Mein Traum II

 

Ich betrete den Klassenraum, der ebenso hell und wohnlich gestrichen ist wie all die anderen Räume dieser Schule, aber zudem noch über besonders hohe Wände verfügt, was einem das Gefühl gibt atmen zu können.
An der Wand stehen Regale, in ihnen befinden sich ordentlich aufgeräumt die verschiedensten Hefter und Ordner.  Auch eine Schale mit Dekorationen steht darin, auf dem passenden Board befindet sich eine Grünpflanze, die blüht.
An der einen Wand hängt eine Magnetleiste, die sich in gezackter Form über den ganzen Platz zieht und somit die verschiedenen angehefteten Zettel auflockert. Der Stundenplan findet hier ebenso Platz wie die Werke aus meiner vergangenen Deutschstunde, sogar zu unserem Englischthema sind die Schüler kreativ geworden. Einige Postkarten haben die Kinder dazu gehängt, es sind ihre Lieblingssprüche aus dem Philosophieunterricht.
Im klasseneigenen Schrank stehen Duden und Dictionaries, die wir kaum noch brauchen, denn die Klassen sind Laptopklassen und werden weitgehend mit diesen unterrichtet. Aber auch das Smartboard ist eine dankbare Unterstützung und für einen jeden Lehrer eine große Erleichterung.
Dank des Druckers im Klassenraum kann das Tafelbild auch sofort ausgedruckt werden, problemlos kann es so in der nächsten Pause kopiert und in das Kommunikationsfach des betroffenen Lehrers gelegt werden. Die Klassensprecher holen diese Zettel pflichtbewusst aus den Fächern, die Tafelabschriften sind an die Schüler verteilt, da ist das Druckerpapier noch warm.

Die Tische in der Klasse sind variabel ausrichtbar, durch den Vorteil, dass der Raum so groß ist, sind sowohl Reihen als auch Gruppentische jeglicher Weise möglich. Die Stühle sind hübsch und ergonomisch, die Tische zudem ausfahrbar, sodass auch im Stehen unterrichtet werden kann.
Das Lehrerpult verfügt ebenfalls über diese technische Besonderheit, es ist sauber, wie einfach alles in diesem Gebäude. Die Schublade hat ein Schloss, muss aber nie abgeschlossen werden, egal was der Lehrer in ihr liegen lässt, denn er kann seinen Schülern ohne Bedenken vertrauen.
Die Mülleimer in der Ecke verdeutlichen, dass der Abfall in dieser Klasse getrennt wird, die Müllbeutel sind sorgsam an den Rändern der Eimer befestigt. Der Ficus macht einen gesunden Eindruck, der Overheadprojektor ist, wie man ihn sich wünscht, das Kabel eingerollt, die Auflagefläche frei von Staub und Unreinheiten. Auf der Fensterbank stehen kleine Töpfe, aus denen gut einen Meter hohe Stangen ragen, die Schüler züchten für den Biologieunterricht Bohnen.

Meine Schuhe haben kaum den dunklen Holzfußboden betreten, da sind die Schüler schon auf ihren Plätzen, lächelnd beobachten sie mein Eintreten und warten, bis ich sie begrüße.
Sie rennen nicht herum oder essen noch, sie haben auch kein fachfremdes Zeug auf ihren Tischen und die einzige, die sich zwei Sekunden später auf ihren Platz setzt, ist die Schülerin, welche die Jalousie halb heruntergelassen hat, damit niemand von ihren Mitschülern geblendet wird.

Ihr Chor hallt mir in vernünftigem Ton entgegen und beinhaltet keinerlei Nachzügler, die Schüler sitzen still vor ihren schon herausgeholten Unterrichtsmaterialien und ich habe beinahe ein schlechtes Gewissen, so laut erscheint mir plötzlich das Geräusch, das meine Tasche macht, als ich sie abstelle.

Ich frage, wer denn einmal wiederholen könnte, was wir gestern im Unterricht durchgenommen haben, und bis auf einen Jungen melden sich alle. Als ich mich bei ihm erkundige, warum er sich nicht meldet, erklärt er mir, dass er schon in der letzten Stunde die Zusammenfassung hatte machen dürfen und es deshalb unfair fände, sich dieses Recht heute nochmals herauszunehmen. Sprachlos frage ich die anderen nun durch Handzeichen ab, das Abprüfen wird schnell zum Selbstläufer und die Schüler entwickeln eine regelrechte Eigendynamik im Antworten.

