Peanuts

Conny Prosch steht im Türrahmen und beobachtet seit guten fünf Minuten das Kollegium, bis es ihr irgendwann reicht. Sie räuspert sich und versucht sich Gehör zu verschaffen. „Meine lieben Kollegen und,“
Niemand reagiert auf sie, weshalb sie sich von der Tür abstößt. „Meine lieben Kollegen und Kolleg,“
Sie unterbricht sich wieder, da ihr noch immer keiner seine Aufmerksamkeit schenkt.

„Okay, ihr habe es so gewollt. HÖRT IHR MIR JETZT AUGENBLICKLICH ZU?!“

 

Die Kollegen unterbrechen ihre Gespräche und sehen zu Conny.

„Schön, ihr hört zu, wenigstens etwas, das klappt. Ich finde, dass wir mal dringend miteinander reden sollten. Euer Verhalten in der letzten Zeit ist so dermaßen katastrophal, das ist nicht zu fassen. Ich dachte mir, okay, die sind gestresst, sie brauchen Ferien. Gib ihnen die Zeit. Aber Pustekuchen, ihr macht weiter wie gehabt.“

Wir werfen uns fragende Blicke zu, denn Conny ist normaler Weise nicht gerade ein Mensch, der die Stimme erhebt. Sie ist es gewohnt, dass jeder macht, was sie sagt, etwas zu wiederholen ist unnötig.

„Ich meine, ich habe einfach keine Ahnung mehr, was ich davon halten soll. Ihr…ihr stiehlt euch gegenseitig die Wörterbücher aus dem Schrank, ihr sabotiert vorbereitete Versuchsaufbauten, ihr lasst Kopien von den Tischen verschwinden und klaut sogar aus dem Kühlschrank. Das ist doch nicht normal.“

Ein wenig verwundert über ihren Gefühlsausbruch haben selbst diejenigen, die noch leise miteinander gesprochen hatten, damit aufgehört.
„Peanuts.“ grummelt jemand, wer, ist leider nicht ersichtlich. Conny hat es natürlich gehört, sie hat Ohren wie eine Fledermaus.

„Das sind Peanuts für euch? Bitte, ich bin noch nicht fertig.
Ihr beschwert euch, jedes Mal, wenn jemand hier den Raum betritt, hat er etwas zu motzen. Die Schüler haben dies, die Schüler haben das. Sicher, sie sind anstrengend und sie machen viel Blödsinn und manchmal ärgert sich unsereins auch sehr über sie. Aber ihr sprecht die letzten Wochen dermaßen abfällig über die Kinder, das es nicht mehr erträglich ist! Seit wann, um Himmels Willen, habt ihr denn so einen Ton am Leib?“

Ich fühle mich angegriffen von ihr derart heruntergeputzt zu werden, die anderen offensichtlich auch.

„Aber nicht nur die Schüler, nein, auch die Kollegen geht ihr hart an. Wann bitte ist aus diesem Kollegium ein Haufen böser Tratschweiber geworden? Nicht einmal umdrehen kann man sich mehr, ohne, dass man Angst haben muss, dass ihr euch über einen das Maul zerreißt.“
Sie wirft einen frustrierten Blick in die Runde.
„Und wenn ihr mal ein Problem mit einer Kollegin habt, verdammt nochmal, dann haltet den Mund oder sprecht sie direkt darauf an, so schwer kann das doch nicht sein. Hört auf hinter ihrem Rücken über sie zu reden, damit sie es dann wiederum über drei oder vier oder zehn Ecken erfährt. Das ist doch echt Scheiße.“

Der Kraftausdruck ist befremdlich aus ihrem Mund, macht uns aber deutlich, dass sie wirklich sauer ist.

„Und wenn ihr ein Problem mit einem Kollegen habt, das wirklich groß ist und über das ihr mit ihm allein nicht reden könnt, dann wendet ihr euch an einen von uns, denn auch das hat nichts außerhalb dieses Raumes zu suchen.
Was denkt ihr euch denn? Euch vor eine Klasse zu stellen und denen zu erzählen, dass ihr mit der Kollegin nicht zurecht kommt! Was geht denn das die Elf b an, wenn der Kollege A mit der Kollegin B ein Hühnchen zu rupfen hat?“

„So ist es ja auch nicht gewesen.“ verteidigt sich Herr Seifert, was im allgemeinen Stimmengemurmel jedoch fast untergeht.

Conny fährt wieder ein wenig herunter, sie zuckt mit den Schultern und macht eine hilflose Geste mit den Händen.
„Ich weiß ja, dass es im Moment schwer ist. Aber reicht es nicht, dass die Schüler solch einen Terror schieben? Müssen wir uns denn wirklich auch noch gegenseitig das Leben schwer machen?
Ich für meinen Teil habe momentan mehr Stress im Lehrerzimmer als in den Klassen, am liebsten würde ich meine Pause gleich oben verbringen anstatt zu euch ins Lehrerzimmer zu kommen. Das kann es doch nicht sein.“

Ich tausche einen Blick mit Emily, welche die ganze Ansprache bis eben mit nach unten gesenktem Kopf über sich ergehen ließ.

