” noch topper sein. Wenn die Erörterung geschrieben ist, tritt die Unsicherheit auf, ob auch wirklich diese oder jenes Argument wirklich gut genug begründet wurde.
        Und da dieses Ende fehlt, fehlt auch die Befriedigung, wirklich fertig zu sein.
        Durch ihr Blog musste ich leider sehen, dass es Lehrern kein bißchen besser geht, was ich so nicht erwartet hätte und verdammt schade finde.
        Lassen Sie sich nicht auslutschen!
        Und auch mit 80% geben Sie mehr, als manch Manager mit 110%, denn Sie arbeiten mit und für Menschen und nicht mit imaginärem Geld andere Leute.

        • Frau Falke schreibt:

          Ich verstehe, dass auch als Mutter die tägliche Schulzeit nicht gerade einfach ist. Warum immer wieder geglaubt wird, dass Lehrer in einer anderen Realität leben, finde ich sehr interessant. Ich frage mich, wie es wird, wenn ich irgendwann eigene Kinder habe. Ob es sich ändert, mein Verhältnis zur Schule, und zwar grundliegend. :)

  7. rueckenpatientin schreibt:

    Ich bin sprachlos!
    Sollte man nicht eigentlich mit seinem Partner über alles, was einen bewegt, reden können? Sollte nicht gerade er es sein, der uns dann schützend in den Arm nimmt und uns aufbaut? Uns immer zur Seite steht und mit uns leided? Sollte er sich nicht für alles, was wir zu berichten haben, interessieren?
    Ist es nicht eigentlich traurig, mit einem Menschen, der uns nicht so nahe steht, wie der eigene Partner,über Dinge zu reden, die uns beschäftigen?

    Nur mal so am Rande: Ich habe endlich den Mut gefasst und war heute zum ersten mal beim Psychotherapeuten. Und es hat mir verdammt gut getan, auch wenn ich nun ziemlich gefrustet bin!

    • Frau Falke schreibt:

      Was soll ich darauf antworten, frage ich mich. Dass ich dies auch behaupten würde? Dass ich eigentlich daran glaube, glaubte, irgendwie? :/
      Möchtest du Antworten von mir, so sage ich “Ja.”. “Ja.”, “Ja.” “Ja.” Alldem stimme ich zu. Aber manchmal ist es nicht so einfach, wie man es sich wünscht. Und momentan kann ich nicht an all diesen Stellen arbeiten. Nicht an mir, meinen Freunden, meinem Beruf und meinem Freund.
      Hilfe habe ich mir dank Nicolas auch schon gesucht. Doch es wird sich erst herausstellen, inwieweit und was es mir bringt. Ich setzte darauf, aber momentan ist alles schwierig…

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