Die Hausaufgaben zu vergleichen ist das reinste Kinderspiel, die Schüler vergleichen sie in Gruppen und sollen dann die beste vorstellen, alleiniger Streitpunkt ist unter ihnen, dass ein jeder dem anderen gönnt, dass dessen Arbeit als die beste gilt. Die vorgestellten Arbeiten erfüllen mein Herz mit ungeahnter Freude, so sprachgewandt und wortreich haben die Schüler ihre Aufsätze angefertigt.
Danach zeige ich ihnen mit dem Smartboard ein paar szenische Ausschnitte zu dem Thema, welches wir behandeln und für das ich bisher nie Zeit gefunden hatte, doch die Lehrpläne sind an dieser Schule lockerer gefasst, für all jenes, das so toll ist und doch auf der Strecke bleiben muss, sind plötzlich Unterrichtsstunden verfügbar.
Zu den verschiedenen Szenenausschnitten sollen die Schüler Fragen beantworten, die ich ihnen ans Smartboard geschrieben habe. Das Bearbeiten soll in Kleingruppen von drei Schülern geschehen, wobei sie anregen diese Gruppen sollten doch von mir zusammengestellt werden, damit nicht wieder die festgefahrenen Zusammensetzungen entstehen.

Während der Arbeitsphase sind die Schüler fröhlich und ausgelassen, aber so leise, dass ich ohne Bedenken die Tür zum Flur aufmachen kann. Im Flur selbst sitzen an den Tischen ebenfalls Schüler, die hier unbeaufsichtigt ihre Partner- und Einzelarbeiten machen.
Die Ergebnisse der Gruppenarbeiten meiner Schüler ist fast noch besser als jene der Hausaufgaben, ich höre mir begeistert das schriftlich Fixierte an und lasse sie mir aushändigen, um sie einzuscannen, damit ich sie gegebenenfalls für die Schüler ausdrucken kann.
Eine Hausaufgabe erlasse ich der Klasse dann, nachdem so toll gearbeitet wurde, und bedanke mich, bevor ich mich verabschiede. Die Schüler wünschen mir einen schönen Tag und ich denke, dass er das ganz sicher werden wird.

Mit der Zwölften, die ich in Englisch unterrichte, gehe ich nach draußen, die Sonne scheint warm vom Himmel herab und wir sitzen zusammen auf den Steinstufen, eine Klasse läuft an uns vorbei, sie wollen zum „Denkerplatz“, wie die Philosophen ihren kreisförmigen Platz nennen.
Wir sehen ihnen nach und lassen die Geräusche der Natur einen Moment lang auf uns wirken, dann lesen wir Shakespeares „Romeo & Juliet“, während der Duft der Rosenstauden zu uns herüber weht.

Irgendwann dringt Musik an mein Ohr, aus dem verglasten  Musikoratorium  wird Vivaldis „Jahreszeiten“ getragen und erfreut uns hier draußen. Noch nie habe ich eine Klasse derart im Musikunterricht musizieren gehört, so schön, so berauschend. Als das Klingel zum Stundenende ertönt, bemerke ich dies gar nicht,  auch den Schülern fällt es schwer sich loszureißen.
Erstaunt stelle ich fest, dass die erste große Pause angebrochen ist, der Schulhof füllt sich mit Schülern, doch es sind nicht alle, die auf die Schule gehen, denn manche bleiben auch im Gebäude oder gar in den Klassenzimmern, so viel können sie dort tun, so viel wird ihnen geboten.

Ich suche mir den Weg ins Lehrerzimmer, wo ich einen Platz an einem der aufgeräumten Tische habe, Kaffee ist schon gekocht, das haben die Kollegen übernommen, die eben eine Freistunde hatten, jemand hat Kuchen besorgt und ihn schon aufgeschnitten, sogar Servietten hat er dazu gelegt.
Ein Kollege reicht mir eine Tasse Kaffee und setzt sich zu mir, er steigt nahtlos in das Gespräch seiner Kolleginnen ein, die über eine Projektwoche sprechen, welche sie planen und mit welcher sie im letzten Jahr gute Erfahrungen gemacht haben.
Dann erzählt eine Kollegin von ihrem Malkurs, den sie in ihrer Freizeit besucht, und von dem Theaterstück, das sie zuletzt gesehen hat. Die Kollegen plaudern miteinander, bis eine der Frauen aufsteht, sie geht noch ein paar Zettel kopieren, wofür sie kaum fünf Minuten braucht.

Langsam erhebe ich mich von meinem Stuhl, gehe mit festen Schritten zu der Fensterfront und schließe mit dem Gesicht in Richtung Sonne gewandt die Augen.