„Wir sind doch keine kleinen Kinder, also, um Himmels Willen, hört endlich auf  mit alle dem Schwachsinn, den Kämpfen, die ihr da täglich austragt. Ihr wollt erwachsen sein? Dann fangt endlich an euch wieder so zu benehmen.“

Uns hat es die Sprache verschlagen, was Conny mit einem Schulterzucken hinnimmt. Sie hebt ihre Tasche auf, wirft einen Blick über unsere Köpfe hinweg und verlässt den Raum ohne ein weiteres Wort.

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Conny hat in der zweiten großen Pause so getan, als wäre nichts passiert. Ich bin gespannt, ob der ein oder andere sich die Ansprache zu Herzen nehmen wird. Nötig wäre es ja.

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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16 Antworten zu Peanuts

  1. Nicole schreibt:

    Amen! Klingt ja wirklich nicht so wunderbar, aber immerhin spricht es mal jemand aus!
    Ich meine ein bisschen Tratsch und Klatsch gehört ja auch dazu, aber übertreiben sollte man es auch nicht. Trotzdem ein schönes Wochenende, liebe Frau Falke :)

    • Frau Falke schreibt:

      Vielen Dank für den Wunsch, nach der Ansprache wird das Wochenende auf jeden Fall gut werden. Besser als die Stimmung heute… ^^
      Wobei es schon stimmt. Wir haben ja alle gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann. Und vielleicht hilft es ja.

  2. theomix schreibt:

    meine Gedanken:
    Das ist stark von Conny Porsch. Es bräuchte jetzt ein bis mehrere Leute, die das aufgreifen. Und was daraus machen. was, weiß ich jetzt auch nicht…
    Schöne Grüße von einem Lehrerzimmerexoten.

    • Frau Falke schreibt:

      Oh ja, es ist stark von ihr. Ich glaube es rechnen ihr alle hoch an, denn immer, wenn es allzu schlimm wird, spricht sie klare Worte. Seit ich an der Schule bin war es zum Glück aber auch erst zwei Mal, denn angenehm ist es nicht, wenn jemand ausspricht, was wir alle wissen, aber niemand eingestehen will.
      Es ist gut, dass wir sie haben.

  3. michael schreibt:

    Warum nicht mal paar Ausbilder vom Bund anfordern, die in den Sommerferien mit dem Kollegium zwei – drei Wochen strafexerzieren. ☻

  4. nadineswelt schreibt:

    Conny ist jemand, der mir im Reallife sicher sympathisch wäre. Sie hat Mumm. Einen Arsch in der Hose. Jemand, der geradeaus sagt, was Sache ist. Das mag ich! Und ich hoffe, dass es etwas bringt!

    • Frau Falke schreibt:

      Ich schätze die Kollegin sehr für diese Art. Sie hat Ahnung davon, wie der Hase läuft und ist eine gestandene Frau. Auch wenn ich sagen muss, dass ich diese verbalen Auspeitschungen eher weniger genieße. ;)

  5. Nele Abels schreibt:

    Mhm, von Lehrern zu verlangen, sich nicht mehr wie (Klischee)Lehrer zu verhalten? Wie nachhaltig sollte das sein? ;)

    • Frau Falke schreibt:

      Das, was an meiner Schule geschieht, ist mehr als das, was man unter Klischees zusammenfassen kann. Der Terror, in den es zwischendurch ausartet… Daran müssen wir wirklich arbeiten.
      Oder findest du uns so klischeehaft? ;)

      • Nele Abels schreibt:

        Naja, bei vielen Kollegen, die ich so kenne, sage ich lieber nichts und denke mir meinen Teil darüber, woher die ganzen Klischees herkommen. :/ Und was die Verbesserungsfähigkeiten angeht, bin ich generaliter pessimistisch. Lehrer lieben es zu lehren, schätzen aber oft das Lernen nicht so besonders. :)

        Was das Gejammer über Schüler im Lehrerzimmer angeht – an der Schule, an der ich arbeite, ist das zum Glück im Kollegium verpönt. Allein schon das verbessert das Klima merklich, allerdings auch, dass wir uns auch regelmäßig über ganz normale Dinge des Lebens, unsere Interessen und Hobbies etc. unterhalten. Ich kenne das allerdings aus anderen Schulen auch GANZ anders. :(

        • Frau Falke schreibt:

          Wir unterhalten uns ebenfalls über andere Dinge als Schule, Beziehungen, Hobbys, Urlaub…
          Über Schüler zu jammern ist natürlich nervig. Aber ich denke, dass auch nicht vergessen werden sollte, dass es manches Mal hilft, über die Kinder und auch ihre Probleme oder unsere Probleme mit ihnen zu reden. Gerade im Fall Mirko wäre ein wenig mehr kollegiale Offenheit zu dem Thema wünschenswert gewesen.

  6. Jürgen schreibt:

    Kollegiale Su-per-vi-sion!

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