Die Schüler hier sind glücklich und engagiert, sie haben keine Probleme, bei deren Lösung sie meine Hilfe brauchen, weder untereinander noch persönlich oder familiär. Den Unterricht scheinen sie nicht zu benötigen, zumindest nicht in der herkömmlichen Form, an dieser Schule scheine ich wirklich einmal die Rolle einzunehmen, die wir uns solange zusprachen, die Rolle der Anleitenden und Beraterin.
Die Lehrer sind zufrieden und voller Tatendrang, ihre positive Energie ist in einem jeden Satz zu spüren, den sie äußern. Sie haben keinen Ärger untereinander, den jemand schlichten müsste, niemals Stress mit ihren Klassen, sodass sie Hilfe bräuchten.

Ich öffne die Augen wieder und beschließe, dass ich Morgen krank sein werde, egal, ob mich deshalb jeder vernünftige Mensch für verrückt erklären wird.
Aber ich denke, dass mein Fehlen gar kein so schlimmer Verlust sein wird, denn meine Schüler können ihren Unterricht auch ein paar Tage allein machen und meine Kollegen werden sich sicherlich bloß freuen, dass sie jetzt alle zusammen eine Gute-Besserungs-Karte für mich unterschreiben können.

 

Heute Nacht hatte ich einen Traum. Er war wundervoll.
Und schrecklicher als alle anderen Träume zuvor.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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16 Antworten zu Mein Traum II

  1. Frl. Rot schreibt:

    Die Fortsetzung ist fast so, wie ich es mir gedacht hatte.
    Schlimm, diese Träume. ;-)

    • Frau Falke schreibt:

      Wir sind wohl beide lang genug in diesem Beruf, um zu wissen, dass solche Utopien nicht ohne Haken sein können. Dennoch, ein paar der Dinge würde ich schon gern übernehmen…

  2. rotezora schreibt:

    Gott sei Dank,der Schluss hat mich beruhigt. Sonst hätte ich doch glatt fragen müssen: “Wie, und dafür bekommst du auch noch GELD?” Da gibt’s ja überhaupt keine Highlights mehr! Und was mache ich mit all dem überflüssigen Adrenalin? Mich selbst damit vergiften? Ach nee, dann doch lieber den täglichen Wahnsinn, überlebensfähige Visionen und gelegentliche Sternstunden.
    Es grüßt ganz lieb
    die rotezora

  3. frl_wunder schreibt:

    Na, endlich aufgewacht?! :-) Vielleicht sollte irgendjemand mal “Traumdeutung” hier übernehmen- die Ergebnisse wären sicherlich interessant :D

    Bei “Im klasseneigenen Schrank stehen Duden und Dictionaries” konnte ich mir ein fettes Grinsen nicht verkneifen… ;-)

    • Frau Falke schreibt:

      Ob die Traumdeutung so gut für mich ausfallen würde, wage ich zu bezweifeln…
      Aber die Sache mit dem Klassenschrank hat mich wirklich geärgert. Ich wünschte wir wären gar nicht im Zwang, uns zu solchem Verhalten genötigt zu fühlen.

  4. ich schreibt:

    hihi, sollten “meine” Lehrer mal lesen…… so chaotisch wies bei uns im Lehrerzimmer ausieht…. und die Schüler erst… :-)

  5. pausenkaffee schreibt:

    Einer der traurigsten Beiträge, den ich je gesehen habe. Aber sehr gut geschrieben! Nur schade, dass all das vermutlich ein Traum bleiben wird. Jedenfalls in absehbarer Zeit. Oder was denkt die Blogosphäre darüber?

    • Frau Falke schreibt:

      Vielleicht liegt es an uns aus diesem Traum in die Realität zu holen, was wir können. Und alles wollte ich gar nicht haben, denn wie gesagt, ich möchte nicht überflüssig sein. Meinen Traumberuf auszuüben bedeutet vielleicht, dass nicht alles sein kann, wie man es erträumt.

      • pausenkaffee schreibt:

        Da geb ich dir natürlich auch Recht. Aber einige Dinge wären schon sehr schön zu haben. Vor allen das Engagement der Schüler und der Lehrer, was manchmal zu wünschen übrig lässt…

  6. rueckenpatientin schreibt:

    Ich finde es toll, dass es Lehrer gibt, die genau diesen Traum jeden Tag ein Stückchen wahr werden lassen wollen und ihr Bestes dafür tun.

  7. PMK74 schreibt:

    … ganz schön langer Traum… Beim Lesen habe ich mich gefragt, welche von den Schülern konfiszierten Drogen Sie dazu eingeworfen haben… Die Gesamtsituation hatte für mich zu viel Harmonie. Solch ein Umfeld ist meines Erachtens schon wieder zu langweilig und bietet für Pädagogen kein sinnvolles Betätigungsfeld mehr.

    Ein wenig Stress und Anspruch sollte schon sein, oder? Auch wenn es nicht so viel sein muss, wie es sich in Ihrer Schule gerade darstellt…

  8. Pingback: Klein-Berti | sovielzumthemaschule

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